Eichendorff: Das zerbrochene Ringlein – Analyse

In einem kühlen Grunde … (zuerst unter dem Titel „Lied“)

Text: 

http://de.wikipedia.org/wiki/In_einem_k%C3%BChlen_Grunde

http://de.wikisource.org/wiki/Lied_(Eichendorff)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za192/begab/exkursion/themen/kuehlgr/muehlvgl.htm

http://www.volksliederarchiv.de/text689.html

Eichendorffs Gedicht ist ein volksliedhaftes lyrisches Gedicht, in dem es um das Leiden eines verlassenen Mannes (Liebenden) geht. Es wird im Monolog die gegenwärtige Situation des verlassenen Ichs dargestellt, die zeitlich unbestimmt ist, aber deutlich über einen bloßen Moment hinausgeht („Hör ich das Mühlrad gehen“: immer, wenn ich das höre). Die untreue Frau kommt nur in der Erinnerung des Ichs vor; das Ich ist allein.

In der 1. Strophe beklagt der Liebende seine Situation der Verlassenheit; als Ort des Geschehens wird ein Tal mit Bach und Mühle bzw. laufendem Mühlrad skizziert, die Zeit ist unbestimmt. „Die Mühle ist ein künstlerisches Sinnbild des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Sie zeigt die ‚Wesensverwandlung’ des Kornes zu Mehl in der heiligen Mühle, also die Erneuerung des göttlichen Bundes vom alten auf das neue Testament. Die Umkehrung des Symbols ist die anrüchige Mühle, die auf Verderbtheit und Sündhaftigkeit hinweist.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Mühle_(Symbol)) „Müller waren nicht besonders angesehen, aber gewöhnlich reich. […] Die Mühle stand gewöhnlich außerhalb des Dorfs, auf freiem Feld, dort, wo der Wind gut in die Flügel greifen konnte, oder an einem Flusslauf. Diese abgeschiedene Lage machte sie als heimlichen Treffpunkt beliebt, für Liebespaare wie für dunkle Gestalten.“ (http://maerchen-seminare.de/r-mull.htm) Was das Mühlrad mit dem Klagen zu tun hat, wird gleich offenbar: Dort hat die Liebste gewohnt (V. 4), sie war eine Müllerstochter.

In der 2. Strophe wird die Vorgeschichte schablonenhaft nachgetragen (Treue versprochen und gebrochen), sodass sich jeder Verlassene darin erkennen kann. Parallel dazu wird vom Ring als Symbol der Liebe berichtet: Er wurde übergeben und sprang später entzwei (V. 6, 8), was man im übertragenen Sinn zu verstehen hat: ein hyperbolisches Symbol der zerbrochenen Treue.

In der 3. und 4. Strophe verrät das lyrische Ich, was es in seiner verzweifelten Situation tun möchte; es möchte weg vom Ort der Erinnerung, „weit in die Welt hinaus“ (V. 10). Das Singen (V. 11) und das stille Liegen (V. 15 f.) kontrastieren zueinander, heben sich aber vom Geräusch des sich drehenden Mühlrads (und damit von der Erinnerung an den Ort der Liebe, der Liebsten und ihrer Untreue) ab. Beide, der Spielmann und der Reiter, sind heimatlos – die Heimat ist dem Ich durch die untreue Frau vergällt. In die blutige Schlacht reiten zu wollen (4. Strophe) bereitet den Leser schon auf den nun folgenden Wunsch vor.

In der 5. Strophe werden die beiden Wünsche im Todeswunsch aufgehoben bzw. überboten. Das Ich weiß nicht, was es „will“ (V. 18), wenn es weg möchte – und weiß es dann entgegen seinen Worten doch: Es möchte sterben, weil dann endlich das Rumoren der Mühle zu Ende wäre, weil damit die Erinnerung an die untreue Liebste getilgt wäre. Der Todeswunsch ist also Ausdruck dessen, dass das Ich mit seiner Enttäuschung nicht fertig wird. Das sterben Wollen kann durchaus mit dem Nichtwissen dessen, „was ich will,“ zusammengehen: Beides ist Ausdruck der Verzweiflung, der unerlösbaren Sehnsucht.

Das Ich spricht ruhig, aber gequält. Auch wenn der Kreuzreim in den fünf Strophen tendenziell das Sprechen beschleunigt, hemmt die weibliche Kadenz in den 1. und 3. Versen jeder Strophe den Fluss des Sprechens; die kleine Pause am Ende dieser Verse wird oft durch den Satzbau verstärkt (Ende eines Satzes in V. 3, 5, 7, 17, 19; eines Beinahe-Satzes in V. 9, 11, 13, 15). Auch der jambische Takt erlaubt von sich aus ein zügiges Sprechen; jedoch werden mehrfach wichtige Wörter gegen den Takt betont (zumindest „Gab, Weit, Hör“, V. 6, 10, 17), was ebenfalls den Redefluss hemmt. Die reimenden Verse sind in der Regel sinnhaft aufeinander bezogen: ein Ring dabei / Ring sprang entzwei (V. 6/8, Kontrast); Treue versprochen / Treue gebrochen (V. 5/7, ebenso Kontrast); als Spielmann reisen / singen meine Weisen (V. 9/11, Entsprechung). Es gibt nur ein Verspaar, das aus dem Reimschema fällt: V. 17/19; dass das Ich „am liebsten sterben“ will, zeigt, dass es nicht in seine Welt passt. Wenn das zweite Reimwort zu hören ist, hält man im Sprechen ein wenig inne.

Man muss den volksliedhaften Charakter des Gedichts beachten, um die schablonenhafte Zeichnung der Situation und die Kürze der Darstellung zu begreifen. Es gibt durchaus Gedichte, in denen die ganze Geschichte von Liebe und Verrat erzählt wird, z.B. in Bürgers Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ (http://www.deutsche-liebeslyrik.de/balladen/balladen_burger4.htm).

Vgl. auch http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-das-zerbrochene-ringlein,textbearbeitung,188.html (schülerhaft: zu viel gesponnen)

http://www.fundus.org/zip.asp?ID=7973 (auch schülerhaft, aber etwas besser)

http://herrlarbig.de/2010/08/26/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-das-zerbrochene-ringlein-in-einem-kuehlen-grunde/ (professionell)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/lit/5_unter/ (U-Entwurf im Rahmen einer Reihe über Liebeslyrik)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/lit/literaturgeschichte.pdf (die ganze Reihe als Datei)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/361/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=PWWTSeEDUcc

http://www.youtube.com/watch?v=XkOJdk4FMWg (Comedian Harmonists)

http://www.youtube.com/watch?v=WxScGnqKOnw (Wiener Sängerknaben)

http://www.youtube.com/watch?v=ogBvnG6Yw2c (Hermann Prey) und viele andere Interpretationen…

One thought on “Eichendorff: Das zerbrochene Ringlein – Analyse

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