Fleming: An sich – Aufbau, Rhythmus

Paul Fleming (1609-1640):

    An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

5 Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, laß alles unbereut,
Tu, was getan muß sein, und eh man dir‘s gebeut .
Was du noch hoffen kann, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lob man doch? Sein Unglück und sein Glücke
10 Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.
(veröffentlicht 1641)

Sprachliche Erläuterungen zu Vers
2 Glück: der glückliche Zufall, fortuna
3 sich vergnügen: seine Freude finden; genug haben
5 laben: erfrischen, beleben
erkoren: von erküren (selbst wählen; vgl. Kurfürst; die Kür)
6 Verhängnis: das über dich Verhängte, das Schicksal
7 gebeut: gebietet
11 eitel: leer, nichtig (vgl. Gryphius: Es ist alles eitel)
12 förder: vorwärts
13 sich beherrschen: über das Eigene verfügen

In diesem Gedicht spricht ein Ich zu sich; das einsichtige Ich spricht zu sich als dem unverständigen, beunruhigten, von Gefühlen verwirrten Ich. Das einsichtige Ich spricht in geistig überlegener Form: im Sonett.
In den beiden Quartetten dominieren die Imperative: Das Ich ruft auf und ermahnt sich, angesichts aller Widrigkeiten des Lebens nicht zu verzagen („sei“, „gib“ usw. – sechs Imperative in der 1., vier in der 2. Strophe). Die Verse sind Alexandriner, wobei die Zäsur nach der dritten Hebung ziemlich deutlich aus-geprägt ist: es liegt eine Häufung von entschlossen gesprochenen Mahnungen vor; nur in V. 4 ist die Zäsur kaum erkennbar, da der Satz den ganzen Vers ausmacht. In der zweiten Strophe ist die Mittelzäsur nur in V. 6 so stark wie in der ersten Strophe; in den anderen Versen liegt zweimal das Verhältnis von Haupt- und Nebensatz vor, wodurch die Zäsur etwas kürzer ausfällt (V. 5, 8); V. 7 bildet trotz des „und“ einen einzigen Satz.
Der Jambus in den beiden ersten Strophen wird häufig durch Betonung des ersten Versfußes gestört, und zwar bei den Imperativen zu Beginn von V. 2, 6 und 7, nicht ganz so stark beim ersten Wort „Sei“, welches durch das folgende (und wiederholte, absolut gebraucht „dennoch“) im Ton noch übertroffen wird. Die starken Betonungen außerhalb des Metrums stammen von der Entschlossenheit, mit der das Ich spricht und zu der es sich selbst aufruft: Es ist die selbstgewisse Unerschütterlichkeit des stoischen Weisen, welche Quelle und Ziel der geforderten Lebensweise ist. – Auch „kein“ (V. 3) und „Glück“ (V. 4) werden entgegen dem Metrum betont.
Während „Neid / Leid“ (V. 2/3) Elemente des negativen Weltlaufs bezeichnen, denen das Ich standzuhalten hat, tritt im Reim „unverloren / verschworen“ (V. 1/4) die Spannung zwischen dem widrigen Schicksal und dem standhaften Ich zutage. Mit dem Reimwort „verschworen“ wird eine erste Ruhepause in dem dynamischen Sprechen eingelegt. Die zweite Strophe wirkt insgesamt etwas ruhiger als die erste: Es gibt nur noch vier Imperative („halt“, V. 5, usw.), wobei die beiden, die den Anfang von V. 6 und 7 bilden, kraftvoll gegen das Metrum betont werden.
Das die zweite Strophe beherrschende Prinzip ist der Blick in die verschiedenen Zeitstufen des menschlichen Erlebens: Die Vergangenheit soll das Ich akzeptieren (V. 5 f.), in der Gegenwart soll es entschlossen handeln (V. 7), dem Künftigen darf es hoffnugnsvoll entgegensehen (V. 8). Mit den drei Zeitmodi ist die Gesamtheit des Lebens abgedeckt, ebenso wie mit dem unbestimmten Zahlwort „alles“ (V. 5 und 6, sinngemäß auch in V. 7 und 8), dem korrespondierenden „kein“ (V. 2, 3) und den objektlosen Verben aus Vers 1 wie der Gesamtheit der Widrigkeiten, die in Vers 4 ausgedrückt ist.
In der zweiten Strophe werden das Reimschema und auch die -laute der ersten wiederholt, wobei „verschworen / stets geboren“ (V. 4/8) in einer kraftvollen Spannung zueinander stehen, worin die Hoffnung durch das reimende „erkoren“ (alles bejahen und selber wollen, V. 5) begründet wird.
Wird bereits in V. 8 ein Grund-Satz ausgesprochen, der den Grund der starken Zuversicht benennt, so treten in den beiden Terzetten die Imperative bis auf zwei zurück und machen allgemeingültigen Aussagen, Sentenzen, Lebensweisheiten Platz. Das erste Terzett beginnt mit einer rhetorischen Frage, die sozusagen das Fazit des vorangehenden Grundsatzes bzw. der zweiten Strophe bildet; die stoische Grundhaltung, die in der Frage ans Licht kommt, wird in dem folgenden Lehrsatz „Sein Unglück und sein Glücke ist ihm ein jeder selbst“ (V. 9 f.) und im Schlußsatz (V. 13 f.) begründet. Das zweite Terzett enthält noch zwei Imperative, und wenn man den schweifenden Reim „Glücke / zurücke“ (V. 9/12) wirklich hört und als Abschluss der Mahnungen erkennt, dann könnte man in den vier Zeilen eine weitere Strophe sehen, die an die beiden ersten anschließt, in der jedoch die Aufforderung des Ich an sich grundsätzlicher ist als bisher: „so geh in dich zurücke“ (V. 12). Das Ich ist allem, was es gibt, entgegengestellt: Es ist die Alternative, wenn es darum geht, ein Ziel des Handelns nicht nur, sondern des Lebens selbst in seiner Gesamtheit zu finden: „Dies alles ist in dir.“ (V. 11) Das „in“ ist stark betont, ebenso das fordernde „Laß“ (V. 11) Der hier erscheinenden Dynamik des Sprechens kommt entgegen, dass die Mittelzäsur (bis auf V. 12) wieder stark ausgeprägt ist, sodass wir eine Reihe kurzer Sätze vor uns haben, die aber über das Versende hinaus miteinander verbunden sind (V. 9; 10 und 11 etwas schwächer), wodurch der Rhythmus etwas stärker fließt.
Im letzten Verspaar wird dann ruhig, aber in dem Kontrast der betonten Wörter („selbst, sich“ – „Welt, alles“) entschlossen der letzte Grundsatz der stoischen Lebensweise gelehrt. In dieser letzten Einsicht sind alle vorangehenden Aufrufe und Ermahnungen begründet und gerechtfertigt: Das Ich kann der ganzen Welt standhalten. Gegen das Metrum sind „selbst – dem“ betont: Das selbstgewisse Ich ist sich letzter Bezugspunkt. Aus Einsicht in die wahre Bedeutung von „allem“ findet es den Grund seiner Ruhe und Stärke in sich – aus dieser philosophischen Einsicht ruft das Ich sich und damit auch alle anderen zu einer vernünftigen Lebensführung auf, alle Querelen und Verwirrungen in der durchdachten Form des Sonetts bändigend.

Im Aufsatz wird versucht, nur den Aufbau und den Rhythmus zu beschreiben und in ihrer Bedeutung zu erklären, wobei für den Aufbau sprachliche Formen (Verb- und Satzformen), Reimformen und Reimwörter, sehr knapp nur der Inhalt berücksichtigt worden ist.
Es zeigt sich, dass man Opposition, Wiederholung und Kontrast kennen muss, um den Aufbau eines Gedichtes beschreiben zu können. – Wer die Begründung in V. 10-14 sachlich verstehen will, sollte Volker Gerhardt: Selbstbestimmung (1997), 3. Kapitel, lesen; Fleming steht hier in der Tradition europäischen Denkens.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s