Goethe: An Schwager Kronos – Analyse

Dieses Gedicht „An Schwager Kronos“ (Text unten!) ist so genialisch wild in freien Rhythmen verfasst wie „Wanderers Sturmlied“, deshalb schwer zu verstehen, deshalb auch weniger in der Schule gelesen – zu Unrecht. Ich versuche eine Annäherung in mehreren Durchgängen. Zuvor soll noch gesagt werden, dass es leicht zugängliche Hilfsmittel gibt, die das Verständnis befördern: Adelungs Wörterbuch, um 1800 verfasst, vermittelt uns den Sprachgebrauch der Zeit des jungen Goethe (http://www.zeno.org/Kategorien/T/Adelung-1793). Klaus Weimar hat einen Kommentar zu „Goethes Gedichte 1769 – 1775. Interpretationen zu einem Neuanfang“ (Schöningh, 1982) geschrieben; der Kommentar von Erich Trunz zu Goethes Gedichten (Hamburger Ausgabe) ist in einer Sonderausgabe greifbar.

Erster Durchgang
„Schwager“ war die damals übliche Anrede des Fahrers einer Kutsche.
Kronos war in der griechischen Mythologie der Anführer der Titanen, Vater des Zeus; er wurde wegen des gleichen Klangs der Namen schon früh mit Chronos, dem Gott der Zeit, gleichgesetzt. Der respektlos angesprochene Kutscher wird als Kronos identifiziert, oder im Kutscher wird Chronos gesehen – damit hat die Kutschfahrt vom Titel her schon die zweite Dimension der Lebensfahrt.
Die Fahrt in der Postchaise, auf den 10. Oktober 1774 datiert, ging von Darmstadt zurück nach Frankfurt (rund 35 km); Goethe hatte Klopstock, den anerkannten großen Dichter, nach dessen Besuch in Frankfurt bis nach Darmstadt begleitet.
V. 1 sich sputen: sich beeilen; es wird von jetzt an vorausgesetzt, dass jeder imstande ist, deutsche Wörter in einem deutschen Wörterbuch nachzuschlagen (DWDS usw.).
V. 4 zögern: hier transitiv gebraucht, Objekt ist „ekles Schwindeln“; die Bedeutung ist gleich der von „zaudern“ (= „ziehen“), -ern bezeichnet eine Wiederholung (iterativ).
V. 5 haudern: sich wie ein Lohnfuhrwerk (langsam, ohne großes Interesse) fortbewegen
V. 7 „Stock, Wurzeln Steine“ sind in den Satz eingeschoben, bezeichnen Ursachen des Holperns.
V. 8 „ins Leben hinein“: Hier deutet sich an, dass die Fahrt nach Frankfurt in der Kutsche als Fahrt ins Leben erlebt wird: eine zweite Ebene der Bedeutung.
V. 10 erathmen: eine Neubildung Goethes (Neologismus); vielleicht „ins schwere Atmen kommen“ (K. Weimar)
V. 13 hoffend: die zweite Ebene (Fahrt ins Leben)
V. 14 neue Situation: auf dem Gipfel
V. 17 über: gleich „hinüber“ (vgl. „ab“ V. 3 und 26)
V. 17 der ewige Geist: So erlebt das fahrende Ich sich, ahnt auch entsprechend ewiges Leben V. 18); vielleicht sollte man das Verb „blickt“ ergänzen.
V. 19 Der Blick wandert zur Seite.
V. 22 eine Inversion: des Mädchens auf der Schwelle (eines Hauses)
V. 23 Anrede an das Mädchen
V. 26 erneut Anrede an den Kutscher, wie V. 1 usw.; „ab dann“ könnte nicht nur „hinab dann“, sondern auch „fort jetzt“ heißen.
V. 28-31 zu ergänzen: möchte ich ankommen
V. 29 Duft: Dunst, Ausdünstung
V. 29-31 Greis, schnatternde Kiefer, schlockerndes (schlotterndes) Gebein: Das Ich sieht sich als Alten; „die Sonne sinkt“ also auch in der zweiten Ebene: Leben.
V. 32 ist Apposition zu „mich“ (V. 33), wird dann in V. 35 wieder aufgenommen. Der letzte Strahl ist der der untergehenden Sonne.
V. 34 schäumend: bezeichnet wie beim Trunk (V. 24) das Überschäumende erfüllten Lebens – dann wäre das Feuermeer der letzte Strahl, der ja auch „trunken“ macht (V. 32), das Leben und Sterben rauschhaft erleben lässt.
V. 36 Inversion: in das nächtliche (also schwarze, dunkle) Tor der Hölle
V. 37 f. Die Verben sind wieder transitiv gebraucht (mit Objekt).
V. 39 Orkus: römisch für Unterwelt. Unter „Hades“ (siehe wikipedia!) findet man auch den entsprechenden Gott und sein Gefolge, das sich erheben hat (V. 40 f.); Hades war der jüngste Sohn des Kronos.
V. 39 ein Fürst: das Ich (vgl. V. 16 f.)
V. 41 die Gewaltigen: das Gefolge des Hades; dazu gehören die Brüder Thanatos „der Tod“ und Hypnos „der Schlaf“; die Erinnyen (lat. Furien) „die Rachegöttinnen“; Charon, der Fährmann am Fluss der Unterwelt. Auch Hekate haust in der Unterwelt, eine gefürchtete „Göttin des Nachtzaubers“.
V. 41 sich lüften: sich erheben

Zweiter Durchgang
Nach dem ersten Verstehen sollte man versuchen, diese Rede des wilden, auf Tempo bedachten Ichs schwungvoll und mit dem passenden Selbstverständnis (der ewige Geist sein; voll Begeisterung und mit Tempo in den Tod fahren; wie ein Fürst im Hades begrüßt werden) laut zu lesen.
Ganz interessant ist folgender Versuch: http://www.youtube.com/watch?v=syfV8FydJSc, die Bilder sind wohl zu stark auf „Tod“ ausgerichtet – davor ist das schäumende Leben!
Fischer-Dieskau singt Schuberts Vertonung: http://www.youtube.com/watch?v=GApb8hahzyE
Quasthoff / Abbado (Schubert): hier!
Das Ich spricht also während einer Fahrt den Kutscher mehrfach an, drängt zur Eile, erlebt die Fahrt zugleich als Lebensfahrt: Viermal ist die Aufforderung am Beginn eines Verses betont (V. 1, 2, 6, 8), einmal im Imperativ, dreimal als befehlendes Adverb. Das ist die Situation zu Beginn (1. und 2. Strophe); es geht bergab und bergauf. Bergab geht es „ins Leben hinein“ (V. 8), bergauf wird die Gipfelsituation ersehnt. Es ist eine Fahrt voller Beschwernisse (V. 6 f., V. 11), aber diese machen dem Ich nichts aus.
Dann wird der Gipfel erreicht (3. und 4. Strophe): Drei betonte Silben hintereinander bezeugen die Begeisterung des Sprechers (V. 14). Dort, auf dem Gipfel, ist der Sprecher als ewiger Geist zur Ruhe gekommen, dort blickt er ins Weite. Dort hat er auch im Schatten einen Blick auf das hier wohnende Mädchen, das er anspricht („Labe dich“, V. 23); mit ihm teilt er den schäumenden Trunk, Erfrischung (V. 21 ff.). Der Blick des Mädchens vermittelt ihm aber nur Gesundheit, mehr nicht – er ist sich selbst genug (V. 25). Der Aufenthalt auf dem Gipfel ist zeitlich nicht bestimmt; es ist eine Zeit des ruhigen Genießens, wo das Tempo nichts zu suchen hat.
Unvermittelt fordert der Sprecher dann den Kutscher auf, die Fahrt (vom Gipfel) hinab frisch und zügig wieder aufzunehmen (V. 26); hier wird die Fahrt hinab als Lebensfahrt deutlich – der Sprecher möchte ans Ziel kommen, ehe er ein kraftloser Greis geworden ist (5. Str.). Wen er in der nächsten Strophe anspricht, wird nicht gesagt: „Reiss mich…“ (V. 32). Das kann jedoch nur der Zeitgott Chronos leisten, der dem Sprecher in einem frühen Tod vor dem Greisenalter bewahrt. Der Durchgang durchs Höllentor wird nicht erlebt, sondern erwünscht (V. 35) – erwünscht als Übergang in der Kraft des schäumenden Lebens.
Danach wird der Kutscher zweimal angesprochen: „Töne (…) dein Horn“ (V. 37), „Rassle den schallenden Trab“ (V. 38). Der Sprecher ist also noch in Fahrt, noch auf der Reise, ist noch vor dem Höllentor; deshalb soll sein Kommen durch den Kutscher angekündigt werden, damit er würdig im Orkus empfangen wird: als ein Fürst (V. 39), vor dem die Großen der Unterwelt sich erheben müssen.
Auch in diesem letzten Teil stehen die Aufforderungen betont immer am Versanfang (V. 26, 27, 33, 37, 38); oft stehen auch Bezeichnungen des Ichs am Versanfang, Pronomen (34, 35) oder Attribute (29, 30, 32). Das Tempo des erregten Sprechens lässt den Sprecher wenig Pausen machen; oft spricht er über die Versgrenzen hinweg. Nur im Mittelteil, als die Kutsche den Gipfel erreicht hat, spricht er ruhig. Es gibt häufig drei stark betonte Silben im Vers (V. 26, 27, 30), aber auch vier (V. 28, 29) oder zwei (V. 31). Der längste Vers ist V. 39 – vielleicht der Höhepunkt der Vision des Sprechers: dass er als Fürst im Orkus begrüßt wird, ohne jede Angst vor dem Tod, allein das Schnattern des Greises fürchtend (V. 31 f.), den Verlust der eigenen Kraft, das Ende des ewigen Lebens (V. 18).

Dritter Durchgang
Klaus Weimar will in diesem Gedicht eine Selbstverwandlung des Ichs in Apollo erkennen (6. und 7. Strophe); darin kann ich ihm nicht folgen, wie ich auch nicht sehe, dass der Sprecher das Höllentor bereits hinter sich hat (a.a.O., S. 106). Richtig ist jedoch, dass der Sieg über die Zeit im Augenblick der Ruhe, der Selbstgewissheit des ewigen Geistes erreicht wird (3. und 4. Strophe), dann aber auch im Tempo des kraftvollen Lebens, das sich nur einen frühen Tod wünschen kann (5. bis 7. Strophe). Diese beiden Siege sind es, worauf es hofft, weswegen es den Kutscher zur Eile bei der beschwerlichen Fahrt drängt (1. und 2. Strophe).
Ich erinnere mich an eine Stelle aus Faust I, wo der genialische Verweifelte das Angebot des Zugreifens und Genießens zurückweist:
„Dem Taumel weih‘ ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.“
Er will „alles“ erleben, sein Selbst zu dem der ganzen Menschheit „erweitern,
Und, wie sie selbst, am End‘ auch ich zerscheitern.“ (V. 1766 ff.)
Hier fehlt Faust allerdings das, was der Sprecher auf dem Gipfel des Berges erlebt:
„Der große Geist hat mich verschmäht,
Vor mir verschließt sich die Natur,
Des Denkens Faden ist zerrissen.“ (V. 1746 ff.)
Aber ehe man Parallelen aus dem später entstandenen „Faust“ heranzieht, sollte man das Gedicht „An Schwager Kronos“ in die Reihe der frühen Hymnen stellen. Dazu halte ich mich an den großen Goetheforscher H. A. Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, 1. Bd. 1958, S. 158 ff.

Korff weist darauf hin, dass hier neben „Prometheus“ und „Ganymed“ das dritte Gedicht vorliegt, welche eine Figur der klassischen Mythologie als Motiv aufnimmt. Während im „Ganymed“ eine Himmfelfahrt erlebt wird, werde im „Schwager Kronos“ eine Höllenfahrt als Höhepunkt vorgestellt.
Aber damit nicht genug: Prometheus und Ganymed transzendieren die irdische Sphäre; aber der Sprecher im „An Schwager Kronos“ bleibe in seinem Erleben an die Welt gebunden, das Göttliche werde immanent und nicht tranzendent erlebt – und das sei Goethes eigenes Lebensgefühl, welches man als Geniegefühl kenne (S. 162). In der 3. Strophe zeige sich das pantheistische Lebensgefühl in Vollendung; der Sprecher brauche sich nicht nach Gott zu sehnen – er hat Gott, er ist mit Gott identisch (S. 162).
Das werde in vier Bildern entfaltet: der Drang des genialen Jünglings ins Leben hinein / der mit dem ewigen Geist verbundene Blick von der Höhe / das kraftvolle Ergreifen sinnlicher Lebensgegenwart (schäumender Trank, Blick des Mädchens) / ein prometheisches Verhältnis zum Tod (S. 162 f.).
Das Tiefste sei jedoch die Höllenfahrt, hinter der ein Gedanke stehe, der nicht aus dem Gedicht selber zu erschließen sei (S. 163 ff.). Der Wunsch nach rechtzeitiger Höllenfahrt entspringe einmal dem Wunsch, in Schönheit und Kraft zu sterben; darin jedoch werde der Tod besiegt und in brausendes Lebens verwandelt. Lebensbejahung schließe Todesbejahung ein, weil die Ewigkeit des Lebens durch den Tod hindurch erreicht werde (ein Vorgriff auf „Stirb und Werde!“ – wenn man ehrlich ist, findet man davon nichts im Text! N.T.). Damit sei das Gedicht „An Schwager Kronos“ das menschlichste „Sinnbild des Genius auf der vollen Götterhöhe seiner strahlenden Jugend“ (S. 167).

Goethe hat diese frühe Fassung seines Gedichtes nicht veröffentlicht, jedoch 1777 an die Frau von Stein geschickt bw. ihr gegeben. Der erste Druck erfolgte 1789 in den „Schriften“; darin ist der Schluss des Gedichtes abgemildert:
„Daß der Orkus vernehme: wir kommen,
Daß gleich an der Türe
Der Wirt uns freundlich empfange.“
Diese Fassung liegt auch Schuberts Vertonung zugrunde.

Das Motiv der Fahrt als Lebensfahrt finden wir auch in Goethes Gedicht „Seefahrt“ (1776). Zur Bedeutung der freien Rhythmen kann man Trunz‘ Kommentar (HA 1, S. 463 ff.), oder R. Brandmeyer: Die Gedichte des jungen Goethe, 1998, S. 113 ff. heranziehen – ich spreche als jemand, der in Jüchen wohnt, also am Arsch der Welt und fernab von großen Bibliotheken. Zu „Metrik“ verweise ich auf den entsprechenden Abschnitt bei LiGo (http://www.li-go.de/definitionsansicht/ligostart.html). Über Rhythmus habe ich selber einiges fabriziert (http://norberto68.wordpress.com, dort in der Suchmaske „Rhythmus“ eingeben).
An Schwager Kronos

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
5  Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein.

Nun, schon wieder?
10 Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
15 Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
20 Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
25 Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
30 Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
35 Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
40 Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

2 thoughts on “Goethe: An Schwager Kronos – Analyse

  1. Guten Tag! Ich möchte Sie zitieren, aber Ihr voller Name ist mir unbekannt. Konnten Sie Ihr Namen nennen, wenn es möglich ist, bitte? Ich übersetze Goethes Hymnen und schreibe Analysen dazu. Danke! Mit Verehrung Albina Goussova.

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