Kabale und Liebe: Themen, Klausuren

Adelskritik in I 5-7
Man muss sich vergegenwärtigen, dass das Stück von einem bürgerlichen Autor stammt und erstmals 1784 (fünf Jahre vor der Französischen Revolution!) vor einem bürgerlichen Publikum mit bürgerlichen Idealen gespielt wird. In der Art, wie die Adeligen sich in I 5-7 aufführen, wird deutlich, dass sie einen verkommenen Stand repräsentieren: Der Präsident billigt, dass Liebe vorgetäuscht wird; er erkennt in solchen Lügen die Befähigung zur politischen Karriere; die Adeligen treiben es vor der Hochzeit mit allen, so berichtet er; der Fürst soll auch nach der Hochzeit die Mätresse behalten, so plant er; der eigene Sohn soll dabei zwangsverheiratet werden – Intrigen über Intrigen (Kabale!); Wurm hat Dokumente gefälscht (alles in I 5). Hinzu kommt die lächerliche Figur von Kalb (Name!) mit ihrem eitlen Auftreten, ihren „Aufgaben“ (I 6); hinzu kommen ein gestörtes Verhältnis Vater – Sohn, Verbrechen, Machtgier als Lebensmaxime… (I 7)

Die Figur von Kalb
ist total im Sinn der Adelskritik überzeichnet; er ist von lächerlicher Unwichtigkeit (62/24-26; vgl. 58/11 ff.). Er hat keine Ausbildung un dkann nichts (61/35 f.), er verliert deshalb auch sogleich seine moralischen Bedenken (61/21). Seit 21 Jahren leidet er an der Kränkung, dass ihm ein Kompliment der Prinzessin entgangen ist. Er weiß lauter belanglose Sachen (59/31 ff.) und wird vom Präsidenten offen ironisch als Dummkopf verspottet (59/20; 62/28 f.).
Bereits bei seinem ersten Auftritt (I 6) hat er sich als geschniegelten Modegeck eingeführt, der ohne Lebensaufgabe am Hof herumscharwenzelt (Hofschranze) und dessen größtes Problem darinbesteht, trotz einer Verschmutzung noch als erster beim Fürsten zu erscheinen (und die Minuten zu zählen, die er mit diesem spricht, 22/1). Er ist die Klatschbase der Residenz (22/16 ff.): dumm, überflüssig, lächerlich, dabei modisch gekleidet – ein Werkzeug in den Händen anderer (hier: des Präsidenten).

Exkurs: Über die Motive der Figuren
Wir haben im Kurs diskutiert, wo in II 3 der erste Abschnitt des Gesprächs zu Ende ist – als die Lady „schmerzhaft“ von Ferdinand weggeht, weil er die Ehe mit ihr ablehnt und sie beleidigt, oder als er nach weiteren Vorwürfen sagt: „Ich bin zu Ende.“ In diesem Zusammenhang haben wir bemerkt, dass Ferdinand die Hand der Lady ergreift (und dann in seinen Vorwürfen fortfährt), als sie sich von ihm abwendet und sich wehrt: „Das habe ich nicht verdient.“ Seltsam erschien den Schülern, dass Ferdinand einerseits die Hand der Lady ergreift, sich ihr also nähert, während er ihr vorwirft, sich an den Fürsten wegzuwerfen und keine Spur vom britischen Stolz zu zeigen; wie ist dieser Widerspruch zu erklären, dass er sich ihr nähert und doch die Serie seiner Vorwürfe fortsetzt?
Hier hilft die Annahme, Ferdinand handle aus einem bestimmten Motiv; in dem kurzen Gespräch habe die schöne Frau auf ihn Eindruck gemacht, gerade deshalb wirft er ihr ihre Partnerwahl und ihren Lebensstil vor. Der Vorwurf komme aus einer Sympathie oder Bewunderung für die Lady, seine schroffe Ablehnung sei einer Zuneigung gewichen, die ihn veranlasst, ihr ihren Lebenswandel und die Ausbeutung des Herzogtums vorzuwerfen.
Wenn man die Regieanweisungen verfolgt, sieht man, wie seine Zuneigung zur Milford wächst: Ferdiand wird nachdenkend und heftet wärmere Blicke auf sie (38/9 f.), ist sehr bewegt und eilt ihr nach, rennt in heftigster Unruhe durch den Saal und muss sich schließlich von ihr „in der schrecklichsten Bedrängnis“ (40/35) losreißen, als sie ihm um den Hals fällt; die Aktionen der Lady sind gleichfalls von zunehmender Herzenswärme erfüllt.
Das „Motiv“ ist ein nicht sichtbares, daher angenommenes oder konstruiertes Innen, welches wahrnehmbare Aktionen und Äußerungen („außen“) verständlich macht. Dem gleichen Außen können vom Beobachter oft verschiedene Motive zugeordnet werden, das gleiche Motiv eines Handelnden kann sich in verschiedenen Aktionen äußern. So wie das Motiv hilft, andere zu verstehen, kann die Konstruktion der Beobachter auch dazu führen, Vestehen zu verhindern. Wenn ich eine Äußerung nicht akzeptieren kann, werde ich dem anderen üble Motive unterstellen (Ferdinand zu Luise: „Schlange, du lügst.“, III 4); wenn ich etwas nicht akzeptieren kann, sehe ich nur den anderen und frage, wie er so böse sein (!) kann – auf mich selbst zu schauen und zu fragen, warum ich das nicht akzeptieren kann, gelingt dann nicht mehr. – Im Drama treiben oft Missverständnisse die Handlung voran.

Über das Scheitern der Liebe
Spätestens zum Zeitpunkt, als Luise und Ferdinand tot sind, steht fest, dass ihre Liebe gescheitert ist, vielleicht sogar die Liebe gescheitert ist; denn es handelt sich bei der Liebe ja um eine Idee oder Erwartung oder Norm, die Luise aus den Büchern kennt (6/32 ff.) und die von vielen geteilt wird.
Beginnen wir mit Ferdinand, dem Luise „alles“ war (104/36). Der getäuschte oder enttäuschte Liebende hat daher nichts, woran er sich halten kann, und zieht daraus die Konsequenz: „Ich muss dich zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln -“ (115/3 f.). War die enttäuschende und deshalb vergiftete Luise eine „Schlange“ (113/33) oder ein „Teufel“ (114/3), so ist sie rehabiliert ein Engel des Himmels (119/ 1f.), eine Heilige (120/3), ihr Leichnam ein Altar (121/30 f.). Mit diesen Metaphern wird das Problem der absoluten Liebe nur verdeckt; denn die Zuordnungen Teufel/Engel wechseln zu schnell – kein Mensch kann einem andern auf Dauer „alles“ sein. Dementsprechend ist der Appell an den Richter der Welt (120/19) nicht viel wert: Ich bin unschuldig, sagt Ferdinand (120/10), aber ich habe einen Mord begangen (120/17 f.). Den Richter der Welt hatte der rasende Ferdinand bereits seines Amtes enthoben (IV 4); so bleibt ihm in Wahrheit kein Richter, an den er sich wenden kann. – Ferdinands zweites Problem ist die Tatsache, dass er nicht nur Ferdinand, sondern des Präsidenten Sohn ist; um dem zu entgehen, müsste er wirklich weggehen, vielleicht sogar in die Wüste (III 4, S. 64) – da er nicht geht, kann er nicht merken, dass es dort auch mit der geliebtesten Geliebten bald langweilig würde.
Luise hat es gegenüber Ferdinand relativ gut; denn sie steht in einem Konflikt. Für sie gibt es neben der Liebe, aus der man in den Tod flüchten kann, noch andere Bindungen, sowohl an den Vater wie an ihren Gott. So kann sie nach allen Klagen sowohl die Enttäuschung der Liebe als auch den Verlust des Lebens ertragen: „Sterbend vergab mein Erlöser – Heil über dich und ihn.“ (118/33 f.) Anderseits stehen die anderen Bindungen dafür, dass die Liebe nicht absolut ist, nicht absolut [bzw. das einzige Absolute] sein kann, was Luise in ihren Konflikt treibt.
Die schillerndste Figur ist Lady Milford, welche sowohl von Liebesträumen („Herz“) wie vom Adelsprinzip der Ehre (II 3), aber auch von Idealen der Tugend (S. 39 f. und IV 8) erfüllt ist; die Liebesideale gehen bei ihr seltsame Wege, weil sie eine Hofkabale braucht, um den von ihr geliebten Mann zu gewinnen und sogleich in einer Ehe an sich zu binden, ohne ihn auch nur gehört zu haben. Die Lady ist also als Figur schwer greifbar; sie dient als Katalysator, um die dem Verhältnis zwischen Luise und Ferdinand innewohnenden Probleme ans Licht treten zu lassen; sie hat dramaturgisch ihren Dienst getan, wenn sie mit guten Vorsätzen abgeht (IV 9). Vielleicht kann man sie im Sinn der Adelskritik auch als Gegenfigur zu Luise sehen? Für die rein dem Gefühl folgende große Liebe kann es ja keine Gegenfiguren geben – auch wenn Ferdinand angesichts der schönen edlen Frau arg ins Schwanken gerät (II 5).

Die Sprache des Herzens
Mit dieser Überschrift ist angedeutet, dass einige Figuren des Dramas sich häufig auf ihr „Herz“ und sein Agieren berufen.
Eine Theorie des Herzens könnte man aus den Äußerungen der Milford gegenüber Sophie (II 1) entwerfen. Lady Milford lebt im Luxus in einer von der höfischen Etikette bestimmten Welt – dagegen setzt sie ein vom Herzen bestimmtes Leben:
Ein warmes herzliches Wort ist wertvoller als alle Komplimente (28/28 f.);
das Herz hungert nach einem anderen Herzen (29/26; vgl. 38/31), und zwar so heftig, dass man von wilden Wünschen sprechen muss (30/22);
einerseits agiert dieses Herz selbstständig (sich rächend, 30/8), anderseits kann man es freibehalten (29/34; damit vor einen anderen treten, 36/28: Ferdinand).
Ferdinand bekennt sie, dass sie „unwiderstehlich allmächtig“ von ihm angezogen wird (40/21 f.), sich mit einem Busen voll glühender unerschöpflicher Liebe an ihn presst (40/22 f.); das Brennen ist Merkmal des Herzensaktivität (vgl. die brennende Sehnsucht, 40/10). Die Liebe ist so sehr alles, dass sie mit dem geliebten Mann sogar in die Wüsten fliehen – vgl. Ferdinands Plan einer Flucht mit Luise! -würde, ohne dass ihr etwas fehlte (30/27 ff.; vgl. 31/18 ff.). Moralisch gibt die Liebe Kraft, dem Laster zu entfliehen (40/25 ff.). – Die Rolle der Frau wird von ihr als liebendes Dienen und Gehorchen (30/12 ff.) verstanden.
Wird die Liebe abgelehnt, so blutet das Herz aus tausend Dolchstichen (41/5); im günstigen Fall weicht die Leidenschaft der Zärtlichkeit (42/13) – doch ist dann das Herz nicht mehr die einzige bestimmende Instanz. – Für die bürgerliche Luise bleiben nur wilde Wünsche am Ende (17/11), der im Herzen rasende Feuerbrand (17/13).
Luise teilt einmal die Bereitschaft der Hingabe mit der Lady (Leben hinhauchen, Blümchen Jugend… 13/18 ff.); dabei ist allerdings nicht klar, ob dies die Hingabe der liebenden Frau, der Jüngeren oder der Bürgerlichen ist.
Dass der Geliebte der Einzige, einfach Alles ist, wird mehrfach deutlich (vergaß, dass es außer ihm noch andere Menschen gibt, 12/27 f.; 14/2 ff.; mir zur Freude geschaffen vom Vater der Liebenden, 13/29 f.).
Über den Anfang ihrer Liebe sagt sie, dass ihr Körper und ihr Herz Ferdinand sofort als den erkannten, der ihr immer gefehlt hatte (13/30 ff.); der Beginn der Liebe wird als Frühlingsbeginn des Herzens beschrieben (14/1 ff.; vgl. dagegen 41/21 ff.).
Ferdinand schmückt bildreich aus, dass Luise ihm „alles“ ist: Vaterland und Stadt und Kunst und Religion (63/27 ff. und S. 64); den Bestand der Liebe feiert er als Akkord und Herzensbund (16/11 ff.), vom Himmel bestätigt (16/15) seit Anbeginn der Welt (16/13). Er betont die Kraft, die ihm als liebenden Mann eignet: Hindernisse beseitigen, das Schicksal besiegen, ewige Freude bereiten, Luise überhimmlisch verschönern (16/23 ff.); damit verbindet er einen Besitzanspruch, der unheimlich wirkt: wie ein Zauberdrache wachen, den Schutzengel ersetzen (16/29 ff.). Er schaue in Luises Seele (15/15) und fordert sie ganz für sich (15/29 ff.); deshalb könne auch „kalte Pflicht“ nicht gegen feurige Liebe bestehen (66/16); außer Liebe gibt es nichts!
Wurm weiß, dass Ferdinand seine Grundsätze aus den Akademien mitgebracht hat (53/20 f.), dass sie also Produkt einer neuen Denkweise und Literatur (6/32) sind. – Zum Problem der romantischen Liebe: https://also42.wordpress.com/2015/07/16/romantische-liebe-links/

Zum Thema Adel-Bürgertum sowie zum Verhältnis Ehre-Herz siehe diesen Aufsatz; eine Analyse wichtiger Szenen finden Sie hier.

Klausur: Analyse IV 3 – Aspekte 

Vorgeschichte: zweiter Plan, Luise und Ferdinand zu trennen; Idee: durch den fingierten Liebesbrief Ferdinand eifersüchtig machen.
-> Ferdinand will den Marschall zur Rede stellen bzw. erschießen.
* Marschall trippelnd, redend wie immer, spielt den Unschuldigen.

F. informiert den Marschall, dass er besagten Brief gefunden hat;
ironisch im Zorn („zum Glück“, „besser als Kuppler“),
gibt er ihm den Brief zu lesen und holt Pistolen,
verhindert Fluchtversuch des Marschalls (75/25),
fordert ihn ironisch („Finderlohn“) zum Duell;
M. appelliert vergeblich an seine Vernunft (Z. 28),
F. trifft Vorbereitungen für Duell aus nächster Nähe,
M. lehnt entsetzt ab (Z. 33),
F. beschimpft ihn dreimal als „Memme“, evtl. um ihn zu provozieren,
M. bringt neue Einwände,
– das Zimmer (höhnisch von F. gerechtfertigt),
– Rücksicht auf F.s Leben (von F. zurückgewiesen),
– eigene Lebensziele gefährdet (schimpflich als Unsinn entlarvt,
dabei eine Reihe von Tiervergleichen),
M. hört auf zu argumentieren und bettelt um Gnade (76/15).
F. beschimpft ihn („er“) als Untermenschen,
vergleicht sich mit ihm als Konkurrenten (76/22 f.),
macht ein abschätziges Wortspiel dazu (Z. 23 f.), was
M. als Witz und damit als gutes Zeichen auffasst.
F. will – in Analogie zum Lebensrecht nutzloser Wesen – M. schonen,
kommt dann aber auf die Metapher „Blume – Ungeziefer“ (Eifersucht)
und gerät erneut in Zorn, schüttelt den M., bedroht ihn.
M. wünscht sich vor Angst weit weg,
F. denkt den Gedanken von 77/3 f. weiter („Wenn sie nicht mehr rein
ist?“) und entbrennt im Vergleich seines und des M.s „Erfolgs“ bei
Luise in rasender Eifersucht. Er will es jetzt genau wissen: „Wie
weit kamst du mit dem Mädchen?“ (77/11 f.)
M. bittet um Gnade und will den Plan („alles“) verraten.
F. hört nicht auf ihn und beschimpft L., bedroht den M. mit der Pis-
tole und fragt erneut. Das geht so weiter, da F. in seiner Raserei
alle Geständnisse des Marschalls missversteht:
– „Sie sind ja betrogen.“ und
– „Ihr eigener leiblicher Vater“ bezieht er nicht richtig auf sich,
– das Geständnis (78/11 f.) begreift er als Verleugnung Luises.
F. beschließt deshalb, Luise zu töten (78/14) und den M. wegen seiner vermeintlichen Charakterlosigkeit zu verschonen. —
F., von der Anrede „Ihr“ zu „du“ zu „er“ und zurück zu „du“ wechselnd, bestimmt das Geschehen, aber nicht das Gespräch (er ist von seiner Eifersucht getrieben); er verzichtet auf Rache am Marschall – der Plan Wurms scheint sich zu bewähren, L. droht sogar der Tod.

Skizze einer Lösungserwartung (2006)
Situation:
Plan Wurms: Ferdinand durch Eifersucht mürbe machen (III 1, S. 55)
Marschall macht mit (III 2)
L schreibt den Brief unter Zwang (III 6)
F hat den Brief gefunden, ist informiert, rast, sucht den H (IV 1 f.).                4 P.
Absicht: F will den H zur Rede stellen, evtl. töten
Szene:
Das sprachliche Handeln (!) der Figuren muss erfasst werden:
F informiert den H, stellt ihn wegen des Briefs zur Rede (77/14)                    2 P.
F trifft Vorbereitungen fürs Duell (ab 77/17)                                                    2 P.
H will fliehen, wird zurückgehalten (ab 77/19)                                                 2 P.
F beschimpft H, verspottet ihn (ab 77/34), H will ausweichen (78/16 f.)          2 P.
Serien von Spott (78/16 ff.); F beruhigt sich; Wut erneuert sich bei der Metaphorik von Pflanze und Ungeziefer   3 P.
F fragt dreimal: „Wie weit kamst du…?“ H will alles gestehen                          2 P.
F missversteht drei Antworten, unterbricht ihn… (mit Erklärung)                      3 P.
– Sie sind ja betrogen
– Ihr eigener leiblicher Vater
– Ich kenne sie nicht
F wiederholt in Wut die drei Äußerungen, verstößt den „schlechten“ Kerl        3 P.
und richtet seine Wut jetzt gegen Lusie (80/15 f.) – das ist das Ergebnis
Fortgang:
In IV 4 beschließt F den Tod bzw. den Doppelmord, in V 2 stellt er Luise zur Rede… 2 P.
Summe 25 Punkte; Sonderpunkte gibt es für die Untersuchung der Dominanz F.s oder bestimmter Sprechweisen; zusätzlich gibt es 8 Punkte für gute Sprache, geordneten Aufbau und richtiges Zitieren.

Gliederung: Das Verhältnis von Vater und Luise Miller (I 3; II 5 f.; III 6; V 1)
A: Einleitung:
Das Verhältnis der beiden ist für das Drama wichtig.
B: Hauptteil: Das Verhältnis von Vater und Luise Miller
1. Das Verhältnis Millers zur Tochter ist von der Autorität des Vaters und von gegenseitiger Zuneigung bestimmt.
a) Miller ist eine Autorität für seine Tochter:
– Miller wird mit „Er“ angesprochen (28/17).
– Er überwacht ihren Kirchgang, ihre religiösen Überzeugungen und ihre Lektüre (28/9 ff.).
– Er entscheidet, welchen Mann er ihr „geben“ kann (29/13).
b) Ihr Verhältnis ist herzlich:
– Ihre Anreden und Gesten sind voller Herzlichkeit (28/7; 29/11; 92/26 f.; 93/21).
– Miller spricht selber von seiner abgöttischen Liebe zu seiner Tochter (89/12 f.; 92/13).
– Die Mutter spielt in diesem Verhältnis keine Rolle.
c) Grund dieses Verhältnisses: Die Tochter ist das Werk des Vaters (55/6-8).
2. Im Konfliktfall ist ihr Verhältnis so, dass daneben alles andere zurücktritt.
a) Miller wehrt alles ab, was ihm Luise entfremden könnte:
– Miller verweigert ihr den Major als Mann; er gäbe sein Leben für ihren Seelenfrieden (28/36 f.).
– Er ermannt sich zum Widerstand gegen den Präsidenten und riskiert damit eine Verhaftung (55 f.).
– Er verweigert ihr die Flucht in den Selbstmord (92 f.).
– Er beschwört ihre Kindespflicht gegen den alten Vater (92/28 ff.).
– Er gäbe ihr zuliebe die bürgerliche Existenz auf (93/28 ff.).
b) Luise verzichtet auf alles, was sie von ihrem Vater trennt:
– Luise verzichtet mehrfach auf den Major (29; 53; 71; 93).
– Sie verzichtet auf die Flucht in den Selbstmord (92).
– Grenze dieser Selbstaufgabe ist ihre Ehre als Frau (70/32 f.)
C) Schluss:
Vielleicht ist Millers Liebe nicht so selbstlos, wie sie aussieht: Er verweigert ihr den „soliden“ Mann (I 2) ebenso wie den feurigen Liebhaber.

Idee zur Gliederung der Frage:
Wie denkt und spricht Luise vom Tod?

A) Einleitung: Die Eigenart oder das Befinden von Menschen zeigt sich in ihrem Sprachgebrauch.
B) Wie denkt bzw. spricht Luise vom Tod?
1. Sie spricht vom Tod im übertragenen Sinn:
a) Trennung von Ferdinand bedeutet für sie “Tod”.
b) Bedrohliche Situationen erlebt sie als “Tod”, also als lebens-   gefährlich.
c) Sie könnte ihr Leben für Ferdinand aus Liebe leicht hingeben.
2. Sie spricht im direkten Sinn von Tod:
a) Tod als Ewigkeit bringt das Ende aller irdischen Geltungen mit sich (Standesschranken; Schweigegebot).
b) In äußerster Not droht sie mit dem Mord an anderen (Wurm) oder dem Selbstmord.
c) Sie sieht den gemeinsamen Tod mit Ferdinand als Ausweg (Nähe     zu 2 a – gleich 2 a) aus ihrer Verzweiflung.
d) In der tatsächlichen Todesnähe wendet sie sich nach anfäng-   lichem Erschrecken an Gott und bittet ihn um Erbarmen.
C) Als was für ein Mensch erweist sich Luise darin, daß sie so häufig vom Tod spricht?
(Diese alte Gliederung erfaßt auch noch V 7.)

Ideen für grundsätzlich verschiedene Gliederungsansätze:
1. Sie spricht davon, daß ihr das Leben genommen wird;
– daß sie ihr Leben hingeben/sich nehmen will.
2. Sie spricht vom Tod als Verlust des Lebens;
– vom Tod als Beginn der Ewigkeit (Seligkeit).
3. Sie spricht ehrlich und wahrhaftig vom Tod;
– getäuscht oder sich selbst täuschend von ihm.
4. Sie spricht im eigentlichen Sinn vom Tod;
– im übertragenen Sinn (metaphorisch) davon.
Die vier Aspekte können auf verschiedene Weisen einander zu- oder übergeordnet werden. Die Frage ist, ob (und wie) man mit diesen Alternativen die Ver-änderung in Luises Sprechen erfassen kann, die sich m.E. seit ihrer Selbstmorddrohung in IV 7 zeigt und im geplanten Liebestod mit Ferdinand gipfelt: Todesbereitschaft als Zeichen äußerster Hilflosigkeit.

1. Klausur Deutsch 11.2 (D G 1)
Aufgabenstellung:
Untersuchen Sie, wie Luise (in I 3; I 4; II 5; III 6; IV 7; V 1) vom Tod und Sterben denkt und spricht:
1. Legen Sie eine Liste der relevanten Textstellen an und geben Sie kurz in einem Stichwort die Bedeutung an dieser Stelle an!
2. Fertigen Sie eine Gliederung an, die das Ergebnis Ihrer Untersuchung enthält (d.h. alle gefundenen Stellen müssen verarbeitet und auch in der Gliederung ausgewiesen sein)!
Erläuterung:
Die Gliederung soll nach dem bekannten Schema angefertigt wer-den; alle Hauptgedanken sollen ebenso wie Einleitung und Schluss als Sätze formuliert werden.

Zur Lösungserwartung:
Wesentlich ist die Unterscheidung von metaphorischem und wörtlichem Sprachgebrauch.
Beim Metaphorischen: Qual ertragen/zufügen – Leben hingeben; weitere Metaphern
beim Wörtlichen: Todesdrohung gegen Wurm
Drohung mit Selbstmord – bereit zum Sterben
Liebestod
Ewigkeit als Aufhebung ird. Schranken
(Gleichheit im Sterben)
Tod des Vaters
Lösungserwartung – eine Skizze (alte Klausur):
Untersuchen Sie, wie Luise vom Tod und Sterben denkt und spricht (I 3; I 4; II 5; III 6; IV 7; V 1; V 2)!

A) Einleitung: In welcher Situation befindet sich Luise?
B) Hauptteil: Wie denkt und spricht Luise vom Tod?
1. Sie spricht oft metaphorisch von Elend als Tod:
a) Sie nennt die bedrohenden Mächte „Tod“ (69/21-25; 70/12 ff.; 70/3 f. ist zwar wörtlich gemeint, aber Redewendung).
b) Sie bezeichnet (z.T. im Vergleich) ihre eigene konfliktreiche Situation so (69/10 f.; 83/8; 84/38; 94/11).
c) Sie bezeichnet speziell die drohende Trennung von Ferdinand, später auch von ihrem Vater, so (30/18-21; 52/15; 52/37; 72/3 f.).
d) Als abgeblasste Metapher braucht sie das Wort einmal, um ihre quälende Neugier oder Wißbegierde auszudrücken (52/20; in 69/17 ist „Grabesstille“ verblaßter Vergleich).
2. Sie spricht metaphorisch davon, daß sie ihr Leben hingeben möchte für den Geliebten (28/30-32 für Ferdinand; 70/32 f. für den Vater).
3. Sie spricht von ihrem eigenen bevorstehenden Tod:
a) Sie wäre zu sterben bzw. sich zu töten entschlossen,
– falls sie Wurm als Ehemann töten könnte (73/1 f.);
– falls Ferdinand Lady Milford heiratete (85/4).
b) Sie erklärt, was Tod als Ewigkeit positiv bedeutet:
– Möglichkeit, bestehende Schulden zu begleichen (92/20-22);
– Zeit wahrer Menschlichkeit (29/16-22; negativ formuliert in 70/14-16: Aufhebung menschlich gesetzter Unterschiede);
– Ort der Freiheit von Meineiden, der Wahrheit (90/18 ff.);
– Grab als Brautbett (91/2 ff.).
c) Sie lädt Ferdinand dazu ein, mit ihr gemeinsam zu sterben:
– Sie bestätigt entsprechende Ängste ihres Vaters (89/15 f. 24. 29);
– sie lädt Ferdinand in einem Brief dazu ein, den sie dann auf Vorhaltungen ihres Vaters hin nicht abschickt (90/15 ff.)
4. Sie spricht vom drohenden Tod ihres Vaters (70/3 f.).
C) Schluss: Was ergibt sich aus der Analyse für das Verständnis von Luise als Mensch und Bürgerstochter?

(Unklar ist 69/10 f.; 29/16-22 passt nicht recht ins Schema.)

Eine ähnliche Gliederung zum Thema „Wie spricht Luise von Sterben und Tod?“ findet man hier.Mehr...

One thought on “Kabale und Liebe: Themen, Klausuren

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