C. F. Meyer: Zwei Segel – Geschichte des Textes, Analyse

Zwei Segel (1882)

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden                  5
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,               10
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Ferdinand Meyer hat an diesem Gedicht wie an vielen anderen lange gefeilt, bis die Idee vollendet ausgedrückt war. Zwei frühere Fassungen möchte ich vorstellen und für die Analyse nutzen. Ich kenne sie aus Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt – Gedichte in verschiedenen Fassungen, Karlsruhe 1971, S. 22.

C. F. Meyer: Abendbild (1870)

Zwei Segel, sie wandern
Vorbei unserm Haus,
Folgt eines dem andern
Und plaudern‘s nicht aus.

Sich lieben, sich neigen,             5
Sich folgen von fern –
Es blinkt zwischen beiden
Im Wasser ein Stern.

Die Segel empfinden
Zusammen die Luft,                10
Die Seelen verbinden
Sich über die Kluft.

Ich sehe sich breiten
Die dämmernde Bucht –
Sie ziehn und entgleiten         15
In ruhiger Flucht.

In dieser ersten Fasung sind die Segel so sehr personifiziert (plaudern, V. 4; sich lieben, V. 5; Seelen, V. 11), dass das Bild der Segel verblasst und das die heimliche Liebe eines Paares (V. 3 f. und V. 12: Kluft) sich in den Vordergrund drängt.
Zwei Besonderheiten verdienen beachtet zu werden, die Einbettung des beschriebenen Geschehens in die Landschaft des lyrischen Ichs und der Rhythmus. Es gibt also ein betrachtendes Ich, das offenbar in oder bei seinem Haus steht (V. 2) und dort auch bleibt, während die Segel vorüberziehen (4. Strophe). Der Bezug auf das beobachtende Ich erfolgt zweifach und rahmt sozusagen die Beobachtung der Segel ein. Der Rhythmus fließt eigenartig, gleichmäßig beschwingt:
x / x x x / x x
x / x x x / x –
x / x x x / x x
x / x x x / x –
(leider nimmt das jeweils erste x einer Dreiergruppe nicht den Akzent an, wie es sich gehörte!)
Es ist also ein Daktylos mit Auftakt, der über das Versende hinausreicht in den nächsten Vers, wobei am Ende von Vers 2 und 4 jeweils eine Silbe fehlt, wodurch eine kleine Pause entsteht; im jeweils vierten Vers fehlen also zwei unbetonte Silben, wodurch eine Pause erzeugt wird. Auch durch den Kreuzreim wird das Sprechen nur wenig verlangsamt: insgesamt ein ruhiges, beschwingtes, leicht gebremstes Sprechen – die ruhige Flucht der Segel (V. 16) abbildend.
Die zweite Fassung (1875, ohne Überschrift, vermutlich nicht veröffentlicht) ist radikal gekürzt, hat zwei statt vier Strophen, und ist im Rhythmus verändert; offensichtlich hat C.F. Meyer die Personifikation der Segel als zu aufdringlich empfunden und auch die zweifache Beachtung des Ichs als entbehrliches Beiwerk gesehen. Interessant ist, dass auch der alte V. 7 f. gestrichen ist: der Stern im Wasser, anscheinend als Klischee überflüssig:

Ein doppeltes Leben,
Zwei Segel auf dunkelnder Flut,
Sie ziehen und schweben –
Sie rötet der Abend mit Glut.

Wie eins in den Winden                           5
Sich schwellt und die Schwingen bewegt,
Wird gleiches Empfinden
Im Wandergefährten erregt.

Der jeweils zweite Vers ist um einen ganzen Takt aufgefüllt, wodurch das Sprechen unruhiger wird. Die Segel heben sich vom Wasser ab: dunkelnde Flut – im Abendlicht strahlende Segel; von der Szene um das beobachtende Ich ist nicht mehr die Rede, nur noch von den Segeln. Auch dass die Schiffe sich entfernen, wird nicht mehr erwähnt. Die Segel werden nur einmal deutlich personifiziert („gleiches Empfinden“, V. 7); „Leben“ und „Wandergefährte“ (V. 1 und V. 8) könnten als abgeblasste Metaphern durchgehen. Das Schlüsselwort („Zwei Segel“) ist in den zweiten Vers gerückt, um der Metapher „doppeltes Leben“ Platz zu machen.
In der Endfassung (1882 – oft versehentlich auf 1870 datiert, siehe oben) steht das Motiv der zwei Segel wieder in Vers 1, wo es hingehört, und in V. 3 im Parallelismus wiederholt; die Bucht ist nicht mehr ganz so dunkel, das Geschehen ist ganz in die erste Strophe verlagert. Die beiden letzen Strophen bleiben der deutenden Beschreibung der Gemeinsamkeit vorbehalten; hier sind die Segel auch wieder stärker personifiziert (das Empfinden, begehren, verlangen), doch ist vom Paar und von Seelen nicht die Rede: verhaltener als in der 1., deutlicher als in der 2. Fassung. Schön ist die Gemeinsamkeit im Parallelismus der Verspaare in der letzten Strophe ausgedrückt (V. 9 f. // V. 11 f.). Auch ist der alte Rhythmus wieder installiert – zu Recht, denke ich.  Die Reimwörter passen durchweg gut zueinander: erhellend / sich schwellend; tiefblaue Bucht / ruhige Flucht usw., nur „schnell / Gesell“ sind einander fremd, das sinntragende Wort „ruht“ ist dort an den Versanfang gerückt, sodass in V. 10/12 eine Art Chiasmus vorliegt.
Man könnte noch genau untersuchen, welche Wörter wann in der Geschichte des Gedichts auftauchen; entscheidend sind aber die drei Größen Blickwinkel, Personifikation und Rhythmus, an denen C.F. Meyer gearbeitet hat. Mit der Veränderung des Blickwinkels ist auch der Aufbau des Gedichts verändert worden: die Situation in der 1. Strophe, Gemeinsamkeit des Bewegens und Begehrens in den beiden letzten Strophen. In der Endfassung sind die zwei Segel wirklich das Bild eines Paares geworden, desen Bewegung in heiterer Ruhe beschrieben wird.

http://mpg-trier.de/d7/read/c_f_meyer_zwei_segel.pdf (große Analyse)

http://www.uibk.ac.at/germanistik/mitarbeiter/wiesmueller_wolfgang/ringvl-textanalyse-skriptum(2).pdf (dort das 3. Beispiel)

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316152_txt_06_01.doc (Musterinterpretation bei Klett?)

http://lyrik.antikoerperchen.de/conrad-ferdinand-meyer-zwei-segel,textbearbeitung,243.html (Schülerarbeit)

http://gymtoalt.projekte.mho-service.net/Faecher/Deutsch/FacharbeitenDeutsch03/HTML/Katarina%20Kemper.htm (Schülerarbeit)

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