Goethe: Iphigenie auf Tauris – Szenenanalyse V,3 (Vorstufe)

Die gröbste Gliederung des Gesprächs sieht so aus (und zeigt Iphigenie als die das Gespräch dominierende Figur, auch wenn der König die Themen vorgibt):

Iphigenie rechtfertigt vor dem König, dass sie das Opfer aufgeschoben hat (V. 1804 – V. 1854).

Iphigenie bittet ihn als schwache Frau um Gehör (V. 1855 – V. 1885).

Iphigenie trägt ihm die Bitte um freie Abfahrt vor (V. 1886 – V. 1978 bzw. 1992).

Die Vorstufe einer detaillierten Szenenanalyse sieht so aus:

Ausgangssituation:

Thoas ist durch Arkas über die Machenschaften der Griechen informiert worden (V,1). Er ist über Iphigenies Betrug empört (V,2) und lässt sie holen (V. 1777), um sie zur Rede zu stellen.

Verlauf des Gesprächs (V,3):

Im Wesentlichen spricht Iphigenie, die den Aufschub des Opfers verteidigen muss. Zuerst verteidigt sie sich als Priesterin (- V. 1820), die sich nicht durch Mord beflecken will; dann verteidigt sie den Anspruch, als Königstochter nicht gehorchen zu müssen (- V. 1830). Thoas beruft sich bei seiner Forderung auf ein altes Gesetz der Taurer (V.1831). Iphigenie weist diesen Anspruch mit doppelter Begründung zurück (- V. 1854).

Als Thoas dann einfach Gehorsam gegenüber ihrem Dienst und Amt fordert (V. 1855), bittet sie ihn hilflos als schwache Frau um Gehör (- V. 1865). Dabei fällt das Stichwort „reine Seele“ (V. 1874), das eine Wende des Gesprächs vorbereitet. Als Thoas nämlich direkt fragt, wer die Fremden sind (V. 1886 ff.), weicht Iphigenie stockend aus; das bemerkt sie selbst, worauf sie nachdenkt und dann neu ansetzt (V. 1882).

Den zweiten Teil des Gesprächs dominiert Iphigenie. Sie beginnt mit einer Reflexion ihres großen Vorhabens (- V. 1919) und bekennt dann die Identität der Griechen. Damit legt sie ihr Geschick in des Thoas Hand: „Verdirb uns wenn du darfst.“ (V. 1936). Sie muss zwei Einwände des Thoas abwehren (– V. 1961) und trägt dann ihre Bitte vor: „so entlaß uns“ (V. 1963), mit zweifacher Begründung (- V. 1979). Thoas lehnt diese Bitte nicht rundweg ab, sondern kämpft mit sich, ob er sie erfüllen soll – Iphigenie bestürmt ihn mit ihren Bitten und behält das letzte Wort: „gewähre wie du’s fühlst“ (V. 1992).

Ergebnis des Gesprächs:

Iphigenie hat sich im Gespräch mit dem König behauptet, hat sogar ihrerseits die Initiative ergriffen und die feste Position des Königs mit ihrer Bitte um freie Abfahrt ins Wanken gebracht. Damit hat sie die glückliche Lösung der Probleme (V,6) eingeleitet.

Wenn man die Begriffe Sprechakte oder sprachliches Handeln nicht beherrscht, kann man eine Szene nicht analysieren. Auch muss man die Anforderungen der Szenenanalyse kennen.

One thought on “Goethe: Iphigenie auf Tauris – Szenenanalyse V,3 (Vorstufe)

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