Goethe: Der König in Thule – Analyse

Es wird von einem König im fernen Norden, auf der Insel Thule, erzählt. Der erste Satz klingt beinahe wie der Anfang eines Märchens: „Es war ein König in Thule …“ Das Wichtigste, was von ihm gesagt werden kann, wird in einer Apposition (oder einem verkürzten Satz?) nachgetragen: „Gar treu bis an das Grab“ (V. 2). Er war „gar treu“, also völlig, ganz, gänzlich treu (Adelung); das ist so bemerkenswert, dass man davon erzählen muss – eben in diesem Lied, in dieser Ballade. Seine Liebste hat ihm bei ihrem Sterben einen goldenen Becher gegeben – damit ist die Ausgangssituation beschrieben; wozu sie ihm den Becher gegeben hat, wird nicht erklärt. Als ihre letzte Gabe ist er so etwas wie ihr Vermächtnis; dass er aus Gold ist, steigert seinen Wert und rückt ihn in die Nähe des Kelches, der im christlichen Gottesdienst verwendet wird. Ob man dem Becher auch noch symbolische Qualitäten zusprechen muss (Symbol des Weiblichen), sei dahingestellt: Der König benutzt ihn ganz einfach zum Trinken. Das Gold das Bechers ist das wertvoll Beständige, ist auch Material des goldenen Ringes, des klassischen Treue- und Bindungssymbols.
„Buhle“ (V. 3): Bereits zu Goethes Zeit ist das Wort veraltet, kommt nur noch in Bibelübersetzungen vor, und bezeichnet im guten wie im schlechten Sinn eine geliebte Person (beiderlei Geschlechts). Adelung berichtet: „Ehedem bedeutete dieses Wort auch unter vornehmern Personen so viel als einen Gemahl.“ (Wörterbuch)
In der zweiten Strohe berichtet der Erzähler, der völlig hinter seiner Erzählung zurücktritt, wenn er auch andeutungsweise das Innere des Königs kennt (V. 5 und V. 11 f.), wie wertvoll der Becher dem König war: Er benutzt ihn täglich, und er weint (V. 7 f.) jedesmal dabei. Der Hörer ergänzt den Grund des Weinens: Er denkt an die verstorbene Geliebte, die im Becher zugleich da und abwesend ist. So oft der König aus dem Becher trinkt, tut er dies im Gedenken an die Geliebte – hier schimmert der im Sakrament vollzogene Auftrag Jesu durch, die Jünger sollten zu seinem Gedächtnis aus dem Kelch trinken (Luk 22,19 bzw. explizit 1 Kor 11,25 als Wort der liturgischen Tradition).

Der Erzähler spricht rhythmisch, in einem nicht ganz regelmäßigen Jambus (V. 1 und V. 4 mit jeweils einer zusätzlichen Silbe), dreihebig; Vers 1 und 3 jeder Strophe haben eine weibliche Kadenz, V. 2 und 4 eine männliche. Zusammen mit dem Kreuzreim wird das Sprechen dadurch ruhig, weil zudem in den beiden ersten Versen der Vers semantisch abgeschlossen ist – erst in V. 3 haben wir ein Enjambement; „Buhle“ ruft als Reimwort aber wieder „Thule“ auf und erzeugt so eine kleine Pause im Sprechen. Die Treue bis zum Grab und die Gabe des Bechers sind im Reim aneinander gebunden.
In der zweiten Strophe sind die beiden Reimpaare wieder semantisch bedeutsam: Weil dem König nichts über den Becher geht, gehen ihm jedesmal beim Trinken die Augen über (V. 5 / 7). In den beiden anderen Versen ist jeweils Thema, dass der König regelmäßig aus dem Becher trinkt (eine Art Wiederholung).
In diesen beiden ersten Strophen wird das Leben des Königs berichtet, das nach dem Tod der Geliebten durch ihre Gabe und den täglichen Gebrauch des Bechers bestimmt ist, viele Jahre offensichtlich, auch wenn die Dauer nicht bezeichnet wird. Ebenso haben der König und die Geliebte keinen Namen und kein Alter, kein Aussehen und keinen Lebenslauf – es sind Figuren eines einfachen, volkstümlichen Erzählens, in höchstem Maß stilisiert; der König ist nur der, der täglich mit dem Becher lebt – so treu ist er. In V. 2 ist „bis an das Grab“ als Qualität der Treue genannt, kann dann aber auch als Zielpunkt des Erzähles dienen. Damit beginnt die 3. Strophe, die diesen relativ (!) umfangreichen Bericht mit der Konjunktion „und“ (V. 9) an den Bericht des treuen Lebens anschließt.

Im letzten Teil der Erzählung wird dann berichtet, wie die Treue des Königs „bis an das Grab“ (V. 2) andauert und was dieser treue König noch tut. Der Bericht von der letzten Tat des Königs, „als er kam zu sterben“ (V. 13), wird durch eine Erklärung eingeleitet (3. Strophe), die den nachfolgenden Bericht einfordert: Der König konnte sich beim Sterben leichten Herzens von all seinem Besitz trennen, nur nicht vom Becher. Aber wie das? Das wird dann in den letzten drei Strophen episodisch erzählt, das ist die Ausgestaltung der übermenschlichen Treue bis an das Grab. – Auch in der 3. Strophe passen die gereimten Verse vom Sinn her zusammen: Das Sterben steht an, und damit das Erben (V. 9 / 11); höher als alle Städt im Reich schätzt der König jedoch den einen Becher (seine Städt‘ im Reich / den Becher nicht zugleich, V. 10 / 12).
Zunächst wird vom letzten Königsmahl als der Situation berichtet, in der über das Schicksal des Bechers entschieden werden muss (4. Strophe) – die offene Frage des Hörers seit der 3. Strophe. Der König trinkt noch einmal und wirft den Becher dann ins Meer (5. Strophe). Was ihm das bedeutet, deutet der Erzähler recht offen an: Da sind einmal die Attribute des nahen Endes (alte, letzte), die die Hinweise auf den Tod des Königs aufgreifen (V. 2, V. 9). Dass er trinkt, gibt ihm „letzte Lebensglut“ (Alliteration) – diese bisher nicht genannte Lebensglut muss die Fülle der Liebe sein, die ihm jedes Trinken bedeutet hat (vgl. 2. Strophe), mehr wert als alles in der Welt (V. 5, V. 11 f.) – es ist ein heiliger Becher, den er bekommen hat (V. 19): die Parallele des Liebestrankes zum christlichen Abendmahl wird noch offensichtlicher als bisher; doch der König bekam damit nicht Anteil an einem himmlischen Leben, sondern die irdische Lebensglut.
Dann wirft er den Becher „hinunter“ (V. 20) in die Flut. Dieses Abwärts ist die Richtung, die das Leben im Tod nimmt; gewohnt, gegessen und getrunken hat der König dagegen im hohen Vätersaal (V. 15). Die Flut ist das Chaos, über dem sich das Leben auf der Insel erhoben hatte; in der Flut endet der Becher und damit der König selber. Das wird in der 6. Strophe berichtet.
„stürzen, trinken, sinken“ (V. 21), das ist Weg und Geschick des Bechers, der Liebe und der Lebensglut: tief ins Meer (V. 22). „stürzen, sinken“ bezeichnet den Weg des Bechers; „trinken“ fällt dagegen auf – hat doch bisher der König aus dem Becher getrunken, während jetzt der Becher die Flut trinkt (V. 20/21) und damit als Becher endet, also keinen Tropfen mehr hergibt (V. 24). Das ist das Letzte, was der König sieht; dezent wird berichtet, dass er dann stirbt. Wie der Becher in die Flut sinkt, sinken seine Augen – Augenlider, würden wir sagen. Der Tod des Königs wird als Ende des Trinkens bezeichnet (V. 24); das Trinken aus dem Liebesbecher war sein Leben.

Vielleicht sollte man die Semantik der Reime in der 5. Strophe noch hervorheben: Der König als alter Zecher / trennt sich vom heiligen Becher (V. 17 / 19); die letzte Lebensglut / versinkt dann in der Flut (V.18 / 20). Ich habe hier umschreibend angedeutet, dass man nicht nur die Reimwörter vom Klang her aufeinander beziehen muss, sondern dass in diesen Reimwörtern ganze Verse aufeinander bezogen sind. Erst darin erschließt sich der zweite Sinn des Gleichklangs, während der erste neben dem Klangspiel darin besteht, in der Erinnerung an das erste Reimwort eine kleine Pause zu schaffen.
In der Rückschau sollte man festhalten, dass für den König seine Augen stehen: Sie gehen ihm über beim Trinken (V. 7), sie sinken im Tod (V. 23). Das Trinken aus dem heiligen Becher macht sein Leben aus, bei jedem Essen (V. 6) wie beim Sterben (V. 18). Becher und Leben sinken am Schluss in die Flut (V. 22 f.) – aber dass es solche Treue bis an das Grab gibt, ist so erstaunlich, dass der Erzähler es im Lied festhalten muss.

Möglicherweise ist das Lied für den Urfaust als Lied Gretchens konzipiert; entstanden ist es 1774, es liegt in mehreren Fassungen vor und steht auch im „Faust“ (V. 2759 ff.), lebt aber auch außerhalb des Dramas, wie die Vertonungen bezeugen. Den Text findet man u.a. in der Freiburger Anthologie unter dem Namen des Autors.

Die Analyse in der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_König_in_Thule) ist teilweise gewagt („Vierheber“ falsch!), insgesamt an einzelnen Wendungen orientiert, also recht schülerhaft abgefasst [beim Becher wird das Symbol-Wörterbuch abgeschrieben!]; hilfreich am Schluss die Aufzählung der Vertonungen, welche in ihrer Vielzahl die Wertschätzung des Liedes bezeugen. Eine philosophische Meditation zum Gedicht gibt es hier.
http://www.youtube.com/watch?v=SlVaQO5zBNI (Volkslied, mit eingeblendeten wikipedia-Deutungen)
http://www.youtube.com/watch?v=FzVD-PV472w (I. Seefried, Weise: Zelter?)
http://www.youtube.com/watch?v=GifxekQOX-U&eurl=http%3A%2F%2Fwww%2Eblinkx%2Ecom%2Fvideo% (E. Ameling, Schubert)
http://www.youtube.com/watch?v=nmKysW3wmy8&feature=related (Edda Moser singt das Gretchen, Ch. Gounod)
http://www.youtube.com/watch?v=2I5YiEfu2l0 (mündlicher Vortrag: Gerd W…) und von Fritz Stavenhagen: http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-koenig-in-thule.html

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