Goethe: Das Göttliche – Analyse

Die Überschrift des 1783 entstandenen, dann 1785 ohne Goethes Wissen und zu dessen Verärgerung von Jacobi veröffentlichten Gedichts ist „Das Göttliche“, welches 10 Strophen zu 6 Versen umfasst. Was das Göttliche ist, wird in der 2. und der 9. Strophe dargelegt; an den Stellen soll es auch erklärt werden.
Der Sprecher dieser Ode, die feierlich in freien Rhythmen eine Lehre vom Menschen entfaltet, tritt selber nicht hervor; doch beansprucht er, einen Überblick über die Sonderstellung des Menschen in der Welt zu haben. Er beginnt mit einer Mahnung (im Konjunktiv I):
„Edel sei der Mensch,
hilfreich und gut!“ (V. 1 f.)
„Der Mensch“, das ist jeder Mensch; drei „Eigenschaften“ oder vielmehr Arten des Handelns werden ihm nahegelegt: edel, hilfreich, gut. „Hilfreich“ und „gut“ scheinen das Gleiche zu bedeuten, sodass zu fragen ist: Was bedeutet „edel“?
Die Herkunft des Wortes braucht uns jetzt nicht zu interessieren. Man nannte diejenigen (Freien) so, welche sich „durch besondere Verdienste hervor thaten. In diesem Verstande war edel sehr lange ein vorzüglicher Ehrentitel der Glieder des hohen Adels“ (Adelung). Über den niederen Adel wurde „edel“ dann auch „dem bürgerlichen Stande eigen, unter welchem diejenigen, die sich durch Gelehrsamkeit und Verdienste von andern unterschieden, edel und Edele genannt wurden“. Im übertragenen Sinn bedeutet „edel“ zur Zeit Goethes dann „vorzüglich, das Beste in seiner Art. […] Was sich von dem Gewöhnlichen und Gemeinen auf eine vorzügliche Art unterscheidet, und dessen höchsten Grad man erhaben nennet. Edle Gesinnungen. Edel denken. Edel handeln. Wie edel gesinnt ist ihre Seele!“ Wenn man diesen Bedeutungskreis mit den Prädikaten „hilfreich und gut“ verbindet, ist „edel“ nicht etwas anderes neben „hilfreich und gut“, sondern es ist in der Sicht des Sprechers edel, hilfreich und gut zu sein. So ähnlich heißt es dann auch in der letzten Strophe:
„Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!“ (V.55 f.)
Allerdings heißt es nicht: Der hilfreiche und gute Mensch ist edel (vgl. V. 54!) – über die Feinheiten der letzten Strophe müssen wir später nachdenken.
Die Mahnung, hilfreich und gut zu sein, wird damit begründet („Denn“, V. 3), dass von allen Wesen allein der Mensch so ist oder sein kann. Die Begründung wird dann in der 3. Strophe ihrerseits begründet: „Denn unfühlend / ist die Natur“ (V. 13 f.), und dann wird in vier Strophen erläutert, was „Natur“ ist (bis V. 36). Danach wird in drei Strophen erläutert was allein der Mensch im Unterschied zur „Natur“ kann und darf oder soll, ehe in der letzten Strophe die erste bzw. die ersten beiden Strophen wieder aufgegriffen und variiert werden, um so den Rahmen der lehrhaften Mahnung zu bilden.
Die zweite Strophe beginnt der Sprecher mit einem Wunsch, der uns nach dem Dritten Reich etwas befremdet, obwohl sicher „Heil“ und der christliche „Heiland“ zusammengehören und so den Nazigruß „Heil Hitler“ relativieren sollten:
„Heil den unbekannten
Höhern Wesen…“ (V. 7 f.)
Das Heil, das ist (nach Adelung) die Gesundheit, dann die menschliche Glückseligkeit oder das Wohlergehen; im Christlich-Religiösen ist das Heil die geistliche oder ewige Glückseligkeit in der Gemeinschaft Gottes. Wenn man den Segenswunsch des Sprechers genau liest, wundert man sich als traditionell erzogener Christ: 1. Heil wird den höheren Wesen gewünscht, sozusagen den göttlichen Wesen, während sonst der Heilswunsch den Menschen gilt; das Heil geht ja von Gott aus. 2. Die Wesen werden im Plural genannt statt im Singular des bekannten Monotheismus. 3. Sie werden als „unbekannt“ charakterisiert, während im Christentum die Gottheit zwar deus absconditus ist, aber sich eben doch in Jesus Christus offenbart hat. Folgerichtig ist für den Sprecher der Relativsatz: „Die wir ahnen!“ (V. 9) Die Wesen sind ja nicht offenbar, sie markieren (nur) den Bereich des Göttlichen (Überschrift!).
In der zweiten Hälfte der 2. Strophe wird das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen neu, aber durchaus im Sinn des Heilswunsches bestimmt:
„Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.“ (V. 11 f.)
Damit ist der edle, gute Mensch (gut und edel, sofern er dem Göttlichen gleicht, sofern er also göttlich ist, V. 10) der Bezugspunkt, von dem aus die höheren Wesen („jene“, v. 12), die nicht so genannten „Götter“, im Sinn Goethes „das Göttliche“ geglaubt werden können. Offenbar ist das Göttliche allein im guten Menschen, derart, dass das an ihm Geschaute dann auch als „göttlich“ geglaubt werden kann. In der letzten Strophe wird dieses Verhältnis mit dem heute ungebräuchlichen Wort „Vorbild“ umschrieben (V. 59 f.). – Mir fällt zum edlen Menschen „der edle Wilde“ ein, ein mythische Figur der europäischen Neuzeit, in dem diese sich vom Dogma des Sündenfalls und der Erlösung zu befreien suchte (vgl. etwa http://de.wikipedia.org/wiki/Edler_Wilder; http://www.lateinamerika-studien.at/content/kultur/mythen/mythen-810.html).
In den Strophen 3 – 9 wird „die Natur“ dem Menschen gegenübergestellt; sie sei „unfühlend“, sagt der Sprecher, was er in den Strophen 3 – 5 durch viele Beispiele erläutert. Das Nicht-Fühlen zeigt sich darin, dass die Natur keine Unterschiede macht: nicht zwischen Guten und Bösen (3. Strophe), nicht zwischen Jungen und Alten in der Zuteilung des Glücks (5. Strophe); vom Unglück sind letztlich alle betroffen (4. Strophe), und erst recht vom Tod: Wir alle müssen „Unseres Daseins / Kreise vollenden“. In „Dauer im Wechsel“ gibt der Sprecher deshalb den Rat, weil der Kreis das in sich Geschlossene bezeichnet:
„Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenziehn!“ (V. 33 f.)
Zur Symbolik des Kreises vgl. http://www.derkleinegarten.de/grabmal_denkmal_symbol_sinnzeichen_kreis.htm
http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8834.html
http://www.thegoldendawn.de/mainsymbol.html und den anschaulichen Witz
„Leben heißt: im Kreis gehen“ (http://www.witze-fun.de/witze/witz/7440). Ewige Gesetze bestimmen diesen Kreisgang, bestimmen den Menschen als Wesen der Natur: als einen Unfreien (V. 32 ff.). Aber als Mensch ist der Mensch frei, und das wird in Str. 7 – 9 entfaltet. – Strophe 3 weist übrigens sieben Verse auf, Strophe 6 deren fünf, was aber nicht bedeutsam ist.
Vielleicht sollte man kurz etwas zu den freien Rhythmen sagen: Oft ist das entscheidende Wort an den Versanfang gesetzt: Edel (V. 1), hilfreich (V. 2), unterscheidet (V. 4); oft an das Ende: ahnen (V. 9), glauben (V. 12), unfühlend (V. 13) usw. – man sollte diese Bobachtung aber nicht überbewerten, weil nur in einem einzigen Vers mehr als vier Wörter stehen (V. 53); normalerweise sind es zwei bis vier, einmal nur eines (V. 24). Die Sätze reichen in der Regel oft das Versende hinaus; gelegentlich besteht eine Strophe aus einem einzigen Satz (5. Strophe, allerdings mit zwei Kola; 6. Strophe; 9. Strophe mit einem Kolon hinter V. 51). Dem Thema angemessen wird ruhig gesprochen, getragen über das Versende hinaus. Es fallen dabei auch die Doppelungen ins Gewicht: Sonne leuchtet / Mond und Sterne glänzen (3. Str.); rauschen ihren Weg / ergreifen alle (4. Strophe); das Glück fasst den Knaben / den Alten (5. Strophe); der Mensch unterscheidet / kann Dauer verleihen (7. Str.); lohnen / strafen, retten / verbinden (8. Str.); als wären sie Menschen / täten im großen (9. Str.); er sei / er schaffe (10. Str.); dazu noch ahnen / glauben (2. Strophe). Mit diesen Doppelungen wird sowohl die Wahrheit mancher All-Aussagen unterstützt, indem die Extreme benannt werden; es wird aber auch eine Fülle von Möglichkeiten umschrieben (7. und 8. Strophe) oder die Logik der Aussage entfaltet (2. und 9. Strophe).
Den Gesetzen der Natur, die keine Unterschiede kennen (siehe oben), wird „das Unmögliche“ (V. 38) menschlichen Vermögens, also Könnens gegenübergestellt: zu unterscheiden, zu wählen, zu richten (V. 39 f.). Und das Zweite, hier (anders als bei „Dauer im Wechsel“) nicht ausgeführt: dem vergänglichen Augenblick Dauer verleihen (7. Strophe). Das Richten wird dann zu Beginn der 8. Strophe traditionell als Lohnen und Strafen umschrieben. Dann wird dem Menschen aber noch ein göttliche Fähigkeit, und das heißt dann auch eine Aufgabe zugesprochen:
„Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.“ (V. 46 ff.)
Das erinnert mich an die Tätigkeit des biblischen Gottesknechtes: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.“ (Jes 42,3) Das wird in Mt 12,20 auf Jesus als erfüllt zitiert; dass auch der Irrende am Ende erlöst wird, ist die Botschaft des Prologs im Himmel im „Faust“.
In der 9. Strophe wechselt die Perspektive von der Außensicht (der Mensch) zu „wir Menschen“, denen der Sprecher sich zuzählt: „Und wir verehren / Die Unsterblichen“ (V. 49 f.), was durch die Konjunktion „und“ den spezifisch menschlichen Möglichkeiten zugerechnet wird. Dafür folgt die Erklärung: In der Verehrung dieser Über-Menschen versichern wir uns dessen,
„Was der Beste im kleinen
Tut oder möchte“ (V. 53 f.).
Im Konjunktiv II (als wären sie, als täten sie) wird die „Realität“ der Unsterblichen relativiert (vgl. „ahnen“, V. 9) auf ihre Bedeutung für das gute Leben, welches selber gefährdet ist (V. 54) und daher der Klarheit eines überprägnanten Symbols bedarf.
In der 10. Strophe schließt der Sprecher den Rahmen um sein Bild vom guten Menschen, der noch einmal ermahnt wird, hilfreich zu leben sowie unermüdet „das Nützliche, Rechte“ zu schaffen (also als Bürger zu leben, zu arbeiten) – und uns damit und dadurch „ein Vorbild“ der geahnten Götter zu sein – der Sprecher vermeidet allerdings konsequent die Personenform „Götter“ und hält sich an die „geahneten Wesen“ (V. 60). „Vorbild“ ist hier in einem uns ungewohnten Sinn gebraucht; Trunz nennt im Kommentar der HA als Bedeutung Präfiguration: Gestalt, die auf eine andere, höhere (oder spätere) hinweist, wie etwa in „Die Metamorphose der Pflanzen“, V. 15 ff.:

„Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild

    Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,

Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;

    Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,

Quillet strebend empor…“

Diese Bedeutung ist auch noch in Pierer’s Universallexikon (1864) bekannt: „3) ein Gegenstand, eine Begebenheit, durch welche die Beschaffenheit eines Gegenstandes od. einer Begebenheit in späterer Zeit angedeutet werden soll, od. womit diese letzteren übereinstimmen; bes. 4) Einrichtungen u. Begebenheiten der vorchristlichen Zeit, durch welche die Schicksale u. Thaten des Messias angedeutet worden sein sollen;“ die Bedeutung 4) zeigt, dass im Religiösen dieser Sprachgebrauch bekannt ist – nur ist der edle Mensch nicht mehr Vor-Bild des Christus, sondern geahnter Wesen: In ihm ist das Göttliche in der Welt wirksam.

Goethe hat dieses Gedicht im Alter immer mit „Grenzen der Menschheit“ sowie „Prometheus“ und „Ganymed“ zusammengestellt. Trunz verweist auf Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) und Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-1791) als den geistigen Kontext des Gedichtes hin. In „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ äußert der Onkel Natalies ähnliche Gedanken über die Ansprüche unserer Gottähnlichkeit (HA Bd. 7, S. 405, Zeile 16 ff. bzw. Z. 7 ff. – vgl.404/25-38).

Rezitation: http://www.youtube.com/watch?v=6uEHxREy3wM (Fritz Stavenhagen, gut!)
http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=JgkcKJCvk9k (Will Quadflieg)
http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=dmLtTCmagQo (Ulrich Matthes)

http://www.deutschelyrik.de/start/index.asp (Stavenhagens Seite)

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