Goethe: Erlkönig – Analyse

Text von Goethe: Erlkönig

Johann Gottfried Herder

Erlkönigs Tochter

Dänisch

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut‘;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

5      »Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz‘ mit mir!«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«

»Hör‘ an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
10 Zwei güldne Sporne schenk‘ ich Dir.

»Ein Hemd von Seide, so weiß und fein,
Meine Mutter bleicht’s mit Mondenschein.«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«

15    »Hör‘ an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk‘ ich Dir.«

»Einen Haufen Goldes nähm‘ ich wol;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«

»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
20 Soll Seuch‘ und Krankheit folgen Dir.«

Sie thät einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt‘ er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd:
»Reit‘ heim nun zu Dein’m Fräulein werth!«

25     Und als er kam vor Hauses Thür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.

»Hör‘ an, mein Sohn, sag‘ an mir gleich,
Wie ist Dein‘ Farbe blaß und bleich?«

»Und sollt‘ sie nicht sein blaß und bleich?
30 Ich traf in Erlenkönigs Reich.«

»Hör‘ an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen Deiner Braut?«

»Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.«

35     Frühmorgen, und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschaar.

Sie schenkten Meth, sie schenkten Wein.
»Wo ist Herr Oluf, der Bräut’gam mein?«

»Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
40 Er probt allda sein Pferd und Hund.«

Die Braut hob auf den Scharlach roth,
Da lag Herr Oluf, und er war todt.

(Herder: Stimmen der Völker in Liedern, 1773)

In der dänischen Volksballade „Erlkönigs Tochter“ will eine Tochter des Elfenkönigs einen Bräutigam am Vorabend der Hochzeit verführen. Goethe kannte diese Übersetzung eines dänischen Volkslieds durch Herder; dieser hatte versehentlich „ellerkonge“ (Elfenkönig) als „Erlkönig“ übersetzt. Goethe hatte 1780 ein kleines Gedicht „Gesang der Elfen“ an Frau von Stein geschickt, wo die Elfen  auf Wiesen an den Erlen tanzen – er kannte demnach Herders Übersetzung und hat sie umgearbeitet. Die Frage ist also erstens, wie er die Vorlage überarbeitet hat, und zweitens, worauf diese Überarbeitung (1782, ins Singspiel „Die Fischerin“ eingefügt) hinausläuft.

Goethe hat das erzählte Geschehen auf drei Figuren konzentriert sowie auf den Ritt beschränkt (und die Ankunft auf dem Hof nur erwähnt, V. 31 f.). Er hat die Figuren verändert: Statt der Ritters und der verführenden Elfe agieren zwei Männer und ein Sohn; und er hat den Erzähler in der 1. und 8. Strophe selber berichten lassen, ansonsten jedoch nur den Dialog des Vaters mit dem Sohn sowie die allein vom Sohn gehörten Worte des Erlkönigs durch den Erzähler wörtlich wiedergegeben. Dadurch wird der Verführungsversuch der Volksballade (Herder) entscheidend verändert: Ein „liebes Kind“ (V. 9), ein „feiner Knabe“ (V. 17) wird von einem fremden Mann angesprochen – aber was heißt angesprochen? Der Junge ist ja der einzige, der es hört und dann seinem Vater in einer Frage vermittelt (V. 13 und V. 21). Er wird angesprochen, ihm werden Sachen für Kinder versprochen (schöne Spiele, Betreuung durch Kindermädchen, V. 10 ff. und 18 ff.), wenn, ja wenn er mit dem Fremden geht, worum dieser ihn zweimal bittet. Und dann folgt überraschend ein Bekenntnis und ein Drohung:
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.« (V. 25 f.)
Das ist nun die Pointe der Versprechungen, mit denen das Begehren getarnt war; es ist vielleicht die Drohung der Vergewaltigung (? problematisch!): Das Geständnis „mich reizt deine schöne Gestalt“ scheint die Gewaltandrohung eindeutig zu machen [aber ist der Knabe, den der Vater im Arm halten kann und den man mit Kindersachen locken will, dafür nicht zu klein!? Nur im ausschließlichen Bezug auf V. 25 kann man V. 26 als Drohung einer Vergewaltigung lesen; im Kontext der ganzen Erlkönig-Rede klingt V. 26 wie die Drohung mit Entführung.]. Und dann schreit der Knabe: „Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an …“ – welches Leid der Erlkönig ihm angetan hat, bleibt offen – am Ende ist der Junge tot.
Dies alles erlebt das Kind allein, sein Vater hört nur den Wind, sieht nur alte Weiden – und hört, was sein Sohn ihm von seinen Erlebnissen vermittelt. Dieses allein im Dialog vermittelte Geschehen lässt die Stimmung des Vaters umschlagen: Am Anfang umfasst er den Jungen sicher und hält ihn warm, zum Schluss ist er selber angesichts des ächzenden Kindes von Grauen befallen. Von Adelung wird „grausen“ so erklärt: „Schaudern, von dem Schauer, der durch Kälte, einen hohen Grad des Ekels, der Furcht oder des Abscheues erreget wird.“ Den Vater graust es, weil er einmal Unerklärliches erlebt, weil vor allem sein eigenes Kind unter seinen Augen vergewaltigt oder ermordet wird, ohne dass er helfen könnte. Ein unfassbares Geschehen entreißt ihm den Sohn für immer.

Die Erzählung wird durch eine Frage eröffnet, sodass der implizite Zuhörer oder der reale Leser ins Geschehen einbezogen wird, wie es auch sonst gelegentlich geschieht: „Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben?“ (Lessing: Der Tod) „Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?“ (Bürger: Die Weiber von Weinsberg). Vater und Sohn haben keine Namen, wie das in volkstümlichen Erzählungen die Regel ist; sie sind (mit bestimmtem Artikel) einfach „der Vater mit seinem Kind“ (V. 2); als guter Vater vermittelt dieser trotz Nacht und Wind (V. 1) Sicherheit und Wärme (V. 4) – aber sofort wird diese Sicherheit fraglich, weil der Sohn sein Gesicht bang verbirgt (V. 5). Im seinen Augen verborgenen Geschehen erweist sich, dass der Vater sein Kind nicht schützen kann.
Der Erzähler spricht (ebenso wie die Figuren) ganz einfach; jeder Satz endet mit dem Versende – nur zweimal gehen die vom Erzähler berichteten bangen Fragen des Jungen übers Versende hinaus (V. 13 und V. 21). Die Sätze des Erzählers sind nicht miteinander verbunden; die Figuren sprechen aber so, dass häufig Alliteration Wörter aneinander binden (birgst bang, V. 5; bunte Blumen, V. 11; vielleicht auch: schöne Spiele, V. 10) und dass Wörter und Wendungen wiederholt werden (Erlkönig, V. 6 und 7; manch, V. 11 und 12; mein Vater, V. 13, 21, 27; meine Töchter, V. 18 und 19). Es liegt ein Kreuzreim vor, häufig semantisch sinnvoll (Kron und Schweif = Nebelstreif, V. 3 f.; am Strand / gülden Gewand, V. 11 f. usw.). In jedem Vers gibt es vier Hebungen, die unregelmäßig gefüllt sind, sodass man eher nicht von einem Jambus sprechen kann; in mindestens vier Versen wird die erste Silbe zusätzlich betont, was Dringlichkeit signalisiert: Siehst, V. 6; Willst, V. 17; Erlkönig (V. 22 und 28).

Was für ein Gedicht haben wir hier vor uns? Ist es eine naturmagische Ballade, wie so oft gesagt wird (zusammen mit „Der Fischer“), wo Goethe die dämonisch-lockende Seite der Natur darstellt? Ist es die Wiederbelebung des Volksliedes auf höherem Niveau? Ist es eine Erzählung vom Ende väterlichen Schutzes und väterlicher Macht? Oder gar ein verkappter Ausdruck von Goethes eigenem Gefallen an Fritz von Stein, einem Sohn Charlottes, der 1783 bis 1786 unter seiner Obhut lebte? Vielleicht auch nur die Reaktion des späten „Sturm und Drang“ auf die aufgeklärte Weltsicht, wie sie der Vater vertritt, und die Brücke zur Romantik mit ihrer Faszination von Nacht, Märchen und Tiefenseele?
Was auch immer – vermutlich ist es keine Ballade, die man in Kl. 7 lesen sollte, bloß weil dort traditionell „Balladen“ auf dem Programm des Gymnasiums stehen; für Klasse 7 gibt es weniger abgründige Balladen! Gert Ueding deutet die Ballade einmal als Lied Dortchens in dem Singspiel „Die Fischerin“, dann auch in der Richtung, in der ich „Der Fischer“ verstehe (Ueding: Vermählung mit der Natur, in: Deutsche Balladen. Gedichte und Interpretationen. Hrsg. von G. E. Grimm, Reclam 1988, S. 93 ff.)

Rezitation: http://www.youtube.com/watch?v=8MPZMH8lBQQ (Oto Sander)
http://www.youtube.com/watch?v=m6l1OXCVO6s&feature=related (unbekannt)
eine Rap-Version
http://www.youtube.com/watch?v=i6wktGd7xrg&feature=related (Marco Rima, nicht mein Geschmack – parodierende Elemente) und andere
Vertonung von Schubert: http://www.youtube.com/watch?v=eqMAxD5CNcE&feature=PlayList&p=79FF2873B175BDD3&index=0
Vertonung von Loewe: http://www.youtube.com/watch?v=5_Gc28cc0Hg&feature=related
(und andere Aufnahmen)

Vgl. meine älteren Anmerkungen zur Bedeutung der Ballade „Der Erlkönig“:
http://logos.kulando.de/post/2007/10/28/goethe_erlkonig__bedeutung

Literatur im Netz:
Anke Wamers
Braungart: Naturverhältnisse (poet. Reflexion: junger Goethe):
http://www.norbertschultheis.de/Extras/71/back (Autor Schultheis fabuliert, „interpretiert“ sozialpädagogisch: und falsch)
http://de.wikipedia.org/wiki/Erlkönig_(Ballade) (psychosexuelle Interpretation: problematisch; die Querverweise sind interessant)
http://www.lautertexte.de/texte/goethe-erlkoenig.php? (mit mythol. Wurzeln, vgl. dazu http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12692/1.html)
http://cmc.uib.no:7001/1498/ (Interpretation in einem Gespräch)
http://www.zum.de/Foren/literatur/archiv/a434.html (ähnlich)
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4066 (ein paar Links)
http://www.rs-thiede.mzbs.de/erlkoenig.htm (8. Klasse rapt den Ek.)
http://www.privat.stephan.manske-net.de/lyrik/erlkg.html (Sammlung Parodien)
http://www.lehrer-online.de/balladen-vertonen.php?show_complete_article=1 (Dr. Schäfers auf l-o: Balladen vertonen; „Erlkönig“ unter Niveau, nette Spielerei)

www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/braungart_naturverhaeltnisse.pdf (Thema: Naturverhältnis bei Goethe)

Kurz eine Idee zur „Zukunftsbedeutung“ dieser Ballade für Schüler (ein Muss für jeden Stundenentwurf):

Wichtig ist es, dass man die Differenz in der Wahrnehmung von Vater und Sohn begreift: Der Knabe hört, was Erlkönig spricht / aber der Vater hört es nicht.

Meine Erfahrung: Man neigt dazu, dem Vater Recht zu geben (Erlkönige gibt es nicht, der Knabe fantasiert, der Knabe hat Fieber, der Knabe sieht Gespenster…) – davon weiß der Text nichts! NEIN, der Knabe hört, was Erlkönig ihm leise verspricht. Damit kann der Vater nicht umgehen, und in der Konsequenz tötet Erlkönig das Kind. Die Differenz der Wahrnehmungen endet mit dem Tod eines Menschen.

Das ist nun wahrlich ein Paradigma für unsere Welt, in der es so fundamental unterschiedliche Weisen, die Wirklichkeit wahrzunehmen, gibt – ich erinnere an das Kopftuch als Streitsymbol, an Bischof Mixas Gebärmaschinen und so weiter…
Am „Erlkönig“ kann man versuchen, diese Differenz zu sehen, zu begreifen, auszuhalten und nicht die eine Sichtweise zugunsten der anderen plattzumachen.

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