Goethe: Der Zauberlehrling – Analyse

Erläuterungen für Schüler zu Vers
4 nach meinem Willen: es spricht der Zauberlehrling;
6 merkt ich: merkte ich mir;
6 Brauch: wie er das gewöhnlich gemacht hat;
9 walle: gehe (heute noch: „Wallfahrt“);
10 manche Strecke: (unbestimmt) Wege
11 zum Zwecke: du dem von mir gewollten Zweck (ein Bad zu nehmen)
16 nimm die Lumpenhüllen: unklar, vermutlich: ziehe dich an;
22 Wassertopf: siehe Vers 29!
29 läuft zum Ufer: damals gab es keine Wasserleitung;
30 wahrlich: tatsächlich, wirklich (vgl. „seht“, V. 29);
32 mit raschem Gusse: mit dem rasch geholten Wasser;
34 Becken schwillt: das Wasser im Becken steigt, schwillt an;
39 f. deiner Gaben vollgemessen: Wort und Genitivkonstruktion sind ungebräuchlich; etwa: das Maß deiner Gaben ist voll;
42 das Wort: das Zauberwort fürs Aufhören;
49 hundert Flüsse: vieles, was fließt („Fluss des Wassers“);
52 lassen: zulassen;
57 Ausgeburt: (Schimpfwort:) als wäre jemand nicht von oder aus einer menschlichen Mutter geboren;
59 Schwelle: Fußbodenbalken einer Zimmertür (heute: bei Eisenbahnschienen)
61 verrucht: verbrecherisch, verworfen (achtlos gegenüber dem, was heilig ist) – hat nichts mit „riechen“ zu tun, sondern kommt vom mhd. Verb „ruochen“ (sich um etwas kümmern, Sorge tragen);
65 f. Willst du es am Ende gar nicht sein lassen?
74 Schärfe (des Beiles), das scharfe Beil;
75 brav: gut;
84 hohe Mächte: starke Geister(mächte)
93 die Anführungszeichen: Jetzt spricht der Meister;
95 Seid‘s: er spricht zwei Besen an.

Die Ballade besteht aus sieben Strophen, die durch Einrückung auftgeteilt sind in die eigentliche Strophe und eine Art Refrain (Nachstrophe). Jede Strophe besitzt 14 Verse. Der erste Teil jeder Strophe setzt sich aus vier Versen mit vierhebigen Trochäen plus vier Versen mit dreihebigen Trochäen zusammen (immer mit Kreuzreim); der Refrainteil weist sechs Verse mit vier zweihebigen und zwei vierhebigen Trochäen auf, mit einem eigenwilligen Reimschema (siehe unter „Nachstrophe“):
Reimschema (Kreuzreim):
Strophe: a b a b – c d c d; Nachstrophe: e f f g e g
Reimschema und Versmaß der Strophe waren bis dahin unbekannt, sie wurden von Goethe für den „Zauberlehrling“ neu geschaffen. Abweichend vom Metrum sind betont: „ich“ (V. 8); „zwei“ (V. 19); „nun“ (V. 77); „ich“ (V. 78). Die große Regelmäßigkeit im Takt macht es möglich, den Text als rap vorzutragen (siehe bei youtube, einige schöne Versuche!).
(Korrektur und Ergänzung der Vorlage: der Artikel in wikipedia)

Das Motiv der Ballade des Zauberlehrlings stammt  aus „Der Lügenfreund oder der Ungläubige“, dem Anfang der „Lügengeschichten und Dialoge“ von Lukian von Samosata. Die Stelle, die Goethe in der Übersetzung Wielands benutzte, lautet:
„Endlich fand ich doch einmal Gelegenheit, mich in einem dunkeln Winkel verborgen zu halten und die Zauberformel, die er dazu gebrauchte, aufzuschnappen, indem sie nur aus drei Silben bestand. Er ging darauf, ohne mich gewahr zu werden, auf den Marktplatz, nachdem er dem Stößel befohlen hatte, was zu tun sei. Den folgenden Tag, da er geschäftehalber ausgegangen war, nehm‘ ich den Stößel, kleide ihn an, spreche die besagten drei Silben und befehle ihm, Wasser zu holen. Sogleich bringt er mir einen großen Krug voll. Gut, sprach ich, ich brauche kein Wasser mehr, werde wieder zum Stößel! Aber er kehrte sich nicht an meine Reden, sondern fuhr fort, Wasser zu tragen, und trug so lange, daß endlich das ganze Haus damit angefüllt war. Mir fing an, bange zu werden, Pankrates, wenn er zurückkäme, möcht‘ es übelnehmen — wie es dann auch geschah —, und weil ich mir nicht anders zu helfen wußte, nahm ich eine Axt und hieb den Stößel mitten entzwei. Aber da hatte ich es übel getroffen; denn nun packte jede Hälfte einen Krug an und holte Wasser, so daß ich für einen Wasserträger nun ihrer zwei hatte. Inmittelst kommt mein Pankrates zurück, und wie er sieht, was passiert war, gibt er ihnen ihre vorige Gestalt wieder; er selbst aber machte sich heimlich aus dem Staube, und ich habe ihn nie wieder gesehen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling)

Der Text der 1797 entstandenen Ballade (Ende 1797 im Musen-Almanach für 1798 veröffentlicht) ist leicht zu verstehen. Der Ich-Sprecher (Zauberlehrling) trägt seine Gedanken, Wünschen und Sorgen sowie den Zauberspruch (1. und 2. Nachstrophe) vor; er spricht aber auch den Besen und ein nicht vorhandenes Publikum („Seht“, V. 29 und V. 71) an. Zum Schluss wendet er sich an den Meister, der gerade ankommt (V. 89-92). Die letzte Nachstrophe sind die Worte des Meisters, mit denen er dem Zauber ein Ende bereitet. Wir haben also keinen Erzählerbericht vor uns, sondern das Geschehen wird dem Zuhörer des Lehrlings bzw. dem Leser der Ballade allein in wörtlicher Rede und damit sehr dramatisch vermittelt, da man an allen Emotionen des Sprechers unmittelbar teilhat (vgl. eine Rezitation Lutz Görners, der den Zauberlehrling „spielt“).
Aufbau des erzählten Geschehens:
Vorhaben und erfolgreiche Durchführung des Zaubers (bis V. 36);
der erste Versuch, den Zauber zu beenden, scheitert (V. 37 – 64);
der zweite Versuch: den Besen spalten und so erledigen, scheitert (V. 65 – 78);
Anrufung der hohen Mächte und des Meisters durch den hilflosen Lehrling (V. 79 – 92);
der Meister macht dem Spuk ein Ende (V. 93 ff.).
Aus dieser Übersicht ersieht man an der Anzahl der Verse, wie das Tempo des Erzählens bzw. Erlebens ab dem zweiten Versuch, den Besen zu stoppen, gesteigert wird. Ob jedoch innerhalb jeder Strophe das Tempo über die Verringerung der Silbenzahl in den ersten 12 Versen gesteigert wird, ist mehr als fraglich.
Das Thema des erzählten Geschehens ist das Verhältnis der Ungleichheit von Lehrling und Meister; der Bereich des Zauberns ist dabei eher als Bildbereich zu sehen, in dem man beispielhaft erlebt, wie es ausgeht, wenn ein Lehrling es dem Meister gleichtun will:
„Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch.“ (V. 7 f.)
Das war ein Irrtum des Zauberlehrlings, und so ist es denn auch sonst ein Irrtum:
„Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich und den Brauch“ (V. 5 f.),
aber irgendwie klappt es nicht – die Worte waren nicht richtig gesagt, selbst das Nachsprechen scheint nicht so einfach zu sein. Das könnte man auf das Dichten anwenden, wo die Lehrlinge trotz guten Willens nicht an die Meister (wie Goethe!) heranreichen, aber auch auf jedes andere Verhältnis von Meister und Lehrling; denn der Bildbereich der Zauberei ist so entrückt, dass er keinerlei Hinweise auf eine konkrete „Anwendung“ enthält.
Eine Eigendynamik in der Wirkungsgeschichte der Ballade hat der viel zitierte Hilferuf des Lehrlings erhalten:
„Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.“ (V. 90 – 92).
Dieser Hilferuf ist so etwas wie ein Fazit der Bemühungen des Zauberlehrlings und wird auf viele Situationen angewandt, wo jemand leichtfertig wilde oder unkontrollierbare Geister „gerufen“ hat – sei es in der Politik im weiten Sinn oder in der Wirtschaft: Bestimmte Gefühle oder Einstellungen sind aus taktischen Gründen geweckt worden und entfalten ein Eigenleben, das sich dem Griff des Erweckers entzieht.
Man könnte deshalb (gegen Reiner Wild, in Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 293 f.) erwägen, ob nicht hier das wahre Thema der Ballade zu finden ist: Erzählt wird das Scheitern der leichtsinnigen Geisterbeschwörung, der Appell ist die Warnung vor dem leichtfertigen Rufen fremder Geister. Die Rettung durch den Meister wäre dann nur eine notwendige Floskel, um die Erzählung zu Ende zu bringen, aber thematisch nicht mehr relevant. – Im Bereich der Zauberei hilft der alte Hexenmeister; im Leben hilft uns kein Schwein, die entfesselten Geister zu bannen – da gibt es dann den großen Crash. [In der BRD sind „wir“ bzw. unsere Großpolitiker gerade dabei oder waren wir 2008/09 dabei, die Geister der staatlichen Subventionitis wie Teufel loszulassen, getrieben vom Blick auf die nächste Bundestagswahl …]

http://anizer.org/zauberlehrling/ha-zauberlehrling-ss2003.pdf (Seminararbeit, Basis des wikipedia-Artikels)
http://www.rither.de/a/deutsch/goethe/der-zauberlehrling/ (simpel!), etwas besser dieser Artikel.
Rezitation:
http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-zauberlehrling.html (Fritz Stavenhagen, gut)
http://www.rezitator.de/gdt/520/ (Lutz Görner, spielerisch vorgetragen)
http://www.youtube.com/watch?v=eiJECeOYp_4 (unbekannter Sprecher)
http://www.youtube.com/watch?v=mNxltumMxbc&feature=related (Ulrich Tukur)
http://www.youtube.com/watch?v=zIBzUxdTAhk&feature=related(von sebbel – nett, aber der Text Goethes kommt bei den Rezitatorendoch besser heraus)

In der Schule ist „Der Zauberlehrling“ Gegenstand vieler heiterer Bemühungen:
http://www.wib.be.schule.de/kubim/zauber/zauber.pdf (U-Projekt 4. Klasse)
http://www.youtube.com/watch?v=-BOHbEJGRUk (Dia-Schau, gerappt: 5. Klasse, besser als der entsprechende Film) und noch manche anderen Versuche … Ähnlich: http://www.youtube.com/watch?v=AiHVokSmtuE (in diesem Video ab 1:50, als Schattenspiel mit Musik, Rap)

Es wäre interessant, einmal die Rezeption der Ballade im Netz zu verfolgen!

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