C. F. Meyer: Auf Goldgrund – Geschichte des Textes, Analyse

Auf Goldgrund [1887]

Ins Museum bin zu später
Stunde heut ich noch gegangen,
Wo die Heilgen, wo die Beter
Auf den goldnen Gründen prangen.

Dann durchs Feld bin ich geschritten         5
Heißer Abendglut entgegen,
Sah, die heut das Korn geschnitten,
Garben auf die Wagen legen.

Um die Lasten in den Armen,
Um den Schnitter und die Garbe                10
Floß der Abendglut, der warmen,
Wunderbare Goldesfarbe.

Auch des Tages letzte Bürde,
Auch der Fleiß der Feierstunde
War umflammt von heilger Würde,            15
Stand auf schimmernd goldnem Grunde.

Conrad Ferdinand Meyer: Der Erndtewagen [1860]

Sieh das dunkle, rege Bild
Auf des Himmels blassem Grunde:
In der letzten Abendstunde
Wird ein Wagen hoch gefüllt.

Und das geht so rasch und leis:
Garben schichten sie zu Garben;
Bleichen auch des Lebens Farben
Dauert noch der rege Fleiss

Conrad Ferdinand Meyer: Der Erntewagen [1869/70]

Nun des Tages Gluten starben,
Mischen alle zarten Farben
Sich am Himmel golden klar.
In die Helle seh‘ ich ragen
Einen hohen Erntewagen,                 5
Den umeilt der Schnitter Schaar.

Dunkle Arbeit lichtumgeben!
Nächtige Gestalten heben,
Schichten letzte Garben leis,
Und des Abends Feierstunde          10
Schmückt mit heilig goldnem Grunde
Müder Arme späten Fleiß.

Conrad Ferdinand Meyer: Auf Goldgrund [1882]

Durch den Bildersaal bin ich gegangen
In der letzten Stunde noch, der späten,
Wo, von schimmernd goldnem Grund umfangen,
Heil’ge mit gehobnen Händen beten.

Dann durchs blache Feld bin ich geschritten        5
Letzter Sommerabendgluth entgegen,
Und die heut das reife Korn geschnitten,
Sah ich Garben auf den Wagen legen.

Rasch gedieh das Werk der braunen Arme,
Um den Schnitter und die dunkle Garbe              10
Floß das Abendlicht, das glühend warme,
Mit der wunderbaren Goldesfarbe.

Unter Bürden schwankende Gestalten
Lautlos in der stillen Feierstunde!
Müder Arme unermüdlich Walten,                        15
Auch auf schimmernd heilig-goldnem Grunde!

Quelle:
http://www.zanthia.de/inhalt/literaturstube/gedichte/tageszeiten.htm / tut es nicht mehr!
(Bei Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt – Gedichte in verschiedenen Fassungen, 1971, S. 20, heißt es für die Fassung von 1870 „Nächtige Gestalten“ statt „Mächtige Gestalten“; außerdem datiert sie im Beiheft die Fassung von 1887 auf 1883. Schildt bietet außerdem eine Fassung „Der Erntewagen“ von 1865.)

Ich lege gern die drei Fassungen von 1865, 1870 und 1883 (bzw. 1887) den Schülern in einer Klausur zum Vergleich vor; die Fassung von 1865 referiere ich hier kurz:
Das lyrische Ich berichtet zeitgleich (im Präsens), wie es unruhig durch eine abendliche Landschaft wandert, unstet wie in seiner Jugendzeit (V. 1-16).
„Da winkt auf hellem Grunde
Des Abends mir ein Bild:
Es wird zur letzten Stunde
Ein Wagen dort gefüllt;                  20
Sie schichten dunkle Garben
So rüstig und so leis,
In des Tages letzten Farben,
Mit unverdrossnem Fleiß.“
Darauf wird das lyrische Ich innerlich ruhig, es erkennt:
„Der Arbeit stille Stunden
Sind wie die Ernste reich.“              28
Es geht nach Hause, der Erntewagen folgt ihm.

Worin besteht die Idee des Gedichts, wie sie sich in allen Fassungen durchhält und dann zum Gedicht „Auf Goldgrund“ ausgearbeitet wird?
In der Fassung von 1865 nimmt das Wandern, das eigene Erleben breiten Raum ein; durch die Begegnung mit den fleißigen Arbeitern, die das Ich im Gegenlicht (auf hellem Grunde / dunkle Garben) als „ein Bild“ sieht (deutlich als Symbol bezeichnet!); die darin vermittelte Erkenntnis vom Wert der Arbeit gibt dem Ich innere Ruhe.
In der Fassung von 1870 ist die Bedeutung des Ichs rein auf seine beobachtende Funktion reduziert; von ihm wird nur eine Situation (im Präsens, allerdings mit kurzem Bezug auf die vergangene Hitze des Tages) beschrieben, ohne dass noch vom „Bild“ die Rede wäre; vor der Helle des Abendhimmels (V. 4) zeigt sich die Arbeitsszene, die explizit als „Dunke Arbeit lichtumgeben!“ beschrieben wird. Allerdings fügt jetzt der Sprecher zwei deutende Elemente hinzu:
a) Des Abends „Feierstunde“ qualifiziert die Arbeit neu; zunächst bleibt unklar, was genau des Abends Feierstunde ist – jedenfalls ist es nicht der Feierabend;
b) der zuvor schon als „golden klar“ (V. 3) beschriebene Himmel dient dem Sprecher dazu, in seiner Erklärung die Heiligkeit der Arbeit zu demonstrieren:
„… des Abends Feierstunde
schmückt mit heilig goldnem Grunde“ (V. 10 f.) die Arbeitsszene.
Hier ist der heilig goldne Grund eine Anspielung, die man nicht recht versteht;
diese Unklarheit wird in der Fassung von 1883 (1887?) beseitigt. Das Ich tritt wieder als Akteur hervor und berichtet (am Abend, vgl. „heut“ V. 2) von seinem Gang ins Museum, wo es Heiligenbilder mit goldenem Hintergrund gesehen hat. Es folgt der Bericht (wieder im Perfekt, später im Präteritum) über den Gang durchs Feld und das Erlebnis der Arbeitsszene (2. und 3. Strophe); dabei fehlt der Hell-Dunkel-Kontrast, Schnitter und Garbe sind von der wunderbaren Goldesfarbe der Abendglut umflossen – also wieder der Gegenlichteffekt vor dem Abendhimmel. In der letzten Strophe wird dann ausdrücklich (durch das zweimalige „auch“, V. 13 f.) durch den Sprecher die Arbeit mit ihrer Belastung zum Goldgrund der Museumsbilder in Beziehung gesetzt:
„[Die Arbeit war]… umflammt von heilger Würde,
Stand auf schimmernd goldnem Grunde.“ (V. 15 f.)
Auch könnte jetzt mit der Feierstunde (V. 14) die Situation der Arbeit selbst gemeint sein. Ohne dass ich es überprüft hätte, würde ich in Meyers Gedicht die Symbolisierung des protestantischen Arbeitsethos erkennen wollen: Die Heiligkeit heute ist nicht nur (nicht mehr?) die der Heiligen, sondern die der Arbeiter und ihrer Mühen.
Überblickt man die Entwicklung der Idee in den verschiedenen Fassungen des Gedichts, so zeigt sich, dass die Bedeutung des lyrischen Ichs schwankt (Akteur – Beobachter – Berichterstatter und Deuter); dass dies der Schwankung des Zeitraums entspricht, von dem berichtet wird (lange, im Präsens, mit beschriebener Wirkung des Erlebten – kurz, im Präsens, mit zweifacher Andeutung des Wertes der Arbeit – länger, im Rückblick, mit ausdrücklicher Erklärung); dass der Hell-Dunkel-Kontrast zurücktritt und die im Gegenlicht der wahrgenommene Szene zuerst nur symbolisch, dann explizit als eine „auf Goldgrund“ sich abspielende vorgestellt wird.
Eine Reihe von formalen Beobachtungen könnte man zusätzlich berücksichtigen: neben dem erwähnten Tempuswechsel die Variation des Metrums vom Jambus (1865) zum Trochäus (ab 1870), wodurch sinntragende Wörter an den Versanfang rücken können; der Wechsel der Reimform (Variation 1870) und vor allem der Kadenzen (1865 w/m; 1870 w/w/m; 1883 nur noch weiblich, wodurch mit der Satzlänge eine größere Ruhe ins Sprechen kommt).
Über die Bedeutung der Reime (durchs Feld geschritten / Korn geschnitten; um die Garbe / Goldesfarbe, usw.) müsste man in einer Analyse der einzelnen Gedichte sprechen.

(Vgl. zum Goldgrund „Das Haus in der Heide“ von Droste-Hülshoff!)

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