Goethe: In tausend Formen – Analyse

Das Gedicht „In tausend Formen magst du dich verstecken“ ist das letzte im Buch Suleika, ein Preisgesang der Geliebten als Höhepunkt des Buches. Das Motiv, die geliebte Person in allem zu erkennen, ist bereits aus „Nähe des Geliebten“ (1796) bekannt. Dass die verehrte Frau in tausend Bildern erscheint, hat Novalis 1802 gedichtet, allerdings abstrakt – und auf Maria bezogen:
„Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,“
doch er unterscheidet davon das Bild in seiner Seele. Davon kann in Goethes Gedicht nicht die Rede sein – der Liebende ist in einem Liebestaumel sondergleichen: Allüberall erkennt er die Geliebte, in der Zypresse, im Wasserstrahl, in der Wolke …
Denn sie ist nicht nur die „Allerliebste“ (V. 2), sondern auch die Allgegenwärtige (V. 4), die Allschöngewachsene (V. 6), die Allschmeichelhafte (V. 8) usw., ist sogar die Allbelehrende (V.22),
„Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.“ (V. 23 f.)
Damit ist das Prinzip der Verehrung benannt: Sie bekommt die Namen Gottes, wie man bereits an der Vorsilbe All- ihrer Namen erkennt: eine Vorsilbe, die sonst Gott vorbehalten ist (allmächtig usw.). „Schon der sogenannte mohametanische Rosenkranz, wodurch der Name Allah mit neunundneunzig Eigenschaften verherrlicht wird, ist eine solche Lob- und Preislitanei.“ (Goethe: Noten und Abhandlungen, WA 2, S. 156/19-21) In der Geliebten erscheint das Göttliche, erfährt der Liebende das beseligende Göttliche.
Die sechs Strophen zu vier Versen sind aus Zweizeilern aufgebaut, wobei der zweite Vers im Prinzip aus einem Ehrennamen der Geliebten und dem leicht variierten Bekenntnis „gleich erkenn ich dich“ besteht. Das Gedicht lebt von der Wiederholung und gleicht entfernt dem persischen Ghasel (http://de.wikipedia.org/wiki/Ghasel); Hafis’ Buch „Diwan“, 1814 in der Übersetzung J. von Hammers erschienen, ein Geschenk des Verlegers Cotta an Goethe, ist der Anstoß zu Goethes „Divan“ gewesen. In der 5. Strophe ändert sich der jeweils zweite Vers: Begrüß ich dich / dann atm’ ich dich / kenn ich durch dich / (mit jedem Namen Allahs klingt) ein Name nach für dich. Hier ist die Einheit der Liebe vollendet – Korff spricht von „Panerotik“ statt von Pantheismus.
Die Verse sind in einem fünfhebigen Jambus abgefasst, der erste und dritte Vers jeder Strophe haben eine weitere unbetonte Silbe (weibliche Kadenz); dadurch wird der Fluss des Sprechens gebremst. Die erste Silbe jedes zweiten Verses ist außerhalb des Metrums betont (abgesehen von V. 24, evtl. von V. 16) und setzt so quasi die letzte Silbe des vorherigen Verses als Takt fort, was aber zu einer Stauung (und Betonung) im Prädikat der Geliebten am neuen Versanfang führt.

Mit den vier vorliegenden Beispielen ist der West-östliche Divan natürlich nicht erschöpfend dargestellt (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/goethe-talismane-analyse/). Goethe selber hat „Noten und Abhandlungen“ zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans geschrieben; die in verschiedenen Perioden des Schaffens (1814/16; Ende 1817; nach 1819) abgefassten, neu gruppierten, auch überarbeiteten Gedichte sind Gegenstand vieler Untersuchungen – aber hoffentlich auch der Freude und des Genusses. Sie sind als eine Flucht oder ein Aufbruch aus des Nöten der realen Welt in den Osten, verbunden mit einer Reise 1814 in das Land seiner Jugend (und einer zweiten Reise 1815, speziell zum Ehepaar von Willemer) entstanden – das Eröffnungsgedicht „Hegire“ (= Hedschra, Flucht) gibt davon Zeugnis. Und das schöne, Hatem in den Mund gelegte Gedicht „Locken, haltet mich gefangen“ bezeugt, dass die neue Leidenschaft dem alten Goethe jugendliche Kraft zum Dichten gegeben hat:
„Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel erste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem [nein: Goethe!]
Frühlingshauch und Sommerbrand.“ (V. 9 ff.)
Darauf antwortet Suleika: „Nimmer will ich dich verlieren!“ Das jedoch kann und sollte jeder selber nachlesen.

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