Goethe: Maifest (Mailied) – Analyse

Das Gedicht aus dem Jahr 1771 gilt als Höhepunkt der Sesenheimer Lyrik, die ihren „Ursprung“ in Goethes Begegnung mit Friederike Brion hatte. Es gibt keinen Anlass, kein Ereignis, das den Ich-Sprecher bewegte: Er hält sich in der Natur auf und bricht in einen Gesang aus; jubelnd bestaunt er, was sich ihm zeigt: das neu aufbrechende Leben in seinem Glanz, in seiner Fülle (Sonne und Flur, aus jedem Zweig, aus jeder Brust): Natur.
Er ist allein und doch nicht allein; er ruft, überwältigt vom Glück, von der Überfülle des Göttlichen [Mangel ist ein Kennzeichen sozialer Verhältnisse, Überfülle und Überfluss die Qualität des Göttlichen], Erde und Sonne, Glück und Lust, vor allem und anhaltend dann die Liebe an (V. 11 ff.). Im zweiten Teil (ab Str. 6) wendet er sich dann an sein Mädchen, das aber gar nicht anwesend ist oder anwesend sein muss, um in diesen Freudentaumel einbezogen zu werden.
Die Strophen sind gleichmäßig gebaut, zweihebige Jamben mit einer nachklingenden Silbe in jedem 1. und 3. Vers, welche eine minimale Pause hervorrufen. Die Verse wirken wie Langverse, da sich jeweils der 2. und 4. Vers einer Strophe reimen. [„Zweig“ in V. 6 muss man wohl frankfurterisch aussprechen: „Zweich“, um einen unsauberen Reim auf „Gesträuch“ zu hören.] Das Ich ruft und singt, freudig überströmend drückt es seine Begeisterung aus. „Es dringen Blüten“, Stimmen, Freud und Wonne überall hervor (V. 5 ff.); das unpersönliche „es“ signalisiert den Prozesscharakter des Geschehens, das gleichermaßen Pfanzen (Blüten), Tiere (Stimmen) und Menschen (Brust) umfasst. Wie das Ich sich oder „es“ so ausdrückt, ist seine Äußerung Teil dieses Hervordringens: So sehr drängt die Lebensfreude aus ihm heraus, dass es kaum im Freudengesang innehält (V. 11-20 sind ein Satz!).
„Mir“ leuchtet die Natur, sagt das Ich; ihm begegnet die göttliche Glanzfülle (herrlich leuchten, glänzen, golden, herrlich segnen – vgl. den goldenen Hintergrund in der gotischen Buchmalerei; griech. dóxa, lat. gloria: „Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie [die Hirten].“ Luk 2,9 – ich verweise ausdrücklich auf die beiden Kommentare Hans Laufenbergs!), und zugleich ist es Teil dieses Segensvorgangs. Man erfasst die Neuartigkeit des hier ausgesprochenen Erlebens, wenn man es mit anderen Maigedichten (wie Otto Knörrich: Lyrische Texte, 1985) oder mit dem Kirchenlied von Philipp Nicolai (1599) vergleicht:
„Wie schön leucht uns der Morgenstern,
voll Gnad‘ und Wahrheit von dem Herrn
uns herrlich aufgegangen.
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,
mein König und mein Bräutigam,
du hältst mein Herz umfangen…“
Nicht mehr der Herr Jesus und sein Gott, sondern die Natur und ihre Lebensfülle und -lust umfangen das Ich als beglückende Fülle: jeder Zweig, tausend Stimmen, jede Brust, Blütendampf, volle Welt (V. 6 ff.). Da ist keine personale Größe, der man danken könnte; das Ich kann nur mit seinem Jubel in den hervordringenden Lebensruf einstimmen: „Wie herrlich leuchtet…“ – Aus diesem Jubel ist das bewegte versübergreifende Sprechen zu verstehen, weil jenes nur so geäußert werden kann.
Danach wird das Mädchen angerufen, ebenso in den mit „Wie…“ beginnenden Freudenrufen, wie die Natur, als Natur. Das Ich erlebt die Liebe des Mädchens, dessen Auge göttlich „blinkt“ (V. 23), und vergleicht seiner Liebe mit der Liebe der Lerche und der der Blumen: Es ist der eine große Liebesdrang, der aus allen hervorbricht, wie und als Freude (vgl. V. 5 ff. die Parallele Pflanzen / Tiere / Menschen). Diese Liebe belebt, macht das Feld frisch (V. 17) und verleiht Jugend (V. 31) und Lust, sich selber in neuen (!) Liedern zu äußern (V. 32 ff.) – als Lied im Mai.
In den beiden Schlussversen wird ein ungewöhnlicher Wunsch ausgesprochen: „Sei ewig glücklich, / Wie du mich liebst.“ Man würde normalerweise erwarten, dass das Glücklichsein als eine Folge des Geliebtwerdens gilt; hier jedoch ist es Folge, vielleicht auch begleitender Umstand des eigenen Liebens: Das „Wie“ in V. 36 bleibt unbestimmt genug und nimmt die vielen „Wie“-Rufe des Ichs auf (V. 1 ff.). Neu ist auch, dass dem Mädchen ein autonomes Lieben zugestanden, ja anempfohlen wird: als Erfüllung seines Lebens, seiner Lebenskraft und -lust. „In der Natur und in der Liebe erfüllt sich das Streben des einzelnen nach individueller Selbstverwirklichung, in ihnen gewinnt er seine Identität mit sich selbst; dies aber deshalb, weil die Naur wie das liebende menschliche Herz von derselben Kraft bewegt werden… So beruht die Autonomie des Subjekts, das sich in dem Gedicht ausdrückt, in seiner Teilhabe an der all-einen Gott-Natur.“ (Otto Knörrich: a.a.O., S. 87 f.)
Knörrich merkt danach an, dass vom Ich hier in der „Natur“ die bürgerliche „Selbstverwirklichung jenseits gesellschaftlicher Zwänge“ erlebt oder gefeiert wird. Die Sehnsucht zumindest nach solcher Liebes-Selbstfindung haben wir von Goethe geerbt – ein Thema, das mit seinen Sehnsüchten und dem implizierten politischen Verzicht zu bedenken wäre. – Vgl. Hiltrud Gnüg: Entstehung und Krise lyrischer Subjektivität, 1983; darin das 2. Kapitel: Lyrische Subjektivität als Ausdruck der Innerlichkeit. Exemplarische Analyse ausgewählter Gedichte des jungen Goethe (S. 50 ff.) Inge Wild (Metzler Goethe Lexikon, 1999, S. 317 f.: Maifest [Mailied]) bemerkt dazu, dass am Ende des Gedichtes Liebesglück und Naturbegeisterung zusammengeführt werden und zu neuen Liedern anregen: „Das Gedicht entwirft damit ein poetisches Programm und protokolliert gleichzeitig mit der Darstellung von Natur, Liebe und der Rolle der Frau als Muse seine eigenen Entstehungsbedingungen.“ (S. 318)
Kleines PS zum Stichwort „leuchten“: In DIE ZEIT vom 26. Januar 2006 steht als Anzeige (S. 67) ein Interview mit einer 40-jährigen Frau, die eine Annonce unter „Kennenlernen“ aufgegeben hat. Auf die Frage, woran ein Mann erkennt, dass sie in ihn verliebt ist, antwortet sie: „Wenn ich von innen zu leuchten anfange, ist es passiert!“ Vgl. auch Gothes Gedicht „Euphrosyne“, V. 9 ff.: „Aber was leuchtet mir dort vom Felsen glänzend herüber…?“ Es ist „kein irdischer Glanz“, sondern die Muse selber.
Mit etwas Abstand betrachtet ist die Struktur des Geschehens im „Maifest“ gleich der im „Ganymed“: Alles strahlt das Ich mit mächtigem Glanz an, worauf dieses liebevoll überströmend antwortet.

Man kann Goethes „Dichtung und Wahrheit“ als dichterisch gestalteten biografischen Kommentar zum Gedicht lesen, und zwar die Passagen, wo Goethe von seiner Begegnung mit Friederike erzählt (Bd. 10 und 11, HA Bd. 9, S. 430 ff.). Speziell die Erzählung, wie er bei den Spaziergängen mit Friederike die Tag- und Jahreszeiten des Elsass erlebt (S. 465, Z. 37 ff.) und wie in ihm dieses Erleben die Lust am Dichten neu erweckt (S. 466, Z. 17 ff.), ist heranzuziehen. In Summa ist Friederike ein Mädchen, das im Freien (statt im Zimmer) zu Geltung kommt (456/5 ff.), das dem Land zugeordnet ist (während Goethe aus der Stadt kommt), das sich deutsch kleidet und sich so von der französischen Mode abhebt. Es wäre zu prüfen, wie weit eine Stilisierung des Erlebens im Licht von Goldsmith‘ Roman The Vicar of Wakefield vorliegt: Familie Brion als eine Wakefieldsche Familie (S. 434, Z. 29; vgl. S. 426 ff.; 434 ff.; 462 ff.).

Man muss wissen, dass „Mailied“ und „Maifest“ Titel des gleichen Gedichtes sind, das bei seiner Veröffentlichung 1775 „Mayfest“ hieß; man muss also im www unter beiden Titeln suchen (+Analyse).
http://odl.vwv.at/deutsch/odlres/res9/Literatur/Lit_Sturm_LitGefuehle.htm (Modul „Sturm und Drang“, gut) http://www.referate10.com/referate/Literatur/9/Vergleichende-Gedichtanalyse—Mailied-Uber-das-Fruhjahr-reon.php
(Vergleichende Gedichtanalyse Goethe – Brecht, brauchbar)

Nachtrag 2009:
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/goethe/goethe_mailied.html http://lyrik.antikoerperchen.de/johann-wolfgang-von-goethe-maifest,textbearbeitung,89.html (Schülerarbeit, kennt viele „Stilmittel“, aber nicht das lyrische Ich)
http://www.reichhold.de/wichern/10g3_ab06/deutsch/mai_int.htm

Illustrationen:
http://www.youtube.com/watch?v=fzjQM0PC8ho (Illustration, verfehlt wie alle derartigen Projekte die sprachlichen Besonderheiten des Gedichts)
http://www.youtube.com/watch?v=JeZb92Xd5PI (ähnliches Produkt)
http://www.youtube.com/watch?v=9UnlMNSosrY (ähnlich)
http://www.youtube.com/watch?v=YlqtUZAFnvg (audio-visuelle Interpretation, dafür völlig textfrei)

Rezitation:
http://www.deutschelyrik.de/start/Autoren/E-G/Goethe/prod/MailiedMaifest.html?xz=0&ci=27 (Fritz Stavenhagen, gut)
http://www.rezitator.de/gdt/280/ (Lutz Görner)
http://www.rezitator.de/gdt/957/ (Lutz Görner – ältere Aufnahme?)
http://www.youtube.com/watch?v=inFYr4eL4Kk (Lutz Görner, mit Musik und Bildern unterlegt)
http://www.youtube.com/watch?v=264Eap_dDa0 (Peter Schreier singt Beethoven)

Zum biografischen Hintergrund von Goethes Liebesgedicht ist lesenswert Dieter Wellershoff: Der verstörte Eros, 2001 (als Taschenbuch 2004), 2. Kapitel.

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