Goethe: Gefunden – Analyse

Fragen zum Verständnis des Gedichts „Gefunden“:

Hast du gesehen,
– dass das lyrische Ich aus der Situation „nun“ (V. 19) zurückblickt?
– dass es erzählt, was es getan hat?
– dass es die Begegnung mit dem Blümchen unter dem Stichwort „Gefunden“ zusammenfasst?
– dass es ganz ruhig spricht? Und dass dazu die kurzen Verse und die häufig weiblichen  Kadenzen beitragen?
– dass die wenigen Reime (Paarreim jedes zweiten Verses) mit zur Ruhe beitragen,
– ebenso die kurzen Sätze (fast nur Hauptsätze, gereiht, durch „und“
– sowie die Adverbien „da“, V. 10, und „nun“, V. 20, verbunden)?
– dass „Wald / Schatten / Garten / stiller Ort“ Orte der Ruhe sind?
– dass die Diminutive „Blümchen, Würzlein, hübsches Haus“ und „fein sprechen“ der Ruhe korrespondieren und eigentlich begründen, wieso man das Blümchen nicht „brechen“ (Kontrast?) darf?
– dass die Metapher „(eine Blume) brechen“ zumindest seit Goethes „Heidenröslein“ (1771) oft für die geschlechtliche Vereinigung steht
– und hier vom Blümchen zurückgewiesen wird (mit dem fragenden Hinweis auf das Welken)?
– dass die Aneignung des Gefundenen durch Ausgraben (mit allen Wurzeln) und Verpflanzen erfolgt?
– dass dem Nicht-Brechen das immer Blühen und Zweigen folgt?
– dass durch sein Sprechen und den Vergleich „wie Äuglein schön“ das Blümchen beinahe überdeutlich als Frau peronifiziert wird?
– dass dem Finden das „nichts Suchen“ korrespondiert (V. 3 f.), dass bei „Gefunden“ das Objekt nicht genannt ist?
– dass die Reime eigentlich immer passende Verse im Klang aneinander binden („stehn / schön“: das Blümchen; „fein / sein“: Widerstand gegen das Brechen; „aus / Haus“: stattdessen verpflanzt; „stiller Ort / blüht fort“: Dauer des Blühens, Erfolg)?
– dass zum Schluss eine unbestimmt lange Dauer des Blühens (Präsens, also beschreibend) angedeutet wird: „so fort“ (V. 20)?
Dass Goethe das Gedicht an Christiane geschickt hat, als sie sich 25 Jahre kannten, spricht für sich.

Aufbau des Gedichts
Von den fünf Strophen ist die dritte das Zentrum, um das herum je zwei Strophen mit gleichem Aufbau gelegt sind: Dreimal wird eine „Aktion“ (oder eben Nichtaktion, V. 3 f.) des Ich erzählt, dann folgt ein Verspaar über das Blümchen. In der dritten Strophe erzählt das Ich, wie es das Blümchen brechen wollte und wie dieses mit einer Frage antwortet: „Soll ich zum Welken / gebrochen sein?“ Mit dieser Frage stellt das Blümchen seine eigene Perspektive neben die des Wanderers, ja, gegen sie: das leuchtende Blümchen jetzt haben wollen // gebrochen sein zum Welken. Dass das Blümchen sprechen kann, verwundert nur den, der den Äuglein-Vergleich (V. 8) nicht auf das im Blümchen gemeinte Mädchen beziehen kann; oder den, der nicht weiß, dass auch das Röslein auf der Heiden mit dem wilden Knaben sprach. Durch die Frage des Blümchens umgestimmt, setzt der Wanderer sein Handeln fort, diesmal jedoch zielgerichtet (vs. V. 3 f.), in der Art des Gärtners. Der Erfolg belohnt ihn, wie er in einem andauernden „Nun“ (V. 19 f.) erzählt: Es zweigt immer, es blüht fort. Die dauernde Schönheit ist Lohn dafür, dass der Wanderer darauf verzichtet hat, sein kurzfristiges Wollen (V. 9) gegen das Blümchen durchzusetzen, das daran verwelkt, also gestorben wäre.
Der Erzähler ist der, dem der Bereich Garten „nun“ oder im Augenblick des Erzählens, aber dauerhaft zugeordnet ist; er erzählt jedoch von einem Ereignis, das diesem Zustand voraus liegt und sich im Bereich „Wald“ abgespielt hat. Während der Garten der Ort des Pflegens, also der Kultur ist, ist der Wald Natur, das von selbst Wachsende, in dem jeder sich nimmt, was er braucht. Da der Wanderer aber schon als einer, der einen Garten zu haben scheint, in den Wald hineingeht (und nicht wie ein Waldmensch auf der Jagd, zumindest auf der Suche nach Genießbarem ist, vgl. V. 3 f.), kann das Blümchen in seiner Schönheit ihn ansprechen; er hingegen kann der Schönheit innewerden, sie in Vergleichen, also nicht ohne Distanz erfassen. Das Haus als hübscher Ort (V. 16) ist ohnehin der schönen Blume angemessen; und das Adverb „wieder“ (V. 17) verbindet Wald und Garten als stille Orte, die damit einer Pflanze Heimat sein können.
Wenn man „Im Vorübergehn“ als die von Goethe überarbeitete Vorlage ansieht, stellt man fest, dass der zweite Teil des Gedichtes (V. 13-20) aus der lang und breit erklärenden Rede des Blümchens herausgesponnen ist: Jetzt wird als Handlung und Ereignis erzählt, was zunächst das Blümchen in seine große Begründung gepackt hat, dass es nicht gebrochen werden dürfe, sondern verpflanzt werden müsse (V. 11 ff.). Von dieser langen Rede ist nur die kurze Frage übrig gelieben. Auch ist die alle Metaphern sprengende Deutlichkeit („liebeln, schranzen“) getilgt und die Metaphorik des Umpflanzens ausgebaut worden.
In den beiden ersten Strophen sind zwei kleine Änderungen zu erwähnen: Aus dem Feld ist der Wald geworden, in dem man auch Schatten und damit Zurückgezogenheit finden kann – das Blümchen blüht anders als das offen prangende Heideröslein. Im Schatten stehen, das ersetzt das unvermittelte „sogleich, so nah“ Sehen der älteren Fassung; dafür ist dann Platz gewonnen, um die Schönheit der Blume vergleichend zu beschreiben (V. 7 f.).
Ob man Pfeffels Gedicht „Nelke“ als Anregung für Goethe verstehen muss, ist fragwürdig – die Tendenz geht bei gleichem Motiv dort dahin, dass man Blumen beizeiten brechen muss. Vielleicht antwortet Pfeffel auf Goethes „Heidenröslein“ von 1771, wo der wilde (!) Knabe das Röslein gegen dessen Widerstand brach? 1/03
Inge Wild ordnet das Gedicht in die „Christiane-Lyrik“ ein (Metzler Goethe Lexikon, 1999, S. 79 f.): „Morgenklagen“, „Der Besuch“ (1788); „Frech und froh“; „Römische Elegien“; „Venezianische Epigramme“ (hier die Schwangerschaftsgedichte!); „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1813, ebenso „Die Lustigen von Weimar“); VII. Gedicht der „Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten“.

Rhythmus des Gedichtes
Gedichte muss man nicht lesen, sondern hören, also selber laut sprechen, wenn einem kein Vorleser zur Verfügung steht. Im Sprechen zeigt sich ein bestimmtes Verständnis, ja erprobt man ein bestimmtes Verständnis des Gedichts: Wie hört es sich an? Ist das die Lösung?
Seinen Rhythmus hat jedes Gedicht für sich allein, auch wenn es das Metrum mit vielen anderen teilt; denn unter dem Rhythmus verstehen wir jene eigenartige Mischung von tatächlich (semantisch) betonten Wörtern, von Tempo und Pausen, die das Klanggebilde Gedicht ausmachen.
Fangen wir mit dem Wichtigsten an, mit den Pausen. Die Einheit des Gedichtes ist der Vers; im Idealfall fallen semantische Einheit („Satz“) und Vers zusammen; der Satz kann aber auch kürzer oder länger als der Vers sein – den letzteren Fall nennen wir Enjambement. Zwei weitere Größen sind für die Pausen zu beachten, der Reim und die Kadenz. Durch den Reim, also den Gleichklang eines zweiten Verses (Versendes) gegenüber einem ersten, wird der Sprecher kurz zum Innehalten genötigt; das heißt, dass ein Gedicht im Paarreim tendenziell ruhiger gesprochen wird als eines im Kreuzreim oder als eines, wo jeweils nur der zweite und vierte Vers einen Reim bilden; ich zeige das an unserem Beispiel, an dem ich auch die Bedeutung der weiblichen Kadenz im jambischen Takt (oder der männlichen Kadenz bei Versen im Trochäus) aufzeige:

„Ich ging / im Wal / de
So für / mich hin, /
Und nichts / zu su / chen,
Das war / mein Sinn./“
Der erste Satz endet mit Vers 2, wird also eigentlich zügig durchgesprochen; aber die weibliche Kadenz im 1. Vers bremst den Sprechfluss; denn es wird scheinbar ein neuer Takt eingeläutet, der dritte in diesem Vers, der jedoch nicht gefüllt wird (wo also die Erwartung der nächsten betonten Silbe enttäuscht wird), sodass hinter „-de“ eine kleine Pause eintritt. Im ersten Vers wird „Wal-“ betont, im zweiten relativ am stärksten „hin“; im dritten ist „nichts“ die semantische Pointe, im vierten außerhalb des Metrums das zusammenfassende Demonstrativum „das“ (wobei auch „Sinn“ betont wird, auch als Reimwort zu „hin“). „su-“ von „suchen“ ist ebenfalls betont, aber weniger stark als „nichts“.

„Im Scha / ten sah / ich
ein Blüm / chen stehn, /
Wie Ster / ne leuch / tend,
Wie Äug / lein schön./“
In dieser Strophe ist der Satzbau anders als in der ersten: Die beiden ersten Verse bestehen aus einem Satz; dabei wird jedoch „Schat-“ betont, als der dem Wald korrespondierende Lichtbereich, auch als Bedingung des Leuchtens (V. 8). Im Vers 5 trägt „Blüm-“ den Akzent, es ist das neue Thema. Im Vers 7 streiten sich „Ster-“ und „leuch-“ um den Hauptakzent, vielleicht sind sie gleichwertig: Sterne sind der Vergleichspunkt, „leuchtend“ ist die Blümchen-Qualität. In Vers 8 kann man „Äug-“ stärker als „schön“ betonen, weil dieser Vergleich erstens überraschend kommt und weil zweitens „schön“ nicht nur trivial ist, sondern auch weil am Satzende die Stimme gesenkt wird. Hinter beiden Versen wird eine Pause gemacht: hinter Vers 7 nicht nur wegen der Kadenz, sondern auch deshalb, weil der Vergleich abgeschlossen ist; hinter Vers 8 nicht nur wegen des Reimes, sondern auch deshalb, weil der Satz zu Ende ist.
Es ist eine bloße Formsache, diese Untersuchung zu Ende zu führen; neben den rein formalen Aspekten sieht man thematische Gesichtspunkte (Wald – Schatten; nichts; Blümchen), welche teilweise die Strophen übergreifen (nichts suchen – sah ich) oder paradigmatisch [-> syntagmatisch / paradigmatisch] überraschen (Äuglein). Man kann auf jeden Fall nicht einfach ein Gedicht im ersten Lesen erfassen („Wer möchte vorlesen?“), sondern muss im Verstehen durch Probieren den Sinn, also die sinnvolle Klanggestalt finden.
Vielleicht sollte man in einem die Semantik der Reime untersuchen; denn semantisch starke Reime binden Verse stärker als bloße Klanggleichheit aneinander. So muss man schon ein bisschen nachdenken, um die Beziehung des „für mich hin“-Gehens und des nichts „im Sinn“-Habens zu entdecken; fürs Nachdenken braucht man jedoch Zeit, die der Sprecher dem Hörer gewähren muss.  2/06

Nachtrag Juni 2009:
Datei Uni Würzburg
Rezitation:
http://www.rezitator.de/gdt/472/ (Lutz Görner)
http://www.rezitator.de/gdt/837/ (spätere Fassung: Görner)
http://www.deutschelyrik.de/clubs/Lyrik/prod/Gefunden%20(Goethe)jaa.mp3 (Stavenhagen)
http://www.youtube.com/watch?v=MKRfykVyhis (???)
http://www.youtube.com/watch?v=Y5hoD5OP3x0&feature=related (mit „Film“, mäßig)

Nachtrag: Vorläufer des Gedichts „Gefunden“:

Im Vorübergehn             

Ich ging im Felde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn.

 

5  Da stand ein Blümchen

Sogleich so nah,

Daß ich im Leben

Nichts lieber sah.

 

Ich wollt’ es brechen,

10 Da sagt‘ es schleunig:

„Ich habe Wurzeln,

Die sind gar heimlich.

 

Im tiefen Boden

Bin ich gegründet;

15 Drum sind die Blüten

So schön geründet.

 

Ich kann nicht liebeln,

Ich kann nicht schranzen;

Mußt mich nicht brechen,

20 Mußt mich verpflanzen.“

 

Ich ging im Walde

So vor mich hin;

Ich war so heiter,

Wollt immer weiter –

25 Das war mein Sinn.

(e ?, D 1827)

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