Goethe: Iphigenie auf Tauris – Themen, Motive, Interpretation

In meinem Beitrag https://norberto42.wordpress.com/2011/09/19/goethe-iphigenie-auf-tauris-inhalt-aufbau-mythos-kommentierte-links-zur-interpretation/ habe ich Links zum Verständnis der „Iphigenie“ gesammelt. Ich gebe im Folgenden, darauf bezogen, eine kleine Übersicht über Ansätze zum Verständnis des Werks und nenne die dabei jeweils relevanten Links – zuvor gebe ich meine Kurzinterpretation als Rahmen, in den man alle Einzelheiten einordnen kann:

Ist es möglich, aus der Verbannung, der Fremde in die Heimat zurückzukehren? Goethe greift mit „Iphigenie auf Tauris“ auf Gestalten des griechischen Mythos zurück (Iphigenie, Orest, Agamemnon und dessen Frau Klytämnestra, Tantalus als Ahnherr der Familie und andere). An ihnen führt er vor, wie die Menschen der Unheilsgeschichte, in die sie (hier v.a. Orest) verstrickt sind (griechisch: Fluch der Götter; analog christlich: Erbsünde), entkommen können: nicht durch das männliche Prinzip des Kämpfens, des Planens und Täuschens (vertreten durch Pylades, auch durch Orest und Thoas), sondern durch das in Iphigenie (als Frau, als reine Seele) verkörperte humane Prinzip, die Wahrheit zu sagen, vernünftig zu argumentieren und auch vor dem Fremden Respekt zu haben. Iphigenie interpretiert (in der Auseinandersetzung mit den Männern, in der Reflexion ihrer Monologe) wiederholt, wie „die Götter“ sind und was sie eigentlich wollen: „Denn die Unsterblichen lieben der Menschen / Weitverbreitete gute Geschlechter / Und sie fristen das flüchtige Leben / Gerne dem Sterblichen…“ (V. 554 ff.) Iphigenie hört auf die Stimme des Herzens, um „die Götter“ zu verstehen; diese Stimme spricht wahrer als alte eigenmächtig geschaffene Traditionen. Die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit kann jeder hören, „dem / Des Lebens Quelle durch den Busen rein / Und ungehindert fließt“ (V. 1940 ff.). Sie macht zwar zunächst bei des Pylades Rettungsplan mit (IV, 1 ff.), wird aber von Gewissensbissen geplagt (IV, 1 und IV,3-5): „O weh der Lüge! Sie befreiet nicht / Wie jedes andre wahrgesprochne Wort / Die Brust…“ (V. 1405 ff.); nach innerem Ringen entscheidet sie sich, dem König die Wahrheit zu sagen (V. 1892 ff.). So heilt sie, die „Heilige“, ihren Bruder (V. 2117 ff.) und macht Abschied und Heimkehr in Frieden (V,6) möglich. [Methodischer Tipp: zuerst die Figuren des Mythos kennenlernen, sonst versteht man gar nichts!] N.T.

Oresthandlung:  der im Mythos befangene Orest – der vernunftgeleitete Pylades; durch die Sprache (der Schwester) wird Orest „aus dem alten Schuldzusammenhang und der hergebrachten Kommunikatonsunfähigkeit der Familie“ befreit.

Parallel: die archaischen Taurer (Menschenopfer, Tradition) – die moderne Iphigenie; dazwischen steht Orest, der mittels Zweikampf Streit entscheiden will (vertritt feudal-heroische Position). Iphigenie löst das Problem durch Argumentation und Appell an die Großmut des Königs. Aufklärung siegt über den Mythos und das Adelsprinzip.

Vgl. Götz, der Probleme (wie Orest) mit der kämpfenden Hand lösen will und scheitert, vs. Iphigenie, die durch das Wort und ihre Wahrhaftigkeit siegt. Iphigenies Lösung ist utopisch.

(http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Iphigenie+auf+Tauris?page=0%2C0)

Iphigenie repräsentiert einmal die leidende Frau, dann mit ihrer Reinheit (Wahrhaftigkeit) auch die hohe (schöne) Seele gegenüber der List der Männer.

Die mythische Verfallenheit (Erbsünde, Kette der Verbrechen) wird durch das Recht der mitfühlenden Schwesterlichkeit (Pendant zur revolutionären Brüderlichkeit) abgelöst, welche die despotische Vaterordnung überwindet.

Durch die Umdeutung (oder das richtige Verständnis!?) des Orakels „wird der Einklang des göttlichen Gebots mit den Maßstäben menschlicher Moralität endgültig hergestellt“ [strittiger Punkt zwischen Thoas und Iphigenie: Gilt die Tradition des Menschenopfers als Wille der Götter? Zwischen Pylades und Iphigenie: Gilt das Gebot der Not mehr als die Pflicht zur Wahrheit?]

(http://www.goethezeitportal.de/?id=806)

Goethe thematisiert im Motiv des Tantalidenfluches die christliche Idee der Erbsünde.

Anhand des Einsatzes des Mythos erweist sich die Figur der Iphigenie als ein Exempel der Mündigkeit des Menschen.

Der Mythos ist ein Antagonismus zur Mündigkeit.

(http://www.uni-jena.de/unijenamedia/Bilder/faculties/phil/germ_lit/Materialien/Matuschek/SS+2008/Mythologie/Protokoll_3.pdf)

Die die Konflikte strukturierenden Gegensatzpaare sind etwa: Mann/Frau, Lüge/Wahrheit, Götter/Menschen, Griechen/Barbaren (= Fremde), Herz/Verstand.

[Die Männer tendieren dazu, sich rücksichtslos durchzusetzen, mit Lüge und Kampf und der Berufung auf die Tradition, auf die Not, die Klugheit; dagegen stehen die schwächeren Frauen und die exemplarisch reine Frau Iphigenie, die schöne Seele. Sie hört auf die Stimme des Herzens, vermittelt zwischen Griechen und Barbaren, zwischen dem Willen der Götter und den Bedürfnissen der Menschen. (N.T.)]

(http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/iphigenie.htm)

Motive:

Frau – Mann

Orest (Mythos) – Pylades (Logos)

Stimme des Herzens (Iphigenie) – Gebot der praktischen Vernunft (Pylades) [dazu: Wahrheit – Lüge]

Menschen – Götter (Orest u.a. – Iphigenie)

Barbaren (Fremde) – Zivilisierte (Griechen)

(http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/goethe/iphi.htm)

Der tragische Konflikt für Iphigenie: Durch ihre Rückkehr könnte sie den Tantalidenfluch beenden, müsste sich dazu jedoch selber unrein machen, indem sie Thoas hintergeht. Außerdem würden die Menschenopfer auf Tauris wieder fortgeführt werden. Lügt sie Arkas, den Diener Thoas‘, und Thoas selbst nicht an, so bleibt sie selbst rein, kann aber nicht nach Hause zurückkehren.

Lügt sie, kann sie zwar Pylades und Orest retten und nach Hause segeln, jedoch wäre sie selber dadurch unrein geworden und der Fluch bliebe somit bestehen. Sie entscheidet sich schließlich dafür, die Wahrheit zu sagen und auf das zu hören, was die Seele im Inneren ihr eingibt. Iphigenie wird zum humanistischen Menschen, der gute und humanistische Götter zum Vorbild hat, sich aber nicht von ihnen abhängig macht und selber handelt.

(http://westfaelisches-landestheater.de/files/iphigenie_auf_tauris_-_materialmappe.pdf)

Generalthese: „In der Rückwendung auf die Vergangenheit öffnet ihnen sich diese auf unterschiedliche Weise: in Tantalus als Urbild mythischer Schuld, in der geschichtlichen Folge von Tantalus und Agamemnon bis zu Orest und Iphigenie dagegen als eine zunehmende Entfernung vom Mythos, die zugleich Freiheit und Humanität ermöglichen soll.“ (S. 2 f.)

„Das titanische Element erweist sich nicht länger als Prinzip berechtigter Revolte gegen die Welt der Götter, sondern als ein Mittel, den Fluch über das ganze Geschlecht zu befördern:

Zwar die gewaltge Brust und der Titanen

Kraftvolles Mark war seiner Söhn und Enkel

Gewisses Erbteil, doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld

Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick,

Und grenzenlos drang ihre Wut umher. (HA 5, 328-335)

Mit der für das Stück zentralen Metapher des ehernen Bandes, das den Menschen um die Stirn liegt, wandelt Goethe das mythische Urspungsbild des goldenen Zeitalters in das eines eisernen. Als Vermittlungsinstanz zwischen Menschen und Göttern dienen ihm die Titanen. Zerstörerisch wirkt ihr Erbe im Menschen, indem es eine heroische Ordnung begründet, die von Tantalus bis zu Agamemnon reicht und die Iphigenie im Rückblick auf Troja zu vergegenwärtigen sucht. [….] Was sich Iphigenie in der Vergegenwärtigung der Vergangenheit offenbart, ist ein geschichtlicher Kairos, der es erlaubt, den selbstzerstörerischen Schuldzusammenhang der heroischen Welt durch das neue Zeitalter der Humanität zu ersetzen. “ (S. 3 f.)

„In einer sublimen Traumvision, die ihn scheinbar auf die Seite des Todes stellt, sucht Orest den Frieden bei seinen Ahnen: „nehmt mich auf!“ Das Traumbild der einträchtig versammelten Familie findet an der Figur des Tantalus jedoch eine Grenze, die Orest nicht aufzuheben vermag.“ (vgl. V. 1300-1309; S. 5)

Iphigenie singt das Parzenlied, diese ztierend und so distanzierend: „‚So sangen die Parzen!’ Der Wechsel vom Präsenz zum Imperfekt ist zugleich einer von der epischen Vergegenwärtigung der Vergangenheit zum lyrischen Bekenntnis zur Gegenwart, von den Fesseln des Mythos zur Freiheit vom Mythos.“ (S. 6)

„Während Orest vor Thoas mit dem Schwert seines Vaters die Heroenzeit noch einmal bemüht, um den scheinbar unaufhebbaren Konflikt mit dem Skythenkönig zu lösen, unterbricht Iphigenie den drohenden Einbruch des Heroischen durch das vermittelnde Wort: „Die strengen Bande / Sind nun gelöst“ (V. 2117-2118).“ Ihre Stimme ist die der Wahrheit und der Menschlichkeit (V. 1937 f.) (S. 6)

„Ausschlaggebend ist demnach die Frage, wie der Mythos verabschiedet wird: In der tragischen Erfüllung des mythischen Schuldzusammenhangs oder in seiner trauernden Verabschiedung. So gilt Thoas’ Abschiedswort ‚Lebt wohl!’ (HA 5, 2174), mit dem das Stück endet, nicht nur Iphigenie, sondern zugleich dem von den Göttern eingesetzten Menschenopfer, dem die Skythen bisher vertrauten. An die Stelle des mythischen Ursprungs- und Opferzusammenhangs, der der Tragödienform zugrundeliegt, setzt Goethe in seinem lyrischen Trauerspiel die Bündnisfähigkeit des Menschen.“

Achim Geisenhanslücke (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/humanismus_geisenhanslueke.pdf)

Der folgende Versuch geht von der Prämisse aus, dass es dem Verständnis des Dramas aufhilft, wenn man gewisse äußere und innere Umstände seiner Entstehung zu beachten sucht:

Während Goethe an der Iphigenie schrieb, musste er Rekruten für einen Krieg des Preußischen Königs ausheben. Zur gleichen Zeit beschäftigte ihn das Geschwisterthema intensiv.

Betrachtet werden die Stellen V. 1157 ff., V. 1180 ff. (und V. 1516 f.): „Die Liebe zum Bruder wird als „einzige Gewalt“ erfahren, als eine Attraktionsmacht, der nicht zu entgehen und die mit nichts zu vergleichen ist. Dagegen bereitet Iphigenie die Vorstellung ein Grausen, der König plane, sie „in sein Bette mit Gewalt zu ziehn“ (V. 195f.). Eine solche Hervorhebung läßt nach Gründen fragen und gibt der Vermutung Plausibilität, daß der Dichter der dramatischen Konfiguration mehr aus dem Eigenen mitgibt, als sie ‚eigentlich‘ verlangt.“ (S. 6) – Goethe habe die Heirat seiner Schwester als Katastrophe empfunden und nicht verwunden. Er habe Charlotte von Stein an die Stelle der Schwester gesetzt, vgl. „Warum gabst du uns die tiefen Blicke…“ In diese Phase der Schwester-Fixierung fällt die Konzeption der Iphigenie (1776-1779).

Das wahre Motiv, dass Iphienie sich dem König verweigert: Sie spart sich für den Buder auf (S. 10) Bei Euripides „ führt Iphigenie Klage, im Barbaren-Exil bei den Taurern (also auf der Halbinsel Krim) keinen Gatten finden und keine Kinder gebären zu können, also an einer weiblichen Normalexistenz gehindert zu sein.19 Goethe läßt seine Iphigenie ihr „Frauenschicksal“ (V. 116) so beklagen, daß der Gedanke an einen Gatten und sein Herrschaftsprivileg nur hypothetisch und abwehrend erscheint (V. 24 ff.) und die Überlegung, als kinderlose Frau eine weibliche Lebensbestimmung zu verfehlen, überhaupt nicht – vielmehr dominiert die wehmütige Erinnerung an Heimat und Familie (V. 15 ff.), die am Ende des Anfangsmonologs zur Hoffnung auf Rückkehr führt (V. 51 ff.). Auch der Gedanke an „Mitgeborne“ (V. 21), also Geschwister, ist von Anfang an im Spiel. Über diese psychologische Schiene wird die Wiederbegegnung mit dem Bruder vorbereitet, dem einzigen Mann, den es für diese Iphigenie geben kann:

   […] den staunt‘ ich an

Und immer wieder an, und konnte mir

Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht

Aus meinen Armen los […] (V. 1390 ff.)

Das Drama wird zum Imaginationsraum, in dem der Bruder-Dichter der Schwester, deren Wiederkehr ihm Heilung und Segen bringt, seinen Dank ab stattet.“ (S. 11)

„Das weibliche Recht ‚zur unerhörten Tat‘ (V. 1892) durchbricht das männliche Handlungsprivileg, dessen Auswirkungen die Tantaliden-Geschichte vor Augen geführt hat. Iphigenie siegt nicht mit ‚Gewalt‘ oder ‚List‘, sondern mit dem Wagnis der ‚Wahrheit‘ (V. 1919), mit der Methode des aufrichtigen ‚Wortes‘ (V. 1863), dessen problemlösende Kraft sich wunderbar bewährt.“ (S. 12)

„Die überragende Präsenz der Iphigenie als Schwester zeigt sich auch daran, daß ein für die Dramaturgie zentraler Vorgang nicht genauer aufgezeigt wird: ihr Anteil an der Heilung des Orest. „Von dir berührt / War ich geheilt“ (V. 2119f.): so faßt Orest am Schluß den Vorgang im Rückblick.“ (S. 12) Orest wird geheilt, ehe die Wahrheit des Orakels erkannt wird. „Iphigenies reine Präsenz als Schwester hat das Orakel als verbindliches Götterwort aufgehoben, zum blinden Motiv entwertet – daher ist seine abschließende Umdeutung nur die konsequente Bestätigung einer inneren Tatsache.“ (S. 14)

Hartmut Reinhardt (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/iphigenie_reinhardt.pdf)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s