Brecht: Episches Theater, Kleines Organon

Eine kurze Einführung – zugleich eine Kritik an „Texte, Themen und Strukturen“ (TTS). Deutschbuch für die Oberstufe. Hrsg. von Heinrich Biermann und Bernd Schurf, Cornelsen 1999

In einer Tabelle wird im TTS (auf S. 167) ein Schema Brechts vorgestellt: „Die dramatische und die epische Form des Theaters“, datiert auf 1938, zugeordnet dem Aufsatz „Anmerkungen zur Oper ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘“ (S. 166). Dazu ist Folgendes zu sagen:
1. Der Aufsatz ist 1930 erschienen – ich beziehe mich auf die Anmerkungen von Stefan Hauck in Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden (Jubiläumsausgabe 1997), Bd. 6.
2. Das in TTS S. 167 abgebildete Schema gibt es so nicht; es stellt eine freie Kombination zweier Schemata Brechts dar, des bereits erwähnten und eines anderen aus dem Aufsatz „Vergnügungstheater oder Lehrtheater?“ (1935)

Es gibt eine Reihe von Aufsätzen oder Vorträgen Brechts, in denen er seine zuerst im Umfeld von Piscator, später in New York und Berlin erarbeitete Theaterpraxis und seine eigene Theorie formuliert und überarbeitet hat. Als Beispiele seien genannt:
„Die dialektische Dramatik“ (1930/31)
„Vergnügungstheater oder Lehrtheater?“ (1935)
„Über die Versuche zu einem epischen Theater“ (um 1935)
„Die Straßenszene. Grundmodell einer Szene des epischen Theaters“ (e 1938 nach Margarete Steffin; 1940 v)  [Titel im TTS, S. 171, ist falsch!]
„Über experimentelles Theater“ (1939)
„Kleines Organon für das Theater“ (e 1949); das ist die bedeutendste theoretische Schrift, sie hat einen eigenen Artikel im KLL. Dazu hat Brecht später noch einige Nachträge geschrieben; weil er mit dem Begriff „episches Theater“ unzufrieden war, hat er am Ende den Begriff „dialektisches Theater“ vorgezogen, aber nicht mehr in einem größeren Aufsatz entwickelt.

Im „Kleinen Organon“ wird das Theater zuerst als eine Stätte der Unterhaltung erwähnt, „und untersuchen wir, welche Art der Unterhaltung uns zusagt!“ (Einleitung). Es dient also der Unterhaltung (1 – 10), aber eben der Unterhaltung im wissenschaftlichen Zeitalter (11 – 20, verbunden mit marxist. Gesellschaftsanalyse): Wissenschaft sichert den Unterhalt der Menschen, Theater dient ihrer Unterhaltung. Es komme also darauf an, im Theater vergnüglich eine kritische Haltung einzunehmen (21 f.). Damit Theater dies leisten kann, muss es sich den reißendsten Strömungen in der Gesellschaft ausliefern (23 ff.).
Das traditionelle Theater ist dieser Aufgabe nicht gewachsen (26 ff.); wir brauchen deshalb ein neues Theater (35 ff., bereits in 32 ein Aufruf zum Aufbruch):
a) Durch episch-historische Verfremdung, welche eine Einfühlung in die Figuren verhindert, „mögen ihm [dem Zuschauer, N.T.] die Umstände, unter denen er handelt, ebenfalls besonders vorkommen, und dies ist der Beginn der Kritik“ (37). „Die neuen Verfremdungen sollten nur den gesellschaftlich beeinflußbaren Vorgängen den Stempel des Vertrauten wegnehmen, der sie heute vor dem Eingriff bewahrt.“ (43) Bei dieser Verfremdung kann man die materialistische Dialektik verwerten (44 ff.).
b) Der Schauspieler muss entsprechend agieren (47 – 53), was am Beispiel von Laughton als Galilei erläutert wird (49). Der Schauspieler muss kommunistisch-parteilich sein (55 f.); er muss in die Figur das „Nicht-Sondern“ hineinbringen, damit man die Vorgänge als beeinflussbar ansehen kann.
c) „Den Bereich der Haltungen, welche die Figuren zueinander einnehmen, nennen wir den gestischen Bereich. Körperhaltung, Tonfall und Gesichtsausdruck sind von einem gesellschaftlichen ‚Gestus‘ bestimmt: die Figuren beschimpfen, komplimentieren, belehren einander usw.“ (61) Was er über den gestischen Bereich (60 – 64) zu sagen hat, demonstriert Brecht am Beispiel der ersten Szenen des „Galilei“ (63).
d) Auf die Fabel kommt alles an (65 – 70), d.h. auf ihre Auslegung durch Verfremdung.
e) Es folgen Bemerkungen über die Musik usw. und darüber, wie das Stück dem Publikum abzuliefern ist (71 – 76).
Zum guten Schluss wird noch einmal Vergnügen am Theater mit dem höheren Vergnügen an der gesellschaftlichen Veränderung verbunden: „In seinem Theater mag er [der Zuschauer, N.T.] seine schrecklichen und nie endenden Arbeiten, die ihm den Unterhalt geben sollen, genießen als Unterhaltung, samt den Schrecken seiner unaufhörlichen Verwandlung. Hier produziere er sich in der leichtesten Weise; denn die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst.“
(In http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_drama/drama_rede_3.htm wird versucht, Brechts Ideen vom Gestus für die Analyse der Kommunikation im Drama zu nutzen.)

Man muss die Begriffe der Dialektik und der Verfremdung verstehen, wenn man Brechts episches Theater verstehen will. In der Beurteilung des Widerrufs im „Leben des Galilei“ (Bild 13 und 14, siehe dort!) wird deutlich, was Dialektik ist und wie sie der Verfremdung zu dem Zweck dient, den Zuschauer zu seiner Aktivität zu wecken:
Galilei verteigt seinen Widerruf in (13), während Andrea ihn veruteilt; in (14) rechtfertigt Andrea nach Vollendung der „Discorsi“ den Widerruf, während Galilei ihn verurteilt. Der Zuschauer wird jedoch (in 15) dazu aufgerufen, selber „der Wissenschaften Licht“ zu hüten.

Unter dem Stichwort „Brecht: Kleines Organon“ findet man einige Links:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/bre/bre_sonst/bre_theatheo/bre_theatheo_txt_1.htm (11 Zitate)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/bre/bre_sonst/bre_theatheo/bre_theatheo_txt_2.htm (4 Zitate: Gestus)
http://home.arcor.de/richardt/3-16.htm (Übersicht über Brechts [episches] Lehrtheater)
historischhttp://www.berliner-schauspielschule.de/berliner_ensemble.htm
Bedeutung Brechts über Brecht hinaus:
http://www.jungewelt.de/2006/10-14/015.php
http://www.jungewelt.de/2006/10-16/013.php (kommunist. Prof. über Lernen und Lehren bei Brecht)
http://www.manfredwekwerth.de/brechttheater2004.html (große Diskussion des Brecht-Theaters)
http://www.welt.de/data/2006/08/12/993340.html?prx=1 (Falk Richter: Maßstab für heute?)

Über die Anfänge: Brecht und Piscator
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/PiscatorErwin/
http://www.hdg.de/lemo/html/weimar/kunst/theater/index.html
http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/ausblick/bre_radio.htm
http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/brechtep.htm (selber suchen!) http://www.br-online.de/wissen-bildung/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/folge_6/fakten.shtml
http://www.bpb.de/publikationen/ANC4LZ,1,0,Brecht_und_die_politischen_Systeme.html
http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brecht2.htm
(http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brechti.htm#i01)
Wir lassen Judith Malina und andere, die Brechts und Piscators Arbeit auf ihre Weise fortgesetzt haben, jetzt einmal außer Acht – es geht mir darum, dass man sieht, dass Brecht nicht vom Himmel gefallen ist, sondern in einem Umfeld gearbeitet hat.
Auch Verfremdung ist ein von den ästhetischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts sowohl praktiziertes wie theoretisch reflektiertes Verfahren (wenn auch anders als bei Brecht genutzt): Collage und Montage, Deformation. Dekontextualisierung, Entstellung und Verschiebung sind zum Beispiel angewendet worden. In der Philosophie ist Verfremdung des Blicks auf das alltäglich Gewohnte von Martin Husserl zur Methode der Phänomenologie erhoben worden. – Man sieht hier, wie auch später als singulär Erscheinendes in seiner Zeit verwurzelt ist.

Kleines P.S.
Was Brecht den gesellschaftlichen Gestus nennt (s.o.), heißt heute allgemein sprachliches Handeln und wird in der Theorie der Sprechakte erfasst. [Manches hört sich schlauer an, als es ist: Bereits Mephisto hat das gesehen und gesagt, Faust I, V. 1995 ff.]

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