Goethe: Ein Gleiches – Interpretation

Ein Gleiches (späte Fassung)

Über allen Gipfeln

Ist Ruh‘,

In allen Wipfeln

Spürest Du

5 Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur! Balde

Ruhest du auch.

Rezitationen

http://www.youtube.com/watch?v=OxpJFzJFpOU&feature=PlayList&p=33B87B90D661CC34&index=0 (Will Quadflieg, Rosel Zech)
http://www.rezitator.de/gdt/632/ (Lutz Görner)
http://www.youtube.com/watch?v=cgBIlHVme2w Soundtrack im Stauffenberg-Film (Operation Walküre)

Vertont von Schubert: http://www.youtube.com/watch?v=5gl4hV5b1U0 oder

http://www.youtube.com/watch?v=olnCkT7Q-Gg&feature=PlayList&p=7EAA1343D077399E&playnext=1&playnext_from=PL&index=42

Analyse

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_ueberallengipfelnistruh.pdf (die große Analyse!)

Das Gedicht ist am 6. September 1780 auf dem Kickelhahn bei Ilmenau entstanden. Das ist ein gut 800 Meter hoher Berg, auf dem eine Hütte stand, in die Goethe sich zurückgezogen hatte, um Ruhe vor den Geschäften und Menschen in Ilmenau zu haben. Was Goethe in Ilmenau zu schaffen hatte, das rund 51 km von Weimar entfernt war, ist im wikipedia-Artikel zu lesen.

Am Nachmittag des 6. September 1780 war er in der Höhle am Hermannstein gewesen, kurz unterhalb des Gipfels vom Kickelhahn, die er 1776 mit Charlotte von Stein besucht und wo er zur Erinnerung ein S eingemeißelt hatte, das er 1780 wieder fand und vor Seligkeit küsste. „Goethe und der Hermannstein“ ist das Suchwort, um sich darüber zu informieren (hier!). Überhaupt sollte man bei google maps oder „Bilder“ sich den Kickelhahn und die Gegend anschauen, damit man ein Bild von den Gipfeln hat, von denen im Gedicht die Rede ist. Das Gedicht hat Goethe dann am Abend des 6. September mit Bleistift auf die Wand der Hütte geschrieben; es wurde schnell bekannt und bereits 1814 von Zelter vertont; Goethe selbst hat es erst 1815 veröffentlicht, gleich hinter „Wandrers Nachtlied“, und ihm deshalb den Titel „Ein Gleiches“ (d.h. noch ein „Wanderers Nachtlied“) gegeben. Im Unterschied zum Nachtlied von 1776 ist das sprechende Ich hier nicht von Unruhe gepeinigt, im eigenen Erleben zerrissen, sondern es ist innerlich von Ruhe erfüllt und erlebt diese eigene Ruhe auch in der Natur.

„Ruhe“ war im ersten Nachtlied unter den semantisch verwandten Wörtern „stillen“ und „Frieden“ bereits da. Ruhen, das ist nach Adelung: „In weiterer Bedeutung, in welcher dieses Zeitwort am gangbarsten ist, ist es heftigen und ermüdenden Bewegungen entgegen gesetzet, und da ruhet man schon, wenn man aufhöret, sich auf eine lebhafte, ermüdende Art zu bestreben.“ Es bedeutet auch: schlafen oder im Grabe liegen. Von „ruhen“ ist das Nomen „Ruhe“ abgeleitet: „1. In weiterer Bedeutung, der Zustand, da ein Ding sich nicht beweget, seinen Ort nicht verändert, die Abwesenheit der Bewegung.“ In diesem Sinn ist über allen Gipfel Ruhe (V. 1 f.). „2. In engerer Bedeutung ist es der Stand der Ruhe nach einer vorher gegangenen beschwerlichen Bewegung, besonders so fern sie zur Wiederherstellung der Kräfte dienet.“ In diesem Sinn kommt der Mensch zur Ruhe (V. 7 f.) Bei den Dingen und in der Natur kehrt Ruhe ein; der Mensch jedoch kommt zur Ruhe. – In dem Sinn halte ich die Abstufung, wie man sie bei kerber-net findet, für falsch.

In den freien Rhythmen spricht das Ich gelassen; es beschreibt, was es wahrnimmt, und spricht sich dann selber an: „Warte nur …“ – es selbst wird bald von der gleichen Ruhe erfüllt sein wie die umgebende Natur; wenn das Ich eine Abendsituation erlebt, dann heißt die Erwartung, bald zu ruhen, beides: Bald wirst du schlafen. Bald wirst du von gleicher Ruhe erfüllt sein – und da es eigentlich schon ruhig ist, wird als Hauptbedeutung festzuhalten sein: Bald schläfst auch du.

Mozarts Wiegenlied entfaltet den göttlichen Zauber des Einschlafens, der Ruhe:

http://www.youtube.com/watch?v=tdLwbdfINnU (Regensburger Domspatzen)

http://www.youtube.com/watch?v=_eKcfd0_CsU&feature=related (E. Ofarim)

http://www.youtube.com/watch?v=CPOzkkHBAqo&feature=related (Chor- R.?)

http://www.youtube.com/watch?v=eohNqwvdHd4&feature=related (H.-J. Beyer) usw.

Die Ruhe ist umfassend da, spürt der Sprecher: Über allen Gipfeln, über allen Wipfeln (V. 1-5); „allen“ wird wiederholt, wird auch betont, ebenso wie „Gipfeln / Wipfeln“, welche die ganze umgebende „Natur“ abdecken. Daneben wird „Ruh / (kaum) Hauch“ betont. Hauch ist zunächst der Atem des weit geöffneten Mundes, dann jede Luftbewegung (Adelung): Im kaum gespürten „Hauch“ über den Wipfeln der Bäume ist die Ruhe der Natur als menschliche Ruhe erlebt; die Natur atmet kaum noch. Auch „Die Vögelein schweigen …“ (V. 6) – ihr Schweigen wird in einem einzigen Vers vermerkt. Betont sind „Vögelein, schweigen, Walde“; „im Walde“ ist der Ort, wo bereits die Ruhe über Gipfeln und Wipfeln bemerkt war. Die Vögelein sind die Sänger schlechthin; doch auch sie schweigen (V. 6), sie sind in der allgemeinen Ruhe.

Dann folgt die überraschende Aufforderung an sich selbst: „Warte nur!“ (V. 7). Und auf „im Walde“, die Ruhe im Walde, reimt sich „Balde“ – die eigene Ruhe wird so im Reim der Ruhe im Walde zugeordnet, als sicher eintretend erwartet. Der Sprecher muss sich nicht um sie bemühen – die bemühte Ruhe wäre ja keine Ruhe. Sie kommt balde, weil der Sprecher wie die Vögelein „im Walde“ (Reim!) ist: „du auch“. In der Partikel „auch“ ordnet sich der Sprecher den schweigenden Vögelein, aber auch den Gipfeln und Wipfeln in Ruhe zu. Er weiß, er kann in Ruhe abwarten, dass er selber bald ruhen wird – was in der Abendsituation nur heißen kann: einschlafen wird, so den Frieden nach den Geschäften des Tages finden wird.

Dass Goethe das Gedicht 1831 bei einem neuen Besuch auf dem Kickelhahn auf seinen bevorstehenden Tod gedeutet hat, ist eine Möglichkeit, die sich aus der Lebenssituation des Lesers Goethe 1831 ergibt. Der Sprecher jedoch spricht von der Ruhe am Abend – und die Ruhe flüstert ihm leise zu: „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!“

Ganz hilfreich sind die Ausführungen und Literaturhinweise T. J. Reeds im Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996, S. 191-194. Reed nennt Untersuchungen, die bis in die lautlichen Feinheiten reichen; da begibt man sich jedoch leicht in das Reich der Spekulationen.

One thought on “Goethe: Ein Gleiches – Interpretation

  1. Pingback: Brecht: Vom Klettern in Bäumen – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s