Goethe: (Marienbader) Elegie – Analyse

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) verliebte sich im Jahr 1821 während eines längeren Kuraufenthaltes im mondänen Marienbad in die erst siebzehnjährige Ulrike von Levetzow. Zum letzten Mal in seinem Leben verspürte er „eine große Leidenschaft“. Bei einem Zusammentreffen zwei Jahre später (1823) veranlasste Goethe Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828), in seinem Namen um die Neunzehnjährige zu werben.
Seinen Schmerz über die Abweisung des Heiratsantrags drückte Goethe in seiner „Marienbader Elegie“ aus, mit deren Niederschrift er bereits im September 1823 während der Abreise von Böhmen nach Thüringen begann und von deren Existenz Frau von Levetzow erst nach Goethes Tod erfuhr. Goethe trug in sein Tagebuch am 19. September 1823 ein: „Die Abschrift des Gedichts vollendet.“ Er hatte eine Woche lang mit Unterbrechungen daran gearbeitet (nach http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_von_Levetzow, vgl. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ulrike-von-levetzow/).
So viel sollte man wissen, um den biografischen Hintergrund des Gedichts „Elegie“ von 1823 zu verstehen. Das lyrische Ich mit dem gabeseligen Mund (23. Str.) repräsentiert Goethe; aber das besungene weibliche Du ist nicht Ulrike von Levetzow, sondern allenfalls die von Goethe imaginierte Ulrike. Doch brauchen uns die biografischen Details nicht zu interessieren – man kann sie jedenfalls nicht aus dem Gedicht herauslesen; wir halten uns hier an das Gedicht. Wer sich fürs Biografische interessiert, sollte K. O. Conrady lesen (Gothe. Leben und Werk, Bd. 2, 1985, S. 459 ff.).

Zu erklären ist nicht viel: Paradies und Hölle in V. 3 sind religiöse Metaphern, die oft für Glück und Leiden stehen; hier werden sie im Fortgang des Sprechens wörtlich-bildlich verstanden: Dem Empfang im Paradies (V. 7) entspricht die Vertreibung aus dem Paradies durch den Cherub mit dem Flammenschwert (V. 22, vgl. Gen 3,24). Noch deutlicher ist das Bild der Geliebten als Madonna: „Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.“ (V. 72)
Das Verb „erscheinen“ ist ein religiöser Terminus, die Frau ist (wie) eine Strahlenkranzmadonna (vgl. auch „im reinsten Strahlen“, V. 124), vgl. diese Seite (oder unter: ‚Madonna +Sonne +Kunstgeschichte’ etwa diese Seite). In der letzten Strophe sagt der Ich-Sprecher metaphorisch, dass die Götter ihm „Pandoren“ verliehen, also die Pandora (oder mehrere?): Pandora war als die Schönste von allen Göttern mit dem Besten, was sie zu vergeben hatten, beschenkt worden; doch gab Zeus ihr auch ein Gefäß mit allen Nöten und Qualen für die Menschen mit, um diese für die von Prometheus vermittelte Gabe des Feuers zu strafen – und als die Büchse geöffnet wurde, verbreitete sich Unheil auf der Erde.
Das Gedicht „Elegie“ mit seinen 23 Strophen (eine Art Stanzen, wenn auch nur aus je 6 Versen) ist nicht nur lang, sondern auch verwirrend, wenn man es zum ersten Mal liest: Da ist von zwei Erscheinungen der geliebten Frau die Rede, von zweimaliger Abweisung oder Trennung, außerdem wechseln Präsens und Präteritum, sodass die Situation des Sprechens völlig unklar ist. Beim dritten Lesen erkennt man, dass hinter Str. 18 ein Einschnitt zu machen ist, weil danach die Situation des Sprechens klar wird: „Nun bin ich fern!“ (V. 109), klagt das Ich, und es fragt sich, was „der jetzigen Minute“ ziemt (V. 109 f.) Es bezeugt, dass es von einem unbezwinglichen Sehnen (Sehnsucht) umgetrieben ist (Str. 19) und die Ruhe (Str. 13) verloren hat; es weint und überlässt sich willig den Tränen (V. 114 ff.), an Körper und Geist gebrochen (Str. 20). Er (bzw. sein Geist) kann seine Situation nicht begreifen:
„wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausendmalen.“ (V. 121 f.)
Damit erklärt das Ich, ein Mann, was er die ganze Zeit tut: Er kann sich nicht in den Verlust schicken und ruft sich ihr Bild immer wieder hervor, aber dieses Bild schwankt, und so ist seine Lage trostlos, er ist trostlos (V. 123-126). Wie er damit umgeht, wird in den beiden letzten Strophen deutlich – die bewahren wir uns für den Schluss auf. Jetzt blicken wir darauf zurück, wie das Ich sich ihr Bild ausgemalt hat (Str. 1-18).
Diese 18 Strophen bestehen aus zwei Teilen: In den ersten fünf Strophen wird ein Wiedersehen mit der Geliebten erinnert, und zwar im historischen Präsens: von der Erwartung des Wiedersehens (Str. 1) über die Begegnung (V. 7-20) bis zum Abschied (V. 21-24) und dem Leiden an der Trennung (Str. 5). Wenn man das Wiedersehen (V. 1) und die bange Frage, wie es vonstatten gehen wird, wörtlich nimmt, wird man diese Situation als Beginn der Kur 1823 in Marienbad verstehen können: Er hat sie einmal kennengelernt, liebt sie und weiß nun nicht, was das Wiedersehen ihm bringen wird: Paradies oder Hölle (V. 3) – und überwindet dann freudig in der Phantasie alle Zweifel: „Sie tritt ans Himmelstor“ (V. 5), die heilig-erlösende Madonna. In den beiden nächsten Strophen berichtet der Ich-Sprecher im Präteritum von der beseligenden Begegnung (eingeschoben die personal erzählte Erwartung, dass es so bleiben wird, V. 16); dann berichtet er vom Abschied, vom letzten Kuss (V. 19 f.), wodurch der Abschied der Vertreibung aus dem Paradies gleicht (V. 21 ff.): Der Fuß stockt, das Auge starrt zurück, das Herz ist verschlossen.
„Verschlossen“ ist das entscheidende Wort für seinen Zustand nach der Trennung: Verschlossen ist die Pforte des Paradieses (V. 24), verschlossen ist das eigene Herz (V. 25), als hätte es sich nie geöffnet; verschiedene Gefühle belasten es, „in schwüler Atmosphäre“ (V. 30) – ein ungewöhnliches Attribut, das ein drohendes Gewitter anzeigen mag.
Nun beginnt das Ich nach Auswegen aus dieser Leidenssituation zu suchen (Str. 6-18). Zunächst fragt es sich rhetorisch, ob die Welt nicht in ihrer schönen Fülle da ist wie immer (Str. 6 – anders in Str. 22 und 23), um sich so zu trösten, dass das eigene Leiden eben doch kein Weltuntergang ist.
Kaum hat der Sprecher den Himmel genannt (V. 35 f.), da scheint er eine Gestalt im blauen Äther zu sehen (V. 37 ff. – Bernd Witte meint, da werde aus den Wolken eine Gestalt imaginiert), und er erinnert sich, dass er sie so beim Tanz gesehen hat (V. 41 f.). Dann erkennt er, dass er sich bloß an ein Luftgebilde statt an sie hält, und gibt sich einen Ruck, aus dem seine Hoffnung spricht; er wendet sich ins Innere und öffnet so sein Herz, um wieder frei zu werden (gegen V. 25 ff.):
„Ins Herz zurück! Dort wirst du’s besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten“ (V. 44 f.).
Und dann entfaltet er in einem großen Bild, was sie in seinem Herzen ist (Str. 9-17), um sich dann doch wieder in die Wirklichkeit zu finden: Und die heißt Abschied, Trennung, Abweisung (Str. 18).
Wie sieht das Bild der Lieben aus, „ins treue Herz geschrieben“, gar mit Flammenschrift (V. 53 f.)? Mit Flammenschrift, das heißt unauslöschlich; deswegen war das Ende ja auch so etwas wie die Vertreibung aus dem Paradies (V. 22). Er dagegen ist treu, treu in seinem Herzen. Wie sieht das Bild also aus? Sie empfängt ihn – die bereits erzählte Begegnung wird erneut und erhöht erzählt, vgl. Str. 2-4; sie beglückt ihn; sie läuft ihm nach; sie gibt ihm nach dem letzten Kuss noch „den letztesten“ (V. 52 – d.h. es gibt keinen letzten Kuss): Das ist ihr Bild in seinem Herzen, ein Wunschbild, denke ich als Leser.
Das Stichwort „Herz“, das er sich selbst geliefert hat, dient ihm nun zur dankbaren Beschreibung der heilsamen Wirkung ihrer Liebe: Sein Herz ist frei, kennt kein Bedürfen mehr; sie entfacht Lust zum Schaffen, begeistert ihn (Str. 10 und 11). Und nun wird noch einmal die Situation der Begegnung durchlebt oder imaginiert, mit dem Übergang vom Bangen zur Erfüllung (Str. 12, vgl. Str. 1):
„Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.“ (V. 72)
Gleich in der nächsten Strophe wird explizit gesagt, dass diese „Erscheinung“ quasi eine göttliche Erscheinung ist – der Ich-Sprecher erfährt im Frieden heitrer Liebe den Frieden Gottes (mit Anspielung auf Phil 4,7); Friede, das ist: Ruhe des Herzens, da es ihr gehört und nichts mehr suchen muss (Str. 13 – ich denke an Augustinus: „Unruhig ist unsere Herz …“). Und der Lobpreis der Liebeserfüllung geht weiter und steigert sich noch einmal: Das Ich beschreibt den dauerhaften Wunsch unseres Herzens („Busens“, V. 79), sich vorbehaltlos hinzugeben, „fromm [zu] sein“ (V. 83); auf „solcher seligen Höhe“ ist er in ihrer Gegenwart (V. 83 f.) – mit den Attributen „fromm“ und „selig“ wird die Auslegung der Geliebten als Madonna gerechtfertigt. Diese Hingabe beseitigt folgerichtig alles Bestreben nach Eigennutz und jeden Eigensinn (Str. 15). Diese drei Strophen (13-15) bilden den Höhepunkt des Liebeshymnus, sagt Korff – man sollte sie laut lesen, sage ich.
„Es ist, als wenn sie sagte: …“ (V. 91) – in zwei Strophen wird jetzt die bereits genannte „Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen“ (V. 63) als ihr Auftrag oder als Auftrag und Ausfluss der Liebe selbst entfaltet: Lebe im Augenblick!
„Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.“ (V. 101 f.)
Im Augenblick sind die Erinnerungen des Erlittenen und die Angst vor dem Künftigen überwunden, im Hier und Jetzt ist der Geliebte unüberwindlich und ganz heil, scheint sie zu ihm zu sagen: Bist du es! Sei es also!
Danach setzt die Erinnerung ein, Erinnerung an die Enttäuschung, mit der er auf den „Wink, von dir mich zu entfernen“ (V. 107) reagiert. „Du hast gut reden, dacht ich“ (V. 103). Die aus der Erfüllung stammende Rede der Geliebten wird entlarvt – als was, wird nicht gesagt; halb ironisch wird die Liebesrede als „hohe Weisheit“ vom abgewiesenen Liebhaber abgelehnt:
„Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!“ (V. 108)
Es hilft nichts, ist zu ergänzen, weil die erfüllende Liebe sich entzieht, weil sie dem Ich verweigert wird. Und mit diesem Bericht von dem, was er enttäuscht dachte, leitet er zur Reflexion seiner Situation über, von der bereits oben die Rede war: „Nun bin ich fern!“ Die Erscheinung ist vergangen, das Himmlische hat sich entzogen, das Paradies ist verschlossen – und so auch das Herz (vgl. Str. 4 und 5). Ihr Bild verwischt sich, auch wenn er es sich tausendmal wiederholt; es kommt und geht und bietet als bloß imaginiertes Bild keinen Trost (Str. 21).
Es folgt die verzweifelte Reaktion des Ichs, die nun nicht berichtet, sondern vollzogen wird: Er wendet sich an seine Weggenossen und bittet sie: „Laßt mich allein …“ (V. 128 und V. 127). Und er begründet diese Bitte, indem er sich mit ihnen vergleicht: Euch ist die Welt erschlossen, mit ist das All verloren (V. 129 ff.), „ich bin mir selbst verloren“ (V. 129). Und im Rückblick auf seine eigene Geschichte beklagt er, dass er früher als Dichter (mit gabeseligem Mund, V. 137) der Götter Liebling war, jetzt aber durch sie (also schicksalhaft) von der Geliebten getrennt wird, dass die Götter ihn zugrund richten. Mit dieser Klage endet das Gedicht.

Später ist dieses Gedicht mit zwei anderen von Goethe zur „Trilogie der Leidenschaft“ zusammengestellt worden und hat ein Motto aus „Torquato Tasso“ erhalten:
„Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.“
Dadurch wird dem Gedicht eine Aufgabe zugewiesen, die es aus sich nicht – oder nicht direkt erkennbar – hat; aber davon soll später gesprochen werden.
Über die formalen Aspekte ist kaum gesprochen worden; das würde bei einem Gedicht von 23 Strophen auch sehr weit führen, wenn man ausführlich alles würdigen oder beschreiben wollte. Die Reimform ist a-b-a-b-c-c, es liegt also eine verkürzte Form der Stanze vor – Witte sieht darin einen Rückgriff auf Dante; die gereimten Verse entsprechen einander, wie hier nur an Str. 12 gezeigt werden soll: inneres Bangen / von Schauerbildern umfangen; unwillkommene Schwere / Herzensleere; Hoffnung von der Schwelle / in milder Sonnenhelle. Ich habe mich darum bemüht, nach dem Vorschlag Korffs (und meiner eigenen methodischen Einsicht) vor allem den Aufbau des Gedichts zu entschlüsseln; die einzelnen Strophen sind nicht schwer zu verstehen, aber die verwirrenden Wendungen des verworrenen Sprechers verlangen Konzentration beim Lesen, damit man ihm auf den Wegen und Irrwegen seines Fühlens folgen kann.

http://www.eckermann.weblit.de/gespraech04.htm (Eckermann über die Elegie)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/sternstunden-der-menschheit-6863/7 (Stefan Zweigs Kommentar)

Der alte Goethe in Marienbad, gespielt und von Wissenschaftlern kommentiert (sehenswert!):

http://www.youtube.com/watch?v=U7NMCAL0SyI

http://www.youtube.com/watch?v=cXItlv8O8Qg&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=OppJ1_GQrhY&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=eSPatO-n5UQ&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=CWxteNtzUcE&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=7cGFIaN2llE&feature=related

Zum biografischen Hintergrund von Goethes Liebesgedicht ist lesenswert Dieter Wellershoff: Der verstörte Eros, 2001 (als Taschenbuch 2004), 2. Kapitel.

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