Goethe: Faust I – Magie

Um die Magie in „Faust I“ zu verstehen, muss man auch beachten, wie man zu Goethes Zeiten über die Magie dachte bzw. was man davon wusste.

Magie […] überhaupt aber verstehet man darunter eine Erkänntniß geheimer und verborgener Dinge, daß man vermittelst derselben allerhand seltsame und ungewöhnliche Würckungen herfür bringt, welche über die natürlichen Kräffte zu seyn scheinen. Thomasius de crimine magiae §. 9. erinnert, daß er angemercket, wie vor Alters zwar das Wort Magie eine iede; aber doch verborgene Wissenschafft und Weisheit bedeutet, das ist eine Erkänntniß solcher Dinge, deren Ursachen nicht nur an sich selbsten dem gemeinen Volck verborgen gewesen; sondern auch mit Fleiß verborgen worden, auf daß es um so viel leichter in der beharrlichen Unwissenheit erhalten würde; die Ursachen aber einer höhern als menschlichen Krafft zuschreiben müste. […]

Dergleichen z.E. sind Clavicula Salomonis, ingleichen Semiphoras & Schemhaphoras Salomonis Regis, und andere mehr. Diese Magische Kunst und ihre gerühmte Würckungen selbst betreffend; so ist bekannt, daß sich die Meister dieser so gottlosen als unglücklichen Kunst gewisser Gebräuche, Ceremonien, Caractern, heiliger und fremder Worte und Formuln bedienen, wodurch sie die Geister zu bannen, und dahin zu vermögen glauben, ihrem Begehren und Verlangen eine Gnüge zu leisten. Nachdem aber leichtlich niemand so gar tumm und unbesonnen seyn wird, daß er sich sollte überreden können, als ob in diesen Gebräuchen, Ceremonien, Charactern, Worten und Formuln eine gewisse natürliche Krafft stäcke, die Geister zu bannen und zu zwingen; so könnte hierbey nicht unbillig die Frage aufgeworfen werden, woher es denn aber komme, daß diese Magi oder Zauberer gleichwol bisweilen alles, was sie verlangen, erhalten, und die Geister sich so bereit und willig finden lassen, in ihren Willen zu kommen? Allein wer nur dieses alles etwas reifflicher bey sich selbst überleget, der wird gar bald im Stande seyn, die hierunter verborgene List und Schalckheit des höllischen Geistes zu übersehen, als welcher eben hauptsächlich diesen ohnediß schon verruckten Leuten dergleichen einfältiges und albernes Zeug weiß gemacht […].

Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1731-1750), Bd. 19, Sp. 289; Sp. 295 f.

Die Magie bezeichnet den Inbegriff aller Kenntnisse und Fertigkeiten, welche zur Hervorbringung übernatürlicher Wirkungen und Kräfte erfordert werden. Je nachdem geheime, aber in der Natur verborgen liegende Mittel hierzu gewählt, oder gute oder böse Geister zur Ausführung gebraucht werden, wird die Magie noch jetzt, oder wurde es in den finstern Zeiten der vorigen Jahrhunderte, in die natürliche, weiße und schwarze Magie eingetheilt. Letztere setzte man ehemahls auf die Rechnung des Teufels, und der Glaube an dieselbe verlor sich schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts. In größerm Ansehen erhielt sich die so genannte weiße Magie, welche es vorzüglich mit Dämonen, Schutzgeistern und den übrigen Mittelwesen zu thun hat, die ihre Existenz den Träumereien der neuplatonischen Philosophen verdanken. Sie fand bis auf die neuesten Zeiten Bewunderer und Verehrer, und ist noch jetzt eine ergiebige Quelle für Gaukler und Betrüger, welche sich ihrer unter dem Namen der Theurgie und Theosophie bei schwachköpfigen Personen bedienen, um Geld zu erpressen oder geheime Absichten durchzusetzen. […]

Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 15.

Magie in „Faust I“

Die Hingabe Fausts an die Magie ist Chiffre der während des Sturm und Drang sich erstmals im großen Stil vollziehenden Wendung zum Irrationalismus. Und man muß es als einen bewundernswerten Griff bezeichnen, daß Goethe dafür das mit dem Faust-Stoff vorgegebene Motiv der Magie verwendete. […] In einem Stadium, das schon unter dem Eindruck der modernen Wissenschaft steht, hat die Magie zwar den Charakter des altertümlich Unzeitgemäßen, schon beinahe Sagenhaften wie die Faust-Gestalt selbst – und der junge Goethe suchte wie im Götz und in anderen Werken bewußt die Atmosphäre des Altdeutschen. Jenseits des historisierenden Kolorits aber gerät die Magie zu einer aktualitätshaltigen Chiffre der Sehnsucht nach höchster und zugleich universal orientierender Sinnerfahrung in einer Welt, in der sich der Mensch in eine Fülle zerstreuter Einzelerkenntnisse und Einzelwissenschaften verliert.

Schmidt, Jochen: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung. Verlag C. H. Beck: München 2001 (2. Aufl.), S. 73-75

Aufgaben:

1. Beschreiben Sie, wie in den Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts der Abwehrkampf gegen die Magie geführt wird.

2. Erörtern Sie, was Jochen Schmidt über die Magie im „Faust I“ sagt, im Hinblick auf die Szenen „Nacht“, „Studierzimmer I“ und „Studierzimmer II“.

—– Vgl. zu „Faust I“ auch noch

https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-faust-und-hiob/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-motiv-weben/

https://norberto42.wordpress.com/2011/10/30/lieder-und-chore-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2011/02/01/h-a-korff-uber-das-drama-des-sturm-und-drang-und-goethes-faust/

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

3 thoughts on “Goethe: Faust I – Magie

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