Roth: Hiob – Inhalt, Zeitstruktur und thematischer Aufbau

Zuerst werden hier die äußeren Ereignisse und ihre Datierung vorgestellt. Ich beziehe mich auf die uralte Ausgabe in der Fischer Bücherei (1969, kostete damals DM 2,80), Text dort S. 5 – 123. Ich gebe den Umfang der einzelnen Kapitel genau an, damit man meine Nachweise auch (ungefähr) auf andere Ausgaben übertragen kann.

Kap. I (5 ff.) Vor vielen Jahren (S. 5) lebte in Zuchnow Mendel Singer, 30 Jahre alt (S. 6 – man wird die Zahl 30 aber nicht wörtlich nehmen dürfen, sonst bekommt man Schwierigkeit mit dem Alter der Söhne bei der Musterung; dreißig ist in der Bibel oft Einheitswert für größere Zahlen (z.B. Ri 10,4), auch bei Zeitangaben (z.B. Num 20,29). Jesus wurde ungefähr 30 Jahre alt (Luk 3,23). [K.-H. Bernhardt in BHH] Vgl. auch http://zahlwort.blogger.de/stories/1069564/ und als Belege etwa Gen 11,14 Und Schelach lebte dreißig Jahre und zeugte Heber. Gen 41,46 Und Joseph war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao, dem Könige von Ägypten, stand. Num 4,3 von dreißig Jahren und darüber bis zu fünfzig Jahren, alle, welche in die Arbeit treten, um das Werk am Zelte der Zusammenkunft zu verrichten. 2. Sam 5,4 Dreißig Jahre war David alt, als er König wurde; er regierte vierzig Jahre.), dem „an einem heißen Tag im Hochsommer“ (7) das vierte Kind geboren wird, der Sohn Menuchim. In seinem 13. Monat stellt sich heraus, dass er schwer behindert ist (7 f.). Eines Tages: die Pocken (8). Eines Tages, im Herbst (9) fährt Deborah mit Menuchim zum Rabbi nach Kluczysk und bekommt dessen Segensverheißung (12).

Kap. II (12 ff.) Einige Tage danach (13) müssen die Geschwister sich um Menuchim kümmern (14), eines Tages im Sommer unternehmen sie einen Mordversuch (14). Menuchim wächst (16). Plötzlich, eines Morgens, stößt er einen Schrei aus und sagt eine Woche später „Mama“ (16).

Kap. III (17 ff.) Auch zehn Jahre später kann er nur „Mama“ sagen (17). – Erinnerung Deborahs an eine Episode aus der Zeit ihrer letzten Schwangerschaft (17 f.) – die einzige Stelle, an der der Erzähler das Prinzip der chronologischen Abfolge durchbricht (indirekt: Es handelt sich ja nur um eine Erinnerung!); in Deborahs Augen ist mit dieser Episode ihr Unglück erklärt oder begründet. [Russisch-japanischer Krieg 1904/05 ist schon beendet (19).] Jonas und Schemarjah werden an einem Mittwoch gemustert (20, Abreise am 26. März), auf der Heimreise zeigen sich die Differenzen zwischen ihnen (20-23), Ankunft daheim am Sonntag (20).

Kap IV (25 ff.) Mendel versucht vergeblich, Menuchim das Sprechen und Singen beizubringen (27 f.). Deborah reist zu Kapturak, der ihre Söhne vor dem Militärdienst retten soll. Jonas wird Pferdeknecht bei Sameschkin (30 f., bis Herbst, 20).

Kap. V (31 ff.) Am 20. August wird Schemarjuk abgeholt und über die Grenze gebracht. „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Kap. VI (35 ff.) An einem Nachmittag im Spätsommer (35) bringt ein Fremder einen Brief Schemarjahs, der jetzt Sam heißt und die Eltern nach Amerika einlädt (36 f.). Mirjam geht mit einem Kosaken (42-44). Beschluss, nach Amerika zu fahren (44).

Kap. VII (45 ff.) Bemühen, Papiere für die Reise zu bekommen; Kapturak wird wieder eingeschaltet; Dauer: einige Wochen.

Kap. VIII (54 ff.) Das Haus bekommen Billes, die sich um Menuchim kümmern sollen (59 f.). Kapturak bringt die Karten (60), man reist nach Bremen (63-65), drei Tage lang (64); Abfahrt am nächsten Tag (64 f.).

Kap. IX (66 ff.) Ankunft in NY nach 14 Tagen, einige Tage Quarantäne. Sam und Mac holen Singers ab.

Zweiter Teil

Kap. X (69 ff.) Mendel lebt sich in NY ein (69 f.), seiner Frau fehlt Menuchim (71 f.). – Brief Billes: Menuchim kann sprechen (75 f.), Brief des Sohnes Jonas [mit Andeutung eines kommenden Krieges, 76, also etwa 1913/14].

Kap. XI (77 ff.) Mendel wird bald 59 Jahre alt (77), er will Menuchim holen (78-80); der Kriegsausbruch [August 1914] verhindert seine Reise.

Kap. XII (82 ff.) Herbst [1917, da Kriegseintritt Amerikas, am 6. April 1917]: Jonas ist verschollen (82), Sam amerikanischer Soldat (82 f.). Eines Tages ist Sam als Soldat gefallen (84 f.), seine Mutter fällt darauf tot um (86).

Kap. XIII (86 ff.) Am achten Tag danach wird Mirjam irre (87 f.); Mendels Hiob-Aufstand beginnt (90 ff.).

Kap. XIV (96 ff.) Mendel zieht zu Skowronnek (96). [In Russland regiert kein Zar mehr, 100.] Mac heiratet Vega, die verwitwete Schwiegertochter (100). [Es ist Herbst 1918, der Krieg ist aus, 101.] Mendel hört „Menuchims Lied“, das ihn ergreift (101 f.).

Kap. XV (102 ff.) Im Frühling [1919] (102) will Mendel zurück nach Russland (104 f.); der Dirigent Kossak sucht ihn (106 ff.) und kommt als Fremder Ostern zu Besuch zu Skowronnek (111 f.). Er offenbart sich als Menuchim (117), auch Jonas lebt (113 ff.).

Kap. XVI (119 ff.) Im Astor-Hotel erzählt Menuchim dem Vater seine Lebensgeschichte (120). Am nächsten Tag fahren sie los, in die Sonne hinein (121 f.). Menuchim zeigt im Hotel ein Bild seiner Familie (122), Mendel ruht aus (123).

Auswertung: Erzählblöcke: Kap. I f. Menuchims Anfänge; Kap. III-V die Bedrohung der anderen Söhne durch das Militär; Kap. VI-IX Mirjams Bedrohung: Aufbruch und Reise nach Amerika; Kap. X f. der Anfang in Amerika; Kap. XII f. Unglück in der Familie Singer; Kap. XIV-XVI Ankunft Menuchims und glückliches Ende. Die eigentlich rasante Abfolge der Ereignisse wird nicht als solche erlebt, weil der Erzähler auch Personen charakterisiert, von Gesprächen berichtet und uns am inneren Erleben der Hauptpersonen teilnehmen lässt. – Erzählt wird die Geschichte der Familie Singer; die Hauptfiguren sind Mendel Singer und sein Sohn Menuchim, mit dessen Geburt das Geschehen beginnt. Es endet mit dem glücklichen Wiedersehen von Vater und Sohn. Deborah, die Mutter, ist eine treibende Kraft und Mendels Helferin; die lebenslustigen oder erfolgreichen Geschwister sind als später bedrohte oder zerstörte Menschen die Kontrastfiguren zu Menuchim, an dem sich die Verheißung erfüllt hat.

Der fiktive Ort Zuchnow wird nicht nur indirekt (Zar, Rubel, Kosaken), sondern auch direkt nach Russland verlegt (38), und zwar nach Wolhynien (69), also an die Westgrenze, die man in drei Tagen zu Pferd erreichen kann (31 ff.).

Der innere Zielpunkt des Erzählens wird in Kap. I durch die Segensverheißung des Rabbi gesetzt: „Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall…“ (12) Unter dieser Verheißung steht das ganze erzählte Geschehen, bis sie sich am Ende als erfüllt erweist: Gesund ist Menuchim, ein großer Komponist und Kapellmeister (Ohren!), mit bemerkenswerten Augen.

Zweimal treibt ein Fremder, der plötzlich auftaucht, das Geschehen voran. Ein Fremder bringt den Brief des erfolgreichen Sohnes aus Amerika mit der Einladung zu kommen (35); ein Fremder erscheint bei Skowronnek (111) und erweist sich als der gerettete Sohn Menuchim – „ein Fremder“ ist ein literarisches Motiv, das auf viele Arten entfaltet werden kann, bis hin zur religiösen Deutung, dass wir alle auf Erden Fremde sind, allenfalls Gäste, und dass unsere Heimat im Himmel liegt.

Bereits als Menuchim nach Jahren auf einmal „Mama“ sagen kann, erlebt Deborah diesen Durchbruch als Bestätigung der Verheißung („und dieses Wort der Mißgeburt war erhaben wie eine Offenbarung…“, 17). In der Nacht vor der Abreise nach Amerika, als sie Menuchim zurücklässt, denkt sie dagegen: „Nichts wird aus ihm.“ (62); sie zweifelt an der Verheißung und lässt den Sohn im Stich, um Mirjam davor zu bewahren, ein Kosakenflittchen zu werden. In NY stellt Mendel sich vor, dass ein erlösender Brief ihm mitteile, Menuchim sei ganz gesund geworden (74). Bald darauf kommt Billes Brief (75) mit der Nachricht, dass Menuchim zu reden begonnen hat (75 f.). Deborah kommentiert: „Der Rabbi hat recht“, und zitiert dann einen Teil der Verheißung: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (77). Da erst erfährt Mendel von dieser Verheißung (Deborahs Ausrede „Ich hatte es vergessen.“ klingt wenig glaubhaft). Von diesem Zeitpunkt an wartet Mendel auf Menuchim (78 ff.); vorher hatte nur Deborah sich nach dem Sohn gesehnt (71 f.). Beim Unglück der anderen Kinder erlebt Mendel in einem den Tod Menuchims mit (86, 89), also das Scheitern der Verheißung. Hier haben wir auch einen Anknüpfungspunkt der Hiob-Thematik: Freund Rottenberg wirft ihm vor, dass er Menuchim im Stich gelassen hat und so Gottes Pläne gestört haben könnte (94). Dass Mendel von „Menuchims Lied“ ergriffen wird (101 f.), bringt die Wende zum Guten; dieses Lied ist auch mit „Kossaks“ Ankunft verbunden (107), der auf der Suche nach Mendel ist. Bereits als Mendel die Augen Kossaks auf dem Bild betrachtet, beginnt die Verheißung sich zu erfüllen (109); in ihnen ist Licht. Als der Fremde zu Skowronnek zum Osterfest kommt (111), sucht Mendel seine Augen zu erblicken (112); der Fremde offenbart sich als Menuchim (116 f.) – die Szene erinnert mich an die entsprechende Episode aus der Josefsgeschichte (Gen 45). Dankbar zitiert Mendel die Verheißung, die er von Deborah gehört hat: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (117).

Zum Schluss liegt noch einmal in indirekter Bezug auf die Segensverheißung vor. Als Mendel von Menuchim getröstet worden ist, denkt er: „Der Mensch ist unzufrieden (…). Sieh nur, was aus Menuchim, dem Krüppel, geworden ist. Schmal sind sein Hände, klug sind seine Augen, zart sind seine Wangen.“ (121)

An dieser Stelle wird auch das Thema genannt, unter dem die Erfüllung der Verheißungen steht: ein Wunder. „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Man muss also „das Wunder“ oder „die Wunder“ mit der Erfüllung des Segens zusammen sehen, auch wenn hier aus Gründen der Darstellungstechnik das Wunder-Thema von mir gesondert behandelt wird.

Ehe Deborah zum Rabbi zu gehen sich entschließt, ist sie wegen Menuchims Behinderung ganz unten angelangt: „Sie wagte nicht mehr, Gott anzurufen“ (11), sie hält sich an niedrigere Vermittler. Dann erhält sie vom Rabbi die Segensverheißung, die sie wieder aufrichtet (12). Mendel Singer jedoch lehnt solche Mittler wie den Rabbi ab: „Sein gerader Sinn (…) vertrug kein Wunder im Bereich der Augen. Er lächelte über den Glauben seiner Frau an den Rabbi.“ (12)

Ein erstes kleines, wenn auch nicht so benanntes Wunder erleben Menuchims Geschwister; sie haben versucht, den ihnen lästigen Menuchim zu töten, aber der hat alles überlebt. „Eine große Furcht vor Gottes kleinem Finger, der eben ganz leise gewinkt hatte, ergriff die zwei Knaben und das Mädchen.“ (14) – Die Eheleute Singer streiten sich, ob Gott Wunder tut, als sie Menuchim bei ihrer Reise nach Amerika nicht mitnehmen wollen (55). Von Deborah wird dann berichtet, wie sie lange vergeblich auf das Wunder gewartet hat (55) und nun glaubt, Wunder seien nur vor alten Zeiten geschehen (56) – anscheinend hätten heute nur andere Leute das Glück, Wunder an eigenen Leib zu erfahren. Sie intoniert dann gegenüber Mendel das Hiob-Thema: „Wofür straft er uns jetzt? Haben wir Unrecht getan? Warum ist er grausam?“ (56) [Hier sieht man m.E., dass das Hiob-Thema dem Thema „Wunder“ zugeordnet bzw. untergeordnet ist.] Bei der Abreise stellt sie ausdrücklich fest, dass kein Wunder geschehen ist (63).

In NY hört Mendel dagegen, Amerika sei God’s own country, „wie einmal Palästina“, und NY the wonder city, „die Stadt der Wunder, wie einmal Jerusalem“ (70). Damit wird der Leser (und auch Mendel?) auf die Erfüllung der Verheißung vorbereitet. In der Hiob-Situation Mendels, als Mirjam nach dem Tod Sams und Deborahs irre geworden ist (89 ff.), fragt er seine Freunde: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94) Menkes als Verteidiger Gottes erklärt, warum dieser heute nur noch „mäßige Wunder“ vollbringe (95) – Mendel werde Menuchim nach dem Krieg sehen können, wie auch Jonas und Mirjam, die ja nicht tot seien.

Bei der Osterfeier werden liturgisch die Wunder erzählt bzw. besungen, die der Herr in der Geschichte Israels vollbracht hat. Die Melodie entfaltet ihren Zauber in der Runde. „Und selbst Mendel stimmte sie milde gegen den Himmel“ (110), er denkt ausdrücklich an Menuchim (110 f.) – hier wird die baldige (Er)Lösung massiv durch den Erzähler vorbereitet. Die ganze Liturgie hat alle Anwesenden „so nah an die Erwartung eines Wunders gebracht“ (111), dass sie beinahe mit der Ankunft des Elias rechnen, als der Fremde anklopft. Man fährt dann mit dem Essen und dem „Absingen der Wunder“ fort (113), „daß sogar Mendel am Ende jeder Strophe ‚Halleluja, Halleluja’ wiederholte“ (113). Als Menuchim sich zu erkennen gegeben hat, setzt Mendel sich auf dessen Schoß und zitiert flüsternd einen Satz der Verheißung (117). Skowronnek aber geht von Haus zu Haus und verkündet: „Ein Wunder ist geschehn! Kommt zu mir und seht es an!“ (117) Und Menkes korrigiert sich (s.o. 95!), als die anderen Juden erscheinen: „Groß sind die Wunder, die der Ewige vollbringt, heute noch wie vor einigen tausend Jahren. Gelobt sei sein Name!“ (118) Damit ist das Ziel der Erzählung erreicht; nicht nur Menkes‘ kleiner Glaube, sondern auch Mendels Gottesverständnis (12) und Deborahs Skepsis (56) sind widerlegt.

Vielleicht muss als eine humane Einfärbung des großen Wunders gelten, was Menuchim über seine Heilung berichtet (120): Mendel hat einmal mit seinem Löffel an ein Glas geklingelt (vgl. 27), Billes‘ Schwiegersohn hat auf seiner Geige gespielt (120) – das hat offensichtlich dazu beigetragen, aus Menuchim den großen Musiker zu machen, ohne dass dadurch das Wunder seiner Rettung kleiner würde.

Es folgt noch die bereits zitierte Einsicht in die Unzufriedenheit des Menschen bzw. Mendels: „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Am Schluss ist auch diese Unzufriedenheit verflogen: „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123) – ein prächtiges Finale, welches andeutet, dass der Weg Mendels ins Alter ein Ende gefunden hat; mit diesem zweiten Thema neben der Verheißung-Wunder-Thematik werden wir uns befassen, wenn wir den Stellenwert der Hiobthematik genauer bestimmt haben.

Der Stellenwert des Buches Hiob (oder Ijob, wie es heute heißt) im Spektrum des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der in der Neuzeit unter dem Stichwort „Theodizee“ diskutiert wird:

Auf der Seite http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/theodizee/ wird die Vorstellung vom Tun-Ergehen-Zusammenhang so dargestellt: „Im Alten Testament ist in den älteren Schichten die Anschauung belegt, daß sich Tun und Ergehen eines Menschen entsprechen. Wer nicht gerecht/ gemeinschaftstreu handelt, sammelt um sich eine unsichtbare Unheilssphäre, die einst auf diesen Übeltäter negativ zurückwirken wird. Dementsprechend ist jemand, der Gutes tut, auch mit einer guten Heilssphäre ausgestattet (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Damit wird Leiden als notwendige Folge eigener Verschuldungen verstanden, die sich sogar ohne besonderes Zutun Gottes negativ auswirken können. Dieses Verständnis erreichte seinen Höhepunkt mit der allgemein akzeptierten Deutung der Zerstörung Jerusalems und des Exils als „gerechte“ Strafe für Israels Abfall.

Bis in die exilische Zeit hinein gab es folglich wenig Zweifel daran, daß Gott gerecht handeln würde. Wenn es auch in Israel wie in anderen Kulturen das Thema des leidenden Gerechten gab, so konnte man das Problem doch anfänglich damit lösen, daß man generationenübergreifend dachte: das dem Gerechten fehlende Wohlergehen werde seinen Nachkommen eignen (vgl. Dtn 5,9f: Gott sucht Schuld bis in das dritte und vierte Geschlecht heim, übt aber Gnade bis in das 1000. Geschlecht).

Doch immer mehr brach sich die Erkenntnis Bahn, daß einerseits sich Tun und Ergehen nicht immer wirklich entsprechen und andererseits das Verschieben auf spätere Generationen keine Lösung sein konnte.“

An dieser Stelle setzt das biblische Buch Hiob ein: „Der wichtigste Versuch zur Bewältigung dieser Problematik findet sich in den Dichtungen des Ijobbuches, in denen die Anklagen gegen Gott in bis dahin nicht gehörter Schärfe formuliert werden. Doch zu einer Lösung kommt es auch hier nicht. Gott redet zweimal mit Ijob, er verweist auf seine Majestät und die Schönheit der Schöpfung; er, Gott, dämmt allein das Chaos ein. Doch auf Ijobs Anklagen und die Herausforderungen geht er nicht ein. Dennoch unterwirft Ijob sich Gott und bekennt, ohnmächtig und unwissend zu sein. Die Lösung des Ijobbuches wird man so verstehen müssen, daß Gott dem Bösen einen Raum in der Schöpfung zugestanden hat, auch wenn er letztlich der allen Überlegene ist. Warum das so ist, weshalb Gott das Leiden der Menschen in Kauf nimmt, darauf wird offenbar keine Antwort gegeben oder es liegt außerhalb des Horizontes der Dichtung.“ (Differenzierter ist die Darstellung im WiBiLex, Stichwort „Tun-Ergehen-Zusammenhang“; ganz knapp ist http://de.wikipedia.org/wiki/Tun-Ergehen-Zusammenhang, vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ijob sowie die Suchwörter „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, „Hiob“ und „Theodizee“ in den Suchmaschinen).

Die Hiob-Thematik im Roman ist vom Umfang begrenzt und in der Sache dem Thema „Wunder“ untergeordnet. Bereits im zweiten Satz („Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich…“, 5) wird ein Parallele zum biblischen Hiob gezeichnet: „Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ (Ijob 1,1) Eine zarte, noch ironische Andeutung der Hiob-Situation findet man, als erzählt wird, wie den älteren Söhnen der Familie Singer die Einberufung zum Militär droht: „Anderen Jünglingen hatte eine gnädiger und vorsorglicher Gott ein körperliches Gebrechen mitgegeben…“ (19). Diese Andeutung wird bald ausgebaut: Man sieht sich sowohl mit dem kranken Menuchim wie mit den gesunden Söhnen gestraft (26, vgl. 24 und 28). Deborah wirft Mendel vor, ein hilfloser dummer Lehrer zu sein, „und in seinem Herzen züngelten bereits die weißen Stichflämmchen der Empörung“ (26).

Die Debatte um den Zusammenhang vom eigenen Tun und der Strafe Gottes kommt gelegentlich auf (56 – diese Stelle ist bereits im Wunder-Zusammenhang besprochen). Ganz verschwunden sind alle Zweifel Mendels, als er Jonas’ Brief erhalten hat: „Auch über ihm wölbte sich Gottes breite, weite, gütige Hand.“ (77, mit Bezug auf Billes Wohlergehen, 59) Mendel ist seinem Gott treu, er singt seine Psalmen in guten wie in bösen Stunden (81).

Das ändert sich, als Sam und Deborah sterben (85 f.) und Mirjam irre wird (87 f.). Mendel merkt, wie er einsam geworden ist (91). „Es galt, nur noch eine Beziehung zu kündigen.“ (91) – die Beziehung zu Gott. Er schickt sich an, alle Gebetsutensilien zu verbrennen (91 f.), aber seine Hände versagen ihm den Dienst (92). Seine Freund kommen, ermahnen ihn zur Treue und erinnern ihn an Hiob (92 f.). Gegen ihren Trost fragt er: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94 – siehe oben zum Thema „Wunder“). Von diesem Tag an betet er nicht mehr (96). „Als erbarmungswürdiger Zeuge für die grausame Gewalt Jehovahs lebte er in der Mitte der andern, deren mühseligen Wochentag kein Schrecken störte.“ (97) Aber es tut Mendel weh, dass er nicht mehr betet (97). Er denkt sich auch schreckliche Lästerungen aus (99).

Als er nach Kriegsende Menuchims Lied hört, setzt seine Verwandlung ein (101 f.). Es wird Frühling, die Feier des Osterfestes wird vorbereitet (102) – Mendel wartet zwar ausdrücklich nicht auf den Messias, aber er erscheint den Nachbarn doch verändert (103). Die Begegnung mit dem Bild von „Kossaks“ Augen (108 f.), mit der Osterliturgie (110) und dann mit dem noch unerkannten Menuchim (111 f.) bringen ihn bereits dazu, das „Halleluja“ mitzusingen. Am Ende ist die Verwandlung abgeschlossen, siehe oben „Verheißung-Erfüllung“ und das Thema „Wunder“.

Der Hiob-Aufstand Mendels ist in dem Augenblick erfolgt, als er beinahe seine ganze Familie verloren hat (85 ff.). Doch hat Mendel es nicht fertiggebracht, sich ganz von Gott loszusagen (97), und die Lästerungen denkt er sich auch nur aus, ohne sie auszusprechen (99, vgl. 90: „Bin ich verrückt geworden…“). Das Wunder, das er erlebt (117 ff.), bringt ihn vollends auf den rechten Weg zurück. Er erwartet schließlich, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort des gelungenen Lebens und Sterbens.

Die zuletzt zitierte Stelle von der Hoffnung Mendels (121), alt und lebenssatt zu sterben, wie es Buch Hiob geschrieben steht, verweist auf einen anderen Aspekt des Romans „Hiob“: Joseph Roths Roman „Hiob“ handelt auch vom Altern Mendels, dem er zuerst erliegt und das er schließlich meistert – der Roman ist ein Krisenroman, in dem der glaubende und der alternde Mendel Singer gefährdet ist und gerettet wird.

Die Glaubenskrise ist bereits unter dem Stichwort „Hiob“ besprochen, sodass jetzt nur noch die Krise des Alterns darzustellen ist: Den Ausgangspunkt des erzählten Geschehens markiert die Beschreibung Mendel Singers gleich am Anfang (5 f.): Er ist 30 Jahre alt, ein Lehrer mit Frau und drei Kindern, sein Leben rinnt stetig dahin, er hat nichts zu bereuen und begehrt nichts, er liebt sein Weib und ergötzt sich an ihrem Fleisch. Furcht und Kummer brechen in das Leben der Familie, als ihrem Sohn Menuchim die Impfung droht (9) – anscheinend eine antijüdische Aktion. Eines Tages bemerkt Deborah die ersten weißen Haare in Mendels schwarzem Bart und sieht, wie sie auch selbst alt wird (15). „Seit diesem Tage hörte die Lust auf zwischen Mendel Singer und seiner Frau.“ (16) Sie leben nebeneinander her, im gleichen Rhythmus altern ihre Gesichter und ihre Leiber (16).

Zehn Jahre später ist sein Bart ergraut. „Früh verwelkt waren auch Angesicht, Körper und Hände Deborahs“ (18) – aber die beachten wir ab jetzt nicht mehr, weil der Roman wesentlich vom Altern Mendels handelt. Mit den Sorgen um die Einberufung der Söhne kommt die Einsicht auf, dass „Gott uns gestraft hat“ (24) – solche Querbeziehung zu anderen Themen sollte man immer beachten: dies nur als methodischer Hinweis. In einer bald folgenden Charakterisierung Mendels ist die Entfremdung von seiner Frau noch größer geworden: Er mag ihr Gesicht nicht mehr sehen, er ist mit der Hässlichkeit verheiratet; er erlebt sie wie eine Krankheit, „mit der man Tag und Nacht verbunden ist“ (26). Auch Schemarjahs Abschied enthält ein Todesignal, er soll „ein Abschied für immer“ sein (32). „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Eines Tages glaubt er, „zum ersten Mal in seinem Leben deutlich das lautlose und tückische Schleichen der Tage zu fühlen“ (40); die Söhne sind verschwunden, Mirjam schaut einem Amerikaner nach, nur er selber bleibt Lehrer und Menuchim bleibt krank. Als die Reise nach Amerika vorbereitet wird, bleiben alsbald die meisten Schüler weg – das Haus Mendel Singer beginnt offensichtlich zu zerfallen (59); er hört auf, Lehrer zu sein.

In Amerika ist er zuerst einsam, aber dann in NY doch zu Hause (69). Er wandert dem Greisenalter entgegen; statt dass um 15 Uhr die Schüler kommen, legt er sich zum Mittagsschlaf aufs Sofa und lebt ansonsten gleichförmig von Tag zu Tag (73). Als Jonas‘ Brief kommt, fühlt er sich zwar in Gottes Hand geborgen; aber trotzdem nähert sich ihm der Tod – bald 59 Jahre ist er alt. „Der Rücken krümmte sich und die Hände zitterten. Der Schlaf war leicht und die Nacht war lang.“ (77) Als seine Hiob-Krise ausbricht (91), fällt ihm ein, dass er seit Jahren einsam ist – seit dem Tag, „an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehört hatte“ (91). Mendels Hiob-Krise ist bereits oben besprochen worden. Seine Gestalt wird kleiner und kleiner (100); doch Menuchims Lied leitet den Wandel ein (s. oben).

Das große Wunder, Menuchims Heilung und Aufstieg, seine Ankunft beim Vater, bringt dann die große Wandlung Mendels mit sich: Er erwartet, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort eines gelungenen Lebens und Sterbens. Wie Mendel Singer sich verändert hat, zeigt sich dann, als er ein Foto von Menuchims Kindern betrachtet. In dem Mädchen glaubt er ein Kinderbild Deborahs zu sehen. „Dankbar erinnerte sich Mendel an ihre junge Wärme, die er einst gekost hatte, ihre roten Wangen, ihre halboffenen Augen, die im Dunkel der Liebesnächte geleuchtet hatten…“ (122 f.) – auch die Bitterkeit gegenüber seiner Frau (vgl. 16 und 26, s. oben!) ist verschwunden in der großen Erinnerung an das, was in seinem Leben gut und schön war. „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123, der letzte Satz des Romans) Die Ruhe Gottes, das ist eine große Hoffnung, von der im Hebräerbrief (4,9-11) Folgendes zu lesen ist: „Folglich steht die versprochene Ruhe, der große Sabbat, dem Volk Gottes erst noch bevor. Denn wer in die Ruhe Gottes gelangt ist, ruht auch selbst aus von seiner Arbeit, so wie Gott ausruht von der seinen. Wir wollen also alles daransetzen, zu dieser Ruhe zu gelangen!“ Zumindest an diesem Tag ist Mendel Singer zu Gottes Ruhe gelangt. (Vgl. zu RUHE GOTTES auch Ausführungen über den Sabbat: http://de.wikipedia.org/wiki/Sabbat oder http://www.erwin-schmidt.de/Texte/SABBAT.pdf, http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=130 oder http://www.bibelwissenschaft.de/nc/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/s/referenz/25732/cache/5ab3246d1bcdcb990d75179a75b0c1f1/ u.ä. )

Figurenlexikon zum Roman: http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4689

Kommentierte Links zum Roman: https://norberto42.wordpress.com/2011/11/27/joseph-roth-hiob-kommentierte-links/

Klausur: https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-roth-hiob-kap-ix/

http://lib.ugent.be/fulltxt/RUG01/002/060/253/RUG01-002060253_2013_0001_AC.pdf (Analyse des Verhältnisses zwischen dem Heimatbegriff und dem Motiv des Gasthauses bei Joseph Roth: Diplomarbeit, u.a. zu „Hiob“)

P.S. Zum Rahmen der Lektüre des Romans: Dieter Liewerscheidts Aufsatz „Joseph Roths Roman Hiob zwischen Wunschdenken und Ironie“, in: literatur für leser (36. Jg., S. 141 ff.). Ich referiere verkürzend:

Thematisch geht es um den bedrohten Zusammenhang einer ostjüdischen Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Verschiedene Möglichkeiten der Auslegung werden in der Literatur vorgeschlagen:

1) Es geht um die Fortexistenz der ostjüdischen Lebensform zur Zeit der Romanentstehung, heute muss der Holocaust als Hintergrund beachtet werden.

2) Zugang zum Roman gewährt der biblische Prätext. Neben den Gemeinsamkeiten der Figuren Mendel und Hiob steht als Unterschied die Frage der Assimilation in Russland und dann in Amerika; auch ist die Figur Mendel von moralischen Selbstzweifeln frei und wird psychologisch nicht problematisiert.

3) Der Roman soll die Welt des Ostjudentums den Lesern näher bringen; diese Lesart gilt aber als fragwürdig.

4) Es geht um das Assimilationsproblem, v.a. im 2. Teil des Romans. Die Auswanderung dient der Assimilationsverweigerung, die amerikanische Assimilation der Kinder scheitert letztlich, Mendel wird von der Stadt NY überwältigt. Nur Menuchim gelingt die Assimilation mit seinem Lied.

Liewerscheidt macht die Auslegung des Schlusses zum Schlüssel des Romans:

a) Man kann den Schluss als Belohnung und Bestätigung jüdischer Orthodoxie lesen, sozusagen märchenhaft.

b) Man ihn als Dokument eines solchen Wunschdenkens lesen; Mendel gibt am Ende den Widerstand gegen die Assimilation auf.

c) Liewerscheidt plädiert dafür, dass der Erzähler gegenüber diesen beiden Lesarten einen ironischen Vorbehalt äußert. „Es ist allerding eine sanfte Form der Ironie, welche die Empathie mit seinem Protagonisten und dem ostjüdischen Dilemma, das er repräsentiert, nicht preisgibt.“ (S. 152)

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