Prinz Friedrich von Homburg – der Kurfürst als Figur

Eine der wichtigen Figuren des Stücks ist der Kurfürst. Ich möchte hier einige Aspekte seiner Person (und damit auch der Personenkonstellation des Stücks) zu bedenken geben. Ich setze voraus, dass meine Untersuchung über „Herz und Gesetz“ bekannt ist.

1. Sein Verhältnis zu Friedrich von Homburg ist in dessen Sicht durchgängig wohlwollend: „Ich bin ihm wert, das weiß ich, wie ein Sohn“ (vgl. V. 829-835). Das mag damit zusammenhängen, dass Homburg der Sohn der Jugendfreundin der Kurfürstin ist, die ihn wie einen Adoptivsohn aufgezogen hat: „Dir übergab zu Homburg, als sie starb, / Die Hedwig mich …“ (vgl. V. 1010-1015).

2. So ist Homburgs Wunsch verständlich, dass er zu den beiden „Vater“ und „Mutter“ sagen darf (V. 67 f.), beziehungsweise es ist beinahe unverständlich, dass er das nicht längst sagt – allerdings weiß man nicht, wie alt er war, als seine Mutter starb; wenn er da schon älter als acht oder zehn Jahre war, wäre es verständlich, dass er die beiden nicht als Eltern angesprochen hat.

3. Des Kurfürsten Verhältnis zu seiner Nichte Natalie ist ausgesprochen herzlich und liebevoll. Er spricht sie als „Töchterchen“ an (V. 1092, 1147, 1191, vgl. 1191/93), als „mein süßes Kind“ (V. 1112) oder „meine teuerste Natalie“ (V. 1156); nachdem er an Homburg geschrieben hat, legt er seinen Arm um ihren Leib (hinter V. 1193), wie der verliebte Prinz in II,6 (hinter V. 599 – der allerdings „schlägt“ den Arm um ihren Leib). Sie ihrerseits sagt „O Liebster!“ (V. 1179). Wenn man hier nicht eine verborgene erotische Bindung wittern will, was ich für falsch halte, wird man in dieser Beziehung das Bild der bürgerlichen Familie entdecken, wie es uns etwa aus „Kabale und Liebe“ bekannt ist: gedämpfte Beziehung des Vaters zu seiner Frau, innige Bindung an die Tochter.

4. Dieser Eindruck drängt sich mir noch mehr auf, wenn ich überlege, warum die Fürbitten seiner Frau für den Prinzen nichts bewirkt haben (V. 1020 f.), während Natalies Vorstoß beim Kurfürsten erfolgreich ist (IV,1). Das kann zwei Gründe haben, die entweder in der Person der Bittstellerin oder in deren Argumentation begründet sind. Der Kurfürst könnte also mehr an Natalie als an seiner Frau hängen (wie Miller in „Kabale und Liebe“); es könnte aber auch Natalies Hinweis entscheidend sein: „Ach, welch ein Heldenherz hast du geknickt!“ (V. 1155) Darauf reagiert der Kurfürst überrascht und beinahe fassungslos: „Nein … Unmöglich … Er fleht um Gnade?“ (V. 1156 f.) Er wiederholt diese Frage (V. 1159), was zeigt, wie überrascht und getroffen er von Natalies Nachricht ist.

5. Einen ähnlich unklaren Eindruck macht die erste Verkündigung des Todesurteils: „Wer immer auch die Reuterei geführt, … Der ist des Todes schuldig, das erklär ich … – Der Prinz von Homburg hat sie nicht geführt?“ (V. 715-722) Mit der Festigkeit im Prinzip („Wer immer auch…“) verbindet sich m.E. eine Sorge um den Prinzen von Homburg: Der kann (und müsste eigentlich ) zu den mit „Wer immer auch“ Benannten gehören; die Frage am Schluss zeigt zumindest die Befürchtung, Homburg könnte der vom Todesurteil Betroffene sein (vgl. die Nachfrage V. 723).

6. Das  passt zu des Kurfürsten Interpretation von Natalies Wort, er habe ein Heldenherz geknickt: „Er fehlt um Gnade?“ (V. 1157) Zuvor ist er allen Argumenten Natalies (und damit auch dem Zauber ihrer Person) mit der bekannten Prinzipienfestigkeit des Richters entgegen getreten: dass es nicht gleich sei, ob im Vaterland Willkür oder Recht und Gesetz herrschen (V. 1143 f.). Nun jedoch lenkt er „verwirrt“ (hinter V. 1174) ein. Dass der Prinz nicht wie ein Mann sterben will, dass er sich nicht dem Gesetz unterordnen kann, verwirrt ihn also. Er begründet die Begnadigung damit, dass er sich nicht „gegen solchen Kriegers Meinung setzen“ (V. 1182) wolle: „Die höchste Achtung, wie dir wohl bekannt, / Trag ich im Innersten für sein Gefühl: / Wenn er den Spruch für ungerecht kann halten / Kassier ich die Artikel: er ist frei!“ (V. 1183 ff.) Das ist eine ganz ungewöhnliche Begründung, dass eine Begnadigung davon abhängig gemacht wird, dass der Verurteilte sein Vergehen nicht einsieht. Der Kurfürst ist also entweder von Natalies Fürbitte beeindruckt (aber warum dann nicht schon vor V. 1155 – die Tränen Natalies machen den Kurfürsten allerdings betroffen,  hinter V. 1146); oder er ist ungerecht gegenüber einem Straftäter; oder die Verfassung des Prinzen bewegt ihn zu seinem Umdenken.

7. Als der Prinz sich zu seiner freien Entscheidung, sich unters Gesetz zu stellen (V. 1342 ff. – siehe meine Untersuchung zu „Herz und Gesetz“!), durchgerungen hat, schreibt er einen entsprechenden Brief an den Kurfürsten (hinter V. 1373 ff.), den er von Franz an jenen überbringen lässt (vgl. V. 1378, V. 1465 ff.). Als der den Brief gelesen hat, gibt er die Anweisung, das Todesurteil und den Brief an Graf Horn zu holen (V. 1479 f. – vgl. V. 1814 ff.); er hat sich in diesem Moment also entschieden, das Todesurteil zu zerreißen, wenn er das auch Natalie bereits vorher zugesagt hatte – die Diskussion mit seinen Offizieren ist nur eine Fassade oder dient dazu, sich ihrer zu vergewissern, o.ä.; jedenfalls ist deren Bereitschaft, sich erneut unter den Befehl des Prinzen zu stellen (V. 1818 ff.), ohne Bedeutung für des Kurfürsten Entscheidung. Diese Szene (V,4) weist m.E. darauf hin, dass der Kurfürst dem Prinzen Gelegenheit geben will, nicht wie ein Waschlappen zu wimmern, sondern sich zur freien ethischen Entscheidung durchzuringen: sich unter das Gesetz zu stellen. Der Kurfürst erzieht also den Prinzen durch die Verurteilung und spätere Begnadigung nicht zum gehorsamen Staatsbürger, wie manche Interpreten meinen, sondern zu einem freien Menschen.

8. Dem entspricht, dass er ihn nach dessen Schuldbekenntnis (V,7) küsst und als „mein Sohn“ anspricht (V. 1784), ihn also beinahe so herzlich wie die Nichte Natalie behandelt.

9. Was mir ferner auffällt, ist die Tatsache, wie schnell der Kurfürst Natalie als „Prinz Homburgs Braut“ (V. 1790) bezeichnet; noch hat ja kein förmliches Verlöbnis stattgefunden, noch hat niemand offiziell um die Hand Natalies angehalten – die ganze Verlobung war eine private Annäherung oder blumenreiche Willenserklärung der beiden (II,6), mit einem kurzen Kuss besiegelt: also etwas, was selbst nach bürgerlichen Maßstäben, erst recht nach den Regeln des Adels (Prinzessin von Oranien, Prinz von Homburg) nichts zählt. Wenn es für die beiden und den Kurfürsten doch zählt, agieren sie nicht wie richtige Adelige, sondern wie Figuren der Empfindsamkeit oder der Romantik, und der Kurfürst ist dem Brautpaar eine Art guter Hausvater.

10. Fasst man die Beobachtungen und Überlegungen zusammen, muss man den Kurfürsten nicht nur als Fürsten eines Staates sehen (so V. 731 ff.), sondern auch als eine Art Hausvater, der an den „Kindern“ hängt und sich sorgt, dass aus dem „Sohn“ ein freier Mann und nicht nur der Träger einer Amtskette wird (Szene V,11). Oder anders gesagt, hat der Prinz von Homburg Recht, wenn meint: „Der Kurfürst hat getan, was Pflicht erheischte, / Und nun wird er dem Herzen auch gehorchen.“ (V. 820 f.) Die Frage war nur, wann „nun“ ist.

7 thoughts on “Prinz Friedrich von Homburg – der Kurfürst als Figur

  1. Pingback: Kleist: Prinz Friedrich von Homburg – kommentierte Links « norberto42

    • Kennst du das Gedicht „Der Rezensent“ von Goethe? Solltest du mal lesen!
      Was ich geschrieben habe, war bereits auf Deutsch geschrieben – auf die Sprachkompetenz von Lesern habe ich allerdings keinen Einfluss.

  2. Sprachlich vom allerfeinsten, gibt’s gar nichts zu meckern dran!
    Und für Leute mit „gehobenerem Bildungsgrad“ (wie mich, Abiturient) sehr gut zu verstehen!

  3. vielen dank!
    ich mache grade präsentations Prüfungen in Deutsch und das hier hat mir sehr geholfen wieder einen anschluss an Prinz Friedrich von Homburg zu finden !
    danke😀
    super seite !

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