Goethe: Gingo biloba – Analyse

Zu Goethes West-östlichem Divan siehe die Einleitung von https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/goethe-talismane-analyse/!

„Im Gedicht wird das Blatt zum Doppelsymbol für den Dichter und den Liebenden, für Spaltung und Einheit; es repräsentiert den dialogischen Charakter des Buches Suleika, das Phantasma, in der Liebe und in der Kunst die ursprüngliche Einheit des Menschen wiederherzustellen, wie es in Platons Symposion im Kugelgleichnis seinen Ausdruck gefunden hatte. Das Gedicht vollzieht einen für die Alterslyrik Goethes charakteristischen Dreischritt: Wahrnehmung eines Naturphänomens – Frage, die zur symbolischen Deutung des Phänomens überleitet – Schluß, in der das Blatt zum Sinnbild des Liebenden, des Dichters und der Poesie wird.“ (Inge Wild: Artikel „Gingo biloba“, in Metzler Goethe Lexikon, 1999, S. 178/180)
Michael Böhler (Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 404 ff.) beschreibt den Aufbau des Gedichtes so, dass er die Leistung der Strophen (statt des Sprechers) beschreibt:
1. wundernd fragende Betrachtung des Blattes als Anlass und Situation des Sprechens;
2. Rätselfrage nach dem Paradox von Zweiheit und Einheit;
3. Rückbezug auf das Spiel von Frage und Antwort und die Auflösung – diese aber nur scheinbar, da die Antwort in einer vordergründig „rhetorischen“ Frage verschoben wird: Die Doppelnatur des Blattes wird in die Doppelnatur des Dichters überführt. Damit wird ein doppelter Verweis eingeführt: Blatt -> Lieder, Blatt -> Ich; diese beiden Ebenen sind nicht klar voneinander geschieden. (S. 407 f.)
Böhler weist auf die vielen Unklarheiten in der Tradition von Gingko-Blatt und -Gedicht hin. Er zitiert die „Maximen und Reflexionen“ (s.u.), in denen die biologische Ununterscheidbarkeit von Einheit/Zweiheit des Blattes grundsätzlich reflektiert wird (S. 409).
Er zitiert auch aus dem Brief Goethes an Rosine Städel, von Willemers Tochter und die Vertraute Mariannes, vom 27. September 1815, dem das Gedicht nebst einem Gingko-Blatt beigelegt war (S. 407). So stelle das Gedicht einmal die innige Verbundenheit mit Marianne dar, während das ganze Gewicht des letzten Wortes der Doppelung des Ichs bzw. der Trennung von Marianne gelte – gegenläufig zum am 24. September entstandenen Gedicht „Wiederfinden“. (S. 409 f.)

Wenn man das Gedicht ruhig liest, findet man einen Ich-Sprecher, der ein Blatt betrachtet und feststellt: Dieses aus dem Osten stammende Blatt
„Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.“ (V. 3 f.)
Diese beiden Verse kann man sich durch ein explizierendes „nämlich“ verbunden denken, aber auch durch ein additives „ferner“; dann wäre das Kosten den Unwissenden als Ahnung vorbehalten, während die Wissenden den Sinn ganz zu ihrer Erbauung aufnähmen.
In der 2. Strophe stellt das Ich die Frage nach Einheit oder Zweiheit des Blattes: Ist es ein in sich getrenntes Wesen, oder sind es zwei, die sich (wie Liebende) erwählt haben, um eine Einheit zu sein? – An wen richtet sich die Frage? Bzw. für wen wird die Frage formuliert? In der 3. Strophe wird als Lösung angeboten, dass die Frage der 2. Strophe dem Ich dazu dient, sein Wissen darzubieten:
„Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;“ (V. 9 f.)
Das Ich beansprucht, den geheimen Sinn des Blattes bzw. seiner eigenartigen Struktur gefunden zu haben:
„Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin?“ (V. 11 f.)
Wenn man das Gedicht zum dritten und vierten Mal liest, findet man in der zweiten Strophe den Hauch einer Anspielung auf die Liebeswahl (V. 7 f.) der beiden. Aber der Sinn des Blattes wird erst in der 3. Strophe erschlossen und dem angesprochenen „du“ (V. 11) als gefühltes Wissen in einer rhetorischen Frage unterstellt: Ich bin zugleich „eins und doppelt“ (V. 12) – womit wiederum die Fragen auftauchen,
1. ob man im „Du“ zwingend Marianne von Willemer erkennen muss,
2. wer das Ich ist, das eins und doppelt ist (der Ich-Sprecher, als Stimme Goethes, oder potenziell jeder), und
3. was das heißt, dass das Ich „eins und doppelt“ ist:
a) dass die Lieder unsere (Mariannes und Johanns) Lieder sind (so Korff),
b) dass Ich (Goethe) ich selbst und zugleich der Part eines Liebeszweiheit bin (Bekenntnis andauernder Liebe, so Korff), also hier und bei dir bin,
c) dass ich (wer?, siehe oben) auch als Ich gespalten bin, also auf dich verzichtet habe (so Böhler)?
Diese Lesart Böhlers finde ich durch den Text nicht gedeckt; mir leuchtet eher die Lesart 3.b) ein. Gegen 3.c), bezogen auf Goethe, spricht auch ein von Böhler zitierter Teil des Briefs vom 27. September 1815 an Rosine Städel (und wohl indirekt an Marianne): Als Resultat eines Gesprächs mit Creuzer führt Goethe auf, „es sey am besten gethan etwas faßliches und begreifliches, gefälliges und angenehmes, ja verständiges und liebenswürdiges vorauszusetzen, weil man so viel sichrer sey alsdann den rechten Sinn herauszufinden, oder hineinzulegen“. Diese Wendungen sprechen nicht für die Andeutung einer Trennung von Marianne.
Die Verse sind in einem vierhebigen Trochäus abgefasst, mit Paarreim und abwechselnd weiblich-männlicher Kadenz, was einen Einschnitt nach dem zweiten Vers jeder Strophe bedeutet; dem entspricht der Satzbau, der immer zwei Verse umspannt, in der 1. Strophe sogar vier. Der Rhythmus dient dem lehrhaften Vortrag des Ichs; allenfalls „du“ und „ich“ in der letzten Strophe bekommen einen kleinen Akzent, ansonsten fließt der Text ruhig dahin.

Angesichts der unendlichen Gelehrsamkeit der Goethe-Philologie muss man sich als einfacher Leser beinahe schämen, seinen Mund aufzumachen. Mit dieser Einschränkung sage ich abschließend Folgendes:
1. Es kommt darauf an, ob man „ich/du“ in diesem Gedicht allgemein oder persönlich versteht, also auf Johann/Marianne bezieht.
2. Das Blatt des Gingkobaumes ist dem Sprecher ein Symbol für etwas Allgemeines.
3. Das Ich ist nach seiner Aussage in seinen Liedern greifbar; je nach dem Verständnis des „Ich“ wird man die Lieder in den Gedichten des Buches Suleika bzw. im West-östlichen Divan (oder dem Marianne bekannten Teil) finden.
4. Darin muss sich das Ich wie ein Gingkoblatt „eins und doppelt“ finden, das sei zu fühlen.
5. Nach dem Verständnis der Lieder (siehe 3.) wird man man „doppelt“ als an Suleika gebunden, mit ihr verbunden, nur in Suleika lebend verstehen.
6. Reiner Winter etwa liest das Gedicht bezogen auf jedes Ich und findet in der Zweieinheit die Dialektik von Körper und Geist entfaltet, die er im Sinn der Hegelschen Dialektik versteht: http://www.reiner-winter.de/dialektik/ginkgo-biloba/.

Goethe: Maximen und Reflexionen
888. Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren und zu verschmelzen, zu erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn. Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freud’ und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Maße; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt. (http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/maximen/1-14.htmandere Ausgaben haben eine andere Nummerierung! Der Aphorismus steht übrigens auch in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“.)

Das Buch Suleika:
http://www.lrz-muenchen.de/~komparatistik_donat/psmetrik/suleika.html
http://www.noufe.com/deutsch/magisterar/Divan.pdf (Liebespaare)
http://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_von_Willemer (Abreise der Willemers von Heidelberg irrtümlich auf den 27. statt 26. September 1815 datiert!)

Zum biografischen Hintergrund von Goethes Liebesgedicht ist lesenswert Dieter Wellershoff: Der verstörte Eros, 2001 (als Taschenbuch 2004), 2. Kapitel.

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