Goethe: Aussöhnung – Analyse

In Marienbad traf Goethe im August 1823 unter anderem die Petersburger Hofpianistin Maria Szymanowska und die Sängerin Anna Milder-Hauptmann aus Berlin in privaten Gesellschaften; ihre Musik rührte ihn zu Tränen. Am 16. August begann er ein kleines Gedicht für Frau Szymanowska zu schreiben, das er am 18. August in ihr Stammbuch schrieb; das Gedicht wurde erstmals 1827 gedruckt, gleich zweimal, und zwar als Schluss der „Trilogie der Leidenschaft“ wie auch unter dem Titel „An Madame Marie Szymanowska“. – Am 24. August 1823 schrieb Goethe an Zelter: „Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska, ja selbst die öffentlichen Exhibitionen des Jägercorps falten mich auseinander, wie man eine geballte Faust flach läßt …“ (nach dem Kommentar von Trunz)

Der Sprecher der „Aussöhnung“ preist die Kraft der Musik, die sich an „des Menschen Wesen“ (V.9) zeigt – kein Ich meldet sich zu Wort, nur ein unbenannter Sprecher, der gleichwohl mit den Menschen fühlt. In der ersten der drei Strophen beklagt bzw. beschreibt er die Leiden der Leidenschaft, wenn das Herz „beklommen“ ist (V. 2) und Trost sucht. „Beklommen“ gehört zu „klamm“: „Es bedeutet, 1. enge; im gemeinen Leben der Hochdeutschen auch knapp. Die Schuhe sind mir zu klamm. Klamme Schuhe. Noch mehr, 2. figürlich. 1) Beängstiget, enge um die Brust und um das Herz; im Niedersächsischen. Es ist mir so klamm um das Herz.“ (Adelung) Eher schematisch wird eine solche Situation des Liebesleids beschrieben: Vergeblichkeit wird erlebt, trüb und verworren ist der Mensch (V. 4 f.);
„Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!“ (V. 6)
Hêhr (…) bedeutet eigentlich hoch (…) Im figürlichen Verstande bezeichnete es, 1) erhaben, der Würde, dem Vorzuge nach; daher die hohe Messe ehedem mehrmahls die Hehrmesse genannt wurde. (…) 2) Heilig, wo es mit dem Griech. ἱερος überein kommt. Der here Nahmen Jesu Christ; Mechtildis die here (…) 3) Werth, lieb, theuer. (…) 4) Froh, vergnügt.“ (Adelung) – In der „Elegie“ wird das enttäuschte Ich am Ende klagen, dass nur den Weggenossen noch die Welt erschlossen ist,
„Die Erde weit, der Himmel hehr und groß“ (V. 130, vgl. V. 31 ff.),
ihm selbst dagegen das All verloren bleibt (V. 133 ff.).
„Da“ – da ereignet sich ein Wunder,
„Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen“ (V. 7)
und schenkt dem gequälten Menschen Erlösung von seiner Qual. Wie sie das macht, wird in drei Sätzen angedeutet:
– Musik verflicht (3. Person Singular Präsens von „verflechten“) die Töne zu Milionen (also zu einer Überfülle),
– sie durchdringt des Menschen Wesen,
– sie überfüllt ihn mit ewiger Schönheit (V. 8-10);
dadurch wird der Mensch „im höhern Sehnen“ ergriffen und weint, er fühlt
„Den Götterwert der Töne wie der Tränen“ (V. 12).
Tränen und Töne sind in der T-Alliteration verbunden. Sie haben Götterwert, weil sie die göttliche Überfülle vermitteln; Musik entzündet ein Sehnen, das „höher“ ist das die hoffnungslose Sehnsucht enttäuschter Liebe (1. Strophe). Das alles wird als gefühlt beschrieben (V. 11: Das Auge fühlt …, eine Metonymie für den fühlenden Menschen, dessen Gefühl sich in den Tränen äußert).
Die Sprache der Tränen ist seit der „Empfindsamkeit“ in der Literatur kultiviert worden. Im Brief vom 16. Junius berichtet Werther von dem Abend, an dem er nach dem gemeinsamen Tanzen mit Lotte das Gewitter erlebt hat; „ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige“; er versinkt im Strom der Empfindungen, den das Wort „Klopstock“ in ihm auslöst. „Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen.“ Und im Brief vom 10. September berichtet Werther von seinem Abschied: „Lotte, sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll Tränen wurden, wir werden uns wieder sehen! Hier und dort wieder sehen! – Ich konnte nicht weiterreden -“ (vgl. auch Lessing: Nathan der Weise, V. 1251; Schiller: Don Carlos V. 201; 4465 f.: Der König hat geweint; 4837 u.ö.). – Die Sprache der Tränen ersetzt die Sprache der Worte in unmittelbarer Kommunikation.
Danach greift der Sprecher auf die anfangs beschriebene Beklommenheit des Herzens zurück: Sie ist einfach durch die Musik wie weggeblasen,
„Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen“ (V. 13 f.).
Auge und Herz stehen hier jeweils für den Menschen, wobei das Herz allerdings das Zentrum bezeichnet, sozusagen „die Seele“. Das Herz, so beschreibt der Sprecher, möchte sich selbst zum Dank dartragen (darbringen, verschenken) – an wen, ist nicht gesagt: Die Musik ist ja niemand, sie verweist nur ins Unbestimmte des Fühlens. [Ob Frau Szymanowska, wenn sie diese Verse in ihrem Stammbuch las, sich selbst als Empfängerin des Dankes ansehen durfte?] Entsprechend unbestimmt ist der Schluss, wo personal der Wunsch des Fühlenden zitiert wird:
„o daß es ewig bliebe!–
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.“ (V. 17 f.)
Das Glück fühlte sich so, berichtet der Sprecher; es ist das Glück dessen, der die Musik genießt. Er liebt nicht mehr einen bestimmten Menschen, sondern das Unbestimmteste von allem: das, wohin ihn Musik verweist. Diese Liebe hat ihn von allen irdischen Leiden befreit, in ein höheres Sehnen geführt (V. 11).
Der Sprecher spricht gebunden, in elfsilbigen Jamben (mit weiblicher Kadenz, also ruhig); die sechszeiligen Strophen sind eine Art Stanze, in der Reimform a-b-a-b-c-c. Die gereimten Verse entsprechen einander in ihrem Sinn, was ich hier kurz an der ersten Strophe zeige: Herz beschwichtigt / Glück verflüchtigt; viel verloren / vergebens erkoren (erwählt); verworrenes Beginnen / Welt schwindet den Sinnen. Man kann in den beiden letzten Versen jeder Strophe die Essenz der Strophe finden; dabei fällt dann auf, dass in der 2. und 3. Strophe das Fühlen gepriesen wird: der der Musik gemäße „Sinn“ des Menschen. Das Auge schaut nicht in die Welt, sondern ist voll von Tränen (V. 11 f.), sodass es wirklich nicht mehr sehen kann. Verflochten sind die Töne (V. 8), während in der Liebe die Herzen verflochten waren („Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen“, V. 20 der „Elegie“).

Indem Goethe dieses Gedicht an der Schluss der „Trilogie der Leidenschaft“ stellt, gibt er ihm eine bestimmte Aufgabe bzw. Deutung, der wir später noch nachzugehen haben, wenn alle drei Gedichte der Trilogie einzeln interpretiert sind.

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