Goethe: Da hatt‘ ich einen Kerl zu Gast (Rezensent) – Analyse

Das Gedicht ist 1773 entstanden und 1774 gedruckt worden. Es ist eine volkstümliche Verserzählung im Knittelvers; Goethes Knittelvers ist ein Jambus, vierhebig paargemeimt, und wird ohne Strophenbildung gebraucht.

Der Erzähler ist ein Ich; er erzählt, dass er einen Gast beköstigte, der sich bei ihm vollgefressen hat, um dann beim Nachbarn „über mein Essen zu räsonieren“ (V. 8), also zu meckern, was mit Beispielen in V. 9 f. erzählt wird. Die Erzählung endet mit einer Beschimpfung besagten Gastes: „Der Tausendsackermant!“ (V. 11). Der Sprecher verkürzt dort im Zorn die Anzahl der Hebungen auf zwei (oder drei?).
„Sackerment“ ist ein sprichwörtlicher Ausruf des Unwillens. Das Wort „Sackerment’, eine Verballhornung von „Sakrament“,  wird wie die Namen Gott, Jesus usw. in verschiedenen Formen und Verstümmelungen zu Ausrufen, Verwünschungen usw. angewandt. Man sagt „Potz Dausigsapperlot! Potz Dausig Sack …. voll Ente!“ [Bei der ersten Silbe ist das Wort unterbrochen, um durch andern Schluss davon abzulenken.] (nach www.operone.de) „Tausendsackerment“ ist eine Steigerung im Schimpfen.
Nach der recht kessen Aufforderung, den Hund totzuschlagen (V. 12), kommt die Auflösung: „Er ist ein Rezensent.“ (V. 12) Das scheint zunächst metaphorisch gemeint: Der Gast hat wie ein Rezensent gemeckert; das wäre jedoch kein Grund, ihn totzuschlagen. „Rezensent“ kann aber auch wörtlich gemeint sein und so die Erzählung ins Bildhafte schieben: Rezensent, das ist einer wie ein Gast, der sich bei mir die Wampe vollschlägt und dann beim Nachbarn meckern geht.
In diese zweite Richtung weist die Zweideutigkeit von „räsonieren“ (V. 8). In Adelungs Wörterbuch fehlt „räsonieren“. Im Wortschatz der Uni Leipzig werden heute als Synonyme einseitig angegeben: „beanstanden, herumkritteln, herummeckern, herummäkeln, herumnörgeln, kritisieren, kritteln, meckern, mosern, mäkeln, nörgeln, quengeln, raunzen, schimpfen“. Das führt nicht weiter. In Meyers’ Großes Konversationslexikon 1905 steht richtig: „räsonieren, Vernunftschlüsse, Folgerungen machen; kritisieren, besonders tadelnd: unbefugt mit- oder widersprechen“ (ähnlich Brockhaus 1911). Bei Hermann Paul: „Deutsches Wörterbuch“ (10. Aufl., 2002) finden wir, dass „räsonieren“ als Leitwort der Aufklärung „denken, reden, argumentieren, erörtern“ bedeutete, dass es seit dem späten 18. Jahrhundert auch abwertend gebraucht wurde: „spekulieren, vernünfteln“, dann auch „abfällig reden, mäkeln“. Im räsonierenden Rezensenten haben wir den Feind der Sturm-und-Drang-Dichter vor uns: jemanden, der Literatur aus Vernunftgründen und nach Regeln beurteilt, statt mit dem Originalgenie zu fühlen; er könnte mit dem Dichter genießen (und hat mit ihm gespeist, sagt der Erzähler bildhaft), aber anschließend hält er sich an seinen vernünftelnden Verstand und macht so die Kunst kaputt. – Und das ist in der Sicht eines Originalgenies wahrlich ein Grund, ihn totzuschlagen.
Das Ich spricht also in der Rolle eines Sturm-und-Drang-Genies, das sich von der traditonellen Literaturkritik nicht nur missverstanden, sondern auch hintergangen fühlt. Wie weit Goethe in dieser Rolle persönlich gesprochen hat, kann ich jetzt nicht beurteilen.

Aus Goethes Brief an Kestner vom 25. 12. 1772, über den ihm verhassten Rezensenten:

Der Scheiskerl in Giessen der sich um uns bekümmert wie das Mütterlein im Evangelio um den verlohrnen Groschen, und überal nach uns leuchtet und stöbert, dessen Nahme keinen Brief verunzieren müßte in dem Lottens Nahme steht und eurer. Der Kerl ärgert sich dass wir nicht nach ihm sehn, und sucht und zu necken dass wir seyn gedencken. Er hat um meine Baukunst geschrieben und gefragt so hastig, dass man ihm ansah das ist gefunden Fressen für seinen Zahn. hat auch flugs in die Frankfurter Zeitung eine Rezension gesudelt von der man mir erzält hat. Als ein wahrer Esel frisst er die Disteln die um meinen Garten wachsen nagt an der Hecke die ihn vor solchen Tieren verzäunt und schreit denn sein Critisches I! a! ob er nicht etwa dem Herrn in seiner Laube bedeuten möchte: ich binn auch da.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1772

(Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 2, S. 51)

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_recensen.pdf (große Analyse)

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