Goethe: Dem aufgehenden Vollmonde – Analyse

In das Renaissance-Schloss (http://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/DasRenaissanceSchloss.jpg) der Dornburger Schlösser hatte Goethe sich nach dem Tod seines Freundes und Dienstherrn, des Großherzogs Carl August, seit dem 7. Juli 1828 zurückgezogen und sich mit Beobachtungen der Natur beschäftigt. Dort entstand am 25. August 1828 „Dem aufgehenden Vollmonde“, am 8. September „Früh wenn Tal, Gebirg und Garten“ – beide Gedichte sind als Nacht- und Taggedicht aufeinander bezogen. Sie wurden 1833 in „Nachgelassene Werke“ veröffentlicht. Er sandte das Mond-Gedicht am 23. Oktober 1828 an Marianne von Willemer und erinnerte sie an den gemeinsamen Mondkult. Um das zu verstehen, muss man das Gedicht „Vollmondnacht“ aus dem Buch Suleika kennen; dort heißt es in der letzten Strophe:
„Euch im Vollmond zu begrüßen,
Habt ihr heilig angelobet,
Dieses ist der Augenblick.“ (V. 18-20)
Im Brief an Marianne lautete Vers 11 des Gedichtes:
„Schlägt mein Herz auch schneller, schneller“. Dort steht die Datierung in der Form „Dornburg d. 25. August 1828“.
Die beiden Dornburger Gedichte schöpfen aus den Motiven des Goetheschen Werkes: Sonne/Mond, Tag/Nacht, Licht/Finsternis. Schon in den Briefen an Charlotte von Stein tauchte der Topos vom gegenseitigen Andenken bei Mondlicht auf (z.B. 23. August 1776, nach John Williams: Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 495 ff.). Eine Reihe von Gedichten Goethes feiert das Licht von Mond oder Sonne als Quelle des Trostes, der Ruhe oder der Hoffnung:
Maifest
Jägers Nachtlied
An den Mond
Um Mitternacht ging ich
Der Bräutigam,
der Elfenchor aus Faust II,
Dämmrung senkte sich von oben, und andere.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen, die gleichmäßig aufgebaut sind: je vier Trochäen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, mit Kreuzreim; je zwei Verse bilden eine Sinneinheit. Das lyrische Ich wendet sich gesprächsweise an den Mond, fragt ihn, spricht zu ihm, ermuntert ihn zum Schluss, höher hinaufzusteigen. Es blickt zurück auf die vorhin erlebte Nähe des Vollmonds, der gerade von Wolken verdeckt wird:
„Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!“ (V. 5 f.)
Den zweiten Satz würde ich als Konditional- oder Kausalsatz lesen: Du fühlst es, weil (wenn) dein Rand als Stern mich anblickt, also einerseits Licht spendet, anderseits aber nur ein klein wenig „da“ ist. Das Heraufblicken könnte man sich so erklären, dass die Schlösser in Dornburg über dem Saaletal liegen (am besten sucht man Bilder in einer Suchmaschine) und der aufgehende Vollmond sehr tief steht, tiefer als der Betrachter.
„wie ich betrübt bin (…)
Zeugest mir, dass ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.“ (V. 5-8)
Im treffenden Reim werden die Kontraste betrübt / geliebt sein aneinander gebunden, das eine fühlt er, das andere zeigt er. Dass der Mond solches zeigt, versteht man erst, man die von Goethe als Topos gebrauchte Abmachung der Liebenden, beim Mond oder Vollmond aneinander zu denken, kennt.
Aufbau des Gedichts: Ist das Ich zunächst enttäuscht, weil der Mond im Moment gar nicht zu sehen ist (1. Str.), fühlt es sich getröstet, als der Rand des Mondes „als Stern“ erscheint (2. Str.). Folgerichtig ermuntert es den Mond, hinanzusteigen und ganz hell zu werden, damit er als Liebeszeichen Trost spendet: „So hinan denn!“ (V. 9) Und im Mondlicht ist das Ich als Liebender einmal betrübt, weil das Liebchen entfernt ist, anderseits im Wissen des gegenseitigen Gedenkens und zumal im erwarteten Lichtglanz des vollen Mondes getröstet, ja von Glück erfüllt:
„Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.“ (V. 11 f.)
Die Pracht des Mondes, sagt der Reimzusammenhang, ist es, was die Nacht so selig, überselig macht. Dass sie „überselig“ macht, ist nur möglich, wenn das schauende Ich in voller Zustimmung zur Welt und ihrer Schönheit lebt. Geschautes und Empfundenes, Erlebnis und Symbol kommen zusammen und lassen den Sprecher das Leben, wie es ist, bejahen.
Der letzte Vers erinnert an den Schluss von „Der Bräutigam“: „Wie es auch sey das Leben, es ist gut.“ Oder an die Verse aus „Faust II“: „Es sei, wie es wolle, / Es war doch so schön!“ (V. 11302 f.)
Goethe hat Marianne in seinem Brief gefragt, wo die lieben Reisenden sich am 25. August befanden „und ob Sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht haben?“ In Mariannes Antwort vom 2. November 1828 heißt es: „Hätte ich ahnen können, wie in diesem Augenblicke wirklich des Freundes Auge mild über meinem Geschicke weilte, ich würde gern mit ihm gerufen haben: ‚Überselig ist die Nacht!’“ Hier sieht man, wie die Abmachung im Hintergrund lebt und wie Marianne sich zwischen den Mond-Gedichten bewegt, wie sich beide in die Trennung gefunden und doch aneinander festgehalten haben, wenn auch vielleicht auf je verschiedene Weise. Ob Goethe am 25. August an Marianne oder (nur) an das Liebesgedenken als Abmachung gedacht hat, geht aus dem Gedicht nicht hervor – ich halte die zweite Möglichkeit für wahrscheinlicher, weil er das Gedicht erst zwei Monate später an sie geschickt hat.

http://www.hundeiker.de/texte/klausur90.html (ein Dokument dessen, was in der Schule mit Gedichten und ohne sie gemacht wird)
http://vorhilfe.de/users/kleine_Frau/Deutsch.doc (schülerhaft)

One thought on “Goethe: Dem aufgehenden Vollmonde – Analyse

  1. Pingback: Goethe: Dornburg, September 1828 – Analyse « norberto42

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