G. A. Bürger: Lenore – Analyse

Das 1774 erschienene, dann jedoch überarbeitete Gedicht wird heute normalerweise in der Fassung von 1789 gelesen. Seine Deutung ist in der Forschung umstritten. Wir fertigen zuerst eine Analyse an und kommen später auf die Deutung (Interpretation) zu sprechen.

Aufbau des Gedichts, Zeitstruktur
Es werden fünf Episoden erzählt:
1. wie Lenore aus ihren Träumen erwacht (V. 1-4), undatiert;
2. wie sie verzweifelt, als niemand etwas von Wilhelm weiß (V. 29 ff.) und sie mit ihrer Mutter streitet (Str. 5-12);
3. wie in der Nacht der Reiter erscheint und sie überredet mitzugehen (Str. 13 ff.);
4. wie sie mit dem Reiter reitet (Str. 19-31);
5. wie die Geister tanzen und singen (Str. 32).
Von den drei großen Episoden bestehen zwei im Wesentlichen aus einem Dialog, während in einer der schaurige Ritt zum Grab erzählt wird. [In meinem Grundkurs 11 bestanden die Schüler darauf, dass sechs Episoden erzählt würden; sie zählten den Zerfall der geisterhaften Figuren in Str. 30 f. als eigene Episode, manche wollten auch Str. 29 bereits vom Ritt abtrennen.]
Dazwischen wird kurz die Vorgeschichte erzählt (V. 5-8; die Prager Schlacht 1757); zeitraffend oder allgemein wird vom Kriegsende 1763 und der Heimkehr der Soldaten erzählt (Str. 2 f.). Dazu gibt es einen kurzen Erzählerkommentar (V. 23 f.), mit dem die summarische Erzählung von Lenores vergeblicher Suche (V. 25-28) eingeleitet, der Erzählfaden „Lenore“ also wieder aufgenommen wird. Zwischen der 2. und der 3. Episode wird zeitraffend erzählt, wie Leonore am Abend verzweifelt; die Datierung („bis … die goldnen Sterne zogen“, V. 95 f.: 12. Str.) leitet eine Wende des Geschehens ein, indem als neue Figur der Reiter eingeführt wird (Str. 13). Zwischen der 4. und 5. Episode ist mit der Datierung „Nun“ (Str. 32) die Erzählung abgeschnitten, die letzte Episode aber in die zeitliche Nähe von Lenores Todeskampf gerückt.
Der Zeitraum der erzählten Geschehens umfasst also etwa sechs Jahre; das Geschehen 1757 ist nur die Vorgeschichte. Nach dem Sprung ins Jahr 1763 wird kurz von den Wochen nach dem Kriegsende (2. und 3. Str.) und von Lenores langem Suchen (V. 25-28) erzählt. Der Rest des Geschehens spielt sich an einem Tag und in der folgenden Nacht (noch „bei Mondenglanz“, Str. 32, trotz der Äußerung „ich wittre Morgenluft“ in Str. 28) ab, wobei in Str. 12 eine unbestimmte Dauer des Verzweifelns zusammengefasst wird.

Was ist das Thema oder Motiv des Gedichtes?
„Motiv,
eine typische Situation, die immer wieder auftreten kann.
Beispiele für solche immer wieder auftretende Situationen:
Das Motiv der Feindschaft zweier Geschlechter, in vielen Dramen und Erzählungen verwendet, z. B. in „Romeo und Julia“; das der feindlichen Brüder – vor allem im Sturm und Drang auftauchend – , z. B. in „Die Zwillinge“ von Klinger oder in „Die Räuber“ von Schiller, das der Wiedererkennung als beliebtes Motiv der Komödie in Shakespeares „Komödie der Irrungen“ oder in Lessings „Nathan der Weise“ usw.
„Das Motiv ist eine sich wiederholende, typische und d. h. also menschlich bedeutungsvolle
Situation“ (Kayser).
Andere Beispiele: Das geforderte Lösen eines Rätsels (Turandot, Oedipus), die Begegnung eines Liebenden mit dem Geist des verstorbenen Partners (vor allem in den Balladen des 18. Jh.: Hölty, Bürger „Lenore“, Gleim „Marianne“, Goethe „Der untreue Knabe“ usw.), ein Mensch wird magisch von der Natur angezogen und geht zugrunde (in der Romantik: Tieck Der Runenberg“, E. T. A. Hoffmann „Das Bergwerk von Falun“), das Motiv der Verwechslung (Keller „Kleider machen Leute“ und Gogol „Der Revisor“).
In allen Beispielen hat das Motiv mit der Handlung zu tun, es gehört deshalb zur Epik und Dramatik.“ (Auch in Gedichten könne es Motive geben.)
(Quelle: http://nibis.ni.schule.de/~lessing/www_mat/epik/epik_analyse.htm)
Nach H. Schmidt-Kaspar (in: Christian Freitag: Ballade, 1986, S. 221) ist das Motiv, „daß nämlich übermäßige Trauer der Hinterbliebenen die Ruhe der Toten stört, daß schließlich der tote Geliebte erscheint, um die Trauernde mit sich zu nehmen“, uralt und in ganz Europa verbreitet.
Albrecht Schöne sieht einen zweiten Motivstrang in „der Auseinandersetzung mit einem gottverhängten Geschick“, im Gebet um Barmherzigkeit, in der Unterwerfung unter Gottes Gericht; den ersten Motivstrang konkretisiert er in die Ankunft des Reiters und den nächtlichen Ritt, wozu er auf eine Parallele zu Percys Gedicht „The Child of Elle“ verweist (in: Balladenforschung. Hrsg. von W. Müller-Seidel, 1980, S. 169 f.). – Für uns ergibt sich die Aufgabe, den Begriff des Motivs zu klären.

Der Erzähler und seine Erzählweise
Der allwissende Erzähler meldet sich mit dem teilnehmenden Ausruf („Ach!“, V. 23 f.) zu Wort; Lenores Verzweifeln beurteilt er kommentierend als „vermessen“ (12. Str.), die Verwandlung des Reiters als „ein gräßlich Wunder“ (Str. 30). Ansonsten ist er in seiner dramatisierenden Erzählweise zu greifen. Ich orientiere mich an Schönes Aufsatz in „Die deutsche Lyrik“ und am Aufsatz Schmidt-Kaspars:
1. Die Strophenform ist bei Schöne (S. 197, 2. Absatz) umfassend analysiert: Wechsel von vier- und dreihebigen jambischen Versen, diese mit klingendem Schluss; Sonderform in Vers 7 und 8 jeder Strophe; Wechsel von Kreuz- und Paarreim.
2. Die Gleichförmigkeit des metrischen Schemas wird durch Onomatopoie (Lautmalerei), durch abgehackte, wiederholte Sätze und Satzfragmente sowie durch Rufe und Schreie in wilde Bewegung aufgelöst (Schöne, a.a.O.). – Beispiele für
Lautmalerei: „trapp, trapp, trapp“ (Str. 13);
wiederholte Sätze: „Bei Gott ist kein Erbarmen…“ (Str. 5, 9);
Satzfragmente (= Anakoluth): „Still Klang und Sang… Die Bahre schwand…“ (23);
Rufe und Schreie: „Hilf Gott, hilf!“ (Str. 6, 7);
hier sollte man unterscheiden,
– ob der Erzähler selber fragt (Str. 21) und ruft (Str. 25)
– oder ob er Fragen und Rufe erzählend berichtet!
[Wir bewegen und hier z.T. in der Ebene des Satzbaus, mittels dessen dramatisierend erzählt werden kann.]
Dem fügt Schmidt-Kaspar noch hinzu (a.a.O., S. 227):
Fragen („O Mutter! was ist Seligkeit?“, Str. 9, 11);
Inversionen („Ich habe spät mich aufgemacht“, Str. 15);
Dialog fast immer ohne Nennung des Sprechers (Str. 5 ff.);
Ellision im einzelnen Wort („Ging‘s fort“);
[Sammelbegriff für Elision und Anakoluth: Ellipse (Auslassung);]
kurze Hauptsätze in rascher Folge.
3. Schmidt-Kaspar spricht von der sinnlichen Eindringlichkeit der einfachen, klaren Bilder (z.B. V. 9-12) – das ist aber schwer zu fassen; dazu gehört bei ihm, dass Bewegungen heftig dargestellt werden (Str. 4, Ende) und dass manchmal sogar unpassende Ereignisse (Leichenzug in der Nacht) erzählt werden;  ebenso tragen die Lautmalereien zur „Anschaulichkeit“ bei.
An rhetorischen Mitteln zählt er hier auf:
Kontraste (Rabenhaar / Lilienhände; „erweichten ihren harten Sinn“);
Paarungen (Gehirn und Adern; geweint und gewacht; „Kies und Funken“);
Reihung („Sing und Sang“; „still, kühl und klein“);
Steigerung („Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!“);
Wiederholungen („Gott, Gott erbarmt sich unser“; „Lass sausen, Kind, lass sausen!“);
Wiederaufnahme („Hat‘s Raum für mich? Für dich und mich.)“;
leitmotivisch-refrainartige Wiederholungen („Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp“).
4. Im Bereich des Lautlichen nennt Schmidt-Kaspar (a.a.O. S. 226) als Mittel der Versinnlichung volkstümlich-formelhafte Wendungen (Sinn und Sang);
Alliteration (keiner / Kundschaft, Str. 4), neben Lautmalerei;
Wörter gleichen Stammes (Leid erlitten);
Binnenreim und Assonanz („i“: er hilft den Kindern; die „a“ in: der falsche Mann im fernen Ungarlande, abgetan, Ehebande).
5. Insgesamt wird die Nähe zu Bibel und Kirchenlied betont (Dialog Mutter – Lenore, aber auch Elemente des nächtlichen Ritts und der Reiter); am ausführlichsten ist sie von Schöne in „Balladenforschung“ (S. 173 ff.) untersucht und belegt worden.

Deutung der Ballade
Bisher haben wir eine Analyse der Ballade betrieben – was kann demgegenüber noch eine Deutung (Interpretation) herausfinden? In der Interpretation sucht man zu erfassen, worum es im Text eigentlich geht – oft sagt man auch: worum es dem Dichter geht. Das hier hängt auch davon ab, ob man erkennen kann, in welche Richtung er bestimmte Quellen oder Vorlagen gestaltet hat.
Als Quellen werden genannt
– eine Lenore-Sage (C. Freitag: Ballade, 1986, S. 143 f.);
– das Lied „Lenore“ (C. Freitag: Ballade, 1986, S. 144); (möglicherweise ist dies das niederdeutsche Volkslied, von dem Bürger in seinen Briefen spricht, das wir aber nicht kennen, wie A. Schöne sagt: Die deutsche Lyrik I, S. 199 f.);
– das Gedicht „An Leonoren“ (1720) von Johann Christian Günther (Schmidt-Kaspar, in C. Freitag, a.a.O., S. 227).
Fazit: Eine einzige Quelle, deren Verarbeitung durch Bürger wir untersuchen könnten, gibt es nicht. So wird eine Deutung teilweise aus dem Text, teilweise aus Äußerungen Bürgers in seinen Briefen, teilweise aus einer geistesgeschichtlichen Einordnung der Ballade versucht.
Herbert Schöffler sieht in der Ballade „das alte und doch so selten verstandene Lied vom Zerfall eines Gottesglaubens“ (zit. Schidt-Kaspar, a.a.O. S. 220); dann wäre die fromme Mutter die Repräsentantin einer Zeit, die von der Geschichte überholt ist.
Albrecht Schöne widerspricht ihm: „Nicht Glaubenszerfall ist hier gedichtet, sondern jene Unbedingtheit der Liebe, die in tragische Verfehlung stürzt.“ Lenore glaubt im Toten den heimgekehrten Bräutigam, im apokalyptischen Reiter den Retter, im Tod das Leben zu finden: Sie ist in ihrer grenzenlose Liebe irregeführt (Balladenforschung, S. 184).
Schöne führt aus, dass die Moral des Schlusschores, welcher anscheinend die Mahnungen der Mutter bestätigt, nicht den Sinn der Ballade ausmachen kann; denn er werde ja vom Gesindel gesungen (Balladenforschung, S. 183).
Gunter E. Grimm befasst sich v.a. mit der Deutung der Ballade; diese hänge davon ab, welches Gewicht man den beiden Teilen zumisst: dem Zwiegespräch und dem Geisterritt (Gedichte und Interpretationen: Deutsche Balladen, 1988, S. 80). Im Generationenkonflikt von Mutter und Tochter zeige sich die Ablösung des religiösen durch ein säkularisiertes Weltbild (S. 80 f.). Der Geisterritt bezeuge einmal Gegnerschaft gegenüber dem platten Rationalismus der Aufklärung und, damit verbunden, eine Hinwendung zur Welt des Volkstümlichen (S. 84). Wilhelm symbolisiere „die unerfüllte Existenz, die sich ihr Recht noch nach dem Tode zu schaffen sucht“ (S. 84); doch durch den Schlusschor werde dieser Anspruch relativiert.
Lenores Gespensterritt könne nur symbolisch verstanden werden, als „Traumarbeit“, in der sie das rational nicht zu Bewältigende anzunehmen versucht (S. 85). Die Erkenntnis der Realität zerstöre schließlich ihren Lebenswillen. „Die herrschende Ideologie holt sie ein: als letztes erblickt sie den Chor der höllischen Geister und hört sie ihre grausige Moritat. Der Leser kann sich seinen eigenen Reim darauf machen.“ (S. 85) Bürger führe also den Glauben, die irdische Liebe überwinde den Tod, ad absurdum „und überläßt das Feld der christlichen Gnade“ (S. 86). Die letzte Strophe „mit ihrer plakativen Moral verkehrt die revolutionäre Botschaft des Gedichts vom individuellen Glücksanspruch des einzelnen in ihr Gegentiel: Recht behält nach wie vor die Moral der Herrschaft; wer sich ihr nicht fügt, geht nicht nur des Leibes, sondern auch der Seele verlustig“ (S. 89).
Die Ballade gehöre zu den Vorläufern des Sturm und Drang, nehme aber dessen revolutionären Gestus des Aufbegehrens zurück. (S. 89)

Fazit: drei Deutungstypen
a) Zerfall des Gottesglaubens,
b) Verwandlung des absoluten Glaubens in eine absolute Hoffnung auf Liebe,
c) Zurückweisung dieses Anspruchs am Ende, Verzicht auf Selbstverwirklichung.
Diese Deutungen hängen davon ab, wie man den Schlusschor und wie man den Ritt und den Reiter einschätzt (und ob der Chor zu Lenore oder über Lenore spricht).

Literatur
„Die deutsche Lyrik“, hrsg. von Benno von Wiese; in Bd. I steht eine alte Analyse und Interpretation von Albrecht Schöne (S. 196 ff.).
Im Internet konnte man seinerzeit einen Aufsatz Gunter Grimms herunterladen („Grimm: Bestrafte Hybris“). (Zu Grimms Arbeitsweise kritisch dieser Aufsatz!)

http://www.youtube.com/watch?v=aHT83Ov6FxA (Impressionen, untermalt mit Händel auf dem Spinett)

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