Goethe: Ganymed – Analyse

Das Gedicht ist mit Goethes Zustimmung erstmals 1778 gedruckt worden. Es beginnt mit einem begeisterten Ausruf des lyrischen Ichs (V. 1-3) an einem Frühlingsmorgen – gerichtet an den Frühling, der als „Geliebter“ angesprochen wird. Angesprochen werden auch der liebliche Morgenwind (V. 17), die Wolken (V. 27) und schließlich der all-liebende Vater (V. 32), der anscheinend „über“ dem Frühlingsmorgen steht oder liegt: „Aufwärts…“ (V. 28 ff.)
Der Frühling ist jedoch auch ewig (V. 6), heilig (V. 7), unendlich (V. 8) und nicht zu fassen (V. 9 f.); das alles sind Attribute des Göttlichen. Mit dem Neologismus „anglühen“ (transitiv) beschreibt das Ich, wie ihm der Frühling im Morgenrot seine Liebe „rings“, also umfassend bekundet. „glühen“ ist intensives göttliches Leben, Prometheus hat ein heilig glühend Herz; das Ich ist von brennendem Durst nach Liebe erfüllt (V. 15 f.).
Ekstatisch, in ganz ungewöhnlicher Wortfolge (freie Rhythmen) bekundet das Ich, wie der Frühling sich an ihn drängt (V. 4 ff.). Auf diese Liebesbekundung antwort das Ich mit Gegenliebe (V. 9 f.) – dabei scheint es ihm nicht zu gelingen, den sich andrängenden Frühling zu umfassen (V. 9 f.), auch wenn es diesen Wunsch sehnlich bekundet. Erst in der zweiten größeren Strophe (V. 11 ff.) wird im „Kühlen“ des Morgenwinds eine erste Erfüllung deutlich: den brennenden Durst kühlen, das ist auf das Brennen bezogen Erfüllung, auf den Durst bezogen Nichterfüllung.
Ob man in den drei größeren Strophen (V. 1-8, V. 11-19, V. 22 ff.) eine Abfolge von Begegnung, Durst nach Nähe, Vereinigung finden kann (so Lugowski), möchte ich bezweifeln. Richtig ist, dass in der zweiten größeren Strophe die Situation des Sprechers als im Gras liegend deutlich wird, dass diese Lage von ihm als am Busen des Frühlings zu liegen erlebt wird (V. 11 ff.), dass Blumen und Gras, Morgenwind und Nachtigall ihm liebend auf ihre Art begegnen: sich andrängen, kühlen, rufen, also die Gefühlsbreite von Gewähren und Verlangen präsentieren.
Dem antwortet das Ich, bereit und doch unsicher:
„Ich komme! Ich komme!
Wohin? Ach, wohin?“ (V. 20 f.)
Die Wiederholung des Versprechens zu kommen drückt seine unendliche Liebesbereitschaft aus, die Fragen und das zweite „Ach“ (V. 21, nach V. 11) seine Unsicherheit angesichts der Unendlichkeit der Frühlings-Liebe.
Es strebt hinauf – es, vielleicht das Gefühl, ein Drang jedenfalls, nicht eine vernünftige Person; die Wolken neigen sich dafür abwärts (V. 22 ff.), damit es
„In eurem Schoße
Aufwärts“ (V. 27 f.)
gehen, schweben, fliegen kann. In diesem Wunsch-Geschehen der Himmelfahrt ist (bzw. wäre dann) Liebeserfüllung gegeben: „Umfangend umfangen!“ (V. 29)
Die letzten drei Verse bedürfen sorgfältiger Lektüre:
„Aufwärts
An deinem Busen,
Alliebender Vater!“ (V. 30-32)
Das Ich ruft hier wieder begeistert wie so oft vorher (sieben Rufzeichen vorher, alle in der 1. oder 3. Strophe). Diese erhoffte Aufwärtsbewegung erfolgt bereits „an deinem Busen“, sie geht also nicht hinauf „an deinen Busen“ – in der Bewegung nach oben wäre das Ich am Busen des Vaters (der Gottheit), während es am Busen des Frühlings, im Gras, noch schmachtet (V. 11 f.). Das Prädikat „all-liebend“ fasst die ganze erfahrene Liebesgunst und deren erhoffte Erfüllung zusammen.
Diese Frühlingserfahrung mit dem Drang „nach oben“ wird mit der Figur des Ganymed verbunden – für mich eher rätselhaft, weil Ganymed vom begehrenden Zeus wegen seiner Schönheit von der Erde geraubt wurde, während das Ich von überwältigender Liebe ergriffen wird und sich freiwillig hingibt und „hinauf“ will.
Das Gedicht wird in allen Ausgaben mit „Prometheus“ zusammengestellt; diese Tatsache lädt dazu ein, Goethes Diktum aus „Dichtung und Wahrheit“ dafür zur Erklärung heranzuziehen: dass wir die Absichten der Gottheit erfüllen können, „daß wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genötigt sind, von der andern in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen nicht versäumen“ – „Prometheus“ wäre dann Ausdruck der Verselbstung, „Ganymed“ der hingebenden Entselbstigung.
Es wird häufig auf den Brief Werthers vom 10. Mai als Parallele hingewiesen, um die Gefühle des jubelnden Ichs zu kommentieren. Die überschwängliche Sprache verdiente viel stärker gewürdigt zu werden, als ich es getan habe – ich muss aber gestehen, dass mir „Prometheus“ zeit meines Lebens leichter als dieser Gefühlsüberschwang zugänglich war.
Als Einführung in den Kontext (Sturm und Drang, freie Rhythmen) kann man den Artikel von Herrn Larbig lesen:
http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/
http://www.youtube.com/watch?v=JB4BgsmOmCo (eine Rezitation: Lotte Lehmann)
http://www.youtube.com/watch?v=jSkRTUwQ8-I&feature=related (Schubert, eine von vielen Präsentationen des Liedes)
Drei schülerhafte Interpretationen:
http://lyrik.antikoerperchen.de/johann-wolfgang-von-goethe-ganymed,textbearbeitung,128.html
http://www.bnv-bamberg.de/home/ulrich.koch/d11a/sturmunddrang/ganymed.doc
http://www.weninger.de/docs/aufsaetze/ganymed.doc

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