Goethe: Iphigenie auf Tauris IV,4 – Szenenanalyse (kurz)

Ausgangssituation:

Iphigenie ist durch die Begegnung mit Arkas (IV,2) noch unsicherer geworden, ob sie beim Betrug der Griechen mitmachen darf (vgl. V. 1405; V. 1522 ff.). Pylades sucht Iphigenie auf, um ihr gute Nachrichten zu überbringen und sie zum Aufbruch zu drängen (V. 1532 ff.; vgl. V. 1395 ff.).

Verlauf des Gesprächs:

1. Pylades trägt Iphigenie seine Botschaft vor (bis V. 1559) und drängt auf schnellen Aufbruch (V. 1560 ff.). Die zaudernde Iphigenie erklärt, warum sie noch auf den Boten des Königs warten muss (V. 1571 ff.).

2. Pylades entwickelt einen neuen Plan, was Iphigenie tun soll und wie sie dann alle gerettet werden (V. 1591 ff.). Iphigenie wird dadurch wieder auf seine Seite gezogen (V. 1619 ff.).

3. Als Iphigenie erneut von Bedenken ergriffen wird (V. 1633 ff.), diskutieren beide das Recht ihres Zögerns. Iphigenie beruft sich auf ihr Herz, ihr Fühlen (V. 1648, V. 1650) als letzte Instanz; Pylades bringt dagegen fünf Gründe vor, warum Iphigenie unbesorgt mitmachen darf (V. 1654 ff.). Er kann Iphigenie nicht wirklich überzeugen.

Ergebnis des Gesprächs:

Pylades hat sein Vorhaben ausgeführt. Iphigenie leidet an ihrer Parteinahme für Pylades (vgl. IV,5 – Pylades war also nur bedingt erfolgreich) und findet erst im Angesicht des Königs Thoas wieder ihre Klarheit (V,3).

Nachtrag: Bemerkung zum Spiel der Motive „reine Seele“ und „Frau/Mann“

Wie Pylades im Gespräch agiert, sieht im Licht seiner Äußerungen von II,1 (V. 772 ff.) fragwürdig aus. Dort hatte er die Priesterin mit dem reinen Herzen gepriesen (V. 774 f.) und dafür gedankt, dass sie eine Frau ist und sich nicht wie ein Mann an Grausamkeit gewöhnt (V. 786 ff.). In IV,4 dagegen, im Eifer des männlichen Argumentierens, tadelt er die reine Seele Iphigenies als unheilbringend (V. 1583 f., vgl. V. 1654-1659) und lehrt die Not als oberstes Richtmaß des Handelns (V. 1672 ff.) – worauf Iphigenie sich ein männliches Herz mit seiner unerschütterlichen Konsequenz wünscht (V. 1677 ff., entgegen V. 1650-1652).

Auch das männliche Planen erscheint als fragwürdig (V. 1584-1586), der zu eng gedachte Plan des Pylades muss durch einen neuen ersetzt werden (V. 1591 ff.); damit erscheint Orests Spott (V. 762) als gerechtfertigt.

Man muss bei einer exakten Szenenanalyse beachten, wie solche Motive szenenübergreifend ineinander spielen. 

2 thoughts on “Goethe: Iphigenie auf Tauris IV,4 – Szenenanalyse (kurz)

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