Goethe: Der Adler und die Taube – zur Analyse

http://www.wetzlar.de/barriere_frei.phtml?NavID=370.175&La=1 (Text)
http://www.textlog.de/18834.html (Text), ebenso im Projekt Gutenberg usw.
Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, Bd. I, 1958, stellt das Gedicht zusammen mit neun weiteren unter die Überschrift „Genius“; Trunz unterscheidet in der Hamburger Ausgabe dagegen die großen Hymnen von den Künstlergedichten (Kommentar dazu in Bd. 1 der HA, S. 493 ff.). Trunz will Goethes Künstlergedichte als eine Einheit verstehen, in der sich die Gedichte gegenseitig erläutern.
Wolfgang Bunzel: Das gelähmte Genie (Wirkendes Wort, 1991) in „Goethezeitportal“ (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/adler_bunzel.pdf, 16. August 007) findet schließlich eine Auseinandersetzung Goethes mit dem Selbstverständnis des Göttinger Hains in dem Gedicht, mit vielen Bezügen zu zeitgenössischen Gedichten: ob die im Typus Adler erfasste Lyrik Pindars oder die im Typus Taube erfasste leichte Liebeslyrik an der Zeit sei.

Rein auf der Ebene der Fabel geht es um die Streitfrage, ob das Leben des verwundeten, aber wieder genesenen, wenn auch nun kraftlosen Adlers lebenswert ist. Der Täuberich tröstet den Adler:
„Sei gutes Mutes, Freund!
Hast du zur ruhigen Glückseligkeit
Nicht alles hier?“ (V. 34 ff.)
Dagegen steht die Antwort des Adlers am Schluss der Erzählung, womit sie die Position der Wahrheit einnimmt:
„O Weisheit! du redst wie eine Taube.“ (V. 50)
Der Trost der Taube ist als ungenügend entlarvt – für einen Adler, der zum Schluss auch betrübt ist und resignierend in sich selber versinkt (V. 48 f.). – Weil für die Konstruktion der Gegenposition nur der sprechende Täuberich von Bedeutung ist, wird im Titel auch nur „die Taube“ genannt, obwohl ein Pärchen kommt (V. 24); über die Beschreibung seiner Bewegungen mag sich Korff freuen, für Bunzels Verständnis der Figur „Taube“ ist die Tatsache wichtiger, dass es sich um ein Pärchen handelt.

Nach Korff, der die Sprache des Gedichtes preist, beruht dieses nicht nur auf genauer Tierbeobachtung, sondern weise auch Einfühlung in die Natur auf; Goethe versuche „die Natur von innen her zu verstehen, ihren Schöpfungsprozeß innerlich nachzuvollziehen und dadurch ihre Geschöpfe erst lebendig zu begreifen“, ja, ihnen in der Dichtung Leben einzuhauchen (S. 125). Das klingt sehr poetisch, aber die poetologische Deutung: dass es um die Probleme des Künstlers geht, da doch des Adlers rechte Schwinge (Schreibhand des Dichters) verletzt ist (Bunzel), leuchtet mir mehr ein; Bunzel referiert auch kurz die Geschichte dieses Verständnisses.

Das Gedicht fehlt bei Conrady sowohl in der dicken wie in der Schulausgabe; vielleicht ist es allgemein doch nicht so bedeutsam, wie uns seine Verehrer glauben machen wollen, sondern erhellt eher die poetologischen Streigkeiten der Zeitgenossen?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s