Goethe: Dauer im Wechsel – Analyse

Der Aufbau des Gedichtes ist vor allem am Wechsel der Sprechweisen und der Gegenstände der Betrachtung festzumachen. Ein Ich-Sprecher tut eigene Erfahrungen kund und gibt zum Schluss sich selbst („du“) einen Rat, wie er mit der als belastend empfundenen Erfahrung des dauernden universalen Wechsels fertig werden kann, indem er das Unvergängliche im Inneren findet.
Die vier ersten Strophen dienen dem Ich dazu, eigene Erfahrungen schnellen Vergehens, dauernder Veränderungen vorzustellen; diese betreffen teilweise die Natur (1. und 2. Str.), teilweise das Ich in seiner Körperlichkeit (3. und 4. Str.). Die Sprechweisen zeigen ein große Vielfalt: Der Wunsch wird durch Erfahrung enttäuscht (1. Str.), die Frage wird aus Erfahrung verneint (1. Str.); dem Strebenden wird ein Rat gegeben, klagend wird eine Reflexion Heraklits wiederholt (2. Str.); in den beiden nächsten Strophen blickt das Ich im Alter auf größere Abschnitte und damit Veränderungen des eigenen Lebens zurück: der Blick, die Lippe, der Fuß, die Hand, das Ich selbst als schwindend, sich wandelnd.
Gegen Ende wird die Erfahrung der Vergänglichkeit im Pronomen „alles“ bereits verallgemeinert; die Metaphern „Welle / Element“ sollten schon bemerkt, können aber von Schüler natürlich nicht ausgeschöpft werden. Die Vielfalt des Wechsels der Erscheinungen verdient Beachtung: „Blütenregen“ (V. 3), „zerstreuen“ (V. 7), Parallele von Reifen der Früchte und Keimen des nächsten Jahrgangs (V. 11 f.), das Verb „sich ändern“ (V. 14) usw. Es sind durchweg zwei Verse, manchmal auch vier, die in einem Satz verbunden sind und wegen des Kreuzreims auch als Einheit gelesen werden; die Semantik der Reime ist so, dass meistens Gegensätze in den reimenden Versen aneinander gebunden sind: früher Segen / Blütenregen (V. 1/3), sich freuen / zerstreuen (V. 5/7) usw. In einigen Wendungen wird auch das Tempo der Veränderungen (parallel dem zügigen Sprechen: semantische Einheit von zwei bzw. vier Versen) angezeigt: Nicht einmal „eine Stunde“ hält die Blütenpracht (V. 2), „bald“ wird das Grüne zerstreut (V. 7), „eilig“ muss man nach den Früchten greifen (V. 10), „gleich“ ändert sich das Tal (V.13), („stets“, V. 17,) die Welle „eilt“ zum Ozean (V.32).
Demgemäß kann nichts dem Wandel standhalten – das sprechende Ich hat eine andere Lösung zu empfehlen (5. Str.): Sich selbst kann man nicht festhalten, vielmehr soll man sich noch schneller als die Gegenstände vorüberfliehen lassen. Paradoxerweise soll es nach dem Rat des Sprechers dann möglich sein, Anfang und Ende miteinander zu verbinden (V. 33 ff.) – oder ist dieser Rat nichts anderes als eine Variante des Rates, sich selber vorüberfliehen zu lassen? Aber wie und mit welchem Ergebnis? Dies wird erklärt, nachdem das Ich zum Danken aufgefordert worden ist: Unvergängliches ist greifbar, ist verheißen von den Musen, also den guten Geistern menschlicher Kunst (und Lebenskunst), aber eben nicht in den wechselnden Erscheinungen oder im Versuch, sie festzuhalten, sondern im geistig gestalteten Innen (Gehalt im Busen, Form im Geist).

Bei einem Vergleich mit „Die Metamorphose der Pflanzen“ könnte man versuchen, den Sinn des Ratschlags aus der 5. Strophe genauer zu erfassen. In dem älteren Gedicht ist zunächst im Bild von Ring und Kette (V. 59-62) das Individuum der (Geschichte und dem Bestand der) Gattung untergeordnet. Danach wird dem Menschen die Aufgabe zugesprochen, „selbst die bestimmte Gestalt“ (V. 70) zu vollenden. Man könnte in den folgenden Versen den Gedanken finden, wie dies geschehen kann: die Gesetze des Werdens liebend betrachten, mit dem Geliebten zusammen zur „höchsten Frucht gleicher Gesinnungen“ aufzusteigen und so „die höhere Welt“ zu finden (V. 77 ff.).
In „Dauer im Wechsel“ wird einerseits dazu geraten, sich selbst schneller als die Gegenstände vorüberfliehen zu lassen [statt „Man müsste noch mal 20 sein…“ zu wünschen], die sich schon schnell verändern. Dieser Doppelvers (V. 35 f.) muss m.E. als Interpretation des vorhergehenden Doppelverses gelesen werden, dass man den Anfang mit dem Ende sich verbinden lassen solle (V. 33 f.), womit also der tröstende Gedanke, dass man in der Geschlechterfolge aufgehoben ist, entfiele. Den Musen soll dann der Dank dafür gelten, dass sie Gehalt im Busen und Form im Geist aufzuheben ermöglichen, dass also Liebe und Einsicht möglich ist (V. 37 ff.) – das entspräche den Schlussversen des älteren Gedichtes.

Die dazu gehörende Aufgabenstellung der Klausur:

1. Klausur Deutsch 12.2 (Deutsch G3) – 2005/06
Goethe-Gedichte im Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik
Zeit: drei Schulstunden

Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie das Gedicht „Dauer im Wechsel“ (1803 entstanden).
2. Weiterführender Schreibauftrag:
Vergleichen Sie die Weise, wie der Sprecher in diesem Gedicht die dauernde Veränderung bewältigt, mit dem, was der Sprecher in „Die Metamorphose der Pflanzen“ (entstanden 1798) zu sagen weiß.

Erläuterungen zum Text, zu Vers
33 f.: „Auf der Peripherie des Kreises fallen Anfang und Ende zusammen.“ (Heraklit)
„Das ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.“ (Goethe: Maximen und Reflexionen)
37 ff.: Aristoteles notiert, dass man sagt, „dass durch Findung von Ruhe und Halt der Geist begreife und denke“ und dass so das Denken an sein Ziel komme (4. Jh. v.C.).
39 f.: Erich Trunz kommentiert diese Verse so: „Gehalt ist Gesinnung und Liebe, Form das gestaltende Prinzip der Vernunft.“ (HA Bd. 1, S. 646)

Hilfsmittel: Rechtschreibduden, Wörterbuch

Viel Erfolg!

Nachtrag:
Den Gehalt in deinem Busen und die Form in deinem Geist – ein kurzer Kommentar zu dieser Formel, mit Hilfe des 21. Venezianischen Epigramms Goethes:

XXI.

Emsig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden?
Hören und sehen den Mann, welcher die Wunder gethan?
Nein, es führte die Zeit ihn hinweg: du findest nur Reste,
Seinen Schedel, ein Paar seiner Gebeine verwahrt.
Pilgrime sind wir Alle, die wir Italien suchen;
Nur ein zerstreutes Gebein ehren wir gläubig und froh.
(Text: Project Gutenberg; zur Einführung s. den Artikel in wikipedia) 

Epigramme – ich referiere jetzt H.A. Korff (Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, 1958, S. 356 f.) – haben den Zweck, persönliche Erfahrungen in eine knappe Form zu bringen; sie enthalten keine Lehren, sondern sind „nichts als kurze Überschriften für Erlebnisse, Gedanken, seelische Regungen.“ In einem Epigramm gewinnt das Erlebte eine Form, durch die es sich objektiviert, wenn das Epigramm auch keine begriffliche Form darstellt.
Epigramme drängen sich Goethe zu „weil die Erfahrungen sich ihm zudrängen und sein Geist das Bedürfnis hat, jede Erfahrung sogleich festzuhalten und zu verewigen. Epigramme in diesem Sinn sind Verewigungen der Augenblicke, Momentbilder des Lebens, (…) aufgenommen von einem überlegen urteilenden Geiste, der sich in ihnen ebenso spiegelt wie sie in ihm.“

2. Nachtrag:

„Die Zeit kann durch Erinnerung nicht besiegt werden – aber durch die Kunst. Trivial gesagt überlebt einen die Kunst, aber in einem subtileren Sinne argumentiert Proust, dass das Schöpfen von Kunst den Künstler in einen zeitlosen Raum versetzt. Wie wahr: Ich war nicht im Gefängnis, wenn ich an meinen eigenen Sachen schrieb. Von allen Ratschlägen, wie man am besten seine Zeit im Gefängnis absitzt, war der von Proust der gescheiteste.“ (Daniel Genis: Verbotene Geschäfte, in: SZ vom 7.10.2014, S. 11)

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