Goethe: An Werther – Analyse

Der Verlag Weygand wollte zum 50jährigen Jubiläum des „Werther“ eine Sonderausgabe mit einem Vorwort Goethes auf den Markt bringen. Darauf befasste Goethe sich noch einmal mit seinem eigenen Werk und schrieb Ende März 1824 das Gedicht „An Werther“. Dort spricht ein Ich, das man wirklich als den alten Dichter Goethe, nicht bloß als „lyrisches Ich“ nehmen darf.

Goethe spricht die Figur Werther in der ersten und der letzten Strophe an; dieser ist als „Schatten“ aus der Totenwelt zurückgekommen (V. 1 f.) und begegnet Goethe wie ein alter Jugendfreund (V. 3 ff.). In den beiden letzten Versen der Strophe spricht Goethe das Fazit der neuen Jugend-Begegnung aus:
„Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,
Gingst du voran – und hast nicht viel verloren.“ (V. 9 f.)
Dass zwar Werther, aber nicht Goethe starb (bzw. sich das Leben nahm), erscheint wie eine Schickung: „erkoren“ wurde nach Adelung „zuweilen noch in der höhern Schreibart, für ausgelesen, ausgesucht, erwählt, gebraucht“, auch wenn kein handelndes Subjekt der Auswahl genannt wird. Das Leben verloren – und doch nicht viel verloren?
Die Antwort auf diese Frage gibt Goethe in den folgenden Strophen, zuerst allgemein in der 2. Strophe, dann mit Bezug auf Werthers Geschick und das eigene in den folgenden. Des Menschen Leben scheint ein herrlich Los zu sein (V. 11 ff.), aber es ist von verworrener Bestrebung gestört oder verstört (V. 15 ff.): Das Zusammenspiel zwischen uns selbst und der Umgebung klappt nicht.
Im Wortspiel „verkennen / kennen“ (relativiert zu: „glauben wir’s zu kennen“, V. 21) wird dann in Anspielung auf Werthers Geschick die Geschichte, also der normale Ablauf des Liebens beschrieben: Entzücken – Aufbruch – Hemmung und Lebewohl (3. – 5. Strophe). Trunz weist darauf hin, dass sich in der 5. Strophe Anspielungen auf Stationen des Werther-Romans finden (Warnung, Trennung, Wiedersehen).
Zum Abschluss spricht Goethe erneut Werther an: „Du lächelst, Freund,“ als ob Werther durch seinen Tod aller Liebesleiden enthoben worden wäre:
„Du ließest uns zu wohl und Weh zurück;
Dann zog uns wieder ungewisse Bahn
Der Leidenschaften labyrinthisch an;“ (V. V. 42-44)
mit dem Pronomen „uns“ spricht Goethe dezent von sich selbst, indem er sich in die Gemeinschaft all derer stellt, die sich durch Werthers Missgeschick nicht von weiteren Liebesabenteuern haben abschrecken lassen – Abenteuer, weil die Bahn der Leidenschaft ungewiss ist, ins Labyrinth führt. Goethe klagt dann, dass „wir“ durch diese Abenteuer in große Not verschlungen wurden, dass am Ende das unabwendbare Scheiden „Tod“ bedeutet (V. 45 f.) – vielleicht ein Wortspiel: scheiden – verscheiden (vgl. Scheidesonne, V. 8)? Hier sei auf das Partizip „verschlungen wiederholter Not“ (V. 45) hingewiesen – in der „Elegie“ wurde in der Liebe das „Geflecht verschlungener Minnen“ (V. 20) als Seligkeit, ihre Entflechtung dann als das Leben zerstörend erlebt.
Es folgt abschließend ein Kommentar dazu, was der Dichter Goethe aus solchen Enttäuschungen gemacht hat:
„Wie klingt es rührend, wenn der Dichter singt,
Den Tod zu meiden, den das Scheiden bringt!
Verstrickt in solche Qualen, halbverschuldet,
Geb’ ihm ein Gott, zu sagen, was er duldet.“ (V. 47-50)
In den Versen 47 f. ist die Infinitivkonstruktion „den Tod zu meiden“ grammatisch nicht eindeutig; man liest wohl am besten, dass der Dichter singt, um selber durch die poetische Verarbeitung dem Tod beim Scheiden zu entgehen; diese Leistung des Dichtens wird vom leidenden Menschen Goethe ein wenig distanziert gerühmt: „Wie klingt es rührend …“ – „rührend“ schillert zwischen Lob und Spott, finde ich. Das Gedicht „An Werther“ hat also auch einen, nicht ganz klaren, poetologischen „Auftrag“ und Abschluss.
In den beiden letzten Versen bittet Goethe, dass ein Gott dem Dichter und damit ihm selber die Kraft gewähren möge, „zu sagen, was er duldet“. Diese Bitte ist eigentlich durch V. 47 f. bereits „überholt“ – sie bestätigt allenfalls die beiden vorauf gehenden Verse und leiten, indem sie das (neue) Motto der „Elegie“ spielerisch aufgreifen, in der „Trilogie der Leidenschaft“ zu dieser über.
In der Form die das Gedicht „An Werther“ nicht ganz so streng wie die beiden anderen aus der Trilogie durchgeführt: Meistens finden wir Paarreime, in der 1. Strophe auch Kreuzreime; meistens spricht Goethe im fünfhebigen Jambus, in der ersten Strophe auch im vierhebigen. Die Strophen sind von unterschiedlicher Länge. Vom Sinn her ergeben jeweils zwei Verse eine Einheit, machen also einen richtigen oder eine Art Satz aus, manchmal auch deren zwei. Die Semantik der Reime ergibt nicht die gleiche Sinnfülle wie in den beiden anderen Gedichten.

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