Goethe: Der Gott und die Bajadere – Analyse

„Dewendren gieng nämlich einst unter der Gestalt eines schönen Jünglings aus, und suchte eine solche Tochter der Freude auf, um zu erfahren, ob sie ihm getreu seyn würde. Er versprach ihr ein hübsches Geschenk, und sie machte ihm die ganze Nacht herrliche Freude. Am Morgen stellte sich Dewendren an als ob er todt wäre; du das Mädchen glaubte es so ernstlich, dass sie sich ohne weiters mit ihm wollte verbrennen lassen, obschon man ihr vorstellte, der Verstorbne sey ja nicht ihr Mann. Eben wie sie sich in die Flamme stürzen wollte, erwachte Dewendren wieder aus seinem Schlaf und gestand ihr seinen Betrug; aber zum Lohn für ihre Treu nahm er sie zum Weibe, und führte sie mit sich in das Paradies.“
(Sonnerat: Reise nach Ostindien und China, 1783, zitiert nach Albert Leitzmann bzw. Christian Freitag: Ballade, 1986, S. 154)
Das ist der Ausgangspunkt der Goetheschen Ballade, die dieser zwischen dem 6. und dem 9. Juni 1797 geschrieben hat. Die Erläuterungen von Hartmut Laufhütte (Gedicht und Interpretationen, Bd. 3, hrsg. von Wulf Segebrecht, Stuttgart 1984, S. 117 ff.) und Reinhard Doehl (http://www.reinhard-doehl.de/forschung/ballade/ballade_11.htm) sind gut und zum Verständnis völlig ausreichend. Von den Erläuterungen aus Trunz’ Kommentar nenne ich noch:
V. 1 Mahadöh („der große Gott“) ist ein Beiname Shivas, eines drei drei höchsten Götter in Indien;
V. 2 zum sechstenmal: Von Wischnu nahm man zehn Inkarnationen an; das ist hier auf Shiva übertragen.

Beginnen wir mit dem Erzähler der mythischen Geschichte: Dieser Erzähler ist allwissend. Er schaut nicht nur ins Innere des Mädchens, sondern kennt auch das Urteil des Gottes (V. 33) und den Zweck einer Inkarnation (1. Strophe). Er kommentiert mehrfach das Geschehen (V. 38-41, kurz V. 89, V. 97-99) an entscheidender Stelle. Aus seinem großen Wissen heraus urteilt er auch so, dass sein urteil nicht immer von einem Kommentar zu unterscheiden ist. Einen priesterlichen Sprachgestus brauchen wir ihm aber nicht zuzuerkennen.
Die neun Strophen sind eigenwillig aufgebaut: Jeweils vier Doppelverse sind im Kreuzreim aneinander gebunden, Trochäen mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz (wo also der vierte Takt nicht gefüllt ist), der sogenannte Romanzenvers; es folgen dann drei Verse mit vierhebigen Daktylen, wobei der erste Vers fast immer einen Auftakt hat, dem vierten Takt aber eine Silbe fehlt, mit der dann der nächste Vers beginnt (ob man das auch im 2. und 3. Vers dann Auftakt nennen soll?). Die beiden ersten Verse des zweiten Strophenteils reimen sich im Paarreim, der dritte nimmt den Klang des 8. Verses auf und endet wie dieser mit einer Hebung. – Wir haben hier eine ähnliche Kombination von zwei Versarten wie in „Meeresstille / Glückliche Fahrt“ vor uns; nur sind sie hier in einem Gedicht in jeder Strophe miteinander verbunden und durch den Reim V. 8 / 11 noch stärker miteinander verzahnt.
Den Aufbau der Ballade hat Laufhütte gut beschrieben: Die 1. Strophe ist die Exposition, in der vom Ereignis und vom Zweck der Menschwerdung Mahadöhs berichtet wird. In der 2. Strophe wird die erste Begegnung des Gottes mit der Bajadere erzählt, in der 3. – 5. Strophe die Liebesbegegnung im Übergang von der Profession zu Liebe; in der 6. – 8. Strophe werden die Klage der Frau und ihre Zurückweisung durch die Priester erzählt, bis in die Mitte der 9. Strophe hinein. Diese ist durch den Kontrast zwischen den Worten der Priester und dem Handeln des Gottes bestimmt (Doch / Aber, V. 89 / 93), ebenso vom Gegensatz zwischen dem Flammentod der Frau und ihrer Rettung durch den Gott. Den Schluss der 9. Strophe bildet der letzte, das Geschehen deutende Kommentar des Erzählers.
Dass in dieser Ballade keine Polemik vorliegt, wie Laufhütte wiederholt betont, bezweifle ich: Der Gott will Menschen menschlich sehen (V. 8), er will mit den Menschen mitfühlen, um über sie gerecht urteilen zu können (V. 4) – und er urteilt dabei anders als „die Priester“ (ab 7. Strophe), welche die traditionelle Religion repräsentieren. Darin liegt zweifellos auch Polemik; die zeigt sich ebenfalls, wenn man die zwei Tage vorher entstandene Ballade „Die Braut von Korinth“ zum Vergleich heranzieht – eine methodisch bedeutsame Frage, wie weit man hier Parallelen ziehen kann (v.a. in der erlösenden Flamme: Liebe, Tod, Flamme – eine tiefe Einheit). In Korinth wird jedenfalls deutlich auf dem Feld der Liebe ein Konflikt zwischen Heidentum und Christentum ausgetragen, auch wenn der Untertitel der zweiten Ballade, „Indische Legende“, das erzählte Geschehen aus Goethes Sicht in noch größere Ferne distanziert.
Das vom Erzähler verwendete Präsens bringt am Anfang das Problem des Übergangs vom Bericht dessen, was der Gott auf der Erde zu tun pflegt (V. 5 f. und 9-11), zum Bericht von der Begegnung mit der Bajadere mit sich, das durch ein kleines „nun“ (V. 12) gelöst wird; dadurch wird der (zunächst regelmäßig erfolgende) Besuch in der Stadt (V. 9-11) quasi als Besuch einer bestimmten Stadt qualifiziert. Nun wird die Begegnung mit der Bajadere erzählt, einem verlorenen schönen Kind bei den letzten Häusern – ein Fall davon, dass der Gott „auf Kleine geachtet“ hat (V. 10). Wieso sie „verloren“ (V. 15) ist, wird nicht weiter gesagt, sondern in der Bezeichnung „Bajadere“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Bajadere) mit gesetzt, die hier offensichtlich eine Prostituierte ist (vgl. http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?titel=Bajadere). Das Prädikat „verloren“ bedeutet nach Adelung: „im höchsten Grade und ohne Rettung unglücklich. Ein verlorner Mensch, dem nicht mehr zu helfen ist. Verloren ist eine weibliche Seele ohne wahre Frömmigkeit. In der Deutschen Bibel und der Theologie ist verloren gehen, in engerer Bedeutung verdammt werden, ewig unglücklich werden.“ Die vorher aufgeführte Bedeutungsvariante lässt es m. E. nicht zu, dass „der verlorene Sohn“ dahin gezählt wird: „Überaus häufig verliert man eine Sache, wenn man, aus Mangel der Aufmerksamkeit, um den Besitz, und in weiterm Verstande, um die Empfindung derselben kommt, ohne zu wissen, wo sie sich befindet. Seine Uhr, seine Börse verlieren. Ich habe es verloren. Suchen, was verloren ist. Das Verlorne wieder finden. Der verlorne Sohn, in der Deutschen Bibel.“ – Die im höchsten Grade und ohne Rettung Unglücklichen können gerettet werden, wenn sie ein menschliches Herz haben, das ist die Botschaft der Ballade (V. 98 f.).
Die Bajadere agiert professionell: Sie hat gemalte Wangen (V. 14), lädt den Gast ein (V. 16 ff.), spult ihr Programm ab (V. 20-22): „Sie weiß sich … zu tragen“ (V. 21), sie bietet ihm das Ganze ihrer Dienste an (V. 27-30) und lindert „geschäftig“ die Leiden des Gastes; da dieser der inkarnierte Gott ist, sind es freilich nur „geheuchelte“ Leiden, womit der Erzähler die Perspektive des Gottes vorbereitet:
„Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.“ (V. 32 f.)
Der Gott ist der Sehende, aber der menschlich Sehende (V. und 9 f. – jedoch: die Großen belauert!). In seiner Sicht ist hier ein erstes Urteil unvorbereitet über die Frau gefällt; es muss jetzt erzählerisch noch ratifiziert werden. Dies geschieht im Blick auf die Bajadere in einem ersten Anlauf in der 4. Strophe.
„Und er fordert Sklavendienste;
35         Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.“
Hier beherrschen zwei Kontraste das Geschehen und bezeichnen eine Entwicklung: Sklavendienste leisten / dabei heitrer werden (wieso?); Künste der Liebe / Natur. Dieser Umschwung wird einfach berichtet, nicht mehr erklärt; er muss als Folge davon, dass sie ein menschliches Herz hat (V. 33), hingenommen werden. Es geschieht so, sie wird ganz menschlich. Der Erzähler kommentiert diese Entwicklung:
„Und so stellet auf die Blüte
Bald und bald die Frucht sich ein;
40         Ist Gehorsam im Gemüte,
Wird nicht fern die Liebe sein.“
Das naturhafte Gleichnis des Übergangs von der Frucht zur Blüte deutet den Zusammenhang von Gehorsam und Liebe als normal.
Über den Gehorsam der Frau kann man sich als Leserin leicht aufregen. Was ist Gehorsam? „Die Bereitwilligkeit, und in engerer Bedeutung, die Fertigkeit, sein Verhalten nach den Befehlen eines andern zu bestimmen.“ (Adelung) Im Zusammenhang mit der Liebe wird man nicht an Befehle im strengen Sinn denken dürfen, sondern an die Aufträge, welche die Situation stellt – was das heißt, weiß man, wenn man Kinder hat und sich darauf einlässt, Kinder zu haben. Gemüt ist nach Adelung „die Seele, in Ansehung der Begierden und des Willens, so wie sie in Ansehung des Verstandes und der Vernunft oft der Geist genannt wird“. Sich nach dem anderen richten, das ist die Verbindung von Gehorsam und Liebe, wobei Liebe dadurch bestimmt ist, dass dieses Sich-Richten prinzipiell wechselseitig geschieht. Die Bajedere ist auf dem Weg, die Probe der Menschlichkeit (vgl. 1. Strophe) zu bestehen. Im zweiten Teil der 4. Strophe wird das folgende Geschehen motiviert bzw. vorbereitet:
„Aber, sie schärfer und schärfer zu prüfen,
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
Lust und Entsetzen und grimmige Pein.“
Die Prüfung wird also fortgesetzt, drei Punkte stehen auf dem Programm: Lust, Entsetzen, grimmige Pein. Diesen Punkten entspricht das folgende Geschehen in seinen Phasen: der Liebesakt (5. Strophe), die Trauer um den Toten (6. – 8 Str.), der eigene Tod in den Flammen (9. Str.).
In der 5. Strophe wird erzählt, wie sie beim Liebesdienst von Liebe ergriffen wird, „sie fühlt der Liebe Qual“ (V. 46), sie ist „gefangen“, weint zum ersten Mal, sinkt zu seinen Füßen nieder (nicht um sie als neue Maria Magdalena zu salben, sondern überwältigt vom Gefühl, vgl. V. 50-52). Dies alles beginnt damit, dass sie bunte Wangen hat (V. 45) – ich lese diesen Vers so, dass die Wangen jetzt nicht nur bemalt sind (vgl. V. 14), sondern von der Freude gerötet (vgl. „ein rosenfarbnes Frühlingswetter“ in „Mir schlug das Herz“!). Im zweiten Teil der 5. Strophe wird dezent von der erfüllten Liebesnacht berichtet (V. 53-55): eine vergnügliche Feier ist es, bedeckt vom Schleier der Nacht.
Dem unerwarteten Tod des Geliebten antwortet sie mit der Trauer der Liebenden (Herz, vielgeliebter Gast, mein Gatte, Bereitschaft zum Tod, ab Str. 6); ihr widerspricht jedoch der Chor der Priester, die ihr verweigern, als Bajadere um einen zahlenden Freier (statt Gatten) zu trauern (bis Str. 8). Dieser Chor singt „ohn’ Erbarmen“, kommentiert der Erzähler – die Priester urteilen anders als der Gott: Sie identifizieren sie auf Dauer als Hure, als verlorenes Kind. Das
„Mehret ihres Herzens Not;
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod.“(V. 90-92)
„Doch“ – kontrastiv wird das Handeln des Gottes erzählt (V. 93):
„Doch der Götter-Jüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Und in seinen Armen schwebet
Die Geliebte mit hervor.“
Er rettet sich selbst, während die Priester noch um seine Rettung beten, und er rettet in einem „die Geliebte“. Dieser Titel setzt voraus, dass der Gott selbst in der Probe vom prüfenden Gott zum liebenden Mann geworden ist, hält er sie doch in seinen Armen; dass er gelernt hat, mitzufühlen Freud’ und Qual (V. 4). Die Liebenden sind als Geliebte gerettet. Es folgt der abschließende Kommentar:
„Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zum Himmel empor.“ (V. 97-99)
Das sind zwei Aussagen, und es ist strittig, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Die erste ähnelt der Botschaft des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Jesus kommentiert die Gleichnisse vom Fund des Verlorenen: „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ (Luk 15,7) Diese Botschaft trifft aber die Rettung der Bajadere nicht – sie war nicht reuig, und sie hat auch nichts mit Maria Magalena zu tun, die angeblich Jesus die Füße gewaschen und gesalbt hat (Luk 7,36 ff., vgl.  http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Magdalena). Man kann V. 97 als Anlehnung der eigenen Botschaft der Ballade an die des Neuen Testaments verstehen. Die Botschaft der Ballade von der liebenden Bajadere steht jedoch in V. 98 f. – Eine Spannung zwischen den beiden Sätzen, wenn man sie streng liest, ist jedoch nicht zu übersehen; und das ist ja auch der Grund, warum man über ihren Zusammenhang streiten kann.

Gegenüber der Vorlage fällt auf, dass Mahadöh anfangs zwar Leiden heuchelt, aber die Liebende nicht betrügt, sondern sie auch liebt. Und es fällt zweitens auf, dass Treue nicht durch eine Eheschließung belohnt wird, sondern durch Rettung der Geliebten „in seinen Armen“ (V. 95) – empor geht die Fahrt allemal, allerdings „nur“ im Mythos. In der Ballade finden wir das gleiche Liebespathos wie in den Römischen Elegien, nur frei von Rom und Künstlertum, durch die zugrunde liegende Erzählung an eine indische Bajadere und ihr menschliches Herz gebunden.
Ich denke, dass man einen Zusammenhang mit der Ballade „Die Braut von Korinth“ sehen kann und soll, wo die Liebenden auf dem Scheiterhaufen vereinigt werden möchten:
„Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.“ (V. 194 ff.)
Es ist die heidnische Botschaft von der erlösenden Kraft menschlicher Liebe.

http://www.felis-lingua.de/2008/04/10/grundbegriffe/#more-27 (Einführung in Metrik, nach Burdorf) und http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-gott-und-die-bajadere.html (Fritz Stavenhagen – gute Rezitation)

Ideologiekritisch betrachtet Adorno das Gedicht in „Minima Moralia“, Nr. 112.

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