Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts – Besprechung

Erzählt wird eine Geschichte des Verfallens – des Verfallens einer Familie, aber nicht als Familie, sondern als Verfallen der einzelnen Menschen. Das hängt mit der eigenwilligen Erzähltechnik zusammen: Die 20 Kapitel des Romans sind einmal dem 1. Oktober 1989 in Berlin gewidmet (6 Kapitel); an diesem Tag wird Wilhelm Powileit 90 Jahre alt und mal wieder als verdienter Altkommunist geehrt. In sechs Kapiteln wird sodann erzählt, wie sein Enkel Alexander im Jahr 2001 den Verfall seines Vaters Kurt Umnitzer erlebt, wie er von seiner Krebserkrankung erfährt und nach Mexiko reist, eher flieht, um dort an die von den Großeltern erlebten Orte zu kommen, die er von deren Bildern kennt. Die anderen Kapitel behandeln in chronologischer Reihenfolge Ereignisse der Jahre 1952, 1961, 1966, 1973, 1976, 1979, 1991 und 1995, also den Aufbruch der Exilanten Wilhelm und Charlotte Powileit aus Mexiko in die DDR und Episoden der Familiengeschichte dort, bis zum Tod Irina Umnitzers, der Frau Kurts. Erzählt wird so, dass jeweils eine Figur als Reflektorfigur dient, deren Perspektive das erzählte Geschehen bestimmt: siebenmal Alexander, dreimal sein Vater Kurt, dreimal seine Mutter Irina, dreimal seine Großmutter Charlotte, zweimal sein Sohn Markus, einmal sein Großvater Wilhelm und einmal seine Großmutter Nadjeshda, Irinas Mutter. Am Ende sind Wilhelm, Charlotte und Irina gestorben, Kurt ist dement und Alexander krebskrank; Nadjeshda ist aus dem Blick verschwunden, Alexanders Beziehungen sind kaputt, seine Lebensgefährtin Melitta ist mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet, sein Sohn Markus ein junger Mann mit erheblichen Problemen im Beruf.

Die Geschichte der Familie Powileit/Umnitzer ist mit dem Kommunismus und der DDR verbunden: Exil der Großeltern Powileit in Mexiko nach kurzer illegaler Aktivität im Dritten Reich, Lagerhaft Kurts und seines Bruders Werner in der Sowjetunion (wo Werner vermutlich im Lager umgekommen ist), Heimkehr Kurts mit seiner russischen Frau Irina und seinem Sohn Alexander in der Zeit von Chrustschows Tauwetter, Karriere in der DDR, einzelne Stationen der DDR- und Weltgeschichte, beginnende Auflösung der DDR 1989. Aber es dominieren für mein Empfinden die Geschichten der Menschen mit ihrer von Generation zu Generation abnehmenden Bindung an den Kommunismus: Großvater Wilhelm ist ein Betonkommunist, Kurt ein Reformer, Alexander Republikflüchtling, Markus ein „Aussteiger“. Der Ehemann Melittas (und Stiefvater von Markus), Klaus Greve, war in der DDR ein friedensbewegter Pfarrer und sitzt 1995 als Abgeordneter im Bundestag.

Der Roman bietet ein großes Leseerlebnis; ich nehme an, das rührt daher, dass der Wechsel der Perspektive uns die Figuren vielseitig erleben lässt. Es rührt auch daher, dass wir durch verschiedene Wiederholungen (von Irinas Weihnachtsgansbraterei über das Liedchen ihrer Mutter bis zu Wilhelms Witzen und Kurts Frauengeschichten) mit den Figuren und den Ereignissen vertraut sind. Die Figuren, die keine eigene Perspektive zugestanden bekommen, bleiben blasser.

Im Verzeichnis der handelnden Personen (S. 429) fehlen Catrin (zweimal Alexanders Freundin, zu verschiedenen Zeiten), Melitta (zwischendurch Alexanders Lebensgefährtin, Mutter seines Sohnes Markus) und der bereits genannte Pfarrer Klaus Greve. Markus’ Auftreten im Kreis seiner Kumpane kam mir etwas gekünstelt, also „jugendsprachlich“ überzogen vor; Irinas eigenwilliges Deutsch bleibt bis zum Schluss charmant, die Mexikoreise Alexanders bekommt jedoch zu viel Raum (oder Erzählzeit) zugebilligt, ist nicht frei von Tourismus-Klischees und trägt zum erzählten Geschehen nicht viel bei.

Eugen Ruge, Sohn des DDR-Historikers Wolfgang Ruge (1917 – 2006), hat ein ausgezeichnetes Buch geschrieben, in dem er offensichtlich die Geschichte seiner Familie (mit) verarbeitet hat. Der Titel ist einer Herbsterfahrung der Russin Nadjeshda entlehnt (S. 139): Wenn in ihrem Heimatort Slawa die Kartoffeln geerntet waren und die Kartoffelfeuer brannten, war die Zeit des abnehmenden Lichts. Ob diese Herbstimpression auch das in der Generationenfolge Wilhelm bis Markus (samt Charlotte, Irina und Melitta) verblassende Licht des Kommunismus/Sozialismus meint, mag jeder Leser für sich beurteilen.

http://www.getidan.de/kritik/joerg_magenau/36347/eugen-ruge-in-zeiten-des-abnehmenden-lichts

http://www.zeit.de/video/2011-09/1145964513001 (Iris Radisch)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1542090/ (V. Auffermann: kurz und knapp)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ein-deutsches-jahrhundert-im-roman-der-untergang-des-hauses-ruge-11125457.html (mit Würdigung des Autors als Mensch)

http://de.wikipedia.org/wiki/In_Zeiten_des_abnehmenden_Lichts (großer Artikel)

http://nachrichten.lvz-online.de/kultur/news/eugen-ruge-erhaelt-deutschen-buchpreis/r-news-a-109152.html

http://literaturzeitschrift.blog.de/2011/10/03/eugen-ruge-zeiten-abnehmenden-lichts-11958837/ (zu kritisch, finde ich)

http://theintelligence.de/index.php/feuilleton-/buch-rezensionen/188-belletristik/3302-ueber-zeiten-des-abnehmenden-lichts.html (die Zeitung kannte ich noch gar nicht!)

http://www.lesemond.de/titel/ruge_eugen_in_zeiten_des_lichts.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/1280.html (einmal fälschlich „Karl“ statt „Kurt“)

http://www.der-unbekannte-gorki.de/index.php?e=90

http://ausgelesen.wordpress.com/2011/10/24/buch-eugen-ruge-in-zeiten-des-abnehmenden-lichts/

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