Goethe: Die Braut von Korinth – Analyse

Diese Geisterballade ist zugleich eine Ideenballade. Ein allwissender Erzähler (vgl. V. 126: Es schlägt kein Herz in ihrer Brust) deutet in einem kleinen Kommentar (V. 12-14) als Thema an, dass es Konflikte geben kann, wenn ein neuer Glaube sich ausbreitet, hier das Christentum auf Kosten des Heidentums (V. 10 f.).
Insgesamt wird das Geschehen neutral erzählt; nur einmal kommentiert der Erzähler teilnehmend-distanziert die Liebeskrankheit des Jünglings (V. 102). Zweimal erzählt er personal dessen Gedanken: die Frage, ob er wohl willkommen sei (V. 8 f.), und die Frage, ob das Mädchen wohl seine Braut sei (V. 66 f.).
Zunächst wird die Ausgangssituation beschrieben: Ein Jüngling zieht nach Athen (V. 1-4); dann wird als Grund dafür die Vorgeschichte erzählt: Er ist als Junge einem Mädchen dort verlobt worden (V. 5-7). In der 2. Strophe wird dann mit dem besorgten Gedanken des Jünglings und dem Erzählerkommentar das Thema intoniert: Liebesprobleme wegen Glaubensdifferenzen. In Strophe (3) beginnt die Erzählung des nächtlichen Geschehens: Empfang durch die Mutter, er geht zu Bett; das wird stark zeitraffend erzählt. Als von der fremden Gestalt berichtet wird (V. 27 f.), leitet der Erzähler zum eigentlichen Geschehen über, der Begegnung des Mannes mit dem Mädchen (Str. 5 – 18).
Diese Begegnung wird weithin zeitdeckend erzählt, da bis auf wenige Erzählerberichte (Str. 10a, 13 a, etwas länger 14 und 15, 17a) nur die Gespräche des Paares wörtlich berichtet werden. Dann wird zeitraffend das Knutschen (18) sowie Ankunft, Lauschen und Eintreten der Mutter erzählt (Str. 19 – 22). Es folgt als Schluss die Rede der Tochter an die Mutter, worin die Tochter die Vorgeschichte ihres Todes enthüllt; diese wird wörtlich berichtet, also zeitdeckend; nur einmal wendet sich die Tochter auch an den Jüngling (Str. 27), ehe sie der Mutter ihre letzte Bitte vorträgt (Str. 28).
Der Rhythmus des Erzählens soll hier an der 1. Strophe beispielhaft untersucht werden. Die Strophe besteht wie alle übrigen aus 7 Versen; die vier ersten Verse, in fünfhebigen Trochäen abgefasst, sind im Kreuzreim miteinander verbunden. V. 1 und 3 haben dabei f volle Takte, V. 2 und 4 den fünften Takt nur halb, sodass mit dem Fehlen einer Silbe (hier als männliche Kadenz) eine kleine Pause im Sprechen entsteht. Die Reime bremsen erst in V. 3 und 4 ein wenig das Tempo, welches eher langsam ist. Betont werden die sinntragenden Wörter, mit welchen der junge Mann vorgestellt wird: Korinthus, Athen, (schwächer: gezogen); Jüngling, unbekannt; Bürger, gewogen, Väter, gastverwandt.
In V. 5 f. liegen zwei im Paarreim verkürzte Verse vor: dreihebige Trochäen, der dritte Takt unvollständig, also den Vers mit einer Pause schließend, was durch den Reim verstärkt wird; durch V. 7, der in Struktur und Reim paarig zu V. 4 passt, werden die beiden Ausreißer (V. 5 f.) in die Strophe geholt, die im letzten Vers harmonisch ausklingt, da man V. 4 – 7 auch als eine umarmende Reimkombination lesen kann. Betont wird einmal „frühe“, dann „Töchterchen“ und „Sohn“, dazu parallel „Braut“ und Bräutigam“ nebst „voraus“ – also die entscheidenden Ereignisse der Vorgeschichte.
Interessant ist es, einmal die Enthüllung des Mädchens als Vampir oder Geist zu betrachten; außerdem sollte man die Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum verfolgen, welche vermutlich das von Goethe intendierte Thema dieser Ballade (aus dem Balladenjahr 1797) ist – Schillers radikalem Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, entschärfte Fassung 1803) vergleichbar.

Für die Entdeckung des Geist-Geheimnisses achte man auf folgende Stellen:
V. 36 ff.
V. 51 ff. (Gelübde)
V. 73-77
V. 92
V. 95 (Andeutung)
V. 108 ff.
V. 116 (unbewusste Andeutung)
V. 124-126
V. 138-140
V. 152-154
V. 157 ff. (Vorgeschichte)
V. 179 ff. (Vampir)
V. 190 ff. (Möglichkeit der Erlösung)

Für die Auseinandersetzung Heidentum – Christentum beachte man:
V. 10-14 (Kommentar)
Gaben der Götter, V. 45 ff.
Gelübde, V. 51 ff.
Opfer, V. 57 ff.
der Väter Schwur, V. 69 f.
Schwur bei der Flamme, V. 78 f.
eigenes Gericht, V. 163   vs.       Gesänge der Priester, V. 164 ff.
wo Jugend fühlt, V. 167   vs.       Sakrament (Salz, Wasser), V. 166 ff.
versprochen im Zeichen der Venus, V. 169 f.   vs.   Gelübde, V. 171 ff.
Erlösung in der Heimkehr zu den alten Göttern, V. 190 ff.
Wenn wir hier auch nur die Perspektiven des Jünglings und des Mädchens (nicht des Erzählers, außer V. 12-14) vor uns haben, sticht doch der Kontrast zwischen dem lebensfrohen Heidentum und dem düster Entsagung fordernden Christentum ins Auge; im Vergleich gewinnt klar das Heidentum – vermutlich im Sinne Goethes.
Es fällt auf, dass im Zeichen der Flamme die jugendliche Liebe (V. 119, 122), der Treueid des Jünglings (V. 78 f.) und die Erlösung (V. 190 ff.) verbunden sind; ihr steht das Eis des Todes (V. 111) und das (in den Worten der Tochter) falsche, nämlich das Versprechen brechende Gelübde (V. 171 f.) entgegen, mit dem „Menschenopfer unerhört“ (V. 63) gebracht werden.

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