Goethe: Im ernsten Beinhaus war’s – Analyse

Goethe hat das Gedicht „Im ernsten Beinhaus war’s“ am 25./26. September 1826 geschrieben – Schillers Schädel war gerade einen Tag in seinem Haus aufgebahrt. Das Gedicht bildete zunächst (ohne Überschrift) den Abschluss des Romans „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (1829); in „Goethe’s nachgelassene Gedichte“ wurde es 1833 unter dem Titel „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“ veröffentlicht – es ist unter diesem Titel bekannt, nicht jedoch unter dem Titel „Schillers Reliquien“, den es in der Jubiläumsausgabe erhielt.
Der Anlass des Gedichtes ist die Bergung von Schillers Knochen aus einem Gemeinschaftsgrab, in dem dieser im Mai 1805 begraben worden war; die Geschichte der Identifizierung von gerade Schillers Knochen durch den Bürgermeister Schwabe ist die Geschichte eines Reliquienfundes. „Schillers“ Schädel wurde dann am 17. September 1826 während einer Feierstunde, in der Goethe fehlte, in der Bibliothek in Weimar niedergelegt – auch bei der Bergung der Knochen war Goethe natürlich nicht (!) anwesend, die erzählte Situation des Gedichtes ist also Fiktion. Am 24. September 1826 kam der Schädel in Goethes Haus, und daraufhin schrieb Goethe spontan das Gedicht. Diese ganze Geschichte nebst Interpretation des Gedichtes findet man derzeit am besten in Albrecht Schöne: Schillers Schädel, 2002, dargestellt; davon kenne ich jedoch nur Rezensionen:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1171 (Rezension von Bardo Fassbender)
http://www.nzz.ch/2002/02/07/fe/article7Y6MX.html (ebenso, von Martin Meyer)
http://www.welt.de/print-welt/article381647/Das_Geisterzeugte_fest_bewahren.html (ebenso, Tilman Krause)
Aus der Familiengeschichte Schwabe zu Schillers Tod und Schädel:
http://world.pironet-ndh.com/home/kuvoss/0030schw.htm
Der Schädel ist gar nicht Schillers Schädel, haben DNA-Analysen 2008 ergeben: http://www.sueddeutsche.de/kultur/479/441220/text/ u. a.
Ursula Renner stellt das Gedicht in den Kontext von „Schädel-Meditationen“ (http://www.renner-henke.de/renner-henke_s171_bis_s200.pdf),  v. a. S. 186 ff.

Das Gedicht ist neben einem Gedicht in „Faust II“ (V. 4679 ff.) das einzige, was Goethe in Terzinen verfasst hat; er hatte sich im Herbst 1826 gerade mit der Göttlichen Komödie beschäftigt, die eben in Terzinen geschrieben ist. Terzine, „ital. Strophenform aus drei Endecasillabi, im Deutschen aus drei fünffüßigen Jamben mit meist weibl. Versschluß (vgl. Kadenz). Kennzeichnend für Terzinen ist der Kettenreim aba bcb cdc etc., wobei ein abschließender Vers sich mit dem mittleren Vers der letzten Terzine reimt: xyx yzy z.“ (Wb Uni Kiel, ausführlicher:)
http://www.lrz-muenchen.de/~komparatistik_donat/psmetrik/ritornell.html
http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/terzine.htm
http://www.literatur-im-foyer.de/Sites/Verslehre/terzine.htm
Dann ist noch vorab zu klären, dass Goethe sich zeitlebens für die Knochen und die Bedeutung von Schädelformen interessierte. Thematisch berührt das Gedicht die ganze Naturphilosophie Goethes; hier möchte ich nur zwei seiner „Maximen und Reflexionen“ (nach der Zählung bei http://www.wissen-im-netz) voranschicken:
879. Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt.
757. Höchst merkwürdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das Entgegengesetzte übrig bleibt: Gehäus’ und Gerüst, worin und womit sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen, die in Wort und Tat von ihm ausgingen.

Der Ich-Erzähler berichtet von einer Situation im Beinhaus (Adelung: „ein Haus auf den Kirchhöfen, in welchem die ausgegrabenen Gebeine verwahret werden“). Er betrachtet die gegenwärtigen Knochen und denkt an die Vergangenheit derer, deren Knochen er sieht – er erlebt das große Vergebens ihres Lebens:
„Und niemand kann die dürre Schale lieben,
Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.“ (V. 13 f.)
Mit dem Bild von Schale und Kern ist noch einmal das Ende der Toten berufen; es ist nur eine leere Schale übrig.
Doch da ereignete sich eine Offenbarung, berichtet der Sprecher, wechselnd zwischen Erzählung und Reflexion: Er entdeckte ein „Gebilde“ (V. 18), dessen geheimnisvolle Form ihn entzückte (V. 22). Da spielen ein Schädel und der Betrachter geheimnisvoll zusammen, wie Goethes es in der Reflexion Nr. 879 sagt: Er empfand Wärme in der Kälte des Hauses (V. 19 f.),
„Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.“ (V. 21)
Diese Überwindung des Todes (im irrealen Vergleich) wird nur ihm zuteil, weil er ein Adept des Welt- oder Naturbuches ist; ein Adept ist einer, welcher in den Geheimnissen seiner Kunst oder Wissenschaft erfahren ist. Und die Welt ist ein Buch, in dem man zu lesen lernen kann, wenn man hineinschaut (vgl. H. Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt, 1981; Kap. XV über Goethe und Schiller) – und das schauende Forschen war Goethes Ding, von dem nur das elegisch leidende Ich der Marienbader „Elegie“ sich verabschiedet hat (Elegie, V. 127 ff. und V. 31 ff.). „Form“ ist der Schädel geworden – etwas, was sonst mit der Kunst und so mit der Rettung des Vergänglichen verbunden ist („Dauer im Wechsel“, letzte Strophe): gottgedachte Spur (V. 23) von Schillers, des vermissten Freundes, Geist. Der Schädel spendet Orakelsprüche, eröffnet also dem Betrachter die Zukunft. Und das alles gelingt dem eingeweihten Betrachter in einem Blick (V. 24): Er hob den Schatz aus dem Moder des Dunkels im Beinhaus und aus der Vergänglichkeit heraus
„Und in die freie Luft zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.“ (V. 29 f.)
Hier ist die Sonne als altes Symbol der Lichterkenntnis, des göttlichen Lebens bedeutsam, sodann auch die entsprechende Haltung des Betrachters: andächtig. An Schillers Schädel geht ihm paradox das Beständige der Welt auf.
Ab V. 26 reflektiert der Erzähler nur noch, und so kommt er an das Ende der Terzinenkette, wo dann der Höhepunkt und das Fazit seiner Erfahrungen in einer großen Reflexion festgehalten wird:
„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugt fest bewahre.“ (V. 31 ff.)
Das neue Reimwort „offenbare“ wird nur noch einmal aufgenommen (in „bewahre“), so wird die prinzipiell endlose Reimkette abgeschnitten im Bekenntnis zur offenbaren Gott-Natur. In dieser wechseln das Feste und das Fließende, aber dem Geisterzeugten ist Bestand gewährt – eine Hoffnung gerade des alten Goethe, der dabei war, die Ausgabe letzter Hand seiner Werke vorzubereiten, aber zeitlebens nichts mit Krankheit, Tod und Verwesung zu tun haben wollte und nicht einmal beim Begräbnis seiner eigenen Frau zugegen war.
In der erhaben-feierlichen Sprechweise der Terzinen drückt Goethe die Summe seiner Überzeugungen aus, die unter dem Motto stehen: „Gedenke zu leben“ (Wilhelm Meisters Lehrjahre, so Norbert Oellers in seinem Kommentar im Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 491 ff.).
Es wäre reizvoll, die Semantik der Reime nachzuzeichnen. Auf eine Dreiheit will ich ausdrücklich hinweisen: ich mich erquickte / die Form mich entzückte / mich an jenes Meer entrückte (V. 20 / 22 / 24). Was das für ein Meer ist, weiß ich nicht genau: Es ist das Meer der vom Geist und der Imagination gebildeten Gestalten, das Meer der Kunst, das eben der Adept im Licht der „Sonne“ selbst in einem Totenschädel erblicken kann, wenn es Schillers Schädel ist.
Die Beobachtung von Enjambements bringt bei dieser eigenwilligen Strophenform nicht viel, finde ich (V. 11, 15, 18, 24, 27). Interessanter wäre es, die Gestaltung der Sätze zu verfolgen: wie anfangs immer drei Verse einen Satz oder eine Sinneinheit bilden (bis V. 9), wie dann mit dem Bruch V. 14/15 das Schema gesprengt wird (V. 10-14; V. 15-18), wiederkehrt (V. 19-21) und erneut gesprengt wird (V. 22-25; V. 26-30), um dann in dem großen Schluss als Höhepunkt (V. 31-34) zu enden.
Ich habe eine (nicht ganz perfekte) Rezitation des Textes gefunden: http://www.youtube.com/watch?v=Dg1266bDE6o

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s