Goethe: Die Metamorphose der Pflanzen – Analyse

Ein Blick auf das Gedicht als Ganzes

Beim ersten Lesen schon kann man bemerken, dass ein ausgesprochen fremdes Versmaß den Text bestimmt. Man nennt die vorliegenden Versformen Hexamater und Pentameter, die daraus gebildete Strophe ein Distichon. Es liegen also vierzig Distichon-Strophen vor.
Bei der zweiten Lektüre sollte man prüfen, ob man alle Sätze syntaktisch auflösen kann. So könnte man etwa klären, was mit „sie“ (V. 9) und „es“ (V. 29“ gemeint ist, worauf die Pronomina sich also beziehen, oder wer „werdend“ (V. 9) ist.

Bei der dritten Lektüre wird man bemerken, dass ein Ich als Sprecher fungiert, ein Mann, der sich in einem Garten an seine „geliebte“ Frau wendet. Er erwähnt, dass sie von der Vielfalt der Blumen und ihrer lateinischen Namen verwirrt ist, und deutet an, dass „ein geheimes Gesetz“ (V. 6) diese Vielfalt bestimmt; da hier ein „heiliges“ Rätsel vorliegt, darf man in seiner Lösung die Offenbarung des Göttlichen erwarten. Was ist das Thema des Gedichts? Diese Frage kann man beantworten, wenn man jeweils die Bedeutung des metaphorischen Sprechens (in V. 11 ff. und V. 70 ff.) und die Position des wissenden Erzählers beachtet; von den Pflanzen wird in Metaphern des Menschenlebens gesprochen, von den Menschen in denen des Pflanzenlebens – jede Dimension hat ihr eigenes Recht. So kann man als Thema die Metamorphose der Pflanzen nennen, welche sich in der menschlichen Liebe spiegelt und vollendet. In beiden Dimensionen zeigt sich „der Sinn“ des menschlichen Lebens, im Zurücktreten des einzelnen Gliedes in die Kette (V. 59 ff.), aber auch in der Harmonie gemeinsamen verständigen Schauens ins Geheimnis der Natur.
Der Mann fordert die Geliebte dann auf, die Pflanze in ihrem Werden zu betrachten, wie sie „stufenweise“ zu Blüte und Frucht geführt wird (V. 9 f.). Im Folgenden beschreibt das Ich diese Entwicklung (V. 11-62), das heißt, es leitet den Blick der Frau im Betrachten an. Es bleibt dabei an deren Eindruck oder Erwartung gebunden (vgl. scheint/doch V. 32 f.; „Wundergebild“ V. 40; „Immer staunst du aufs neue…“, V. 47). [Zuerst habe ich V. 9 f., also die Aufforderung an die Geliebte, die Pflanze in ihrem Werden zu betrachten, wie zum ersten Teil gezählt; wenn man beachtet, wie mit den Imperativen (V. 9, 63, 72, 75) jeweils neue Teile oder Abschnitte beginnen, könnte man V. 9 f. als den Beginn des großen zweiten Abschnitts des Gedichtes ansehen. Letztlich ist wichtig, dass V. 9 f. als Scharnier dient, also zum großen zweiten Abschnitt überleitet.]
Ich zähle mindestens vier Stufen in der beschriebenen Entwicklung der Pflanze. Das Ich enthüllt nicht nur die Entwicklung selbst (V. 11 ff.), sondern auch das Gesetz der Metamorphose (V. 23, 33 ff.): Alle Gestalten sind Varianten ein und desselben Grundorgans, des Blattes; diese Organe werden in gesetzmäßiger Folge am Stängel hervorgebracht; das Geschehen unterliegt einem mehrfachen Wechsel von Entfaltung und Konzentration; es wird als Vorgang einer Steigerung verstanden, die sich stufenweise vollzieht und in der Blüte (V. 40 ff., evtl. V. 49 ff.) vollendet.
Am Ende dieses zweiten Teils deutet das offensichtlich wissende, zumindest im Schauen belehrte Ich, das die ewigen Kräfte der Natur zu benennen weiß (V. 59 – „das lösende Wort“, V. 8, ist dem belehrenden Ich bereits zu Beginn bekannt, im „Betrachten“ gewonnen), mit den Metaphern von „Ring“ und „Kette“ den Sinn dieser geschauten Entwicklung: dass das Leben im Ganzen weitergehe (V. 59-62).
In einem neuen Abschnitt wendet das Ich sich wieder direkt an seine „Geliebte“ und bittet sie (mehrere Imperative: V. 63, 71, 75, 77) zunächst, das „Gewimmel“ der Pflanzen erneut, nun jedoch verstehend zu betrachten und darin „die ew‘gen Gesetze“ des werdenden Lebens (vgl. „der Göttin heilige Lettern“ V. 67) zu erkennen (V. 63 ff.), die dann ausgesprochen werden:
„Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
Bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.“ (V. 69 f.)
In dieser Steigerung sieht sich der Mensch in die Reihe der Lebewesen eingeordnet, aber zur verständigen Führung seines Lebens nach dem Gesetz des Werdens ermächtigt; denn er ist „bildsam“ und damit fähig, sein Leben zu führen. Das gleiche Gesetz gilt dann auch für die eigene Liebe, wie das Ich zu sehen aufgefordert wird (V. 71 ff.).
Der Zusammenhang des menschlichen Lebens mit dem organischen Werden ist in der anthropomorphen Beschreibung der Entwicklung der Pflanzen vorbereitet worden. Das wäre in einer genauen Untersuchung der Wendungen „empfiehlt“ (V. 14) und „das Kind“ (V. 22); der Parallele der menschlichen Stammbäume (V. 29 f.); der Personifikation des sich entscheidenden Kelches (V. 43); vor allem des großen Hochzeitsbildes (V. 53 ff.), zu zeigen.
Im letzten Teil fordert der sprechende Mann seine Frau auf, der Geschichte der eigenen Liebe zu gedenken und auch dort das gleiche Gesetz des Werdens zu erkennen (V. 71 ff.). Diese Geschichte wird dementsprechend in den Bildern pflanzlichen Werdens beschrieben (Keim, entsprießen, Blüte, Früchte). Zum Schluss fordert das Ich seine Partnerin auf, sich des gegenwärtigen Zustands dieser Liebe zu erfreuen (V. 77 ff.), die am heutigen Tag, also im Betrachten, im nun verstehenden Betrachten zur „höchsten Frucht gleicher Gesinnungen“ aufsteigen kann. Ihr Blick kann sich im Betrachten der Pflanzen zum Verständnis von deren Metamorphose und damit zum Verständnis des Bildungsgesetzes alles Lebendigen weiten; dann ist das Paar vereint „in harmonischem Anschaun“ der Dinge, worin es die höhere Welt findet (V. 79 f.).
Dieser letzte Teil (V. 71 ff.) ist von dem vorher Gesagten vorsichtig abgetrennt; denn in V. 63-70 liegt ein Bezug auf den Anfang (V. 1-10) vor, derart, dass nach der Betrachtung das zuvor verstörende, unverstandene Gewimmel des Vielen sich dem Blick geöffnet, sein geheimes Gesetz (der einen Metamorphose) offenbart hat und das Ich nun mit dem Du zusammen das ewige Gesetz an den Pflanzen sehen kann; die Pflanze ist zum sprechenden Symbol (V. 65 ff.), das als lösendes Wort dem Ich so nicht zur Verfügung stand oder steht (V. 7 f.), geworden.
In diesem Rahmen des Verständnisses könnte dann eine genauere Analyse von Einzelheiten vorgenommen werden. Zusätzlich könnte man in einer Interpretation das Gedicht in Goethes Gesamtwerk einordnen und auch fragen, was wohl die in der Überschrift versteckte Anspielung auf ein Werk Ovids („Metamorphosen“) besagen kann. Mehrere Autoren weisen darauf hin, dass Goethe ein umfassendes Lehrgedicht geplant habe, wovon „Die Metamorphose der Pflanzen“ nur eine Vorstufe hätte sein sollen.

In der lehrreichen Untersuchung Karl Richters wird deutlich, worin das Klassische des Gedichtes besteht: in der Verbindung von Poesie und Wissenschaft, auch in der Verbindung der antiken Versform des Distichons und der modernen Betrachtung (S. 161 ff.). Die Form der Elegie ist in der Neuzeit (wie die Hymne) von Klopstock wieder belebt worden. Richter referiert eine Deutung Gertrud Overbecks, die im Distichon selbst, also im Wechsel von Hexameter und Pentameter (bitte einige Distichen laut sprechen, damit klar wird, was gemeint ist!) die innere Bewegung der Metamorphose, also des Wechsels von Kontraktion und Expansion einer neuen Stufe, abgebildet sieht.
Irene Wild betont in ihrem Artikel („Metamorphose der Pflanzen“) im Metzler Goethe Lexikon, dass die Naturerfahrung nicht mehr (wie im „Mailied“) auf das Ich konzentriert ist, „sondern nun in der erotisch-pädagogischen Situation verallgemeinert wird“ (S. 330); ich würde ergänzen: auch über das pure Erleben im Betrachten (!) zum Verstehen vorgedrungen ist – ein Merkmal des Klassischen. Goethes Italienreise (1786/88) hat also dazu gedient, seine Lebenskrise zu bewältigen, und zwar in der Begegnung mit der dort noch in Ruinen vorhandenen Antike und der wissenschaftlichen Hinwendung zur Natur. Benedikt Jeßing weist in seinem Artikel „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ (Metzler Goethe Lexikon) zum Schluss darauf hin, dass diese Idee der Metamorphose das Denkmodell eines sanften Übergangs bietet und damit der Idee des gewaltsamen Umsturzes (Franz. Revolution) entgegengesetzt ist: ein weiteres Merkmal des Klassischen. Und wenn ich mir einen Hinweis erlauben darf: Das Bild von Ring und Kette ist nun nicht mehr bloß an etwas anderes drangepappt (wie in „Grenzen der Menschheit“), sondern der krönende Abschluss der Betrachtung der Metamorphose.
Aus der Sekundärliteratur sind mir der ältere Aufsatz von Günther Müller (Die deutsche Lyrik, Bd. I, hrsg. von Benno von Wiese, S. 251 ff.) und die lehrreiche Untersuchung von Karl Richter (Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, hrsg. von Wulf Segebrecht. RUB 7892, S. 156 ff.) sowie Maike Arz: Die Metamorphose der Pflanzen. In: Goethe-Handbuch Bd. 1. Stuttgart – Weimar 1996, S. 253-257 (mit kurzer Darstellung der Forschungsgeschichte und einer poetologischen Deutung des Schlusses: Im „Paar“ spiegele sich analog Naturforschung und Dichtung), zur Hand; Zu beachten wäre noch Reiner Wild: Die Poetik der Natur. In: Interpretationen. Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Hrsg. von Bernd Witte. Stuttgart 1998 (RUB 17504), S. 129-148.
Karl Otto Conrady (Goethe. Leben und Werke. Erster Band, 1982, S. 516 ff.) weiß zu berichten, dass es für die Zeitgenossen Goethes eine „Kette“ der Lebewesen gab, während Goethe die drei Bereiche der Kristallisation, Vegetation und der animalischen Organisation streng getrennt habe. Durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens sei die Vorrangstellung des Menschen in der Kette der Wesen fragwürdig geworden. – In Italien habe Goethe die „Urpflanze“ [die eine Pflanze, aus der alle anderen sich entwickelt hätten] gesucht, also die Vorstellung eines gemeinsamen Bauplans aller Pflanzen gehabt; diese Idee habe er noch in Italien jedoch aufgegeben zugunsten der Idee, dass sich die einzelne Pflanze durch Metamorphose aus dem Blatt stufenweise entwickele. Solche Ideen seien Teil seines Bemühens, in Italien die vielen unbedeutenden weltlichen Dinge zu vergessen und sich „nur mit dem [zu] beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind“ (Brief vom 23. August 1787).

https://de.wikisource.org/wiki/Die_Metamorphose_der_Pflanzen (Text, 1798)

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_metamorphose.pdf (Text mit Interpretation)

http://www.webergarn.de/haeckel/pdf/goethe_metamorphose.pdf (Goethe: Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, 1790)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/goethe_metamorphose_1790?p=16 (dito)
http://www.udoklinger.de/Deutsch/Goethe/Inhalt.htm (Udo Klingers Analyse des Gedichts)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Metamorphose_der_Pflanzen

http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=742 (zur Vorgeschichte des Gedichts)
http://budrich-journals.de/index.php/bios/article/viewFile/3063/2593 (Gernot Böhme: Biografie als Gestaltwandel)

http://rzbl04.biblio.etc.tu-bs.de:8080/docportal/servlets/MCRFileNodeServlet/DocPortal_derivate_00028249/Kloft_Metamorphose_und_Morphologie.pdf (H. Kloft: Metamorphose und Morphologie. Ovid – Goethe)

mueller.science (Begriff „Morphologie“)
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=807 (Goethezeit, dort „Nachitalienische Naturforschung“)

http://klaus-frisch.de/html/body_goethesbotanik.html (Goethes Botanik)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/VIII-Naturwissenschaftliche-Schriften-Protokoll-Goethe-VL-vom-14.12.2010.pdf (Goethes naturwissenschaftliche Studien)

https://de.wikipedia.org/wiki/Versuch_die_Metamorphose_der_Pflanzen_zu_erkl%C3%A4ren (zu: Johann Wolfgang Goethe: Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären)
http://berggetreide.ch/Archiv/Goethe%20und%20Genetik.pdf (modern-biologisch)

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/goethe-johann-wolfgang/28813 (Goethe als Naturforscher).

Das Bild von Kette und Ring bei Goethe
Mir ist aufgefallen, dass das Bild von Ring und Kette öfter bei Goethe auftaucht. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu stellen, werde ich die gefundenen Stellen kurz  vorstellen. Ich halte mich an den Text der Hamburger Ausgabe.
„Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd                   V. 40
An ihres Daseins
Unendliche Kette.“
Das ist die letzte Strophe (V. 37-42) von „Grenzen der Menschheit“; dieses Gedicht ist 1781 oder kurz vorher entstanden. Problematisch ist das Pronomen „sie“ in V. 40, was in den Handschriften steht und auf die Götter (V. 30 ff.) zurückverweist; alle Drucke haben das Pronomen „sich“. In der Lesart der Handschriften bildet das Dasein der Götter die unendliche Kette, mit „sich“ ergibt die Folge der menschlichen Geschlechter diese Kette. Karl Ph. Moritz hat das Wort „Kette“ als Anspielung auf die goldene Kette gelesen, an der Jupiter im Mythos die Welt hält. Die Lesart „sich“ würde wohl von der vorletzten Strophe unterstützt, wo nach dem Unterschied von Göttern und Menschen gefragt wird:
„Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle         V. 35
Und wir versinken.“
Hier wird das Bild von vielen einzelnen Wellen und dem ewigen Strom gebraucht, ohne dass allerdings ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Welle und dem Bestand des Stroms hergestellt würde: Welle ist Form der Existenz und Grund des Untergangs.
Von den Kreisen des Daseins ist im Gedicht „Das Göttliche“ (entstanden 1783) die Rede (V. 35 f.). In „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1798) wird im Blick auf die Entwicklung der Pflanze dann das Bild von Ring und Kette als Zusammenhang des Einzelnen und des Ganzen entfaltet:
„Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.“ (V. 59-62)
In der Betrachtung der menschlichen Liebe wird so eine Steigerung über das Fruchtbringen hinaus möglich: In der gleichen Gesinnung, in harmonischem Anschauen der Welt ist das Paar derart verbunden, dass es so „die höhere Welt“ findet (V. 71 ff.).
In „Dauer im Wechsel“ (1803) wird eben der Wechsel als das Dauernde des Lebens begriffen. Im Bild eines Kreises wird die Möglichkeit, sich diesem Gesetz zu fügen, in der letzten Strophe angedeutet:
„Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in  e i n s  zusammenziehn!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberfliehn.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.“
Der Kommentar von Erich Trunz verweist für das Bild vom Zusammenschluss von Anfang und Ende auf „Maximen und Reflexionen“ (HA, Bd. 12, S. 515) und auf einen Brief vom 5. Januar 1813; im Brief wird angedeutet, dass dieser Zusammenschluss „durch die Dauer der Zuneigung, des Vertrauens, der Liebe, der Freundschaft“ erfolge; in einem Brief vom 30. Juni 1826 taucht das Bild noch einmal auf. – Das gleiche Bild gebraucht bereits Aristoteles: „Die Menschen gehen zugrunde, weil sie nicht imstande sind, den Anfang mit dem Ende zu verknüpfen.“ (Physik VII 3) – Gehalt und Form verleihen Bestand, sodass Anfang und Ende verbunden sind: „Gehalt“ ist nach Trunz Liebe, „Form“ das gestaltende Prinzip der Vernunft (HA, Bd. 1, S. 646). Hier ist also ohne das Bild von Kette allein im „Ring“, in seiner Geschlossenheit als Kreis, das Beständige gesehen.
Ein ähnliches Bild wird in der ersten Strophe von „Gesang der Geister über den Wassern“ (1789) gezeichnet:
„Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder                V. 5
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.“
Ist auch das Wasser das Element des Flüchtigen, so zeigt doch seine gleichförmige Bewegung Bestand; indem des Menschen Seele diesem gleicht, ist sie vielleicht als „Bürgerin zweier Reiche“ (E. Trunz), eher noch als Element eines ewigen Austauschs begriffen.
(Man sollte auch die Analyse von „Dauer im Wechsel“ hinzuziehen!)

In der europäischen Philosophie ist seit Platons Timaios das Bild von der großen Kette der empfindenden Wesen präsent: Es ist das Bild einer Welt aus Gottes Überfluss, der selber in die Welt ausfließt, deren Vielfalt als Fülle erlebt wird. Das Bild ist für Schiller bedeutsam, wie man bei Rüdiger Safranski nachlesen kann: „Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus“, 2004, S. 86 ff.
A.O. Lovejoy: Die große Kette der Wesen (1985), ist das klassische Werk zum Thema.

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