Goethe: Eins und Alles – Analyse

Goethe hat dieses Gedicht am 6. Oktober 1821 in Jena vollendet. Wenn man sein Gedicht „Eins und alles“ verstehen will, muss man es im Kontext anderer Gedichte Goethes lesen. In der Ausgabe letzter Hand steht es in der Gedichtgruppe „Gott und Welt“ (1827):
http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+letzter+Hand.+1827)/Gott+und+Welt
Trunz verweist im Kommentar für das Motiv der Sehnsucht nach Entgrenzung im Grenzenlosen auf „Ganymed“, „Selige Sehnsucht“ und andere Gedichte. [Am Rande: Hier taucht wieder die Frage auf, was es heißt, ein Gedicht richtig zu verstehen, und ob es so etwas wie richtiges Verstehen gibt.] Korff schlägt vor, von den beiden letzten Strophen auszugehen: Da sei die Rede von der Welt und ihrem göttlichen Leben, an dem wir teilnehmen können, um ein wahrhaft wesenhaftes Leben zu führen. Was der Mensch tun müsse, um wahrhaft und wesentlich zu leben, verkündigen die beiden ersten Strophen. Dabei sei der Anfang der zweiten Strophe der Kern des ganzen Gedichts:
„Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.“ (V. 8-10)
Das Gedicht stellt also einen „Aufruf zum schöpferischen Handeln“ dar; der seiner Endlichkeit bewusste Mensch setze seinen Glauben an die ewige Schöpferkraft in die Verwandlung allles Seienden im Medium des unzerstörbaren Seins um (Bernhard Sorg: Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 474). – Als Kontext kann man auch neben „Dauer im Wechsel“ noch Toblers Fragment über die Natur (1780), von Goethe überarbeitet (http://www.gah.vs.bw.schule.de/leb1800/natur.htm), heranziehen.

Das Gedicht ist zunächst reine Lehre aus der Einsicht des Wissenden: Im Indikativ trägt ein namenloser Sprecher seine Einsicht vor (1. Str.); in der 2. Strophe spricht er aus der Wir-Gemeinschaft derer, denen sich aufzugeben Genuss ist. Er bittet (betet) zur Weltseele, sie möge uns durchdringen, damit wir mit dem Weltgeist ringen können, um so den Aufstieg zur Vollendung zu schaffen. Die vier Strophen zu 6 Versen zerfallen in je zwei Sinneinheiten (im Reimschema aab, ccb), wobei die a- und c-Verse aus vier Jamben mit weiblicher Kadenz bestehen, die c-Verse jedoch mit vier reinen Jamben in sich abgeschlossen sind. So wird das Sprechen ruhig und getragen-feierlich, da nach jedem Vers mindestens eine kleine Pause gemacht werden muss, nach dem 3. und 6. Vers sogar eine größere.
Der 1. Vers beginnt paradox und zeichnet so schon das Programm der ganzen Lehre von der richtigen Lebensführung vor:
„Im Grenzenlosen sich zu finden
Wird gern der Einzelne verschwinden“ (V. 1 f.).
Wie kann der Einzelne sich im Grenzenlosen finden statt in einem Ensemble von lauter begrenzten Mitwesen? Das Grenzenlose (apeiron) wird seit Anaximander als der göttlich-schöpferische Urgrund alles Begrenzten gedacht, – ohne dass wir jetzt die philosophischen Probleme des Einen oder des „Eins und Alles“ (Plotin) lösen müssten. Darin sich findend muss der Einzelne verschwinden (Reim!), wodurch er von den Gesetzen des begrenzten Lebens frei wird (V. 3, V. 4-6). Diese Gesetze sind in zwei Doppelungen zwischen Wünschen und Sollen umschrieben, sinnvoll gereimt und mit der w-Alliteration in V. 4. Das Sichaufgeben steht unter dem Gesetz der Metamorphose: nicht der Vernichtung, sondern der Verwandlung und somit der Entfaltung – das lernen wir aus dem Rest des Gedichtes.
Vom Weltgeist spricht Goethe auch sonst, etwa in einem Brief an Zelter vom 19. März 1827: „Wirken wir fort, bis wir – vor- oder nacheinander – vom Weltgeist berufen in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen …“ Skakespeare und Newton rückt Goethe in die Nähe des Weltgeistes; die Weltseele mag das belebende Prinzip sein, in dessen Kraft wir mit dem Weltgeist im Bemühen um das Verständnis der Welt ringen können – „unsrer Kräfte Hochberuf“ (V. 9). Wer die guten Geister und die höchsten Meister sind, wird hier nicht gesagt: Es sind die, die mit uns ringen und vor uns mit dem Weltgeist gerungen haben.
Die Semantik der Reime ist wieder überzeugend, was auch für die folgenden Strophen gilt: uns durchdringen / mit dem Weltgeist ringen; gute Geister / höchste Meister, als Helfer; der Kräfte Beruf / Ziel ist der, der alles schuf. Es sind immer sinnhafte Entsprechungen einmal innerhalb der Sinneinheit der drei Verse, dann in den Schlussversen die Entsprechungen der beiden Einheiten einer Strophe.
Wie das Geschaffene umgeschaffen wird, ist von Goethe unter dem Namen der Metamorphose gedacht worden, vgl. „Die Metamorphose der Pflanzen“: „Erst sich gestalten, dann verwandeln“ (V. 20). Verwelken und Absterben werden nicht erwähnt – Goethe hatte ein panische Angst vor dem Kranksein und dem Sterben. Das Licht findet als Farbe seinen Abglanz auf der Erde. Das Ruhen als Gefahr ist uns aus „Faust I“ bekannt, sowohl aus dem Prolog im Himmel wie aus den Szenen zwischen Faust und Mephisto im Studierzimmer. Das Nichtruhen als Weltgesetz wird in der 3. und 4. Strophe entfaltet, welche wiederum in einem Paradox endet:
„Denn alles muß in Nichts zerfallen,
wenn es im Sein beharren will.“ (V. 23 f.)
Dieses Paradox wird logisch nicht mehr aufgelöst – Goethe hat ein Gedicht geschrieben, kein philosophisches Lehrbuch. In diesem Gedicht wird die Formel „Stirb und werde!“ (aus „Selige Sehnsucht“) neu ausgelegt.
In „Eins und Alles“ verbinden sich Vorstellungen von Dauer und „Unsterblichkeit“ mit einem sich im Hier und Jetzt tätig erfüllenden Lebensziel. So ist der Mensch in das Gesetz der Welt: die Metamorphose und Entfaltung schöpferischer Kräfte, eingebunden.

Wir finden im Netz eine Seminararbeit (http://www.anthologie.de/003.htm) und Lektürehilfen des Bange-Verlages, bei denen man streiten kann, ob sie bei der Lektüre helfen oder das Verständnis verhindern: https://www.bange-verlag.de/IntarS_000005_Ressources/tables/document/0000000384.pdf. Wie da „Inhalt“ ermittelt wird, unabhängig von allem anderen außer den Wörtern, und wie die Stilmittel sinn-los nachgeschoben werden, ist ein Akt methodischer Grausamkeit. Zur Weltseele siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Weltseele: „Alles Leben kommt von der Weltseele und kehrt schließlich zu ihr zurück.“ (so die Stoiker nach Toulmin) Goethe hat ein Gedicht mit der Überschrift „Weltseele“ geschrieben.

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