Goethe: Gedichte aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ – Analyse im Kontext

Wer nie sein Brot mit Tränen aß
Wer sich der Einsamkeit ergibt
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn
Nur wer die Sehnsucht kennt

Diese vier Gedichte stammen aus dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, den Goethe zwischen 1794 und 1796 geschrieben bzw. diktiert hat; es sind Gedichte, die dort Mignon oder der Harfner als Lieder vortragen. Sie sind gegenüber einer früheren Fassung kaum überarbeitet: Goethe hatte von 1777 bis 1782 die ersten drei Bücher des Romans „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ geschrieben, dann in jedem Jahr ein weiteres Buch – die vier fraglichen Gedichte sind also 1783 entstanden. Diese frühe Fassung hat Goethe aber nie veröffentlicht; wir kennen sie nur aus einer 1910 entdeckten Abschrift der Bäbe Schultheß und ihrer Tochter, denen Goethe das Manuskript zu lesen gegeben hatte. Daraus ergibt sich die Frage, im Kontext welcher der beiden Fassungen die Gedichte zu verstehen sind; da die zweite Fassung die einzige von Goethe autorisierte ist, die zudem 1910 bereits über 100 Jahre bekannt war, wird man sich normalerweise an „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als den Kontext der Gedichte halten. In diesem Roman verkörpern die einst auf die Welt des Theaters beschränkten Gestalten Mignon und Harfner menschliche Existenzweisen. „Zwischen ihnen steht der tätige Mensch [Wilhelm, N.T.], dessen Humanität im Ausgleich zwischen den Extremen gesehen wird.“ (Jörn Göres) – Es wäre auch zu erwägen, ob man die Gedichte unabhängig vom Roman lesen soll, da sie gegenüber ihrer Herkunft inzwischen weithin selbständig geworden sind.
Eine erste Übersicht über den Roman gibt es im Netz (Juni 2009):
http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre?page=0%2C0 (Inhalt und Interpretation)
http://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/washeisst/wilhmeister.htm (Inhalt)
http://www.cornelia.siteware.ch/literatur/litzusammenfassungen/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre.html (Inhalt)
http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (Inhalt)
http://www.9io.de/Wolf/Roman.htm (Inhalt kurz, Figuren Mignon und Harfner)
Ich übertrage einen Teil des Textes von http://skuola.tiscali.it/letteratura-tedesca/mignon.html nach meinem Verständnis in richtiges Deutsch:
Der ursprüngliche „Künstlerroman“ wird ein „Bildungsroman“, dessen Ziel die Schilderung der Entwicklung einer Individualität ist. Die „Lehrjahre“ verfolgen nämlich den Lebensweg eines jungen Menschen, Wilhelm Meister, der sich in einem objektiven Kontext der Geschichte und der gesamten Kultur zu einer reifen Persönlichkeit entwickelt. Mignon ist ein geheimnisvolles Mädchen, die Wilhelm von einem Seiltänzer befreit, und ist immer von einer anderen Figur begleitet: dem Harfner. Die beiden stehen für eine naive, ursprüngliche Kunst, sie sind Repräsentanten einer ursprünglicheren poetischen Welt. Diese Figuren wollen sich in der Kunst realisieren und ihrem inneren Dämon nachgeben; sie hören nur auf die Stimme ihres Herzens und können ihre Stelle in der Gesellschaft nicht finden. […] Sie sind zu einem tragischen Ende verurteilt.
Mignon ist die Tochter des Harfners, eines italienischen Mönchs, der von dem Süden in den Norden verschlagen wurde und der eigentlich ihr leiblicher Vater ist. Das dramatische Schicksal dieser Figur ist, dass Mignon die Tochter aus einem unwissentlich vollzogenen Inzest des Mönches und seiner Schwester ist. So ist diese Figur die Mythologisierung einer Sturm-und-Drang-Weltsicht: Der Harfner sieht diese Liebe zu seiner Schwester nicht als Schuld, weil er glaubt, dass die Natur diese Liebe möglich gemacht hat. Diese Verbindung wird auch durch das Bild der Lilie, Symbol für Reinheit, ausgedrückt: aus der Lilie sind zwei Blüten gewachsen, wobei der Stiel Symbol für die Mutter ist: die Geschwister sind durch die Lilie verbunden; aber die Gesellschaft akzeptiert sie und Mignon nicht, weil das Mädchen die Frucht eines Inzestes ist. Mignon hält immer eine Lilie in ihren Händen.
Mignon ist diejenige, die das Lied („Kennst du das Land…“) singt. Sie ist eine geheimnisvolle Figur, weil sie nicht richtig sprechen, sondern nur singen kann; ihre Sprache ist ein Gemisch von Französisch, Italienisch und Deutsch, das niemand versteht; aber sie macht sich verständlich, wenn sie singt. Sie kommt aus dem Süden, von dem sie vorsingt und nach dem sie sich sehnt.

Eine derart geheimnisvolle Figur bzw. Figurenkonstellation wie Mignon und der Harfner sind naturgemäß Gegenstand tiefschürfender Untersuchungen, von denen ich nur drei nennen will, ohne sie gelesen zu haben:
Keppel­-Kriems,  Karin:  Mignon  und  der  Harfner  in  Goethes  „Wilhelm  Meister“, 1986
Lienhard,  Johanna:  Mignon  und  ihre  Lieder,  gespiegelt  in  den  Wilhelm-­Meister­Romanen, 1978
Wetzel, Michael: Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit, 1999
Aus dem Sommersemester 2008 gibt es die Arbeit einer Gruppe (Yasmin Böhme u.a.) aus dem Seminar von Prof. Ludwig Stockinger (Leipzig): „Mignon und der Harfner. Thematisierung und/oder Verabschiedung der Kunst?“, die man (noch) im Netz finden und mit Gewinn lesen kann (wenn auch nicht mehr als pdf-Datei):
„- Mignon  und  der  Harfner  haben  eine  Symbolfunktion  als  unschuldige,  naturhafte Existenzformen
­ – beide erscheinen als unirdisch anmutende Wesen, wie es der Arzt über Mignon gegenüber Wilhelm verdeutlicht: „Die sonderbare Natur des guten Kindes […] besteht beinah nur aus einer  tiefen  Sehnsucht;  das  Verlangen,  ihr  Vaterland  wiederzusehen  und  das  Verlangen nach  ihnen,  mein  Freund  ist,  möchte  ich  fast  sagen,  das  einzige  Irdische  an  ihr“
­ – beide Gestalten fallen schon durch ihre Kleidung auf
• Mignon: „Ein kurzes seidenes Westchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe, lange  Beinkleider  mit  Puffen  standen  dem  Kinde  gar  artig.  Lange  schwarze  Haare  waren  in  Locken  und  Zöpfen  um  den  Kopf  gekräuselt  und  gewunden.  Er  sah  die Gestalt mit Verwunderung an.“
• Harfner:  „Die  Gestalt  dieses  seltsamen  Gastes  setzte  die  ganze  Gesellschaft in Erstaunen, […]. Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkränzt, große blaue  Augen  blickten  sanft  unter  langen  weißen  Augenbrauen  hervor.  An eine wohlgebildete Nase schloß sich ein langer weißer Bart an, ohne die gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelblaues Gewand umhüllte den schlanken Körper von Halse bis zu den Füßen.“
­ – eigentlich ist Mignon ein Mädchen: Wilhelm „konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er sich bald für das letzte“
(S. 1 f., gekürzt)

Die vier Gedichte
in der Reihenfolge, wie sie in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ auftauchen:
Wilhelm ist deprimiert und will sich durch das Harfenspiel des Alten die bösen Geister vertreiben lassen. Er hört aus dessen Kammer herzrührende Töne, von einem ängstlichen Gesang begleitet; der Alte wiederholt in einer Art Phantasie wenige Strophen teils singend, teils rezitierend. Wilhelm kann „ungefähr folgendes verstehen:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

5   Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“ (HA, Bd. 7, S. 136)
Dieses Klagelied löst in Wilhelms Seele die Schmerzen auf. Wilhelm fordert ihn dann auf, etwas zu singen, was zu des Alten Lage passt, da er doch „heute“ in seiner Einsamkeit sehr glücklich sei. Darauf singt dieser (S. 137 f.):

„Wer sich der Einsamkeit ergibt
Ach! der ist bald allein,
Ein jeder lebt, ein jeder liebt,
Und läßt ihn seiner Pein.

5  Ja! laßt mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
10 Ob seine Freundin allein?
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,

Mich Einsamen die Qual.
Ach werd’ ich erst einmal
15 Einsam im Grabe sein,
Da läßt sie mich allein!“
(In den Gedichten 1815 trägt das Lied die Überschrift „Harfenspieler“.)

Das erste Lied ist an die „himmlischen Mächte“ gerichtet, also an eine übermenschliche Instanz. Wie diese  handeln, wird in der 2. Strophe beschrieben und beklagt: Sie führen „uns“ ins Leben und lassen „den Armen“ schuldig werden; arm ist er, weil er schuldig wird, ohne sein Tun überblickt zu haben. „Dann überlaßt ihr ihn der Pein“ (V. 7), also der Strafe für die Schuld (V. 8). Wie die Pein gelebt wird, war bereits in der 1. Strophe beklagt worden: sein Brot mit Tränen essen; nachts nicht schlafen können, sondern weinend auf dem Bett sitzen. Wilhelm versteht den Gesang so, dass der Alte sein eignes Geschick beklagt.
Das Lied ist jambisch, vier Hebungen, im Kreuzreim, mit wechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen. Die erste Strophe ist ein einziger Satz; in V. 4 ist der Rhythmus am Ende unregelmäßig („Himmelsmächte“ würde dem Takt entsprechen – aber es sind ja keine Himmelsmächte, sondern nur übermenschliche Größen!). In der 2. Strophe sind die beiden Pronomen „Ihr“ (die Mächte) in Spitzenstellung betont, ebenso das die Peinfolge einleitende „Dann“.
Die Klage über schicksalhafte Schuld ist so allgemein, dass jeder (auch Wilhelm) sich diesem Klagelied anschließen und im Klagen Erleichterung finden kann. Worin des Alten Schuld besteht, wird nicht gesagt – das wird erst später aufgedeckt.
Das zweite Lied singt der Harfner auf Wilhelms Bitte dezidiert von sich selber: Er stellt sich als Einsamen dar. Er beginnt mit einer Beschreibung des Gechicks aller Einsamen: „Wer sich der Einsamkeit ergibt“ (V. 1), der ist bald allein – mit der Klage „Ach!“ (eingeleitet (V. 2); die anderen kümmern sich nicht [lassen = überlassen] um ihn und seine „Pein“, also sein Leiden an der Einsamkeit.
Aber was heißt „sich ergeben“, wieso ergibt sich jemand der Einsamkeit? Bei Adelung findet man u.a. mehrere Angaben zur Verwendung des Verbs in einem übertragenen Sinn („figürlich“ heißt das bei Adelung):
„(a) Sich in etwas ergeben, sich dasselbe willig gefallen lassen. Sich in den göttlichen Willen ergeben.
Armes Thier ergib dich drein,
Less.[ing]
Ich habe mich längst darein ergeben.
(b) Sich jemanden und dessen Dienste widmen. […]
(c) Einer Neigung über sich die Herrschaft lassen. Sich den Wissenschaften, der Tugend ergeben. Er hat sich ganz dem Geitze, der Wollust ergeben. Er ergibt sich dem Trunke. Sich der Faulheit, dem Kummer ergeben.“

Die Bedeutungen (a) und (c) kämen für unser Gedicht in Frage: Jemand überlässt sich der Neigung zur Einsamkeit – woher diese Neigung auch stamme – und ergibt sich darein, sodass die beklagte Isolierung notwendig eintrittt, falls nicht eine liebende Seele sich um ihn kümmert.
In der zweiten Strophe spricht der Harfner von sich selbst. Er beginnt mit einem energischen „Ja!“ (V. 5, vs. „Ach!“, V. 2), wonach er darum bittet (Imperativ), ihn seiner quälenden Einsamkeit zu überlassen, und zwar mit einer paradox klingen Begründung (ich lese das Konditionalgefüge V. 6-8 als Begründung der Bitte): Dann sei er „nicht allein“.
Die beiden ersten Strophen bestehen aus jeweils vier Versen, zuerst im Kreuz-, dann im Paarreim. Das Metrum ist ein Jambus, die Anzahl der Hebungen wechselt; öfter ist der Auftakt betont (V. 2 und 5, vielleicht V. 7 und 8) – vor allem die zweite Strophe wird unruhig gesprochen, während die erst ziemlich gleichförmig im Rhythmus ist, weil jeder Vers einem Satz entspricht; in V. 6 f. liegt dagegen ein Enjambement vor.
In der längeren dritten Strophe folgt die Erklärung des Paradoxes: So wie ein Liebender um die Freundin kreist, so schleicht ihm, dem Einsamen, die quälende Pein nach (V. 9-13) – der Vergleich verblüfft mich. Es folgt dann nach einem erneuten „Ach“ (V. 14) der Ausblick auf den eigenen Tod: „Einsam im Grabe sein“ (V. 15); diese letzte Einsamkeit wird als Erlösung von der Qual bejaht und herbeigesehnt: „Da lässt sie mich allein!“ (V. 16) Das Ende der letzten Strophe zeigt die Todessehnsucht des Sängers.

Der Erzähler beschreibt dann den Anklang, den die Worte des Alten in Wilhelm finden, und führt zum Vergleich einen Gottesdienst an, wo die Gefühle der Anwesenden durch ihre Wechselseitigkeit gestärkt und erquickt werden. Das zweite Buch endet mit einer Szene zwischen Wilhelm und Mignon: Dem unschlüssigen und auf den Stallmeister wegen Philine eifersüchtigen Mann, der nicht mit sich im Reinen ist, wirft Mignon sich auf den Schoß und an den Hals und löst sich in Tränen auf; Wilhelm versichert ihr: „Du bist mein! Ich werde dich behalten, dich nicht verlassen!“ (S. 143, Z. 37 f.) Mignon erwählt ihn dann zu ihrem „Vater“ und bekennt: „Ich bin dein Kind!“ (144/2 f.). Danach erklingt die Harfe, Wilhelm hat sein Kind fest in Armen und genießt „des reinsten, unbeschreiblichsten Glücks“ (144/7).
Am anderen Morgen, damit beginnt das dritte Buch, singt Mignon ihr Lied, welches Wilhelm sich von ihr erklären lässt und welches er selber ins Deutsche übersetzt, wenn auch ohne die Originalität der Wendungen völlig treffen zu können. „Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden.“ (146/6 f.) Der Erzähler beschreibt den Wechsel des Ausdrucks im Vortrag der Strophen, die jeweils in Sehnsucht und Drängen enden (146/8-17):

„Kennst du das Land? wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.
5  Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin!
Mögt ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
10 Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin!
Mögt ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

15 Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
20    Dahin! Dahin!
Geht unser Weg! O Vater, laß uns ziehn!“

Dieses Lied ist in den Kontext des Geschehens nicht weiter eingebunden, wenn man von der Anrede „Vater“ absieht – Wilhelm spricht kurz mit Mignon darüber, die ihn fragt, ob er das Land kenne, und dann zu ihm sagt: „Italien! Gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier.“ (146/22 f.)
Das Gedicht oder Lied ist von einem eigenartigen Rhythmus bestimmt: Wenn man die sieben Zeilen auf sechs Verse verteilt („Kennst du es [ihn] wohl? / Dahin! Dahin!“ als einen Vers behandelt), dann haben wir einen durchgängig fünfhebigen Jambus vor uns; nur im jeweils 5. Vers sind es vier Hebungen, was besagt, dass hinter der Frage „Kennst du es wohl?“ eine lange Pause zu machen ist. Der Refrain ist in den drei Strophen gleich, abgesehen von Wechsel in der Anrede: „Geliebter, Beschützer, Vater“. Im Munde Mignons ist diese Anrede an Wilhelm als das angesprochene Du gerichtet; die Variation der Titel zeigt die Ambivalenz des Verhältnisses zu Wilhelm in der Konstanz der Sehnsucht nach Italien, dem Traumland Mignons – und Goethes (bei Abfassung des Gedichts 1783).
In der 1. Strophe wird eine arkadische Landschaft beschrieben, in der 2. Strophe ein Palast mit Marmorbildern und deren verwunderlicher Frage: „Was hat man dir, du armes Kind, getan?“ In der 3. Strophe spricht Mignon vom Weg dahin, über „den Berg“, also über die Alpen. In dieser Strophe wird auch nicht nur der Wunsch geäußert, dahin zu ziehen (wie V. 7 und 14), sondern Wilhelm als der frisch ernannte „Vater“ wird im Imperativ aufgefordert: „o Vater, laß uns ziehn!“ (V. 21)
Gegen den Takt sind die sechs Verben „Kennst“ betont, ebenso die zwei „Mögt“ (= möcht’, V. 7 und 14), vielleicht auch „Geht“ (V. 21). Auch die sechs Adverbien „Dahin!“ sind gegen den Takt beton, wohl auf beiden Silben zu betonen, was es auch möglich macht, in dem (Doppel)Vers „Kennst du ihn wohl? / Dahin! Dahin!“ einen Takt einzusparen. Ansonsten sind die sinntragenden Nomina (Land, Zitronen, Laub usw.), Verben (blühn, glühn, weht, steht usw.) und Adjektive (dunkel, sanft usw.) betont. Die Paarreime binden jeweils im Inhalt zueinander passende Verse aneinander. In Wilhelms Kommentar zu seiner Verdeutschung des Liedes wird deutlich, dass die gefühlte Sehnsucht im artikulierten Lied nicht adäquat zur Sprache kommen kann.
Ob man in Wolkensteg und Wasserfall, in Myrte und Lorbeer auch noch Symbole der Dichtung sehen muss? Ich korrigiere die Deutung der scuola tiscali (siehe oben) sprachlich:
In der 1. Strophe wird ein südländischer Frühling dargestellt. Myrte und Lorbeer sind ein Paar aus der literarischen Tradition: der Lorbeer ist Symbol der Dichter und des Kriegers, während die Myrte für die Sinnlichkeit und Leidenschaft der Liebe steht. Wir finden diese Pflanzen auch im Virgil. In dieser Strophe stellen Zitronen und Orangen eine paradiesische südländische Landschaft dar. Himmel und Wind sind mit Myrten und Lorbeer verbunden und zusammen bilden sie einen Chiasmus.
Die 2. Strophe stellt die Kunst in diesem Land dar. Vielleicht bezieht sich Goethe auf die Villa Rotonda von Palladio. Es gibt einen Gegensatz zwischen den perfekten und glücklichen klassischen Kunstwerken und den unglücklichen Menschen.
Die 3. Strophe ist außerhalb des Kontextes der ersten beiden, es gibt keine Kontinuität, das Gefühl wird unterbrochen. Es gibt eine Beschreibung von etwas Atypischem für eine südliche Landschaft. Es kann der Weg von Deutschland nach Italien über die Alpen sein, über den Brenner-Pass. […]
Johann Wolfgang Goethe hat eine Art der Italienwahrnehmung begründet, die das Interesse der Deutschen an diesem Land lange und auch heute entscheidend beeinflusst. Das Gedicht wurde nämlich von vielen deutschen Komponisten vertont, wie zum Beispiel Beethoven und Schubert.

Der Roman wurde in der Romantik typologisch auf die Geschichte der Poesie bezogen, und Wolfgang Werner liest das Gedicht im Geist des Impurismus als ein Verschlüsselung sexueller Wünsche und Handlungen (www.impurismus.de/zb-goethe.pdf). Ich ziehe es vor, das Lied als Ausdruck von Mignons und indirekt von Goethes Sehnsucht nach Italien zu lesen: Sehnsucht nach dem Paradies. – Zur Italiensuehnsucht vgl. noch

http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Italiensehnsucht.html

http://www.mein-italien.info/wissenswertes/italiensehnsucht.htm

http://www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/personen/prof_uni/kohle/lehrveranst_kohle/archiv_material/ws0809/1einfuehrung_1.pdf (Kunsthistorische Aspekte)

Die Italiensehnsucht ist vergleichbar der Sehnsucht nach Arkadien: http://www.leuschner.business.t-online.de/sehn-sucht/arkadien/s04arkadien.htm bzw.

http://www.leuschner.business.t-online.de/sehn-sucht/arkadien/index.htm.

Rezitation:
http://www.youtube.com/watch?v=NXPRtwa1FoM (Gert Wameling)
http://www.youtube.com/watch?v=OP_zHVW08ns&feature=PlayList&p=CDC50477E169A93A&index=1 (Doris Wolters)
Vertonung:
Hugo Wolf: http://www.youtube.com/watch?v=NRq-Sy_T7iI
Schubert: http://www.youtube.com/watch?v=KUI99B2u-EQ
???: http://www.youtube.com/watch?v=lyxPYIthtnY
Kritische Verfremdung des Textes durch Kästner:
http://www.youtube.com/watch?v=i8Vhsl_S20M&feature=PlayList&p=AFACDD9F0FBD3D98&index=0 (Matthias Habich)

Das vierte Lied wird in dem Moment gesungen, als Wilhelm voller Sehnsucht der entschwundenen Gräfin und seiner Retterin gedenkt, die einander wie zwei Schwestern gleichen; da singen Mignon und der Harfner ein Lied, „wie einstimmend mit seinen Empfindungen“ (240/33 f.) – das lyrische Ich des Liedes ist also zunächst jeder von Sehnsucht Geplagte, indirekt dann Wilhelm (und die Sänger selbst, Mignons Sehnsucht nach Italien und Wilhelm ist schon zur Sprache gekommen):

„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
5  Seh‘ ich an’s Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt.
10 Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!“ (S. 240 f.)

In Wilhelm wird die Sehnsucht durch dieses Lied noch gesteigert; er bleibt ratlos und macht sich „in der wunderbaren Gesellschaft Mignons und des Alten“ (242/27 f.) nach Serlo auf, um der Untätigkeit zu entfliehen.
Das Gedicht gibt sich als Äußerung eines an Sehnsucht leidenden Ichs (V. 1 f.). Das Ich spricht von seiner Einsamkeitt (V. 3-6), vom inneren Unwohlsein (V. 9 f.); es beklagt die Trennung vom Geliebten (V. 7 f.), der hier als Mann vorgestellt wird („der“, V. 7), sodass wir eigentlich eine Frau als sprechendes Ich zu denken hätten. Und der allgemeine Ausdruck der Sehnsuchsschmerzen rahmt den Rest:
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!“ (V. 1 f., 11 f.)
Der Ausdruck der Sehnsucht und des Leidens ist höchst unbestimmt: das Leiden selbst (V. 1 f.), alle Freude (V. 4), jene Seite (V. 6), in der Weite (V. 8) – nur Schwindel und innere Schmerzen sind benannt. Der gleiche Kreuzreim hält sich mehr oder weniger sauber das ganze Gedicht hin durch. Der Takt ist ein Jambus, wechselnd drei und zwei Hebungen, jeder zweite Vers aber mit einer weiblichen Kadenz, also einem nur begonnenen dritten Takt. Außer in V. 4 endet in jedem zweiten Vers auch ein Satz, wodurch zusätzlich die Pause dort verlängert wird. Häufig ist gegen den Takt die erste Silbe betont, was die innere Unruhe auch im Sprechen bezeugt: Nur, Weiß, Seh, Ach, (Ist,) Nur, Weiß. Von Mignon gesunden, sind die Verse für Wilhelm „Lockungen des lieben Schutzgeistes“ (241/11), das eben auch als „Mignons Lied“ bekannt ist.
Bei youtube sind Aufnahmen verschiedener Vertonungen zu hören, wobei ich nicht beanspruche, die besten Aufnahmen herausgegriffen zu haben – z. B.
http://www.youtube.com/watch?v=wR8FQ3fYLTQ (Barbara Bonney: Schubert)
http://www.youtube.com/watch?v=kL8uLg3i43I&feature=related (Matías Ojeda: Taschaikowsky)
http://www.youtube.com/watch?v=qawxYNfhiUk (Christa Ludwig: Hugo Wolf)

Kleines P.S.
Im Wilhelm Meister gibt es noch mehr Gedichte – die besprochenen vier sind diejenigen, die nach meiner Einschätzung in den Kanon von Goethes Gedichten gehören.

One thought on “Goethe: Gedichte aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ – Analyse im Kontext

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