Goethe: aufm Zürichersee (= Auf dem See) – Analyse

  15. Junius 1775, aufm Zürichersee

Ich saug‘ an meiner Nabelschnur
Nun Nahrung aus der Welt.
Und herrlich rings ist die Natur,
Die mich am Busen hält.
5 Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge wolkenangetan
Entgegnen unserm Lauf.
Aug mein Aug, was sinkst du nieder?
10 Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum, so gold du bist,
Hier auch Lieb und Leben ist.
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
15 Liebe Nebel trinken
Rings die türmende Ferne,
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
20 Sich die reifende Frucht.
(Erste Fassung von „Auf dem See“, Hamburger Ausgabe Bd. 1, S. 102)

Neue Liebe, neues Leben

Herz, mein Herz, was soll das geben,
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes neues Leben –
Ich erkenne dich nicht mehr.
5 Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, worum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh –
Ach, wie kam es nur dazu?
Feselt dich die Jugendblüte,
10 Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
15 Führet mich im Augenblick
– Ach – mein Weg zu ihr zurück.
Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
20 Mich so wider Willen fest.
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise;
Die Verändrung, ach, wie groß!
Liebe, Liebe, laß mich los!
(Hamburger Ausgabe, Bd. 1, S. 96)

Beide Gedichte gehören in die Lili-Lyrik, die in Goethes Begegnung mit Lili Schönemann ihren biographischen Ursprung hat. (Hamburger Ausgabe, S. 523 f.)

Goethe: aufm Zürichersee
Dieses Gedicht ist im Juni 1775 anlässlich einer Reise Goethes in die Schweiz entstanden. Die erste Fassung ist später von Goethe überarbeitet und 1789 veröffentlicht worden. Es geht um die Stellung des Ich in der Natur; das Gedicht ist aber in der Abfolge der Bilder nicht leicht zu verstehen. Bei der Analyse der ersten Fassung werden wir gelegentlich auf die zweite zu sprechen kommen.
Das Gedicht besteht aus zwei Strophen; die erste Strophe umfasst vier Langzeilen, zu denen die acht Verse durch den Kreuzreim, den Wechsel von vier- und dreihebigen jambischen Versen und das zeilenübergreifende Sprechen zusammengezogen werden. Nach dem vierten Vers ändert sich das Tempo, worauf ich unten noch zu sprechen komme. Die zweite Strophe besteht aus vier- bzw. dreihebigen Trochäen mit dem Einschnitt hinter Vers 12, wo in der zweiten Fassung konsequent eine dritte Strophe beginnt. Vom Sprechrhythmus her ergeben sich also eigentlich vier Teile, und dieser Vierteilung entspricht auch der Wechsel der Bildthematik.
Zunächst beschreibt das lyrische Ich, was es „aufm Zürichersee“ erlebt (V. 1-8): Den ersten Teil beherrscht das Bild von der Mutter Natur, an deren Nabelschnur bzw. deren Busen das kindliche Ich hängt. Dieses Bild spricht von innigster Verbundenheit und ist absolut gebraucht, ohne Hinweis auf eine Situation. Das Saugen an der Nabelschnur ist biologisch unmöglich und wohl deshalb in der zweiten Fassung getilgt. Was wie eine Beschreibung beginnt („Ich saug…“, V. 1), wird zum Lobpreis der herrlichen Natur (V. 3). Das Stichwort „Busen“ erinnert an das Gedicht „Ganymed“, ohne dass hier Ganymeds völlige Hingabe an die Natur vollzögen würde; gleichwohl „hält“ die Natur das kindliche Ich bei sich geborgen (V. 4). Im zweiten Teil der ersten Strophe wird nun eine Situation beschrieben, die diese kindhafte Verbundenheit mit der Natur erleben lässt: Das Ich fährt im Kahn „aufm Zürichersee“, allgemein „auf dem See“ (2. Fassung); die Natur – das ist jetzt „die Welle“ – wiegt den Kahn wie vorher das Kind, die rudernden Menschen geben nur den Takt dazu. Das Ich ist in ein nicht näher vorgestelltes Wir aufgehoben („unsern“, V. 5); die Berge, wie die Welle personifiziert, kommen den Menschen entgegen. Die Natur handelt also – so erlebt es das Ich – und die Fahrt bedeutet eine Begegnung von Unten und Oben („Berge“, der alte Sitz der Götter); „hinauf“ geht die Fahrt (V. 6), die Berge „entgegnen“ (V. 8) die Bewegung. Der Neologismus „entgegnen“ ist später durch das gebräuchliche „begegnen“ ersetzt worden, was aber meines Erachtens keine Verbesserung darstellt, weil dabei die Metapher des Dialogs zwischen Mensch und Natur beseitigt wird. Noch deutlicher als hier ist dieser religiöse Zug totaler Geborgenheit in der Natur im Gedicht „Ganymed“ (1774) erkennbar; dort ist die glühende Begeisterung des (ganymedischen) Ich auch wesentlich stärker ausgedrückt.
Darauf werden „Aug“ und „Träume“ des Ich in einem herrischen Ton angesprochen, und zwar ganz unvermittelt (V. 9 ff. – 2. Strophe) – es muss wohl so sein, dass die Träume in die Idylle eingebrochen sind und das Naturerleben des Ich stören: Das Auge sinkt „nieder“ (V. 9), gegen die Fahrt „hinauf“ (V. 6)! Es sind „Goldne Träume“ (V. 10), die offenbar von „Lieb und Leben“ handeln (V. 12). Das Ich kann sich nicht einfach der belebenden Natur („frisch“ und „neu“ kommen in der zweiten Fassung zum „Morgenwind“ hinzu!) hingeben, sondern erträumt sich ein schönes Leben, reflektiert dann seine Träume (ab V. 9) – erwacht also, wechselt den Tonfall, nimmt Stellung zum eigenen Träumen. Wie pointiert es spricht, zeigt das gegen den trochäischen Takt, der ja bereits kraftvoll zu sprechen ist, betonte „auch“ (V. 12). Warum das Ich derart schöne Träume zu verscheuchen sucht, soll im Rückgriff auf ein spätestens im Februar 1775 entstandenes früheres Gedicht Goethes geklärt werden.
Im Gedicht „Neue Liebe, Neues Leben“ spricht das Ich von der Liebe zu einem Mädchen, die als bezaubernd und bedrohlich zugleich erlebt wird; dieses Mädchen hat das Ich in seinen Zauberkreis gezogen, beschert ihm damit aber zugleich ein „fremdes neues Leben“ (V. 3), lässt den Mann „leben nun auf ihre Weise“ (V. 22). Sowohl die Überschrift dieses Gedichts wie auch die biographische Tatsache, dass Goethe sich durch die Schweizer Reise dem Einfluß der Verlobten Lili Schönemann, der das Gedicht „Neue Liebe, Neues Leben“ gilt, zu entziehen suchte, wie auch der Anklang von dessen beiden ersten Versen in Rhythmus und Thematik an Vers 9 f.:
„Herz, mein Herz, was soll das geben,
Was bedränget dich so sehr?“ –
alle diese Anklänge legen es nahe, in den goldenen Träumen unseres Gedichts biographisch eine Erinnerung an Lili Schönemann, sachlich eine dem Ich und/oder der Natur fremde Liebesphantasie zu sehen; diese droht das Ich aus der erfüllten Gegenwart abzuziehen, abzulenken, wobei sie ein erinnerter „Teil“ des Ich ist, dem es sich stellt, gegen den es sich – mit „auch“ betont – in einer Weise behauptet, die dann im folgenden Teil alle Regungen eines isolierten Ich verstummen lässt: Ab Vers 13 findet man kein einziges Personalpronomen mehr, son-dern in einer völligen Ruhe wird nun das beschrieben, was als „Lieb und Leben“ [Alliteration, Anklang an „Lili“!] der Natur (V. 12) sich darbietet.
Der zweite Teil der zweiten Strophe wird wieder im Kreuz- statt im Paarreim gesprochen. Da das Ich sich entschlossen von den Träumen abwendet, dem „Hier“ (V. 12) zuwendet, kann es nun in ruhigen Trochäen beschreiben, wovon es hier beglückt wird; die im zweiten Takt des jeweils zweiten Verses eingefügte Silbe („schwebende“ usw.) lässt den eigenartig sanft-lebendigen Charakter der Natur spüren. Oben und Unten sind miteinander verbunden: Die schwebenden Sterne „blin-ken“ (vgl. das ganze Wortfeld des göttlichen Glanzes aus dem Gedicht „Maifest“!) auf den Wellen, die „Ferne“ des Blicks, eher noch die der ragenden Berge ist beseitigt, von lieben (!) Nebeln (V. 15 f.) weggetrunken; der Reim „Sterne/ Ferne“ bindet die beiden Langzeilen, die von der Verbindung des Oben und Unten handeln, zusammen. Von dieser Stelle aus ergibt sich ein Hinweis auf die Weise, wie die Träume das Naturerleben gefährdet haben: Sie ziehen das Ich aus dem „Hier“ (V. 12) ab, in dem das Göttliche präsent oder mit dem Irdischen eins ist. Der Morgenwind (vgl. „Ganymed“!) entfernt sich ebenfalls nicht, sondern bleibt am See, „umflügelt“ die Bucht; beides, die Gestalt der „Bucht“ und die Bewegung des Umflügelns (V. 17 f.), bilden einen Kreis, in sich geschlossen, ganz „hier“ (V. 12). Ob im „Wind“ eine Anspielung auf den Heiligen Geist der Bibel und im Vorgang des Beschattens mehr als ein Hinweis auf den Sonnenaufgang (Anspielung auf Luk 1,35? – fragwürdig!) vorliegt, sei dahingestellt.
Durch den Reim „Bucht/Frucht“ wird eine schwer verständliche Langzeile (V. 19 f.) angeschlossen und zur vorhergehenden (V. 17 f.) in Beziehung gesetzt; „Frucht“ ist das, worauf Natur und ihr Werden abzielen, was als „reifende“ in der erfüllten Gegenwart, im „See“ (V. 19) sich erst ankündigt (V. 20); schwer zu verstehen ist, wie die Frucht sich bespiegelt. Der reine „Vorgang“ ist doch der, dass sie sich im Wasser spiegelt; „bespiegeln“ kann sich allein der Mensch. Man könnte diese Wendung so verstehen, dass die göttliche Natur auch das geistige Moment in sich enthält, welches „sich bespiegeln“ ausdrückt, zumal da die Natur ohnehin als eine handelnde Person vorgestellt ist (V. 3 f.). Vielleicht wird aber auch – in Aufnahme des Bildes vom Embryo (V. 1) – die Reflexion des Ich, mit der es entfremdende Träume abwehrt (V. 9 ff.), nicht aus dem Kreis der göttlichen Natur ausgeschlossen (vgl. Kleist: Marionettentheater), sondern als Stadium des Reifens aufgenommen, wobei im Spiegel-See der Reflexion das heilende, Identität gewährende Medium gegeben wäre. Es fällt jedenfalls auf, dass das Pronomen „ich“ in der letzten Strophe nicht mehr verwendet wird: Selbstvergessen gibt das Ich sich der erlebten Natur hin, nimmt sich selbst nicht mehr wahr, ist ganz „bei der Sache“ und so glücklich.
In diesem Gedicht sind Themen der Naturlyrik Goethes aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit aufgenommen: Begegnung mit der Natur als dem Göttlichen, Findung des Ich; das Element des Aufrührerischen und der Geniekult, wie sie etwa in „An Schwager Kronos“ oder im „Mahomets-Gesang“ vorhanden sind, fehlen – es sieht fast so aus, als ob die bevorstehende, aber natürlich noch nicht geplante Übersiedlung Goethes nach Weimar (Ende 1775) und der Wechsel zu ernsthafter Verwaltungsarbeit sich in einer größeren Ruhe des Erlebens bereits ankündigten.

Diese Analyse ist keineswegs vollständig oder im Aufbau schlechthin beispielhaft. Sie zeigt aber, dass man mehrere Gedichte eines Autors kennen muss, um eines zu verstehen. Es lohnt sich, in die Literatur zu schauen und dort zu studieren, wie andere Leute lesen und wie sie das dann ausdrücken:
Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe, hrsg. von E. Trunz. Bd. 1, München 1981 (Neubearbeitung).
G. Kaiser: Augenblicke deutscher Lyrik, it 978, Frankfurt 1987, S. 145 ff.
H. Sorg: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Tübingen 1984, S. 68 ff.
K. Weimar: Goethes Gedichte 1769-1775, Paderborn 1982, S. 117 ff.

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Eine Leserin namens Karin hat mir dazu eine Mail geschrieben:

Meiner Ansicht nach geht es nicht in erster Linie um die „Stellung des Ich in der Natur“, sondern um die Einstellung des Ich seiner eigenen Natur gegenüber.

Der erste Teil ist geprägt von Überschwenglichkeit der Gefühle und Ich-Zentrierung, die sogar in den Dankbarkeitsbezeugungen der Natur gegenüber mitschwingt. Allerdings ufert der Überschwang zugegebenermaßen nicht so aus wie bei Ganymed etc., was nicht zuletzt an der relativen Kürze des Gedichtes liegt.
Durch die Betonung der Aufwärtsbewegung – trotz der eigentlich ebenen Oberfläche des Sees – wird die Begegnung mit den Bergen vorbereitet. Meiner Meinung nach passt das Verb „begegnen“ hier sehr gut, denn eine Begegnung kann durchaus unterschiedliche Formen annehmen: Sie kann zum Dialog führen, wie Sie es deuten; sie kann aber auch zur Konfrontation werden. Die Beschreibung der Situation ist also ambivalent.
Das gilt auch für die symbolische Bedeutung der Berge an sich: Sie können entweder eine Verlockung darstellen, nämlich sich zu den dort wohnenden Göttern zu gesellen, also nicht nur die Ganymedischen, sondern auch die Prometheischen Neigungen auszuleben (Geniekult, Hybris). Oder sie können dem (potentiell hybriden) Menschen eine Grenze setzen und ihn in seine Schranken weisen. Aus diesem Gedankengang heraus würde ich bei dem Ausdruck „Gold’ne Träume“ nicht nur Liebesphantasien assoziieren, die dem Ich schädlich sind, sondern auch die Tendenz zur Hybris, die ihm genauso schadet.
Wenn diese Träume erfolgreich vertrieben sind, ist der Blick offen für eine Lebensform, in der das Iyrische Ich sich selbst zurücknimmt, besonnener, bescheidener und sachorientierter wird und zu freiwilliger Selbsteinschränkung bereit ist. Man könnte die Beschreibung des Sees als Veranschaulichung dieses Prinzips betrachten, und zwar bis in alle Details hinein.
1/2. Die Sterne symbolisieren Wünsche, die allzu sehr außerhalb der Reichweite des lyrischen Ich liegen. Ihre Spiegelbilder im See könnte man dann als relativierte und dadurch realisierbarere Varianten auffassen.
3/4. Den Blick in die faszinierende Höhe und Ferne, der immer wieder von den Aufgaben des Hier und Jetzt ablenkt, muss man sich nicht mehr selbst rigoros verbieten (vgl. das radikale „Weg, du Traum…“), weil die „lieben“ bzw. „weichen“ Nebel sie sanft und gnädig einhüllen, was auf der psychologischen Ebene einem allmählichen Vergessen entspricht.
5/6. Die (halbkreisförmige) Bucht bietet eine gewisse Sicherheit (vor allem in Kombination mit den Bergen), sie schützt und schirmt ab; sie wird jedoch hier nicht als Ort der Stagnation dargestellt, denn durch den Morgenwind, der sie „umflügelt“, wird ein dynamisches Prinzip dazugesellt. Diese Synthese bietet die idealen Vorausetzungen für das Ergebnis, das nun am Ende geschildert wird.
7/8. In der Natur ist es die reifende Frucht, deren Wachstumsprozess durch die günstigen Bedingungen gefördert wird. Auf die menschliche Ebene übertragen ist es die freiwillige Selbsteinschränkung und die Konzentration auf die Arbeit, die den Schaffensprozess fördert und das Werk „reifen“ lässt, das sich dann – von menschlichem Geist erfüllt – durchaus im See „bespiegeln“ kann.
Nun könte man einwenden, dass eine dermaßen auf die Klassik hin orientierte Interpretation wegen des Enstehungsjahrs 1775 an Plausibilität verliert. Andererseits muss man aber bedenken, dass ein Stürmer und Dränger nicht von einem Tag auf den anderen zum Klassiker wird, sondern dass er eine allmähliche Entwicklung durchmacht. So spürt man meiner Meinung nach auch im „Werther“ an manchen Stellen entsprechende Tendenzen, vor allem im Brief vom 21. Junius.

Die spätere Überarbeitung betrifft interessanterwerweise kaum die letzte „klassische“ Strophe – abgesehen von der Änderung von „lieb“ zu „weich“, die gleichsam das letzte subjektivistische Element objektiviert. Sie glättet nur ein wenig in der ersten Strophe.

Eine zugespitzte Zusammenfassung meiner Deutung würde etwa folgendermaßen lauten: Das lyrische Ich, ein leicht narzistischer Götterliebling und Hätschelhans der Natur, hat anlässlich einer Kahnfahrt die Vision einer konzentrierteren und sachorientierteren Lebensform, wobei die Landschaft gleichsam eine Vorbildfunktion übernimmt.
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Ich möchte mich mit dieser Deutung nicht explizit auseinandersetzen; ich referiere als Anregung zum eigenen Lesen Rudolf Brandmeyer: Die Gedichte des jungen Goethe, 1998.

Auf der Basis dessen, was Brandmeyer zur Lyrik des jungen Goethe gesagt hat (siehe hier  Kategorie „Lyrik“), steht dann das, was er zu „Ich saug an meiner Nabelschnur“ schreibt.

Die Gedichte 1770-1775 behandelt Brandmeyer S. 77 ff., die Lieder bespricht er ab S. 81; am Lied „Ein grauer trüber Morgen…“ arbeitet er die Eigenart der Form des Liedes heraus: ein Strophenlied, was metrische Wiederholungen impliziert und wo eine Abstimmung von Vers und Satz vorliegt (Prinzip der Wiederholung und der Reihung).
In Abgrenzung zum älteren Lied „Die Nacht“ versucht er dann die „Unmittelbarkeit“ des späteren Liedes zu fassen: Das Ich spricht dort von seiner Gegenwart, und der Ort, an dem es spricht, ist zugleich der besprochene Ort; die Natur ist nicht nur nah – sie ist auch das Vertraute, von dem das Ich sprechen kann, als wäre es von derselben Art. Das Ich strebt zu einer abstandslosen Selbstaussprache; es möchte alles zitieren können und dabei doch immer nur von sich sprechen. Es handelt sich um ein anderes (nicht besseres oder fortschrittlicheres) Ausdruckssystem, in dem die Aufteilung von Sprecher und Besprochenem nicht mehr gegeben ist.

Im Anschluss daran untersucht Brandmeyer „Ich saug an meiner Nabelschnur…“ (S. 90 ff.); hier gibt es in der Versstruktur noch die Entsprechung von Satz und Vers(paar), aber es ist kein echtes Strophenlied – letztlich liegen drei Strophen vor (V. 1-8, 9-12, 13-20), die sich nach Versmaß und Reimschema unterscheiden. Das Verhältnis von Ich und Natur stellt sich in drei Stufen dar: Einheit, Trennung und wiedergefundene Einheit. Am Anfang wird von einer Ureinheit gesprochen; in der zweiten Strophe fällt das Ich durch Reflexion auf sein Inneres auf sich selbst zurück; in der dritten Strophe wird die Natur als das andere und doch ihm zugleich Verwandte („die reifende Frucht“) erkannt. „Dieser Text stellt den Abriß eines Reifungsprozesses dar und realisiert auf diese Weise ein im Rahmen der Lieder ungewöhnliches semantisches Kohärenzprinzip: Einheit aus Entwicklung.“

„Herz mein Herz was soll das geben?“ (S. 94 ff.) repräsentiere dagegen eine Gruppe von Liedern, die durch Reflexion auf ein Inneres gekennzeichnet sind: Das Ich ist als Sprecher und zugleich als das besprochene Gegenüber präsent.
(2006)

http://www.thomasgransow.de/Deutsch/Auf%20dem_See.htm (H. Pätzold)
http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2008/10688/pdf/braungart_naturverhaeltnisse.pdf
http://lyrik.antikoerperchen.de/johann-wolfgang-von-goethe-auf-dem-see,textbearbeitung,98.html (na ja, eine Schülerarbeit)
(05/09)

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