Goethe: An den Mond – Aufbau, Vergleich der beiden Fassungen (Analyse)

Die Struktur des Textes wird davon bestimmt, dass sich die Stimmung des sprechenden Ichs, der Sprachgestus und der unmittelbare Adressat ändern. Unter diesen Aspekten schlage ich vor, das Gedicht folgendermaßen gegliedert zu sehen: Zunächst spricht das Ich den Mond an, bezieht sich dann aber auf das von ihm selbst Erlebte (1. – 3. Strophe). Danach wendet es sich an den Fluss und fordert ihn auf, zu fließen und zu rauschen; dabei besinnt es sich in verschiedener Weise auf sich selbst (4. – 7. Str.). Zum Schluss folgt eine Seligpreisung dessen, der in der Gemeinschaft eines Freundes leben kann (8. und 9. Strophe).
Das Ich befindet sich offenbar bei Mondschein in einem Flusstal und spricht, da es die Wirkung des ruhigen Lichtglanzes verspürt, den Mond an, diese (die seelischen Spannungen, vgl. 3. Str.) lösende Wirkung beschreibend und mit dem stillen und milden Blick des Mondes erklärend (1. und 2. Str.). Der Mond wird als Blickender, also als Person erlebt und kann so mit dem Freund und dessen Blick verglichen werden (2. Str.); in der Metapher „Gefild“ (V. 5) wird das Ich seinerseits in die Nähe des vom Mond angeblickten Feldes gerückt. – Mit diesem Freundesvergleich greift der Sprecher schon auf das in den beiden letzten Strophen Geäußerte vor.
Danach wandelt sich der Sprachgestus und auch die Stimmung des Sprechers; er wendet sich von seiner Einbindung in die Natur zu seiner Erinnerung („Nachklang“, V. 9), die ihm eine ambivalente Fülle des Erlebten präsentiert, und zu seinem eigenen Herzen; er wird sich, bezogen auf die Menschen, seiner Einsamkeit bewusst (3. Str.). Dieser Wechsel des Blicks ist durch das Stichwort „mein Geschick“ (V. 8) vorbereitet oder vielleicht sogar veranlasst; man könnte das sich Erinnern als eine Phase der Ernüchterung betrachten, wo das Ich aus der Einheit mit der Natur heraustritt und sich der von ihm erlebten Spannungen in der Menschenwelt bewusst wird.
In den Erinnerungen schiebt sich nun das Liebesleiden vor; die zuvor erinnerte Freude (V. 11) ist jetzt nur noch als verlorene Liebe präsent (V. 15 ff.). Aber zugleich wendet sich das Ich an den Fluss und bittet ihn um Hilfe, in den jeweils doppelten Imperativen „Fließe!“ und „Rausche!“ (V. 13, 21, 23); erst in der 6. Str. wird klar, wieso das Rauschen Hilfe bringen kann: Es flüstert dem Sang des Ichs Melodien zu. Damit hat das Ich seine gegenwärtige Klage als Sang begriffen und akzeptiert und ist in eine neue, in der Kunst vermittelte Einheit mit dem Fluss, also mit der Natur getreten. Die Spannung zwischen der starken, auch laut geäußerten Dynamik des Flusses und seiner Wirkung („flüstern“, V. 23) fällt mir auf; mit dem Blick auf den Fluss und seine Lebenskraft im Frühling deutet sich eine neue Lebensmöglichkeit an.
Das Ich tritt nun aus seiner Situation heraus, es spricht auch nicht mehr von seinen Leiden; es preist allgemein jeden selig, der einen Freund gefunden hat und sich mit ihm von der qualvollen (Liebes)Welt in die innige Seelengemeinschaft zurückzieht (8. und 9. Str.). Hier vollendet sich die Lösung jeder Seele, die Aussicht auf Erlösung von ihren Qualen, welche sich schon in der Freundesmetaphorik des Mondenblicks  (V. 7) angedeutet hatte.

Wenn man kurz überprüft, wie sich die spätere Fassung von der ersten unterscheidet, sieht man mehrere Unterschiede:
* Die Liebste (V. 7) ist durch den Freund ersetzt worden;
* die Strophe „Jeden Nachklang…“ ist ganz neu: Erinnerung an Vergangenes;
* der Fluss wird angesprochen als ein realer Fluss, der durch das „Tal“ fließt;
* ihm wird die Aufgabe zugesprochen, Sinnbild des Vergehens und Anreger der
Melodien zu sein;
* in den beiden letzten Strophen sind einzelne Wörter ausgetauscht worden
(Mann < Freund; wohl veracht < nicht bedacht).
Vor allem der Austausch in der 2. Strophe (Liebste < Freund) könnte einen veranlassen, in Goethes Biographie, also im Bruch des Verhältnisses zu Frau von Stein den Anlass der Veränderungen zu suchen. Aber es greift meines Erachtens zu kurz, wenn man hier das Hauptmotiv der Veränderungen erblicken wollte.
Ich sehe vor allem poetische Gründe, die Goethe veranlasst haben könnten, die alte Fassung zu überarbeiten:
1. Der Personenbestand wird verringert und auf eine Linie gebracht; in der älteren Fassung besteht eine Spannung zwischen der lindernden Liebsten und dem trauten Freund.
2. In der älteren Fassung ist der Fluss nur über den Vergleich „wie ein Gespenst bannen“ an das Geschehen gebunden, sein Geschick „schwellen – quellen“ bloß innerhalb eines Vergleichs wirkt auch überladen; in der späteren Fassung wird er in die Landschaft und das Erleben des Ichs integriert.
3. Der Vergleich „wie ein Gespenst bannen“ passt nicht recht zu der dämpfenden Wirkung, welche beide „Ihr“ auf das leicht entflammte Herz ausüben.
4. Damit, dass der Fluss in die Landschaft einbezogen wird und eine löschende und anregende Wirkung ausübt, muss das Geschick des Ichs noch als negativ und damit als zu bewältigend hervortreten (3. Strophe der späteren Fassung), obwohl doch gerade Mond und Freund die Spannungen seiner Seele lösen (1. und 2. Strophe).
Das Goethe offenbar kostbare Bild des schwellenden, überquellenden Flusses wird also in eine positiv anregende Aufgabe ausgeweitet, der eine „negative“ Situation entsprechen muss; nach einer Spannungslinderung im Mondschein-Tal braucht nicht mehr (er)lösender Gesang einzusetzen, muss vielmehr belastende Erinnerung sich einstellen. Die Abfolge der Ideen wäre also:
Der Fluss ist real im Tal, nicht nur im Vergleich vorhanden;
-> Fluss gibt rauschend Melodien;
-> Fluss signalisiert auch das Verfließen, also Vergehen der Liebe (traditioneller Topos), welches dann im Gesang bewältigt wird;
-> das Ich erinnert sich seines Geschicks, auch als eines belasteten.
Man könnte jedoch auch annehmen, dass die traditionelle Idee des Verfließens mit der Lokalisierung des Flusses im realen Tal verbunden war; dann hätte die Notwendigkeit, einen Übergang zum vorhandenen hoffnungsvollen Schluss zu finden, die Idee des  Melodien-Gebens hervorgebracht.
Was ich vorgetragen habe, ist natürlich nur eine Konstruktion, aber eben ein Versuch, über den biographischen Anlass der Veränderungen, den Bruch mit Frau von Stein („Liebste“ getilgt!), hinauszukommen und ihre poetischen Gründe freizulegen.
Nachträglich habe ich gefunden:
http://www.deutschstunden.de/Material/Gedichte/Goethe-An-den-Mond-Seminararbeit.htm

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_mond_1_2_fassung.pdf (große Analyse!)

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