Goethe: Der Bräutigam – Analyse

Das Gedicht „Der Bräutigam“ ist vermutlich 1824 entstanden, fehlt in der Ausgabe letzter Hand und wurde zu Goethes Lebzeiten nur einmal (1829) veröffentlicht. Ein Ich spricht als Bräutigam, wobei dieses Ich seltsamerweise auch über sich, wenn es schläft, etwas zu sagen weiß.
Das Bräutigam-Ich berichtet zuerst von seinem Leben und Fühlen von Mitternacht bis zum nächsten Abend im Präteritum; eine Datierung fehlt, aber durch das Präteritum wird doch ein einmaliges Erleben nahegelegt. In der letzten Strophe ist zunächst wieder eine Mitternacht-Situation beschrieben, jedoch im Präsens. Am einfachsten erscheint es mir, in dieser Situation die nächste Mitternacht zu sehen und dort den Zeitpunkt des Sprechens anzusetzen.

Zunächst berichtet der Bräutigam von seinem vergangenen Schlaf und vom Tagesanbruch; dabei erwähnt er das Paradox, dass sein Herz um Mitternacht wachte (eine Anspielung auf das Hohelied), dass es ihm am Tage aber wieder so ist, als sei es Nacht. Diese Paradoxien lösen sich auf, wenn man eine Stelle aus Goethes „Dichtung und Wahrheit“ heranzieht, wo er in der Rückschau von seiner liebevollen Verbundenheit mit Lili berichtet: „Es war ein Zustand, von welchem geschrieben steht: ‚Ich schlafe, aber mein Herz wacht’; die hellen wie die dunklen Stunden waren einander gleich, das Licht des Tages konnte das Licht der Liebe nicht überscheinen, und die Nacht wurde durch den Glanz der Neigungen zum hellsten Tage.“ (HA Bd. 10, 107/4 ff.) Der Bräutigam beschreibt diese Liebeserfahrung, verbindet sie jedoch zusätzlich mit seiner fragenden Erwartung: „Was ist es mir, soviel er bringen mag?“ Damit könnte er nach dem Ertrag des Tages allgemein, aber auch für seine Liebe fragen.
Zu Beginn der 2. Strophe macht er in einer Klage deutlich, woran er gedacht hat: „Sie fehlte ja!“ In der Beschreibung oder genauer Gegenüberstellung von Tag und Abend, Arbeit und Erholung, Hitze und Kühle, Ertragen und erquickt Sein bereitet er auf das Zusammensein mit der Braut am Abend vor, von dem er dann ausdrücklich in der 3. Strophe „berichtet“ – es ist kein Bericht, es ist auch keine Erzählung, es ist eher persönlich-liebevolle Erinnerung, die er vorträgt: die Situation bei Sonnenuntergang, den er gemeinsam mit der Braut erlebt.
Er saß „Hand in Hand“ mit ihr, „verpflichtet“, also verlobt, und Aug’ in Auge; dazu kommen dann zwei „Äußerungen“: Gemeinsam begrüßen sie den Sonnenuntergang als letzten Segensblick, während „Auge“ (wessen? seine, ihre, beider Augen? – der Singular steht für am ehesten für die Augen beider) sprach: „Von Osten, hoffe nur, sie kommt zurück.“ (V. 12) Das klingt seltsam, dass die Verlobten sich Gedanken über die Wiederkehr der Sonne machen, wenn sie sich in die Augen schauen. Man wird also in diesem Augenspruch eher im Vorgriff auf die 4. Strophe die Erwartung oder den Wunsch hören: Es geht weiter mit uns, wir schauen in die Zukunft und hoffen auf die endgültige Verbindung in der Ehe.
In der 4. Strophe beschreibt der Bräutigam eine weitere, nach meinem Verständnis die nächste Mitternacht-Situation: Die Liebenden sind getrennt, sie schläft zu Hause, er auch; der Sterne Glanz geleitet ihn, also erleuchtet seinen Weg „im holden Traum zur Schwelle, wo sie ruht“ (V. 14) – er träumt davon, in der Nacht zu ihr zu gehen. Ob dieser Traum realer Traum oder Wunschtraum ist, bleibt hier unklar; der nächste Vers (V. 15) lässt eher an einen Wunschtraum denken. Die Schwelle ist, wie Trunz nachweist, ein Motiv Goethes – und nicht nur Goethes, wie das Wörterbuch von Adelung zeigt: Schwelle ist „ein jedes starkes horizontales Holz, welches die erste Anlage, den Grund zu einer Verbindung abgibt, und welches in den meisten Fällen auch die Sohle genannt wird. (…) In engerer Bedeutung ist die Schwelle die Grund- oder Unterschwelle, das unmittelbar auf der Erde oder doch nahe über derselben liegende Stück Bauholz, welches die ganze Wand trägt. (…) Besonders so fern diese Schwelle in der Thür sichtbar ist, die Unterlage der Thür ausmacht, die Thürschwelle, da es denn figürlich auch für Hausthüre gebraucht wird. Er soll mir nie wieder über meine Schwelle kommen oder schreiten, er soll nie wieder mein Haus betreten. Nach einer noch weitern Figur, der Anfang einer Sache. Du stehest an der Schwelle der Glückseligkeit. Wenn man eben vor der Schwelle so erschrecklich strauchelt.“ (Adelung)
Dann spricht der Bräutigam seinen Wunsch aus, dass auch er dort ruhen, also mit der Braut zusammen wohnen und schlafen könne – als Ehemann, versteht sich, wenn man Goethes Erfahrung mit dem Bräutigam-Sein aus „Dichtung und Wahrheit“ (Bd. 10, 109/30 – 110/6) heranzieht, wo die Hochzeit als Beginn eines gemeinsamen Lebens erwähnt wird. Das möge ihm „bereitet“ sein, hofft der Bräutigam – vom Schicksal bereitet, muss man ergänzen; der Wunsch wird durch ein Rufzeichen als stark bezeichnet. Es folgt dann ein letzter Vers, in dem sich der Bräutigam in einer Sentenz aus der eigenen Situation löst und das Leben insgesamt preist: „Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.“ (V. 16)
Man könnte diese Sentenz aber auch an die Situation des Bräutigams und seinen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft binden (V. 12 und V. 15) und als Ausdruck seiner Liebeserwartungen lesen: in dieser Liebeserwartung die Zustimmung zum Leben insgesamt, auch mit der zeitweiligen Trennung und der Arbeit in der Hitze des Tages, finden. Das scheint mir sinnvoller zu sein, als den Spruch als Sentenz aus der Situation der Bräutigams zu lösen und zu einem allgemeinen Spruch über den Wert des Lebens zu machen.
Die Strophenform kennen wir aus anderen Gedichten Goethes: vier Verse pro Strophe, fünf Jamben pro Vers, Kreuzreim, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, sodass sich bei ruhigem Sprechen eine Sinneinheit von jeweils zwei Versen ergibt. Für die Einheit von zwei Versen gibt es nur einmal ein Enjambement, in V. 6. Die gereimten Verse sind im gleichen Sinn (verpflichtet / gerichtet, V. 9 / 11), im Kontrast (wachte / nachte, V. 1 / 3) oder als zeitliche Folge (Glanz geleitet / auszuruhn bereitet, V. 13 / 15), also sinnvoll aneinander gebunden.

Nachtrag im April 2010: Ich lese heute das Gedicht (die 4. Strophe) anders, und zwar vom Ausruhen (V. 14 f.) und von der Sentenz in V. 16 her. Ich sehe heute den Alten im Traum zum Grab seiner Frau „gehen“ und wünschen, dort auch mit ihr auszuruhen. Erst in diesem Verständnis ist die Sentenz von V. 16 wirklich sinnvoll. Das ergibt auch eine Parallele vom Tag des jungen Bräutigams und dem ganzen Leben, an dessen Ende er erneut im Bräutigam-Status ist, in Erwartung einer endgültigen Verbundenheit.

Ich denke auch an Hebels Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“, wo die Metapher vom Tod als Schlaf die Erwartung eines neuen Morgens begründet; dort wartet allerdings die Braut auf die Heimkehr ihres Bräutigams, der dann verunglückt und ausbleibt. Als die Überlebende wartet sie dann Zeit ihres Lebens auf ihren Bräutigam, der schließlich geborgen wird, als sie steinalt ist; bei seinem Begräbnis verabschiedet sie sich von ihm und erwartet den neuen „Tag“. Bei Goethe fehlt natürlich der christliche Hintergrund Hebels.

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