Traum und Wirklichkeit im 2. – 5. Akt (Kleist: Prinz Friedrich von Homburg)

Ich setze voraus, dass der erste Teil dieser Untersuchung bekannt ist: Homburgs Traum und Natalies Handschuh im 1. Akt).

Was wird aus Friedrichs Traum, der im Handschuhfund vom Glück garantiert zu sein schien (1. Akt)? Das wird in den folgenden Akten entfaltet.

Vor der Schlacht ruft Friedrich den Segen Gottes auf seinen Traum herab (V. 408 ff.). Er bemerkt nebenher, er sei gestern „zerstreut – geteilt“ (V. 420) gewesen, redet sich dann aber mit dem Diktieren heraus (V. 421). Er scheint sich noch einmal an den Handschuhfund zu erinnern (V. 428, wobei er „vor sich niedergeträumt“ hat).

Dann scheint er der Verwirklichung seines Traums ganz nahe gekommen zu sein: Er hat den Sieg (II,5) und Natalies Herz (II,6) gewonnen – ihm fehlt nur noch der Segen des Vaters Kurfürst (V. 610 f.). Er spricht die Kurfürstin bereits als „Mutter“ an (V. 710) und will ihr einen Herzenswunsch anvertrauen (V. 701 f.), wozu es wegen der Eile nicht kommt. „O Cäsar Divus! …“ (V. 712 f.). Doch in einem harten Schnitt verkündet der Kurfürst gleich darauf das Todesurteil über den Anführer der Reiterei (II,9). Was wird nun aus Friedrichs Traum?

Friedrich kann das Urteil des Kurfürsten nicht verstehen: „Träum ich? … Bin ich bei Sinnen?“ (V. 765) Hier spricht er metaphorisch vom Träumen, wie die drei folgenden Fragen bezeugen. Er schätzt seine Situation falsch ein (III,1), er verleugnet sie einfach: „Ich denk’s mir so!“ (V. 829) Er vertraut auf sein Herz (auf mein Gefühl von ihm, V. 868) und ist ganz ruhig. Wenn Hohenzollern ihn „Du Rasender“ (V. 866; vgl. V. 69) nennt, hat das nichts mit Penthesileas Raserei zu tun; es bedeutet eher so viel wie „Du Verrückter!“ – dass Friedrich also den Verstand ausgeschaltet hat und unbeirrt an seinem Traum festhält.

Als dann die Wirklichkeit nicht mehr zu leugnen ist, kippt seine Stimmung um und er verliert klagend „Meine Hoffnung!“ (V. 910) Er muss sich verraten vorkommen, sein Traum ist geplatzt. Da geht er zur Kurfürstin und spricht sie wiederholt als „meine Mutter“ an (V. 965 ff.), jedoch nicht wie ein anerkannter Sohn, sondern wie ein verzweifeltes kleines Kind. Auf dieser Ebene erreicht er ihr Herz; sie erwidert schließlich: „Mein teurer Sohn“ (V. 1020), leitet so zu Natalies Ermutigung über (s. Untersuchung zu „Herz und Gesetz“). Natalie erweckt auch den Traum zu neuem Leben: Er ist in ihrem Anschaun verloren (hinter V. 1061).

Ehe sie Friedrich im Gefängnis besucht, um ihm die Botschaft des Kurfürsten zu überbringen, zieht sie ihre Handschuhe an (V. 1279) – das ist auf der symbolischen Ebene das Signal, dass sich nun das Geschehen zum Guten wendet (vgl. die Bedeutung des Handschuhs im 1. Akt!). Friedrich kann die Begnadigung zuerst nicht fassen: „Es ist ein Traum.“ (V. 1305) Auch hier wird vom „Traum“ metaphorisch gesprochen, im Sinn von „unglaublich“. Als er dann zur Besinnung kommt (V. 1322 ff.), sich seiner selbst besinnt (V. 1334: Er will Prinz, nicht Schuft sein – vgl. „Schurke“ V. 492 – es geht jeweils darum, ein großes Herz zu haben!), ist er von des Kurfürsten Wort betroffen (hinter V. 1339) und unterstellt sich der Vernunft (s. Untersuchung „Herz und Gesetz“). Damit ist in seiner Person der Traum wirklich geworden: „Du Unbegreiflicher!“ (V. 1352); es steht nur noch die Verwirklichung in der Welt, im rechtlichen Bereich aus.

Nach Kottwitz’ Vortrag (V,5) schaltet Hohenzollern sich in die Diskussion um die Begnadigung ein. Es werden von ihm die Szenen I,1; I,4; und I,5 rekapituliert, wobei auch Natalies Handschuh gewürdigt wird (V. 1633 ff.). Der Kurfürst zieht das Fazit der Überlegungen (V. 1706 ff.), will aber nicht der einzige Schuldige sein (V. 1714 ff.). Jedenfalls trägt auch Hohenzollerns Traum-Deutung dazu bei, zu erweisen, dass Friedrich im Traumzustand unzurechnungsfähig war (V. 1693 ff.)

Der Traum erfüllt sich dann darin, das nicht nur Kottwitz (V. 1763), sondern auch der Kurfürst ihn „mein Sohn“ nennt (V. 1784), sogar küsst (hinter V. 1783) und das Todesurteil zerreißt (hinter V. 1828).

In den beiden Schluss-Szenen wird die Ausgangssituation erneut heraufgerufen (Szene V,10: „Es ist wieder Nacht.“); dem wundersam vorhandenen Lorbeer der Szene I,1 (. 50 f.) entsprechen die wundersam blühenden Levkojen und Nelken in V,10 (V. 1840). Der Prinz von Homburg wird mit Ehre und Herrlichkeit bekränzt, wie er es sich erträumt hat… (V,11), und fällt erneut (wie in I,4) in Ohnmacht (hinter V. 1850). „Nein sagt! Ist es ein Traum?“ (V. 1855) Hier ist wieder metaphorisch vom Unglaublichen die Rede. Kottwitz antwortet: „Ein Traum, was sonst?“ Kottwitz spricht m.E. vom Traum als einer Utopie – wenn man seine Äußerung nicht so verstehen will, dass er scheinbar ironisch Friedrichs Frage abtäte, weil er dem Ungeheuren des verwirklichten Traums anders nicht standhalten kann.

Die beiden letzten Verse sind rätselhaft. Warum rufen die Offiziere angesichts des verwirklichten Traums zum Aufbruch „Ins Feld!“ (V.1856)? Liegt der neue Aufbruch in der Logik des militärischen Sieges eines Prinzen (II,5)? Liegt er in der Logik eines Kleist’schen Patriotismus? Jedenfalls ruft nicht die Vernunft „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ (V. 1857); die Vernunft erkennt auch der Feinde Brandenburgs Daseinsberechtigung. Vielleicht lebt man besser ohne als mit Prinzen? Sicher ist die Existenz von Prinzen nicht erforderlich, um einen Ausgleich zwischen der Stimme des Herzens und dem, was die Vernunft sagt, zu suchen.

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