Isaak Babel: Geschichten aus Odessa – kurz vorgestellt

Ich stehe vor einem schwierigen Unterfangen: Ich möchte erklären, was den Reiz von Isaak Babels „Geschichten aus Odessa“ ausmacht. Es handelt sich dabei bloß um vier Geschichten aus der Moldowanka (auch: Moldawanka), dem Judenviertel Odessas, aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Der Erzähler erzählt so, wie aus der Perspektive der Leute der Moldowanka das Leben sich darbietet: Es ist das Leben armer Leute, die aber mit Geduld und Schläue zu überleben wissen und ihren Alltag mit etwas Frömmigkeit schmücken – wohl wissend, dass letztlich das Geld zählt. Besser geht es allein den Kaufleuten und den Verbrechern.

Das Zweite, was am Erzähler und auch an den Figuren auffällt, ist der eigenartige Humor: eine Distanz, die manchmal einen ironischen Schimmer aufweist. Und das Dritte ist der ungekünstelte Bilderreichtum der Sprache, der oft überrascht. Da nenne ich nur die hässliche Dwojra, die von ihrem Bruder einen jungen Bräutigam gekauft bekommt und am Ende der Hochzeitsfeier ihren Mann zur Tür des Schlafzimmers stößt, „und sah ihn so lüstern an wie eine Katze, die die Maus im Maule hält und sie ganz sachte mit den Zähnen zu beißen versucht“.

Entfernt verwandt ist diese Erzählweise mit der von Jaroslav Hasek, scheint mir, der jedoch bewusst satirisch schreibt. Ich zögere nicht, die „Geschichten aus Odessa“ zur Weltliteratur zu zählen.

Ich hatte ursprünglich eine Ausgabe, die bei Goldmanns Taschenbücher erschienen war; aber Goldmanns Taschenbücher waren auf so schlechtem Papier gedruckt und so schlecht gebunden, dass ich das Büchlein entsorgt habe. Inzwischen besitze ich die Babel-Ausgabe des Walter-Verlags (1960); die dort noch aufgeführten Erzählungen „Die Geschichte meines Taubenschlages“ und „Meine erste Liebe“ gehören aber nicht zu den „Geschichten aus Odessa“, obwohl es Geschichten aus Odessa sind. Ich habe mir auch die Babel-Ausgabe des Greno-Verlags (Nördlingen 1987) gekauft, mit dem seltsamen Titel „Erste Hilfe“ (Sämtliche Erzählungen). „Erste Hilfe“ ist der Titel einer Erzählung resp. eines satirischen Berichts von 1918, völlig im Stil Haseks geschrieben. – Es lohnt sich, Isaak Babel zu lesen.

Vgl. auch http://www.zeit.de/1994/33/odessa-farbe-und-licht/seite-1 (Reportage über Odessa, Isaak Babel wird erwähnt)

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