Brecht: Leben des Galilei – Analysen

Auf den anspruchsvollen Titel „Analyse“ (im Singular) verzichte ich, weil die hier vorliegenden Analysen im Lauf der Zeit, also ganz unsystematisch entstanden sind. – Brecht – Piscator: Links zu diesem Verhältnis  stehen im Aufsatz „Brechts episches Theater“.

Ansatz des Verstehens
(Ausgabe: edition suhrkamp 1, 1955 u.ö.)

„In sich widerspruchsvoll ist die Hauptfigur. Galilei begründet die neue Wahrheit und verrät sie zugleich…“ Von diesem Urteil aus dem Artikel im KLL (Knut Nievers in der 1. Auflage; in der 2. Aufl. von KLL überarbeitet) wird man ausgehen können, auch wenn Jan Knopf in seinem Brecht-Handbuch manchen Einzelheiten des KLL-Artikels (Bezug zur Entdeckung der Atomspaltung; Nähe zum historischen Galilei) widerspricht. Die Widersprüche in der Figur Galilei werden im KLL so ausgelegt:
Er begrüßt das neue Zeitalter – er lebt in beengten finanziellen Verhältnissen;
er hat einen klaren wissenschaftlichen Blick – politisch ist er mit Blindheit geschlagen;
er stößt neue Forschungen an – er zerstört Virginias Lebensglück.
Die Pole des letzten Widerspruchs scheinen mir jedoch nicht zueinander zu passen.
Für ein „normales“ Verständnis des Stücks reicht der Artikel im KLL nicht ganz; schon weiter kommt man mit Jan Knopfs Brecht-Handbuch von 1980 (zwei Bände, hier: Theater. Eine Ästhetik der Widersprüche), das seit 2001 in fünf Bänden neu herausgegeben worden ist. Knopf darf als größte Brecht-Koryphäe gelten. Für unsere Bedürfnisse genügt meistens Zimmermann, Werner: Bertolt Brecht: Leben des Galilei. Dramatik der Widersprüche, 1985. In der Forschung spielt die Frage, wie Brecht an den drei Fassungen (1938/39, amerikanische Fassung 1947, Berliner Fassung 1955) gearbeitet hat, eine große Rolle; wir arbeiten nur mit der Berliner Fassung in der alten Ausgabe bei Suhrkamp (es 1, mittlerweise gibt es eine kommentierte Ausgabe). Wir beginnen gemäß der unbestrittenen Einsicht, dass die Widersprüche die bestimmende Figur des Dramas sind.

Analysen bieten http://www.wcurrlin.de/bruecken/bruecke_kultur_nationalsozialismus_exil_galilei.htm (Übersicht)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Brecht/galilei.htm

http://www.schule-der-rhetorik.de/galilei.htm (Geschichtsparabel) – in den Übersichten findet man natürlich Adressen, die man auch außerhalb der Übersichten finden kann.

Die Dialektik der Titelfigur
wird von Werner Zimmermann (a.a.O., S. 65 ff.) in folgenden Begriffen ausgelegt:
Geist und Sinnlichkeit,
Bewährung und Versagen,
Theorie und Praxis,
„Förderer der Wissenschaft“ und „sozialer Verbrecher“,
Opportunist und/oder tragischer Held,
Historische Gestalt und/oder Parabelfigur.

In Ergänzung zu Zimmermann möchte ich darauf hinweisen, dass mit der Dialektik der Titelfigur die Weite des Stücks „Leben des Galilei“ bei weitem nicht erfasst ist. Es gibt auch die Dialektik zwischen Sehen und Lesen (Galilei – die Gelehrten), zwischen Sehen und Glotzen, zwischen dem Trösten des Volkes und der Ausbeutung des Volkes, zwischen Ausbeutung und Befreiung, zwischen prinzipiellem Glauben an die Vernunft (Galilei) und auf Erfahrung beruhender Skepsis gegenüber der Vernunft (Sagredo, die Kardinäle).

In Bild (1) treffen wir auf Galilei in vier Situationen:
* Gegenüber Andrea ist er der große Lehrer und Forscher, der den Jungen ganz methodisch an die Wissenschaft heranführt (Zuerst das erste: Beschreibung, S. 8) und ein großes Loblied auf die neue Zeit und die Weite des Lebensfeldes, die durch die Forschungslust eröffnet wird, singt (S. 8-10); er umschreibt sein Lebensziel damit, „daß man es begreift“ (S. 11), dass also das neue Wissen sich verbreitet. Er demonstriert seine Einsichten am Beispiel (S. 11), und wiederholt das, was noch nicht verstanden ist.
Er zeigt aber auch gegen Andrea schon andere Züge: Er nutzt ihn nicht nur als Laufburschen (S. 16) und denkt nicht daran, Andrea seinen als Pfand für das Linsengeld hinterlassenen Rock zu ersetzen (S. 21: Was wirst du ohne Rock im Winter machen?), sondern verbietet ihm auch wegen der Obrigkeit, sein Wissen zu verbreiten. Gegen Andreas Freude an den Möglichkeiten des Fernrohrs hebt sich sein erster Gedanke an den Geldsegen (22) ab.
* Er missachtet die Sorgen der Mutter Sarti um ihren Sohn (12), aber beugt sich den ökonomischen Argumenten der Haushälterin (16).
* Ludovico nimmt er als Deppen finanziell aus (14), stellt aber dieses Deppen wegen den Unterricht Andreas zurück (15); dem Unwissenden entlockt er das Geheimnis der Konstruktion des Fernrohrs (15).
* Mit dem Kurator streitet er um sein Gehalt und wehrt dessen Argumente vom Nutzen der Gedanken- und Redefreiheit (17 f.) sowie der Notwendigkeit, Wissen zu vermarkten (18 f. – den praktischen Zirkel tut er als „Schnickschnack“ ab, 19 f., obwohl er die Bedeutung der Schiffe und der Werften kennt, 9, 10, 20) ab, lässt sich aber zugleich zur „Erfindung“ des Fernrohrs anregen, das ihm 500 Skudi bringen wird (er sagt „uns“, 22).
Fazit: Für Galilei gibt die Lust der freien Forschung, aber auch die Angst vor der Obrigkeit; das Interesse an der zweckfreien Forschung, aber auch das Interesse an der Vermarktung ihrer Ergebnisse; die Freude des Lehrens und Erkennens, aber auch Interesse am Geld für den eigenen Haushalt; die Verankerung des Wissens in der Praxis (9, 10, 20), aber auch Verachtung derer, welche Wissen praktisch nutzen wollen.
Wichtig erscheint mir, dass Galilei diese Widersprüche nicht erkennt und nicht bedenkt; Brecht führt Galilei so „dumm“ vor, weil diese Widersprüche im realen Forscherleben auftauchen (können) und weil der Zuschauer so selber im Blick auf sein eigenes 20. (bzw. 21.) Jahrhundert sich diesen Fragen stellen kann.

Analyse: Die Wissenschaft als Thema in (1) – (5)

1. Um welche Aspekte der Wissenschaft geht es?
Forschen – Lehren – Lernen – Anwenden, s. unten!
2. Welche Figuren oder Gruppen treten auf?
Galilei und seine Freunde (Schüler) – Kurator usw. (Staat) – Kirche (Institution neben dem Staat) – „alte Gelehrte“ (verbunden der Kirche)

* Aspekte des Forschens: (Galileo – die alten Gelehrten)
1. Wie wird geforscht?
– mit welchen Hilfsmitteln?
– Vorgehen dabei?
– nach welchen Prinzipien?
2. Was wird erforscht?
3. Wozu wird geforscht?
4. Mit welchen Folgen wird so geforscht?
– theoretische
– praktische (s. auch: Anwenden!)
* Wenn man z.B. in (4) die alten Gelehrten mit Galileis Arbeiten vergleicht, ergibt sich:
– dass die alten Gelehrten eine Theorie vertreten, nur Gründe (Begründungen) gelten lassen und disputieren,
während Galilei nur Hypothesen vertritt, beobachtet, also Phänomene betrachtet;
– dass die alten Gelehrten Lesen (Bibel, Aristoteles),
während Galilei mit einem Instrument in die Welt schaut;
– dass Forschen eine Sache der geistlichen Herren ist, die Latein reden,
während Galilei sich an an der Praxis der handwerker orientiert und die Umgangssprache bevorzugt;
– dass die alten Gelehrten an der Harmonie des Weltbildes (Gott) interessiert sind,
während dieses für Galilei keine Rolle spielt.

* Aspekte des Lehrens: Galilei, der Kurator, Sagredo, Kirche und Staat [Giordano]
1. Was wird gelehrt (und was nicht – und warum nicht)?
2. Wie wird gelehrt?
– Vorgehen
– Sprache
3. Wen belehrt man (und wen nicht)?
4. Wozu wird gelehrt?
5. Mit welchen Folgen wird (nicht) gelehrt?
[Beim Lehren sieht man deutlich , dass ich oft den Aspekt des „Nicht“ beachtet habe, dass es hier also etwas zu entscheiden gibt: dass Dialektik waltet.]

* Aspekte des Lernens: wie? wozu? wann und warum (nicht)? (Andrea, Ludovico)

* Aspekte des Anwendens: (Galileo, der Staat – das Volk)
1. Welche Bedeutung hat das Anwenden gegenüber dem Erkennen?
2. Zu wessen Nutzen wird etwas angewendet?
– angeblich?
– tatsächlich?

Diese Leitfragen haben in den verschiedenen Konstellationen verschiedenes Gewicht.
Es geht durchweg um Konfrontationen, wobei die Linien nicht auf ewig festgelegt sind:
Galilei vs. Staat (Padua vs. Florenz): Freiheit des Lehrens (und Interesse an Geld) – Interesse an Geld und Nutzen,
Galilei vs. alte Gelehrte (in 4): Methode des Erkennens, Gründe beim Argumentieren, Sprache der Lehre usw.
bis hin zu Galileo in der einen – der anderen Situation; der eine – der andere Schüler (jetzt – später); die Kardinäle als Forscher – als Kardinäle…: Dialektik total!
Grundfrage: Wie, wozu und mit welchen Folgen soll man Wissenschaft betreiben?

Dialektisches Verhältnis zwischen Bild (2) und (10) – Analyse
Nicht nur im einzelnen Bild, auch in der Verknüpfung verschiedener Szenen zeigen sich die genannten Spannungen; ich stütze mich auf W. Zimmermann: Bertolt Brecht: Leben des Galilei. Dramatik der Widersprüche (1985), der sich auf einen Aufsatz Rainer Nägeles (1971) beruft. Danach ist Bild (8) die Achse des Dramas: Mit der Unterdrückung der Lehre Galileis in (7) ende ein erster Handlungsablauf, mit der Wiederaufnahme der Forschungen in (9) beginne der zweite Durchgang. In (8) werde die im ersten Handlungsteil gemachte Erfahrung einer theoretischen Analyse unterworfen, danach werde das Experiment unter neuen Bedingungen wiederholt. [Ich will nicht verhehlen, dass mir diese Aufteilung zu schematisch erscheint – zu schön, um wahr zu sein! Dem Bild (10) kann man genauso gut Bild (8) entgegensetzen: Was Galileis Astronomie in Zukunft politisch bedeutet (10) – was sie jetzt für die Sinngebung eines schweren Lebens bedeutet (8), beides im Hinblick auf das Volk!]
Die beiden Bilder (2) und (10) zeigen Galilei auf dem Höhepunkt seiner Popularität, (2) bei den Großen und (10) bei den kleinen Leuten. Parallel und konstrastierend zugleich sind der Aufzug der Ratsherren mit dem Fernrohr auf einem Samtkissen und der Karnevalsaufzug des Volkes, in dem die Machthaber karikiert werden.
Galilei führt sein Fernrohr theatralisch ein, nicht ohne kräftig zu lügen (S. 23); der Kurator erklärt seinen militärischen (S. 23) und wirtschaftlichen Wert (S. 10), während Galilei seinem Freund Sagredo das Mehr, die wahre wissenschaftliche Leistung des Fernrohrs andeutet (S. 23 f.). Das Nebeneinander, die Diskrepanz der Themen fällt auf (Ratsherr – Galilei – Sagredo, S. 25). Der Doge lügt, indem er sagt, der Rat brauche einen „Vorwand“ (S. 26), um seine Wissenschaftler zu belohnen – jeder durchschaut das; der dumme Ludovico deckt Galileis Lügen auf, indem er Galileis Leistung als Austausch des Futterals (S. 25) identifiziert und zum Schluss feststellt, jetzt fange er an, Wissenschaft zu verstehen: als Betrug der Dummköpfe (S. 26).
Während des Karnevals 1632 (10) wird das Florentiner Lied vorgetragen, in dem das Volk sein Verständnis Galileis ausdrückt: Dr. Galilei widerspricht dem Allmächtigen (S. 94 f.), die soziale Ordnung wird dadurch umgekehrt (Revolution): „Wer wäre nicht auch mal gern / sein eigner Herr und Meister?“ (Refrain des Liedes) Der sich andeutenden Anarchie setzt der Sänger seine (ironisch gebrochene?) Einsicht entgegen: „Macht man den Strick uns ums Genick nicht dick, / dann reißt er!“ (S. 96) Dies verbindet er mit der Mahung: „Mit der Bibel, Leut, treibt keinen Scherz!“ (S. 96) – aber in Bild (10) werden mit der Bibel Scherze getrieben. Als seine Frau mit der neuen Einsicht ihren Seitensprung rechtfertigt (S. 97), widerspricht er ihr energisch, ohne doch auf den Refrain zu verzichten: „Wer wäre nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?“ Zum Schluss werden karnevalistische „Modelle“ des neuen Weltbildes und des Bibelzertrümmerers, also des Revolutionärs Galilei vorbeigetragen.
Die beiden Vorsprüche kündigen „die Wahrheit übers Teleskop“ (S. 23) bzw. einen Vorgeschmack auf die Zukunft (S. 94) der Revolution an, beides jedoch nicht ohne innere Widersprüche.

Analyse Bild 3 [bis S. 36, wo es zu bimmeln beginnt]
unter der Fragestellung, wie sich hier Vernunft zeigt und wie sie zur Sprache kommt
In diesem Bild treten Sagredo, der Kurator und Frau Sarti als Gesprächspartner Galileis auf. Vernunft wird von Galilei und Sagredo thematisiert, zeigt sich aber auch im Agieren und Argumentieren der Figuren.
Sagredo und Galilei beobachten durch ein Instrument die Himmelskörper; sie erklären, was sie sehen (S. 27); sie diskutieren Widersprüche zu bestehenden Theorien und ziehen Folgerungen weltanschaulicher Art (S. 28), wobei Sagredo schon auf die sozialen Auswirkungen dieser neuen Erklärung hinweist. Dies alles geschieht im Gespräch (Dialog) unter Gleichberechtigten, also argumentativ, auch wenn Sagredo der Widersprechende und Galilei der Erklärende ist. Vernunft zeigt sich
– als auf Beobachtungen (Erfahrung) beruhend,
– als argumentativ Widersprüche aufhellend,
– als Kraft des Dialogs,
– als Folgerungen ziehend
– und Folgen bedenkend.
Ihre Beobachtungen und ihr Gespräch setzen die beiden, teilweise in großer Erregung, weil offensichtlich viel auf dem Spiel steht, nach dem Besuch des Kuators fort.
Der Kurator kommt während der gelehrten Diskussion sich beschweren, dass das Fernrohr, dessentwegen Galilei eine Gehaltserhöhung bekommen hat, für die Stadt [im Sinn der Vorteile im Krieg, vgl. S. 24] wertlos sei, weil es auch in Holland massenweise produziert wird.
Andere Begründungen (wissenschaftlicher oder philosophischer Art) für den Wert des Instruments lässt er nicht gelten, weil er persönlich durch Verteidigung des militärischen Wertes blamiert ist (S. 29 f.). Galilei verteidigt seinen Betrug damit, dass er in einer Welt lebt, in der man Geschäfte machen muss (S. 31), um gut zu leben, zu forschen und seine Tochter angemessen zu verheiraten – also aus praktischen Gründen.
Solche praktischen Gründe lässt er aber nicht gelten, als er mit Sagredo diskutiert, von welchen Motiven die Menschen sich leiten lassen: ob er also befürchten müsse, wie Giordano Bruno verbrannt zu werden, weil seine Lehre der kirchlichen widerspricht (S. 33 f.); wenn man Galileis Beispiele für das Leben nach der Vernunft untersucht (S. 34), sieht man, dass alle drei Figuren sehr wohl ihren eigenen Vorteil im Auge haben und nicht an wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert sind. Sagredo beruft sich auf Erfahrung, als er ein Leben aus Vernunft von dem unter der Leitung erbärmlicher „Schlauheit“ unterscheidet, also von der instrumentellen (Horkheimer) oder bloß praktischen Vernunft. Galilei verkündet dagegen seinen (mehr auf Begeisterung als auf Erfahrung gestützten) Glauben an „die sanfte Gewalt der [reinen] Vernunft“ (S. 34) und will deshalb auch Andrea als ersten Jünger in die neue Theorie einweihen (S. 32).
Im Beweisverfahren, das seinen Glauben stützen soll, demonstriert er am fallenden Stein die Bedeutung des Beobachtens und fragt dann Frau Sarti, „die Gestirne betreffend“, ob das Große sich um das Kleine dreht oder umgekehrt; Frau Sarti antwortet mit einer Analogie aus dem sozialen [hierarchisch geordneten!] Leben, dass selbstverständlich sie für Galilei koche, der das schließlich bezahlt. Galilei nimmt dies als Beweis, dass die Menschen nach der Wahrheit schnappen, ohne dass er bemerkte, dass die Unterordnung seiner Haushälterin nie und nimmer astronomische Theorien beweisen kann; außerdem gehorcht sie ihm nicht, als er sie bittet, Andrea zu wecken [Metaphorik von „schlafen lassen – wecken“?] – die praktische Vernunft der Mutter siegt über die theoretische Vernunft Galileis; da schnappt niemand nach der „Wahrheit“. Galilei durchschaut also nicht die innere Dialektik seiner Sarti-Argumentation.
Genauso wenig durchschaut er den Widerspruch zwischen seiner Rechtfertigung gegenüber dem Kurator und seinem Vertrauen in die Wahrheitsbegierde der Menschen, wie er auch nicht die Dialektik der Erfahrung selbst begreift: Er stützt sich für seine Theorie auf Beobachtung, also auf Erfahrung; Sagredo stützt sich für seine Furcht ebenfalls auf Beobachtung, was Galilei aber nicht gelten lässt. Er diskutiert mit Sagredo die Widersprüche zwischen Theorien, übersieht aber die Widersprüche in der sozialen Wirklichkeit (Macht der Kirche, Vorrang des Arbeitgebers Galilei, Interesse der Menschen am eigenen Vorteil – Sagredo hat ihn „immer als einen schlauen Mann gekannt“, der wohlweislich das Ptolemäische System gelehrt hat, S. 33 u.).
Vernunft ist also nur dialektisch zu begreifen, wenn man Bild 3 untersucht: an den Dialog und den Streit gebunden, selbst in den Facetten reiner wissenschaftlicher und unreiner praktischer Vernunft existierend – an Beobachtung und Erfahrung gebunden, die sowohl die Zweifel der Wissenschaftler wie die Gläubigkeit der kleinen Leute zulassen (vgl. die letzte große Rede Galileis, S. 124 ff., wo diese Dialektik nach seinem eigenen Versagen, S. 112 ff., und der Auseinandersetzung mit Andrea, S. 120 ff., begriffen ist).
Man kann innerhalb der untersuchten Szenen verschiedene rhetorische Feinheiten beobachten; aber für unsere Fragestellung ist dies nicht wichtig.

In Bild (4) spiegelt sich übrigens die Problematik des Wissenschaftlers Faust, wie sie in der Nachtszene (Faust I, V. 354 ff.) vorgetragen wird: Vergleich Faust – Galilei
Beide sind Wissenschaftler; Faust gehört jedoch ins späte Mittelalter (sucht Hilfe in der Magie), während Galilei in der frühen Neuzeit lebt und auf seine Experimente und die selbstgefertigten Instrumente vertraut. Bei Faust geht es eher um die Möglichkeit des Erkennenes, an der er verzweifelt; Galilei hat Schwierigkeiten, Finanzierung und Recht seiner durchaus möglichen Forschungen zu sichern. Er möchte deshalb auch lehren, während Faust an der Möglichkeit zu lehren ebenso zweifelt wie an der zu erkennen. Fausts „Gegner“ ist er selber als Büchergelehrter, Galileis Gegner sind die Repräsentanten der Kirche und des Staates. Er arbeitet am Fernrohr und im Labor, während Faust im Studierzimmer arbeitet und spontan in die freie Natur hinaus will.
Beide drängen ins Weite: Faust drängt in die freie Natur und später wieder zurück in die Enge der Studierstube, möchte in die Welt und erfreut sich an der Enge in Gretchens Zimmer; er trägt eine menschliche Ambivalenz in sich. Galilei preist den Aufbruch in die Weite, den er nicht nur in der Schiffahrt verwirklicht sieht, sondern der auch den Blick in den Kosmos umfasst. Das Buchwissen steht bei Faust im Gegensatz zum lebendigen Spüren, Fühlen und Schauen; Galilei braucht (und schreibt) die neuen Bücher, lehnt aber die alten Bücher als Autoritäten ab (Aristoteles, Bibel), weil sie dem widersprechen, was man selber sehen kann. Er unterscheidet also einmal das Sehen vom Lesen als primäre Erkenntnisquelle, unterscheidet dann aber auch Sehen vom (unerleuchteten) Glotzen. Er ist auch von der modernen Problematik bestimmt, welche Folgen das Forschen für die Menschen und die sozialen Verhältnisse hat – diese Frage stellt sich dem Gelehrten Faust nicht, der nur mit sich selbst und den unmittelbaren Folgen seines Handelns (Selbstmord, Gretchen) beschäftigt ist.

Analyse der dialektischen Argumentation in Bild (8)

Das Gespräch wird durch den Konflikt bestimmt, in dem der kleine Mönch ist:
Er hat das Dekret gelesen – er hat die Trabanten des Jupiters gesehen ((74/25 ff.).
Er ist Priester – er ist auch Physiker (77/34 f.): polemisch wird dies antizipiert:
das (Mönchs)Gewand tragen – Physik studiert haben (74/18-20).
Es geht im Gespräch um Beweggründe, „der Astronomie zu entsagen“ (74/35 f.) bzw. vom „Ausbau der gewissen Lehre abzusehen“ (75/4):
Mönch: Gefahren des hemmungslosen Forschens <-> Galilei: Gefahren für Leib und Leben (74/33 – 75/9)
Argumente des Mönchs:
1. Für seine Eltern liegt im Unglück eine Ordnung (75/10 ff.);
2. das Auge der Gottheit ruht auf ihnen, auf dass sie sich bewähren (75/35 ff.);
3. aus dem Dekret spricht Mitleid mit den Unglücklichen, Seelengüte (76/23 ff.).
Argumente Galileis:
1. Die Ordnung ist die der leeren Lade der Ausgebeuteten (76/27 ff.);
2. der Blick der Gottheit rückt den Stuhl Petri in den Mittelpunkt der Erde (77/1 ff);
3. es sind die Tugenden der Wohlhabenden und des Glücks möglich /77/12 ff.).
Es folgt eine erste Bewertung (der Argumente bzw.) der Beweggründe zu schweigen:
Mönch: Es geht um den Seelenfrieden der Unglücklichen (77/22 ff.): allerhöchste Beweggründe!
Galilei: Meine Beweggründe wären niedrige Beweggründe: Wohlleben, keine Verfolgung etc. (77/25 ff.).

Es folgen Argumente ad hominem:
„Ich bin Priester“ – aber du bist auch Physiker, der die Phänomene sieht (77/34 f.).
Es folgen weitere Argumente Galileis dafür, das Sehen zu respektieren (78/2 ff.):
„Ich bin ebenfalls ein Sohn der Kirche“ – aber
– mein Schönheitssinn fordert sein Recht,
– die Arbeit mit Wasserpumpen gibt uns das Recht der mechanistischen Weltsicht,
– Winkelsumme im Dreieck > Bedürfnisse der Kurie,
– Bahnen fliegender Körper berechnen > an Reisen der Hexen glauben.

Es folgt eine Diskussion über den Umgang mit der Wahrheit (78/29 ff.):
Mönch: Die Wahrheit setzt sich von selber durch (d.h. wir dürfen schweigen).
Galilei: Den Sieg der Vernunft gibt es nur im Sieg der Vernünftigen (wir dürfen also nicht schweigen).
Galilei appelliert an den Mönch: Du bist Physiker,
und verführt ihn zum Lesen (79/7 ff.);
bewertet den lesenden Mönch als „sündig“ und „ewig verdammt“ (79/13 ff.);
Galilei bekennt von sich: Er riskiere alles fürs Erkennen;
müsse weitersagen, was er weiß;
bewertet diesen Drang als „Laster“, das ins Unglück führt (79/15 ff.).

Zum Schluss ist der lesende Mönch in die Ordnung des physikalischen Erkennens eingeschwenkt, Galilei hat „gesiegt“ und agiert als sein Lehrer. – Es wäre reizvoll, die Szenengruppe (7) und (8) im Vergleich mit der Szenengruppe (13) bis (15) zu lesen: Einmal will der kleine Mönch dem Dekret gehorchen, welches die weitere Forschung und Lehre untersagt, und zwar aus Gründen der Seelsorge bezüglich der eigenen Eltern; Galilei widerspricht ihm (s. oben!) und bringt ihn dazu, sich wieder der Physik zuzuwenden, entlarvt auch die vermeintliche „Seelengüte“ der kirchlichen Oberen, indem er ihre ausbeuterischen Motive (und die Möglichkeit eines anderen Wirtschaftens) offenlegt.
Später gibt Galilei selber der Drohung der Inquisition nach, aus den von ihm selbst verurteilten niederen Beweggründen, und es beginnt das Spiel der wechselnden Beurteilung dieses „Verrats“ – einmal im Licht von Prinzipien und (vermeintlichen) politischen Möglichkeiten, einmal als Bedingung, die Arbeit an der neuen Physik heimlich fortzusetzen und zu veröffentlichen (s. unten!).

Galileis Rede in Bild (14) als Pendant zur Rede in Bild (1)
Am Ende seines Lebens steht Galilei unter Hausarrest; er wird von einem Mönch und seiner kirchentreuen Tochter Virginia bewacht (S. 115 f.). Einerseits experimentiert er sorgfältig (S. 115), anderseits frisst er, ohne dabei kulinarische Feinheiten zu vergessen (S. 116).
Virginia drängt ihn, den wöchentlichen Brief an den Erzbischof zu schreiben, obwohl er lieber Horaz hörte (S. 116); in seiner Antwort trieft es von frommen Phrasen (besser Nächstenliebe als gerechten Lohn verteilen), die aber offensichtlich ironisch gemeint sind (S. 117) – er versichert sich bei seiner naiven Tochter, dass man die Ironie nicht bemerkt. Auch das Zitat aus der Imitatio Christi (Thomas von Kempen) scheint zu Epheserbrief 3,19 zu passen, lehnt aber im Mund Galileis zudringliche Kontrolle ab.
Ähnlich ist das Gespräch mit Andrea geführt, solange Virginia anwesend ist (S. 118 ff.); Andrea spricht verhalten zu Galilei und berichtet vom Schicksal Descartes‘ und der Schüler Galileis. Als er mit Andrea allein ist, spricht Galilei offen über seine „Rückfälle“ in sein altes wissenschaftliches Denken; er vertraut Andrea an, dass er die Discorsi geschrieben und heimlich eine Abschrift angefertigt hat. Hier zeigt sich ein Widerspruch zu dem von Galilei demonstrierten Kirchengehorsam (S. 121 f.).
Dieser Widerspruch ist das neue Gesprächsthema der beiden: Galilei lehrte Andrea Wissenschaft / er selbst verneinte die Wahrheit. Andrea hebt diesen Widerspruch dialektisch auf, indem er Galileis heimliche Arbeit an den Discorsi so deutet: „Sie versteckten die Wahrheit.“ (S. 122); das sei auch ethisch eine Stufe höher als das pure offene Bekenntnis. Andrea bringt dann weitere Belege für diese Art, die Wahrheit in der Situation der Verfolgung hochzuhalten (S. 122 f. – vgl. auch die Bedeutung der Maske, S. 70; der Kutte, S. 74; der Ironie, S. 117), wobei die Theorie von der kürzesten Verbindung zwischen zwei Punkten direkt der alten geometrischen Theorie korrespondiert (S. 7). Galilei stellt dagegen klar, dass hinter seinem Agieren kein höherer Plan gestanden hat, sondern schlicht die Angst vor der Folter – Andrea hat noch nicht verstanden, dass Galileis Verrat real war und Dialektik die Bewegung aus realen Widersprüchen ist; er vertritt weiter die Reinheit des wissenschaftlichen Beitrags (S. 124) – Galilei heißt ihn dagegen in der Gosse der realen Wissenschaftler willkommen. Dann setzt er zu einer großen Rede darüber an, was die Wissenschaft alles angeht (S. 124-126):
Dem Wissen, das aus dem Zweifel stammt, stellt er die nicht zweifelnde Gläubigkeit gegenüber, in der man des Sinns allen Elends gewiss ist. Das Wissen könne man aus zwei Motiven zu erlangen suchen: um des Wissens willen – dann sei der Fortschritt ein Schritt von den Menschen weg; oder zum Zweck, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Die Forscher mit dem ersteren Motiv richteten ihre Fernrohre nur auf die Gestirne, die mit dem zweiten Motiv (zusammen mit den kleinen Leuten) auch auf die Peiniger der Menschheit (S. 125). Im Rückblick auf sein Leben sieht Galilei, dass er selber versagt hat; er hätte eine Gemeinschaft der Wissenschaftler begründen können, welche ihr Wissen „einzig zum Wohle der Menschheit“ anzuwenden sich verpflichten (S. 126); er habe sein Wissen dagegen der Obrigkeit ausgeliefert.
Mit dieser Selbstkritik zeigt er zugleich, was richtige Wissenschaft auszeichnet und dass er daran als Ideal festhält: „Ich habe meinen Beruf verraten.“ (S. 126) Dagegen setzt Virginia, er sei in die Reihe der Gläubigen aufgenommen; das ist falsch, wie der Leser bzw. Zuschauer weiß. Der Abschluss des Gesprächs besteht aus dialektischen Nadelstichen: Er gibt Andrea nicht die Hand, er antwortet nicht auf die Frage nach dem neuen Zeitalter (S. 126), er weist Andreas Analyse der wissenschaftlichen Haltung zurück (S. 127): Er erhält die dialektische Spannung aufrecht. Dazu passt auch sein Kommentar „vielleicht nicht“ und die Schlussbemerkung Virginias, dass die Nacht hell ist.

Beurteilung des Widerrufs in (13) und (14): Es wird viel diskutiert, was die intensive Arbeit Brechts an Bild (14), speziell an Galileis großer Rede zu bedeuten hat und ob Brecht selber Galilei verurteilt oder nicht. Ich sehe heute (01/2007) einen unauflöslichen Zusammenhang von Bild (13) und (14), angesichts dessen die viel diskutierte Frage an Bedeutung verliert:
In (13) vertraut Andrea zuerst darauf, dass Galilei an der Wahrheit festhält, wobei er sich auf Galileis Worte beruft (110, Z. 7 ff.; 110, Z. 25 ff.); dann verurteilt Andrea den Widerruf Galileis heftig. In Bild (14) verurteilt er zunächst noch den Widerruf mit Hinweis auf dessen Auswirkungen (S. 119 f.), dann rechtfertigt er ihn, als er hört, dass Galilei die „Discorsi“ geschrieben hat, und sieht ihn als Ausdruck einer neuen Ethik an (diese erinnert mich an Brechts Aufsatz „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ unter den Bedingungen einer Diktatur), wobei er sich wiederum auf Worte Galileis berufen kann (123, Z. 5 ff.). Galilei verteidigt sich in (13) kurz gegen Andreas Vorwürfe (114, Z. 1 f.); in (14) macht er sich große Vorwürfe (122 ff.), klagt sich also selber als Verräter an, nachdem er unter Kontrolle Virginias zunächst die kirchliche Sicht vertreten hat (119 f.).
Wir haben also eine total dialektische Struktur in der Beurteilung des Widerrufs vor uns: Galilei als Befürworter und Richter, Anrea als Richter und Befürworter, jeweils schwankend und sich dabei auf Galilei berufend – der Leser resp. Zuschauer soll selber urteilen; außerdem geht es letztlich nicht um Galilei, wie der Vorspruch in (15) aufzeigt, sondern darum, dass die Zuschauer heute „der Wissenschaften Licht“ hüten (S. 128).
Man darf also nicht Galileis Selbstverurteilung als das letzte Wort in seiner Sache hören, zumal da er sich so oft mit seinen „politischen“ Ansichten geirrt hat (Freiheit in Florenz, Hilfe Vannis, seine unerschütterliche Stellung beim Großherzog…); und dass ein „hippokratischer Eid“ (126) auch nicht alles Unheil verhindern kann, haben die Prozesse gegen die NS-Ärzte gezeigt (Medizin ohne Menschlichkeit, hrsg. von Alexander Mitscherlich). Zudem respektiert Galilei auch jetzt noch die Bedingungen der Zensur (116 ff.) und lehnt jede Verantwortung für die „Discorsi“ ab, falls Andrea gefasst würde (122, Z. 2 ff.). Er vertritt in seiner Rede (124 ff.) also die utopische Position eines Märtyrer-Wissenschaftlers, die er weder beim Widerruf noch „heute“ selber einzunehmen gedenkt.

Es gibt nicht nur eine Dialektik von Szenen, sondern eine Vielfalt von „Entsprechungen“ gleicher oder gegensätzlicher Art im Stück. So hat Galilei sich als „einen schlauen Mann“ gegeben, indem er jahrelang des Ptolemäische System gelehrt hat (S. 33); nun will er nicht mehr „als braver Doktor der Schulmeinung kostümiert“ (S. 70) auftreten. Die Kardinäle raten ihm jedoch (wie bereits Sagredo), eine Maske wie sie selber zu tragen (S. 66, 70). In Gegenwart seiner Tochter und des Mönchs spricht und schreibt Galilei schließlich unterwürfig (S. 117) und versteckt die Discorsi im Globus (S. 122); er verurteilt jedoch sein Schweigen (S. 122), wie er auch Mucius‘ gewundene Ausdrucksweise verurteilt hat (S. 81), während Andrea darin das Verbergen der Wahrheit vor dem Feind erkennt (S. 122) und sich dafür auch auf einige Worte Galileis berufen kann (123/6 ff.). Wenn man die Maskierung ablehnt, muss man wählen: sich für das Lesen entscheiden (wie der kleine Mönch zu Beginn von Bild 8 und am Ende, vgl. S. 120) oder für das Sehen (und potenziell den Scheiterhaufen), wie Galilei in Bild (8) und der kleine Mönch am Ende dieses großen Dialogs. – Das Motiv der Maskierung gehört also in dieses Netz der Entsprechungen ebenso wie die komplementären Verhältnisse von Figuren, die es jetzt exemplarisch zu untersuchen gilt:

Andrea als Komplementärfigur zu Galilei – Analyse
Diese Untersuchung wird ergeben, dass Andrea nicht in allem Galilei gleicht oder wie Galilei wird, obwohl er unter diesem Gesetz sein Leben führt: „Ich möchte auch Physiker werden, Herr Galilei“ (S. 21), sagt er im Alter von zehn Jahren ((11/5 f.).
Galilei ist also Andreas Lehrer: Er kündigt eine neue Zeit an (S. 8 – 10) und verkündet deren Prinzipien, vermutlich über Andreas Kopf hinweg; er lehrt Andrea „sehen“ (12/1), unterrichtet ihn am Modell (S. 7 f.) wie durch Analogien (Stuhl, Apfel, S. 12 f.), lässt ihn auch durchs Fernrohr schauen (S. 21). Anderseits lässt er seine Linsen teilweise von Andrea bezahlen (S. 15) und schickt ihn in die pestversuchte Stadt, um ein Buch zu holen (57/20 f.)
Andrea ist also lernbegierig, er fragt (S. 7 ff.); er ringt um die Wahrheit, ist fasziniert von der Wissenschaft und möchte der Obrigkeit trotzen (S. 21, vgl. S. 92 und das von ihm gesummte Lied, S. 88); er gibt seinen Rock als Pfand (S. 21) und kehrt trotz der Pest in die Stadt zu seinem Lehrer zurück (S. 56); er tritt gegen Cosmo als Lehrender auf (S. 42), nimmt ihm als Unverständigen aber das Modell-Spielzeug ab. Er lernt Latein und kann schließlich Bücher lesen (S. 83), forscht selbstständig über Sonnenflecken (S. 84), denkt bei der Eisforschung mit (S. 84 f.). Am Ende lehrt er die Jungen sehen und bekundet seinen Wissensdrang (131/17 ff.).
Seine Begeisterung für die neue Zeit ist jedoch geringer als die Galileis (S. 131 vs. S. 8 ff.). Er glaubt an die Kraft der Wahrheit, an Galileis Widerstand, an den Sinn des Widerstands eines Einzelnen (S. 109-112) und ist enttäuscht, als Galilei widerruft.
Hier zeigen sich die ersten Unterschiede zu Galilei: Er besitzt nicht Galileis Geschäftssinn, nicht dessen Genusssucht und Sinnlichkeit, diskutiert anscheinend auch nicht mit den Gegnern wie sein professoraler Meister (mit Kardinälen, Astronomen, Gelehrten, dem kleinen Mönch). Er ist also eher Laborwissenschaftler und dann auch Märtyrer, der sein Leben aufs Spiel setzt, um die discorsi für die Wissenschaft zu retten (S. 128 ff.).
Dementsprechend kann er auch die Spannungen (also die reale Dialektik) nicht verstehen, in denen Galilei steht. Das zeigt sich im Gespräch in Bild (14): Er deutet Galileis Feigheit und heimliches Forschen (S. 121-123) als planvoll, als Taktik und damit einer neuen Ethik verpflichtet: dem Feind nicht widerstehen, sondern ihm zum Schein vorübergehend nachgeben. Er sondert alles Menschliche von der reinen Wissenschaft ab (S. 124). Galilei dagegen gibt einfach seine Schwäche zu (114/1und 123/30 f.), interpretiert sein Versagen nicht idealistisch und rechtfertigt in einer großen Rede (S. 124-126), dass die Wissenschaft nicht „rein“ sein darf, dass „reine Wissenschaft“ auch verführbar und käuflich ist – er demonstriert als reale Dialektik, dass der Mensch auch in seinem Glück und Unglück mit der Wissenschaft verbunden sein muss. Diese Einsicht fehlt Andrea, er ist einerseits fanatischer als Galilei in Fragen der Wahrheit, aber in seinem Blick auf die Ziele der Wissenschaft begrenzter.

Das Verhältnis des jungen Andrea zu Galilei gleicht übrigens dem Verhältnis des Stalljungen zu Francis Bacon, von dem in Brechts Erzählung „Das Experiment“ (jetzt in den „Kalendergeschichten“; entstanden 1938/39 im Zusammenhang mit den Studien, die Brecht für „Leben des Galilei“ betrieben hat) die Rede ist. Der Stalljunge versteht den Philosophen so:
„Eine neue Zeit war für die Welt angebrochen. Die Menschheit vermehrte ihr Wissen beinahe täglich. Und alles Wissen galt der Steigerung des Wohlbefindens und des irdischen Glücks. Die Führung hatte die Wissenschaft. (…) Darum mußte man alles ausprobieren, selber, mit den Händen, und nur von dem sprechen, was man mit eigenen Augen sah und was irgendeinen Nutzen haben konnte.“

Der kleine Mönch als Komplementärfigur Galileis
Als solcher zeigt er sich im Wesentlichen in Bild (8) in der großen Diskussion; er taucht später noch einmal auf, als er in Bild (13) unerschütterlich an Galileis Standhaftigkeit glaubt (vgl. auch Bild 9); doch in (14) erfährt man, dass er die Forschung aufgegeben hat und in den Schoß der Kirche zurückgekehrt ist (S. 120) – Fanatismus schützt also nicht vor Rückfällen, würde man dies dialektisch interpretieren.
In Bild (8) ist er wie Galilei Forscher, aber zugleich Seelsorger: besorgt um den Seelenfrieden der Menschen, um den Sinn ihres leidvollen Lebens; Galilei ist ebenso Forscher, aber zugleich politischer Analytiker: interessiert an der Ordnung des Zusammenlebens und der Mechanik, wie manche daraus Nutzen ziehen (sodass eine Sinngebung des leidvollen Lebens als nötig erscheint, während bei einer Änderung der Ordnung das leidvolle Leben aufhörte und damit dessen Sinn aus einem erfüllten Leben strömte). In einem tieferen Sinn sind beide auch Seelsorger: Der kleine Mönch ist Seelsorger im status quo, Galilei träumt als Seelsorger der Revolution. Die Änderung der sozialen Ordnung wäre das Neue, in dem die Gegensätze der beiden Figuren aufgehoben wären.
In Bild (8) siegt die fortschrittlichere Position Galileis gegen die auch berechtigten Anliegen des kleinen Mönchs (Dialektik), der schließlich sich „einseitig“ wieder den Manuskripten und dem Forschen widmet und damit quasi die ‚Seelsorge‘ verrät. Der große Meister Galilei verrät sie ebenso, weil er die Revolution nur abstrakt denkt („der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein“, S. 78), aber nicht begreift, dass man sie politisch organisieren muss (das ist im Gespräch mit Ludovico, Bild 9, fast zwangsläufig einzusehen: dass der Gewalt mit Gegengewalt begegnet werden muss), der die Chance dazu (Bild 11) und die potenziellen Verbündeten (Vanni, Bild 11) nicht schätzt und der auch nicht gewillt wäre, um ihretwillen das Leben eines Kämpfers zu führen.
„Warum ist Galilei so?“, fragte Marc. Das ist eine gute Frage – ich kann sie nicht beantworten, weil das aus dem Stück nicht hervorgeht; es ist die psychologische Frage. Im Sinn Brechts sollte man fragen: Was macht Galilei richtig? Was macht er falsch? Konnte er in den verschiedenen Situationen anders handeln? Darüber kann man urteilen, aus Einsicht urteilen, meint Brecht.

Über die Sprache im Drama
Wir haben dazu zwei Texte gelesen und die dort genannten Beispiele überprüft:
1. Volker Steenblock: Leben des Galilei. Inhalt, Hintergrund, Interpretation (2005), S. 22-25. Die fünf von ihm benutzten Kategorien gehören gedanklich verschiedenen Ordnungen an: Entgegensetzungen, bildhafte Wendungen; Sprechweise charakterisiert Figuren; Reflexionsabschnitte im Drama (Bild 3, 8, 12, 14); Humor.
2. Ernst Schumacher, ein bedeutender Brecht-Forscher aus der DDR, hat über Brecht mehrere Bücher geschrieben; im Sammelband „Das deutsche Drama vom Expressionismus bis zur Gegenwart“, hrsg. von M. Brauneck (1972), stehen Auszüge aus einem Buch (Aufsatz?) von 1968. Schumacher ordnet seine Beobachtungen in das Konzept des dialektischen Theaters ein und legt die Dialektik der inneren Struktur des Stücks, der Szenen, der weltanschaulichen Thesen (und Figuren) sowie eben auch der dramatischen Sprache dar (im Brauneck S. 177 ff., S. 184-186). Zum Verständnis der Dialektik muss man verstehen, was „aufheben“ (nach Hegel) heißt: Einen Spruch durch einen Wider-Spruch aufheben heißt 1. ihn widerlegen, 2. ihn (zusammen mit dem Wider-Spruch) auf eine höhere gemeinsame Stufe heben, 3. ihn so in seiner relativen Wahrheit bewahren. – Das Musterbeispiel dieser radikal durchgespielten Dialektik ist Vielzahl der Stellungnahmen Andreas und Galileis zu dessen Widerruf in den Bildern (13) und (14).

Anregung
Der Dialektik in Gedichten Brechts nachgehen, etwa parallel lesen
„Lob des Lernens“ und „Lob der Vergesslichkeit“ (beides loben!?) (http://www.sozialistische-klassiker.org/Brecht/Brecht09.html); oder
„Lob der Dialektik“ und „Lob des Revolutionärs“,
und dann fragen: Ist Galilei in dem Sinn Dialektiker? Revolutionär?

In diesem Weblog findet man in der Rubrik „Gedichte 20. Jh.“ Analysen zu: „Das Lied vom Wasserrad“, „Lied über die guten Leute“, „Der Radwechsel“, „An die Nachgeborenen“ und „Die Ballade von dem Soldaten“; mit der Suchmaske oben rechts müsste man Gesuchtes leicht finden können.

Klausur:
Analyse und Erörterung von Gert Sautermeister: Zweifelskunst, abgebrochene Dialektik, blinde Stellen: „Leben des Galilei“. In: Brechts Dramen. Neue Interpretationen. Hrsg. von W. Hinderer, 1984, S. 125 ff. (hier S. 150 f., die letzten 9 Zeilen von „Wirkungspolitik“ und das Kapitelchen „Frauenbilder“)

Sautermeister bespricht im vorliegenden Textauszug die Frage, was sich bei einer Betrachtung der beiden Frauengestalten für das Stück Brechts ergibt [oder: ob Brechts Stück „Leben des Galilei“ seiner Theatertheorie (bzw. das Geschick und die Konstruktion der Figuren dem Zweck des Stücks) entspricht].
Stellungnahme: 1. Sautermeister beschreibt die beiden Frauengestalten richtig; dass Virginia aber „unbelehrbar“ ist, auch wenn Galilei das Volk insgesamt für lernbegierig hält, ist kein echter Widerspruch.
2. Im Theater Brechts sollen die Zuschauer aus dem Agieren der Figuren selbst ihre Schlüsse ziehen – die Figuren mögen zu Grunde gehen, das widerspricht nicht dem aufklärerischen Impuls des Theaters! Sautermeister verwechselt (vermengt) die Ebenen.
3. Dass Frau Sarti menschliche Größe zeigt, obwohl sie konservativ-gläubig ist, zeigt nur die Dialektik der Figur, widerspricht aber nicht dem Handlungsgefüge.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s