Goethe: Der Fischer – Analyse

In Goethes Ballade „Der Fischer” wird die Begegnung eines Fischers mit einer Nixe erzählt, welche den Mann zu sich in die Tiefe lockt. Es handelt sich weniger um eine Begegnung von Mann und Frau oder von Mensch und Natur als von den Repräsentanten zweier Bereiche, des warmen Licht- und des kalten Wasserreichs. Der neutrale (auktoriale?) Erzähler beschreibt mehr den Fischer vor und nach der Rede der Nixe, als dass er Ereignisse erzählte; die Rede der Meerfrau („ein feuchtes Weib”, V. 8) umfasst zwei Strophen, die von der beschreibenden Erzählung (jeweils eine Strophe) eingerahmt wird.
Der Fischer sitzt zunächst ruhig, „ruhevoll” (V. 3), am Ufer eines Gewässers; der Tempuswechsel zum historischen Präsens bei der gleichen Tätigkeit („saß/sitzt“, V. 2/5) zeigt eine Annäherung des Erzählers ans Geschehen. Die Erzählweise ist ausgesprochen ruhig: Die Sätze sind kurz (V. 1 und 9: zwei Hauptsätze in einem Vers), werden manchmal wiederholt oder bloß leicht abgewandelt (V. 1, 25; 9, 29). Es gibt nur zwei Nebensätze im Gedicht (V. 5 und 13 f.); die Taktfolge von vier und drei Takten pro Doppelzeile lässt am Ende jedes Doppelverses eine Pause von einem Takt entstehen; die Pause wird durch den Kreuzreim unterstrichen. Diese Sprechweise entspricht auch dem ruhigen Sitzen des Fischers, der nach seiner Angel schaut. „Sah” (V. 3) ist betont; die Betonung fällt aus dem ruhigen jambischen Takt heraus, ebenso die Betonung des ersten Wortes des nächsten Verses: „Kühl” (V. 4) ist er „bis ans Herz hinan”. Diese Eigenschaft, kühl zu sein, die zunächst unverständlich ist, hat eine doppelte Bedeutung: einmal unterstreicht sie die Ruhe des Fischers, während nach dem Gesang der Nixe sein Herz „sehnsuchtsvoll” und damit unruhig wird (V. 27); zum anderen verbindet sie ihn mit der Wasserwelt (ewiger Tau, V. 24, vs. „Todesglut” der Lichtwelt, V. 12). Schon vor der Begegnung mit der Nixe hat er eine Affinität zu ihrem Bereich, und nur aufgrund dieser Affinität ist er für ihre Verlockungen offen: er lauscht; etwas rauscht ihm entgegen. Diese Beziehung des Mannes zur Wasserwelt wird auch durch zwei Reimpaare angedeutet: „schwoll/ruhevoll” (V. 1/3) und „lauscht/ rauscht” (V. 5/7); es reimen sich hier jeweils Wörter, von denen eines den Mann und sein Tun, das andere das andringende bewegte Wasser bezeichnet.
Im Fischer und der Nixe begegnen sich zwei Bereiche; seinem Angeln entspricht ihr Locken als entgegengesetzte Bewegung. An den Fischer hinan und zu ihm hinauf dringen das Wasser und die Meerfrau (schwoll, V. 1; hinan, V. 4; empor, V. 6; hervor, V. 8); sie kommt, um ihm seinen Fischfang vorzuwerfen (V. 10-12) und ihn seinerseits „herunter” (V. 15) zu locken. Sie lockt ihn, indem sie singt (V. 9, 29): „zu ihm” (V. 9) ist das einzige Versende, das ohne Reim bleibt. Mit dem betonten „Ach” (V. 13) entschuldigt sie sein tödliches Angeln; bedauert sie, dass er unwissend ist; leitet sie ein einziges verlockendes Versprechen (V. 13-16) ein, das das Wasserleben als „wohlig” (V. 14) und „gesund” (V. 16) anpreist. Danach stellt sie nur rhetorische Fragen an ihn. In der 3. Strophe begründen ihre Fragen das vorherige Versprechen damit, dass die Lichter selber „im Meer” (V. 18) sich spiegeln und dadurch gewinnen: Labung (V. 17), Schönheit (V. 20), Verklärung (V. 22). Die Qualifizierung des Himmels als „tief” (V. 21) wie auch die Bezeichnung „liebe Sonne” (V. 17) suggerieren eine innere Verbindung des Himmels mit dem tiefen Nixen-Wasser, welche durch den Neologismus „feuchtverklärt” (V. 22) unterstrichen wird; klar und verklärt ist etwas oder jemand im Licht – nach den Worten der Nixe wird das Himmelsblau durch die Feuchtigkeit des Wassers verklärt. Auch der Reim „Blau/Tau” (V. 22/24) verbindet Himmel und Wasser. Diese Beobachtungen zur 3. Strophe legen den Gedanken nahe, dass die Meerfrau lügt, indem sie dem Wasser Lichtqualitäten zuschreibt. Ähnlichen Verdacht erzeugt der Neologismus „wellenatmend” (V. 19): Die personifizierten Gestirne atmen auf den Wellen, sagt das Wort; aber es verschweigt, dass man in den Wellen ertrinkt, weil einem die Luft fehlt.
Die letzte Frage der dritten Strophe, in der das Verb „lockt” aus V. 21 wiederholt wird, ist die verführerischste der Fragen: Indem die Erfahrung, dass man im Wasser sein Spiegelbild sieht, dahin verkürzt wird, dass dem Fischer angeblich sein „eigen Angesicht” dort erscheine – er also quasi schon dort sei, was ja in gewisser Hinsicht stimmt (vgl. „kühl”, V. 4) – und ihn „in ew’gen Tau” (V. 24) rufe, und indem die Fragen als rhetorische (vgl. das fünfmalige „nicht”) die Antwort vorwegnehmen, wird die Verlockung, ins Wasser zu gehen, so groß, dass der Fischer ihr schließlich erliegt; dies wird in der vierten Strophe erzählt. Die Lockung der Nixe wird von ihr selber der Lockung des Fischers entgegengesetzt: „Was lockst du meine Brut … in Todesglut?” fragt sie ihn zu Beginn (V. 10-12); zum Schluss fragt sie: „Lockt dich dein eigen Angesicht nicht her in ew’gen Tau?” (V. 23 f.) Sie verschweigt, dass sie selber lockt, stellt aber seinem Locken in den Tod sein Gelocktwerden ins „ewige” Leben („Glut” vs. „Tau”) entgegen.
In der vierten Strophe wird erzählt, wie der Fischer der Verlockung erliegt. Gegenüber der Ausgangssituation ist die Situation nach der Rede der Nixe teils die gleiche (Wiederholung von V. 1 und 9 in 25 und 29), teils verändert: Das Wasser berührt jetzt den Fischer (V. 26), und sein „Herz” (V. 27) ist von Sehnsucht erfüllt. Dass sein Fuß nackt ist (V. 26), und zwar von Anfang an, zeigt die bereits genannte Affinität des Fischers zum Wasserreich; er ist schon von sich aus darauf vorbereitet hineinzugehen. In den beiden parallelen Sätzen von V. 31 wird sein Untergang in vollendeter Ambivalenz beschrieben: Sie zog, er sank; das Geschehen ist beides „halb”. Der Vergleich der Wirkung der Nixenrede, dieses Sirenengesangs, mit dem von „der Liebsten Gruß” (V. 28) zeigt ebenfalls die Veränderung, welche durch die verlockenden Reden hervorgerufen wird; zunächst erscheint „ein feuchtes Weib” (V. 8), eine fremde Frau, aber ihre Reden wirken eben wie die Begegnung mit „der Liebsten”. Die Alliteration „netzt/nackt” (V. 26) verbindet die Dynamik des Wassers mit der Bereitschaft des Fischers, seinen Lebensbereich zu verändern.
„Da war’s um ihn geschehn” (V. 30): Der neutrale Erzähler gibt hier und im nächsten Vers seine Distanz ein wenig auf; er bewertet das Verschwinden des Fischers als Untergang – so lese ich jedenfalls die letzten Verse. Für meine Lesart möchte ich die Konnotation der Wendung von V. 30 ebenso wie die des Verbs „hinsinken”, was einen todesähnlichen Untergang bezeichnet, reklamieren; durch den letzten Vers erweist sich der Erzähler als dem Bereich des Sehens und des Lichts zugehörig – und er muss ihm angehören, weil man nur in diesem Bereich etwas erzählen kann. Die Fische sind bekanntlich stumm.

Zum Schluss möchte ich kurz die dumme Frage beantworten, wer denn wohl die Nixe ist und wie sie als Herrin der stummen Fische („meine Brut”, V. 10) sprechen kann. Die Frage ist dumm, weil die Meerfrau eine Figur dieses Gedichtes und als solche einfach da ist und spricht; die Frage ist nicht dumm, weil man vielleicht annehmen darf, dass Goethe in diesem Gedicht eine Erfahrung in einem beinahe mythischen Bild ausgedrückt hat. Wenn man Nixe und Fischer als Repräsentanten zweier Bereiche ansieht (Licht-Sprechen-„Tod” vs. Wasser-Fühlen-„Leben”) und wenn der Fischer zunächst dem Bereich angehört, den die Nixe als Todesbereich betrachtet (V. 10-12), aber eine Affinität zum anderen besitzt, dem Lockruf folgt und den Bereich wechselt, dann müsste die Nixe auch eine Affinität zum anderen Reich besitzen, also sprechen können – also die Stimme (des Fischers?) sein, die er hören kann, solange er noch dem Lichtreich angehört, die Stimme, deren Worte man wiedergeben kann. Stumm wie die Fische zu werden und in einen Bereich des „reinen” Lebens einzutauchen ist eine Verlockung für den, der an der Vernunft und ihren Unterscheidungen, an der Helligkeit des Lichts und den klaren Konturen der Dinge leidet; der Verlockung zu erliegen, auch wenn man Affinität zum Wasserreich aufweist, ist ein Untergang – dies sagt meines Erachtens Goethe in seiner Ballade „Der Fischer” (entstanden 1778, erster Druck 1779; hier leicht verändert). Oder: Die Natur hat nicht nur ein freundliches, sondern auch ein verschlingendes Gesicht. – Tanja Meyer (Lk Deutsch, 1997) formulierte diese Einsicht so: Man verliert sich, wenn man die menschlichen Grenzen überschreitet.
(Die Analyse ist noch nicht vollständig; sie wurde in mehreren Anläufen, d.h. mit mehreren Kursen am FMG zwischen 1993 und 2001 erarbeitet.)
Wenn man Literatur sucht, sollte man als Motiv das der Wasserfrau(en) berücksichtigen und verstehen, also auch die Sagen von Loreley, Undine und ähnlichen Gestalten.

Nachtrag 2009:
Goethe sagte selbst, jedoch erst 1823, über seine Ballade: „Es ist in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.“
Die Ballade ist aber bereits 1778 entstanden, und da dachte Goethe vielleicht anders. Ob ein Zusammenhang mit dem Selbstmord Christiane von Laßbergs in der Ilm am 17. Januar 1778 besteht, ist unklar; in Anspielung darauf schrieb er jedenfalls der Frau von Stein am 19. Januar: „Gute Nacht, Engel, schonen Sie sich und gehen nicht herunter. Diese einladende Trauer hat was gefährlich Anziehendes wie das Wasser selbst; und der Abglanz der Sterne der Himmels, der uns beiden leuchtet, lockt uns.“ Auch seine Angestellten gingen nachts nur noch gemeinsam raus – Goethe bewohnte ein Gartenhaus im Tal der Ilm.
Reiner Wild (Goethe Handbuch, Bd. 1, S. 211) sieht die  Nixenrede im Wesentlichen als narzisstische Verlockung (sich im Anblick des eigenen Gesichts verlieren: „Lockt dich dein eignes Angesicht nicht her…“), weshalb das erzählte Geschehen vor allem ein psychischer Vorgang sei. Das bezweifle ich jedoch, wenn ich den Mythos des Narziss mit dem Gedicht vergleiche (http://www.dr-gumpert.de/html/narzissmus.html): Narziss lehnte die Nymphe ab, während der Fischer gerade von einer Nixe (wie Nymphe) gelockt wird, wobei der Hinweis auf das eigene Gesicht nur eine Begründung neben anderen ist. „Jedenfalls wird im Fischer das menschliche Verhältnis zur Natur poetisch reflektiert“ (Reiner Wild); das sei bei Gothe neu gegenüber den frühen 70er Jahren und gehe mit dem Beginn von Goethes naturwissenschaftlichen Bemühungen einher. – Sicher genügt es nicht, die Ballade einfach zusammen mit dem „Erlkönig“ als „naturmagisch“ abzutun; wenn man von der Wassermetaphorik ausgeht, kann man sie in vielerlei Hinsicht verstehen. H. A. Korff hat jedenfalls die Nixenrede für sekundär und die bloße Begegnung der beiden Figuren am Wasser für entscheidend gehalten: Die Rede gebe zwar den Sinn des Ganzen an, aber die Lockung gehe vom Wasser aus, vom Sinnlichen der mythologischen Phantasie (Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, Bd. 1, 1958, S. 248 f.).

Vermutlich steht Eichendorffs Gedicht „Lockung“ in der Abstammungslinie von „Der Fischer“. Unbedingt lohnend: ein Vergleich mit Heines Prolog des Lyrischen Intermezzos!

Symbolik des Wassers:

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Wasser

http://www.forum.lu/pdf/artikel/5733_258_Bauer.pdf

http://www.feste-der-religionen.de/elemente/wasser.html

http://www.friedrich-verlag.de/pdf_preview/d59025_1017.pdf (S. 15 ff.)

http://e-collection.library.ethz.ch/eserv/eth:2576/eth-2576-11.pdf (Religionen und Philosophie)

http://wasser.pbworks.com/w/page/9379654/Wasser%20in%20der%20Literatur (Wasser in der Literatur)

http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Elemente-Lehre (historisch)

http://www.joakirsoft.de/index.php?s=wasser (bitte mit Vorsicht genießen!)

http://traum-deutung.de/wasser/ (dito)

Vgl. zu Narzissmus: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/narzissmus.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fischer (zur Interpretation); ferner ein Aufsatz über Naturverhältnisse beim jungen Goethe
http://www.youtube.com/watch?v=f08vrQtBKRM (Rezitation: gut, Johannes M. Ackner) = http://www.phoneticsgroup.de/audio/goethe/goethe_fischer.mp3;

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-fischer.html (Rezitation F. Stavenhagen, sehr gut; bei youtube gibt es noch eine gute Aufnahme von Dr. Drach, 90 Jahre alt)
http://www.youtube.com/watch?v=0r6ZBYdukoc&feature=related (Schuberts Vertonung, gesungen von Ian Bostridge – die youtube-Links funktionieren nicht mehr, die Vertonung ist aber bei youtube direkt aufrufbar!)
Eine Parodie von Kurt Schwitters ist nett, mehr aber auch nicht; das gilt wohl auch für die Analyse, die Cornelsen für Schüler der Klassen 7/8 anbietet.

3 thoughts on “Goethe: Der Fischer – Analyse

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