Goethe: Harzreise im Winter – Analyse

Die Deutung dieses Gedichtes ist seit 20 Jahren umstritten und kann auch ruhig umstritten bleiben; hier werden nur ein paar analytische Bemerkungen vorgetragen, die einen ersten Zugang zum Gedicht eröffnen sollen. Es scheint besonders wichtig, sich der Sprechakte des wandernden lyrischen Ichs bewusst zu werden.

Eindrücke und Gedanken auf einer Reise zum Harz, das bietet das Gedicht. Es  beginnt damit, dass ein ungenanntes lyrisches Ich einen Wunsch äußert („schwebe“, Konjunktiv): Das eigene Lied möge schweben, dem „Geier“ und seinem ruhigen Flug gleich, den es anscheinend gerade erblickt. Es folgen Gedanken über die vom „Gott“ oder Schicksal vorgezeichneten Wege des Glücklichen und Unglücklichen (V. 6-18); diese Gedanken sind kausal mit „denn“ angeschlossen. Soll hier wirklich eine kausale Beziehung hergestellt werden, dann muss der Schwebe-Wunsch darin begründet sein, dass der Sprecher zu den Glücklichen zählt; vielleicht reiht das „denn“ aber auch einfach einen neuen Gedanken an.
Es folgt ein Blick des reisenden Ichs in die Winter-Landschaft (V. 19 ff.), wo nur das rauhe Wild zu sehen oder zu ahnen ist; daran schließt sich eine abfällige Bemerkung über „die Reichen“ an, von denen das Ich sich distanziert. Daran schließen sich zwei Strophen an, in denen das Thema vom Glücklichen und Unglücklichen wieder aufgegriffen wird; man sollte von der Beobachtung des unbekannten Einzelnen ausgehen, der abseits geht, dessen Pfad sich verliert, den die Öde verschlingt (V. 29 ff.); gegen dessen Geschick stellt das reflektierende Ich abschätzig den Weg, welchen der Wagen der Fortuna, also des Glücks einschlägt. Durch den Vergleich mit dem gemächlichen Tross des Fürsten wird der Weg der Glücklichen im Hinblick auf den Weg des Einsamen etwas abgewertet. Man wird in V. 24 ein „zu“ ergänzen, um den Satz zu verstehen: „Leicht ist‘s, [zu] folgen dem Wagen“ – aber der arme Unbekannte hat es schwer.
Das gleiche Mitleid mit diesem Unbekannten spricht aus der nächsten Frage, in der sich das Ich nach einem Helfer für den Unglücklichen umschaut: „Ach, wer heilet die Schmerzen“ (V. 35) dessen, der an Liebeskummer leidet? So wird das Geschick des Unbekannten vorgeführt, der dem Anschein nach nicht völlig unbekannt ist und dessen Leiden reflektierend kritisiert wird; er habe sich „in ungnügender Selbstsucht“ verschlossen (V. 42) und zerstöre so sein Leben. Dann wendet das Ich sich an den „Vater der Liebe“ (V. 44) als den einzigen, der helfen kann – bedingungsweise: dass dem Einsamen „ein Ton“ vom „Psalter der Liebe“ vernehmlich ist (V. 43 ff.). Was die kühne Metapher vom Psalter der Liebe besagt, ist ziemlich unklar; „Psalter“ verweist auf den (göttlichen) Vater der Liebe (ebenfalls unklar) und stellt dann wohl eine Sammlung von Liebesliedern dar. Die Bitten lauten: Erquicke sein Herz! Öffne den getrübten Blick! In einer kleinen Reflexion der Enttäuschungserfahrung wird deutlich, dass der Enttäuschte eben das nicht sieht, was vor Augen ist: die tausend Quellen, weil ihm die eine ersehnte verschlossen ist, was seinen Blick eben trübt.
Der geistige Blick des Wanderes oder Reisenden wendet sich nun den Brüdern der Jagd zu (Strophe VIII, V. 51 ff.), denen er wohl zugehört, wenn er auch nicht mit ihnen jagt, also Distanz wahrt – eine Bedingung dafür, dass er überhaupt sein eigenes Lied (V. 5) singen kann, statt Jagdlieder mitzusingen. „du“, also der Vater der Liebe möge jene Brüder segnen, ihnen also Jagdglück bescheren. So ist er selbst der Einsame, von dem er anschließend spricht: Er richtet eine dritte Bitte an ein Du, diesmal an die Liebe selbst, dass sie den momentan Einsamen in „Goldwolken“ hülle – „bis die Rose wieder heranreift“ (V. 63), bis also nach der Harzreise der Frühling kommt, die Liebesgemeinschaft für ihn wieder hergestellt wird. „Wintergrün“ bildet wohl einen Dichterkranz, Sublimation der ersehnten Liebeserfüllung. [Die feuchten Haare, für Schüler ein Problem: Wer im Winter durch den verschneiten Harz reiste, dessen Haar wurde nass. Es gab damals keine vom Alpenverein oder der Harzgesellschaft errichteten Schutzhütten!]
Nun bleibt das Ich der personifizierten Liebe zugewandt und beschreibt ihr segensreichen Wirken: Du leuchtest ihm auf seinem Weg, du lachst ihm ins Herz, du trägst ihn empor. „empor“ ist das Stichwort, das den Wanderer zum Brocken schauen lässt (V. 71 ff.). Dieser Anblick zeigt ihm die Göttlichkeit des mächtigen Berggipfels, der zum Altar des Danks wird (V. 77) und von dem Winterströme in die „Psalmen“, also die religösen Gesänge des Dichters (also des Wanderers, der sein Lied vorträgt, V. 5 und V. 65) strömen. In den letzten beiden Versen spielt der Sprecher auf Harzsagen oder -mythen an.
In der letzten Strophe wendet sich der Dichter-Wanderer an den Gipfel selbst und beschreibt voller Ehrfurcht dessen gottgleichen Stand in der Welt, „über der erstaunten Welt“ (V. 84), die er doch durch seine Bäche-Brüder segnend, belebend wässert und der er somit selber zugehört. Dank und Preis bestimmen diese Beschreibung der Wohltaten des mächtigen Gipfels.
Blickt man auf das Gedicht als ganzes, so sieht man ein Subjekt, das auf der Harzreise im Winter vor sich hin spricht oder denkt und das deshalb „lyrisches Ich“ heißt; es erblickt einen Raubvogel, denkt über sein Sprechen („mein Lied“) und über die Geschicke der Menschen nach, schaut aufs Dickicht und auf einen verirrten Wanderer, gedenkt seiner inwzischen offenbar abwesenden Jagdgefährten und spricht schließlich die weltlich-überweltlichen Größen an: den Vater der Liebe, die Liebe selbst, den großen Gipfel; ist es zunächst noch auf die Mitmenschen bedacht, so zieht es sich (ab Strophe IX) schließlich auf sich selbst zurück, um zum Schluss staunend vor dem großen Berg zu verweilen. Es spricht so, wie es sich gerade ergibt – die Strophen sind unterschiedlich lang, ein festes Metrum gibt es nicht; oft stehen sinntragende Wörter am Anfang des Verses, oft auch nicht: Frei ist das Ich im Sprechen wie im Denken.

Was man an diesem Gedicht methodisch lernen kann: Es genügt nicht, die „Inhalte“ gar „des Textes“ wiederzugeben; vielmehr muss man verstehen, mit wem der Ich-Sprecher jeweils spricht und was er dabei sprachlich tut (Sprechakt); auch genügt es nicht, zwei Themen oder zwei Motive (glücklich-unglücklich) zu sehen – am Sprecher als der letzten Bezugsgröße führt kein Weg vorbei.
Damit ist natürlich nicht ausgemacht, was das Gedicht für Goethe bedeutet hat oder welche Stellung es in der deutschen Klassik einnimmt.

Nachtrag: Lektüre des Gedichts unter Anleitung von Albrecht Schöne: Harzreise im Winter. In: Götterzeichen Liebeszauber Satanskult. Neue Einblicke in alte Goethetexte, 1982, S. 13 ff.
Goethe hat seine Harzreise am 29. November 1777 angetreten; er reiste anonym, unter dem Namen „Weber“, um unter anderem den Zustand der Bergwerke im Harz zu überprüfen. Am 3. Dezember besuchte er Plessing; das Wetter war scheußlich. Vom 5. bis 8. Dezember besichtigte er mehrere Bergwerke; am 10. Dezember bestieg er den Brocken, was im Winter eine Ungeheuerlichkeit darstellte. Auf der Rücksreise kontrollierte er erneut eine Grube und traf am 16. Dezember wieder in Weimar ein. Er hatte mit der Postkutsche etwa 115 km, zu Pferd und auch zu Fuß rund 500 kam zurückgelegt. – Der Herzog Carl August war am 27. November zur Wildschweinjagd aufgebrochen; Goethe traf erst am 15. Dezember mit der Jagdgesellschaft zusammen.
Schöne legt einigermaßen plausibel dar, dass die Harzreise für Goethe sozusagen Zeichencharakter hatte; Goethe war in Weimar als Verwaltungsbeamter angestellt und 1776 etwa in den Rang eines Ministers aufgerückt; Mitte November 1777 war er in die Bergwerkskommission berufen worden. Er stand vor dem Problem, ob und wie er seine gespürte (und durchaus erfolgreiche) Dichterexistenz mit den juristisch-politischen Aufgaben verbinden könnte, und suchte ein „Götterzeichen“, als welches ihm die Harzbesteigung im Winter gelten sollte. – Um Schönes Lesart zu verstehen, muss man manchmal auf die erste greifbare Fassung des 1777 entstandenen Textes zurückgehen; der erste Druck erfolgte 1789, und zwar in einer bereits gemilderten Fassung, in welcher die Spuren von Goethes Leben verwischt waren.
„Geier“ ist nach dem Sprachgebrauch des 18. Jh. allgemein der große Raubvogel, hier wohl ein Falke oder Bussard; interessant ist jedoch, das „der Geier“ (vultur) für die Römer ein Vogel war, der den Götterwillen verkörperte und auslegte. Diesen Vogel beobachtend wird das Ich zu einer Person, die ein Orakel will. Wenn das Lied ihm oder seinem Flug gleicht, soll das heißen, „daß es gleich ihm auf Beute warte“ (S. 32) und so sich als Zeichen suchend identifiziert. Damit erhält das schwer verständliche „denn“ (V. 6) einen Sinn: Die Götter bestimmen letztlich den Lebensweg. – Schönes Lesart liest also aus den Worten des lyrischen Ichs die Intentionen Goethes im Jahr 1777 heraus.
Den, der sich abseits in die Büsche schlägt (V. 29 ff.), kennt das Ich nicht; aber für Goethe (das Goethe-Ich) wird dieser zum Statthalter Plessings, der völlig verstört war un den Goethe besucht hatte (s.o.). In V. 46 stand ursprünglich „dies Herz“ statt „sein Herz“; Schöne will darin auch eine Anspielung auf Goethe selbst finden, was mir aber gekünstelt erscheint. Interessant ist der Hinweis auf die beschwerliche Reise durch Matsch und Schnee, wo ein Bote Goethe mit einer Fackel am 30. November vorangehen musste, damit er nicht vollends versumpfte. Dieser Bote sei zum Sinnbild oder Platzhalter der Liebe geworden, die dem Ich den Weg erleuchtet (V. 66 ff.); das ist einleuchtend, trägt aber zum Verständnis nicht viel bei.
Hilfreicher sind mehrere Hinweise auf die Besteigung des Brockens, wo Goethe einmal „unerforscht die Geweide“ (V. 82) durch „mit unerforschtem Busen“ ersetzt hat; die ältere Formulierung hält die Anspielung auf die Götterbefragung durch Erkundung der Eingeweide von Opfertiere fest. Die „Adern“ seien die Metalladern, denen Goethes Interesse gegolten hat (obwohl rein sachlich auch Wasseradern einleuchtend wären). Die Anspielung „Reiche und Herrlichkeit“ (Versuchung Jesu: Der Teufel zeigt diesem auf einem Berg alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, Mt 4,1-11) habe Goethe sie als eine „Weltzuwendungsformel“ verstanden, mit dem Unterton: „Dies alles will ich dir geben“, und darin seinen Regierungsauftrag bestätigt gefunden. Diese Lesart unterstützt Schöne mit einem Hinweis auf ein Psalmenzitat, das Goethe in sein Tagebuch am Tag der Brockenbesteigung notiert hat: „Was ist der Mensch, dass du sein gedenckst.“ (Ps. 8, wo im Kontext steht, dass Gott dem Menschen alles zu Füßen gelegt hat)
Dass Goethe mit der Formel „geheimnisvoll-offenbar“ (V. 83) erstmals seine Formulierung für die Paradoxie des Göttlichen gefunden hat, wusste ich nicht; aber aus der klassischen Theologie sind mir solche paradoxen Formeln bekannt – Rudolf Otto hat in seinem Buch „Das Heilige“ noch einmal darauf aufmerksam gemacht. Der letzte interessante Hinweise Schönes gilt dem Pronomen „du“ in V. 82; in diesem Du sieht Schöne neben der Ansprache an den Brocken eine Umschreibung für das Ich, wie es ja auch gebräuchlich ist – das Ich also sehe sich in dieser gottesnahen Situation. Das erscheint mir aber als eine überspannte Lesart, – ich wollte sie jedoch referieren.
Ergebnis: Schöne weist den Orakel suchenden Sinn der „Harzreise im Winter“ (zuerst „Auf dem Harz im Dezember 1777“) nach und zeigt Bezüge zu Goethes persönlicher Situation in jener Zeit auf; dazu muss er auf einige Varianten der ursprünglichen Fassung, soweit sie noch rekonstruierbar ist, zurückgreifen.

Nachtrag 2009:
http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/stein_goethe_harzreise.pdf
aus den google-books (S. 78 ff.)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s