Kleist: Prinz Friedrich von Homburg – Thema Herz / Gesetz

Über den Widerspruch zwischen der Stimme des Herzens und dem Gebot des Gesetzes, der Pflicht

Eines der großen Themen des Stücks ist der Gegensatz zwischen dem, was das Herz sagt, und dem, was die Regel oder das Gesetz befiehlt. Über das „Herz“ ist dieses Thema mit einem anderen verbunden: dem problematischen Verhältnis von Traum und Wirklichkeit; das Herz des Prinzen von Homburg hat nämlich in seinem schlafwandlerischen Traum gesprochen (V. 65 ff.) und die Menschen benannt, die er liebt (V. 145). Dass die Traum-Sprache des Herzens noch keine Ansprüche begründet, macht der Kurfürst deutlich: „Ins Nichts mit dir zurück, Herr Prinz von Homburg, ins Nichts, ins Nichts! (…) Im Traum erringt man solche Dinge nicht!“ (V. 74 ff.) Homburg „weiß“ jedoch, dass die nächtliche Begebenheit vom Kurfürsten inszeniert wurde, „mir ganz die Seele zu entzünden“ (V. 161). Als er den zurückbehaltenen Handschuh als den der Prinzessin Natalie identifiziert (V. 318 f.), kehrt er mit triumphierenden Schritten (!) in den Kreis der Offiziere zurück und nimmt des Feldmarschalls letzten (V. 313)  bzw. nächsten Satz (V. 323) doppeldeutig auf bzw. vorweg: „Dann wird er die Fanfare blasen lassen!“ (V. 322, vgl. V. 339) Homburg ist sich seines Sieges, auch bei Natalie, sicher. Das zeigt er im Glücksmonolog (I,6): Der Handschuh ist ihm das vom Glück verliehene „Pfand“ (Unterpfand, Zeichen) des militärischen Sieges (V. 359 f.), wie er als Dingsymbol auch die ihm überlassene Hand der Prinzessin vorweg bedeutet.

Gesetzt wird das Thema durch Friedrich von Homburg. Gegen den fünffachen ausdrücklichen Befehl des Feldmarschalls bzw. des Kurfürsten und seines Schlachtplans (V. 293-473) beruft Friedrich sich auf die Order des Herzens, setzt sich über den Schlachtplan hinweg und greift die Schweden an (V. 474 f.); so reißt er Kottwitz mit (V. 478 ff.). Als neue „Parole“ gibt er aus: Ein Schuft, wer seinem General zur Schlacht nicht folgt (V. 492 f.). Der siegreiche todesmutige Angriff des Prinzen auf die schwedischen Schanzen kommt ebenfalls aus der Wut seines Herzens; er will den vermeintlich gefallenen Kurfürsten rächen (V. 545 ff.). Er wäre sogar bereit, sein Herzblut für das Leben des Kurfürsten hinzugeben (V. 568 f.; vgl. V. 873 sein Herz, das ihn treu liebt).

Danach folgt eine entscheidende Szene (II,6), die man nicht leicht würdigt, weil man die Regieanweisungen gern überliest: Friedrich begegnet  Natalie allein (die Kurfürstin ist in Ohnmacht gefallen), legt ihre Hand gerührt an sein Herz (hinter V. 567); er nimmt erneut ihre Hand (hinter V. 580 – und sie lässt sie ihm, bis hinter V. 587) und verspricht ihr, ihre Sache zu übernehmen (V. 581) und des Kurfürsten Aufgabe zu verwirklichen (V. 585 f.). Dann schlägt er seinen Arm um sie (hinter V. 599), während sie sich an seine Brust lehnt (hinter V. 606): Er küsst sie zum ersten Mal (hinter V. 608). Diese Nähe kann man nur würdigen, wenn man bedenkt, wie die Hohenzollern in I,1 vor Friedrichs Wünschen zurückgewichen sind (hinter V. 64). Friedrich vergleicht sein Glück bereits mit dem Cäsars (V. 713 f.).

Über den ungehorsamen Angreifer verhängt der Kurfürst nach dem Sieg das Todesurteil (V. 715 ff.); denn er will nicht zufällig errungene Siege, sondern „dass dem Gesetz Gehorsam sei“ (V. 734). Er ist allerdings „betroffen“, als er hört, dass Friedrich die Reiterei angeführt hat (hinter V. 741). Als dieser völliges Unverständnis über das Todesurteil gegen einen Sieger äußert („Träum ich?“,V. 765; „verrückt“, V. 772), wiederholt Hohenzollern trotzig des Kurfürsten Begründung (V. 774). Dessen vermeintlich starrem römischem Pflichtideal setzt Friedrich „ein deutsches Herz“ entgegen (V. 777 ff. bzw. 784 ff.), um den Kurfürsten als herzlos zu bedauern.

Im Gefängnis glaubt Homburg noch an den Sieg des Herzens im Kurfürsten über das Bewusstsein der Pflicht (V. 820 f., V. 868), wobei er sich auf sein „Gefühl“ für den Kurfürsten verlässt (V. 868), sodass er und Hohenzollern eine sachfremde „Erklärung“ für des Kurfürsten Starrsinn suchen müssen und entsprechend finden: Friedrich werde als Liebster Natalies abgestraft, der ihrer Verheiratung nach Schweden im Weg stehe (V. 911 ff.).

In einem Gespräch mit dem um sein Leben wimmernden, sogar auf Natalie verzichtenden Friedrich (III,5) ermutigt Natalie ihn: Sie nähert sich ihm trotzdem (legt ihre Hand in die seine), ermutigt ihn („Geh, junger Held…“, V. 1053), verspricht ihm Treue (V. 1058) und Fürsprache (V. 1060) und deutet erstmals den Tod als „Lebensmöglichkeit“ an: Der Tapfere wisse auch im Tod zu siegen (V. 1072 ff.). Diese Ermutigung durch Natalie, also durch die Sprache des Herzens und die Anrede an den jungen „Helden“ (V. 1053 ff.), leitet die Umkehr Friedrichs zu Mut und Vernunft ein, die er im zweiten Gespräch mit Natalie vollzieht (s.u.). Die Kurfürstin ist Natalie in dieser Weise, Friedrich anzusprechen, vorangegangen; sie hat ihn als „Mein teurer Sohn!“ (V. 1020) angesprochen und dann eine Forderung an ihn gestellt (V. 1038 f.): Die Stimme des Herzens ruft zur Erfüllung der Pflicht. – Es folgen drei große Gespräche, in denen der Widerspruch von Herz und Gesetz das Thema ist.

Natalie bittet beim Kurfürsten um Gnade (IV,1) für Friedrich, der die Schranke des Gesetzes durchbrochen hat (V. 1104). Der Kurfürst fragt dagegen, ob er den Spruch des Gerichts unterdrücken dürfe, ohne Tyrann zu sein (V. 1112 ff.). Während Natalie mit der Dialektik von Unordnung und Ordnung operiert (V. 1125 ff.), wo neben dem Kriegsgesetz auch die lieblichen Gefühle herrschen sollen, beruft der Kurfürst sich auf den Gegensatz von Willkür und Satzung (V. 1144). Als Natalie ihm berichtet, dass Friedrich geknickt ist („Ach, welch ein Heldenherz hast du geknickt!“, V. 1155), lenkt er ein: Falls dieser das Urteil für ungerecht hält, ist Friedrich frei (V. 1175 ff.), was er zum Schluss noch einmal bekräftigt (V. 1206 f.); denn er trage „die höchste Achtung“ für Friedrichs Gefühl (V. 1183 f.). Natalie selbst ist es, die die Kräfte seines Herzens erweckt hat: „Mein Töchterchen“ (V. 1092) hat er sie genannt, „Mein süßes Kind!“ (V. 1122). Ich halte es für abwegig, hier ödipale oder ähnliche Dreiecke zu konstruieren, in denen der Kurfürst der besitzende Vater und Konkurrent Friedrichs wäre – in der Logik des Schauspiels ist hier Friedrichs Herz erwacht.

Im zweiten Gespräch, das Natalie mit Friedrich führt, erfolgt dessen entscheidende Veränderung (IV,4). Natalie bringt ihm die frohe Botschaft von seiner Begnadigung, was ihm wie ein Traum vorkommt (V. 1305). Doch dann kommt er zur Besinnung und zerreißt sein bereits aufgesetztes Bittgesuch, weil er begriffen hat: „Mich selber ruft er zur Entscheidung auf!“ (V. 1342) Im Zögern und erneuten Lesen zeigt sich, dass er bereits zur Vernunft gekommen ist (V. 1322 ff.). So wird es ihm möglich, in Freiheit das selber zu wollen, was das Gesetz befiehlt – er unterwirft sich also dem Kategorischen Imperativ, wenn man es philosophisch sagen will: „Mir ziemt’s hier zu verfahren, wie ich soll!“ (V. 1375). Er erkennt seine Schuld an und will nicht um Begnadigung streiten (V. 1382 ff.). Da nennt Natalie ihn, der Herz und Vernunft in sich vereint: „Du Unbegreiflicher!“ (V. 1322), und küsst ihn zum ersten Mal: „du gefällst mir!“ (V. 1388). [Eine seltsame Verwechslung von Vernunft und Herz unterläuft Natalie im folgenden Satz, V. 1389 f.: Der Prinz folgt ja nicht seinem Herzen, sondern der Vernunft, zu der sie selber ihn geführt hat, vgl. V. 1053 ff.] – Der Kurfürst, Vertreter des Gesetzes, ist überhaupt nicht herzlos: Sein Herz ist bei den Dragonern, die scheinbar ohne Befehl ihre Stellungen verlassen haben, um bei ihm die Begnadigung Friedrichs zu erwirken (V. 1442). Bereits vorher hat Prinz Friedrich ihm bescheinigt, dass er ein großes Herz hat und entsprechend handelt, weil er Homburg selber zur ethischen, also vernünftigen Entscheidung ruft (V. 1342/44); hier verweisen also das Herz des Kurfürsten und die Vernunft des Prinzen, auf die der Kurfürst vertraut (vgl. V. 1156 ff.), aufeinander. Natalie dagegen folgt der Stimme ihres (kleinen) Herzens und kann den Schritt zur Vernunft zunächst nicht mitmachen (ab V. 1314), bis schließlich auch bei ihr Vernunft und Herz zueinander finden (Kuss und V. 1386 ff.).

Das dritte Gespräch führt der Kurfürst mit Kottwitz (V,5). Zunächst argumentiert Kottwitz, der die Bittschrift überreicht hat, militärisch, dass Homburgs Angriff sinnvoll gewesen sei, was der Kurfürst sowohl militärtaktisch (V. 1537 ff.) wie prinzipiell (V. 1561 ff.) zurückweist. Kottwitz setzt neu an und bringt vor, dass das höchste Gesetz nicht der Buchstabe des Gesetzes, sondern das Vaterland und der Kurfürst selbst sei (dem zu dienen dann nicht verwerflich sein könne, V. 1570 ff.); sodann verteidigt er die Empfindung (der folgend Homburg ungehorsam war) als das letzte Prinzip des Soldatischen, weil nur aus der Empfindung der Soldat sein Leben einsetzt (V. 1579 ff.). Gegen die zweite Argumentation ist der Kurfürst machtlos: „Es besticht dein Wort mich (…)“ (V. 1610 f.), auch wenn er dem theoretisierenden Kottwitz einen spitzfindigen Freiheitsbegriff vorwirft (V. 1619 f.).

Im gleichen Gespräch wirft ihm Hohenzollern sogar vor, der Kurfürst selber sei daran schuld, dass Homburg die ganze Nacht in seinem Traumzustand befangen gewesen sei, weshalb er den Schlachtplan nicht habe aufnehmen können (V. 1623 ff.); der kontert, Hohenzollern seinerseits sei schuld, weil der ihn in den Garten gerufen habe (V. 1714 ff.). Dieses kleine Scharmützel am Rande zeigt nur, durch wie viele Ursachen unsere Entscheidungen mitbedingt sind – woraus sich die Frage ergibt, ob solche Teilursachen nicht unsere Freiheit beeinträchtigen, also unsere Schuld vermindern. Diese Frage wird aber nicht mehr diskutiert.

Gegen Kottwitz ruft der Kurfürst nun Homburg als seinen Rechtsbeistand auf: Der Prinz vom Homburg will den verhängten Tod erdulden (V. 1745), er will „das heilige Gesetz des Kriegs (…) durch einen freien Tod verherrlichen“ (V. 1750 ff.). Er bittet ausdrücklich den Kurfürsten um Vergebung (V. 1765 ff.) und erbittet als einzige Gnade, dass Natalie nicht um des Friedens willen nach Schweden weggegeben wird (V. 1779 ff.); das sichert der Kurfürst ihm zu, was Homburg metaphorisch als Geschenk des Lebens bewertet (V. 1794). Danach wird Homburg wieder ins Gefängnis geschickt; er reißt sich von Natalie los, und selbst der Appell an sein Herz kann ihn nicht daran hindern, der Stimme der Vernunft bis zum Ende zu folgen (V. 1804 ff.). Doch der Kurfürst kündigt das Ende des Waffenstillstands an und zerreißt das Todesurteil, nachdem er noch symbolisch die Zustimmung seiner Offiziere eingeholt hat (V. 1818 ff.).

Diese Entscheidung hatte der Kurfürst aber bereits vor dem Gespräch mit Kottwitz getroffen, nachdem er Homburgs Brief gelesen hat – warum er so entschieden hat, bleibt letztlich unklar, wenn es vermutlich auch durch Homburgs Brief und die darin anerkannte Geltung des Gesetzes (mit) bestimmt ist (V. 1479 ff.). Vermutlich hat auch sein Herz, das ja auf Seiten der um Begnadigung bittenden Soldaten steht (V. 1442, s.o.), ein Wort mitgesprochen, sodass in seiner Entscheidung Gesetz (Brief Homburgs) und Herz (Brief der Soldaten) miteinander versöhnt wären.

Diese Entscheidung und die große, zu Beginn erträumte Ehrung Friedrichs kann der Prinz von Homburg nicht verstehen – ihm kommt sie wie ein Traum vor (V. 1855). Muss sie deshalb auch dem Leser wie ein Traum, also als nicht zureichend begründetes happy end vorkommen? Da in dieser Entscheidung das Herz sich mit der Vernunft einigen muss, bleibt das Wort des Herzens unwägbar. Dass Kants rigoroser Kategorischer Imperativ auch im Konflikt sich mit der Stimme des Herzens versöhnen kann, ist philosophisch in der Tat ein Wunder – oder, mit Homburg und Kleist zu sprechen – in der Wirklichkeit ein Traum: eine Utopie des gelingenden Lebens wie auch des menschlichen Herrschens, die am Schluss des Stücks wie ein Märchenende sich zeigt.

Exkurs: Über den Unterschied zwischen Herz und Vernunft

Ein Problem des 18. Jahrhunderts ergab sich aus der allmählichen Auflösung der Ständegesellschaft: Da waren Gelehrte und dann „Schöngeister“ bemüht, einen tragenden Grund für die Außenseiter zu finden, die nicht mehr in den Gewissheiten eines Standes leben konnten. Als solche Grund-Begriffe kam man auf Vernunft und Natur (was auch immer das sein mochte), dann auch auf das Herz (in der Zeit der so genannten „Empfindsamkeit“). Mit „Herz“ ging man auf persönliche Beziehungen und das Leben im kleinen Kreis zurück, auf „Gemeinschaft“, nach deren Vorbild man das Leben im Großen, in der Gesellschaft gestalten wollte.

Zunächst ist zu unterstreichen, dass Herz und Vernunft nicht zwei Dinge sind, die irgendwo im Menschen sitzen – Herz ist der Mensch selber, soweit er persönliche Neigungen hat, Abneigung und Zuneigung; Vernunft ist der Mensch selber, soweit er für das Allgemeine, das Ganze offen ist und vernimmt, was gültig ist. In dem Sinn ist das Herz „jung“, warm und spontan, die Vernunft „alt“, kühl und bedächtig abwägend. Man kann sich vom Herzen oder von der Vernunft leiten lassen; dann tut man das, was man möchte (der Neigung folgen), oder das, was man tun soll (dem Gesetz als dem allgemein Geltenden folgen); man tut, wozu man Lust hat, oder man erfüllt seine Pflicht. Den Unterschied erkennt man daran, dass man sich zwar auf „mein Herz“, aber nicht auf „meine Vernunft“, sondern immer auf „die Vernunft“ beruft.

Die Hochschätzung des Herzens war das Markenzeichen der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang; Verteidigung des Verstandes bzw. der Vernunft (dazu unten mehr) war Merkmal der Aufklärung. Zudem war das Herz der privaten Menschlichkeit, das Gesetz der Sphäre des Hofes zugeordnet (Karl Eibl zu Lessings „Emilia Galotti“: „Im Herrschaftszentrum bleibt das Herz ein Verwirrung stiftender Fremdling.“) – In der Deutschen Klassik suchten Goethe und Schiller einen Ausgleich von Vernunft und Herz zu gestalten; bekannt ist Schillers vordergründige Polemik gegen Kant und dessen Pflichtbegriff, die er ironisch „Gewissensskrupel“ überschreibt:

Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung,

Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

In der Romantik bemerkte man die (Un)Tiefen von Herz und Vernunft, ihre Dissonanzen. – Die Stichwortsuche (+ Empfindsamkeit +Herz) ergab am 20. Dezember 2011:

http://www.jsbg.de/downloads/fachschaften/deutsch/deutsch_ppp02.pps Empfindsamkeit, am Beispiel „Werther“ näher erläutert

http://www.momo-lyrik.de/history.htm#D1 (dort: Empfindsamkeit, dort: Entdeckung des Herzens)

http://www.goethezeitportal.de/digitale-bibliothek/forschungsbeitraege/autoren-kuenstler-denker/oeser-adam-friedrich/john-oeser/john-oeser-empfindsa.html (Oeser als Autor der Empfindsamkeit – interessante Details und Hintergründe)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/h-k/2003/lauer_ueber_klopstock.pdf (Klopstock und die Literatur der Empfindsamkeit)

Um 1800 unterschied man auch (bis zur Kritischen Theorie der Frankfurter) zwischen Verstand und Vernunft: Der Verstand ist das Vermögen, seinen eigenen Zielen (Neigungen) die passenden Mittel und Wege der Verwirklichung zu suchen und zu schaffen (wie Kottwitz in V. 1578) – egal, was die Vernunft über ihre Berechtigung sagt. Die Vernunft ist dann das Vermögen, auch die Verstandesurteile und -leistungen noch einmal zu bedenken sowie zu prüfen, ob das allgemein Geltende auch das wirklich Gültige ist. Im Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ übernimmt teilweise das Herz diese kritische Aufgabe der Vernunft: Das Herz des Prinzen setzt sich über die Satzung (Vorschrift) des Kurfürsten hinweg, weil sie ihm in der Schlacht nicht mehr als gültig erscheint. Die Kritik des Geltenden muss jedoch nicht immer zu vernünftigen, gültigen Ergebnissen kommen, sie kann auch zu Willkür und Eigensinn führen (vgl. V. 1112 ff. und V. 1125 ff.). Die Verteidiger des Herzens meinen dagegen, „die lieblichen Gefühle“ (V. 1130) hätten ihre eigene Logik und ihre eigene Wahrheit aus Intuition (heute sagt man Bauchgefühl). Die Wünsche des Menschen Friedrich von Homburg bestimmen auch sein Handeln als General oder Soldat – dagegen wehrt sich der Kurfürst zunächst mit guten Gründen – das Problem des Stücks besteht auch darin, aus welchem Grund der Kurfürst seine Kritik an Homburg aufgibt.

Die Überlegenheit der tierhaft-leibhaften Intuition über den bloßen Kopf-Verstand (nicht über die Vernunft!) zeigt Kleists Erzählung „Über das Marionettentheater“. Dort geht es um die Frage, ob in der Geschichte der Menschheit Verstand und Intuition zusammenkommen können. – Kleist unterscheidet, soweit ich sehe, nicht zwischen Verstand/Vernunft, was dann leider die Diskussion nicht klarer macht. Auch im Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ nennt er nicht (wie ich) die Vernunft, sondern das, was sich ihr darbietet: das Gesetz, und die entsprechende Verpflichtung (was ich tun darf, V. 1105 f., was ich tun soll, V. 1375 f.).

Vgl. die Fortsetzung bzw. Ergänzung dieser Untersuchung sowie http://www.weissensee-verlag.de/autoren/Askarian/Askarian_153/askarian_153_kurz.pdf

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P.S. Beachte auch die kommentierten Links zum Stück: https://norberto42.wordpress.com/2011/12/05/kleist-prinz-friedrich-von-homburg-kommentierte-links/

3 thoughts on “Kleist: Prinz Friedrich von Homburg – Thema Herz / Gesetz

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