Goethe: Meeresstille, Glückliche Fahrt – Analyse

Wahrscheinlich sind die beiden Gedichte 1795 entstanden; veröffentlicht wurde sie in Schillers Musenalmanach für 1796. Seitdem stehen sie immer zusammen auf einer Seite: als echte Gegenstücke; denn die „Glückliche Fahrt“ ist die Fahrt, die das Schiff nach der „Meeresstille“ gewinnt.
Die Meeresstille ist „tiefe Stille“ (V. 1), Todesstille (V. 6), ohne jede Bewegung des Wassers oder der Luft (V. 2, V. 4 „glatt“, V. 5 zweimal, V. 8): Es fehlt etwas, weil da ein Schiffer ist, also auch ein (Segel)Schiff, das Wind braucht, um sein Ziel zu erreichen.
Die Stille auf dem Meer ist von der Ruhe des Wanderers zu unterscheiden: „Still“ ist „ein Wort, welches eine Abwesenheit sowohl der Bewegung, als des Lautes, des Geräusches bezeichnet“ (Adelung); die Stille ist das zugehörige Abstraktum, „in allen vorigen Bedeutungen“. Ruhe hat zwei Bedeutungen:
„1. In weiterer Bedeutung, der Zustand, da ein Ding sich nicht beweget, seinen Ort nicht verändert, die Abwesenheit der Bewegung. […]
2. In engerer Bedeutung ist es der Stand der Ruhe nach einer vorher gegangenen beschwerlichen Bewegung, besonders so fern sie zur Wiederherstellung der Kräfte dienet.“ Diese Ruhe ist die in „Wandrers Nachtlied“ bzw. in „Ein Gleiches“ gepriesene und ersehnte Ruhe, sie ist der Friede:
„Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust.
Süßer Friede,
Komm ach komm in meine Brust!“
Das Meer, das ruht (V. 2), ruht dagegen in der ersten Bedeutung von „Ruhe“.
Im Gedicht „Meeresstille“ spricht ein Sprecher, der nicht hervortritt; er beschreibt das Meer und den Fischer, wie dieser bekümmert die Lage betrachtet (V. 3 f.). In V. 5 f. wird vermutlich der Gedanke des Schiffers personal wiedergegeben, wofür die beiden Rufzeichen am Ende der Verse sprechen:
„Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!“
Alle anderen Sätze werden dagegen mit einem Punkt abgeschlossen. Der Sprecher spricht in einem Trochäus, vierhebig, im Kreuzreim, mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz; weil in jedem zweiten Vers der letzte Takt nicht vollständig ist, entsteht eine kleine Pause. Außerdem sind an dieser Stelle auch immer die Sätze zu Ende, während nach V. 3 und V. 7 der Satz in den nächsten Vers weitergeführt wird. Es fällt noch eine Alliteration auf (Regung / ruht, V. 2)
Der Schiffer ist auf die Hilfe der Elemente angewiesen, soll er sein Ziel erreichen; er ist ihnen ausgeliefert. Man kann das Geschehen im zweiten Gedicht als zeitliche Fortsetzung der Situation der Meeresstille lesen, auch wenn im ersten nicht von Nebel (vgl. V. 1 f) die Rede war [für die Auflösung von Nebel ist ohnehin die Sonne zuständig, weniger der Wind!]: Es ändert sich alles. Dieser eshafte Charakter des Geschehens wird sprachlich sehr deutlich, sowohl am Pronomen „Es“ wie an den reflexiven Verben:
„Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer. […]
Es teilt sich die Welle.
Es naht sich die Ferne;“ (V. 5 ff.)
Und auch zu Beginn wird die Änderung durch ein intransitives Verb beschrieben: „Die Nebel zerreißen,“ nur der mythische Windgott Äolus tritt als scheinbar aktive „Person“ hervor:
„Und Äolus löset
Das ängstliche Band.“ (V. 3 f.)
Aber jeder weiß, dass Äolos niemand anders als der Wind selbst ist, der „sich“ erhebt – wiederum personifizierend gesprochen, als ob „der Wind“ jemand wäre.
Aiolos (Äolus) ist im griechischen Mythos der Sohn des Hippotas, den Zeus als Herrscher über die Winde einsetzte. Er residierte mit seinen sechs Söhnen und sechs Töchtern auf der schwimmenden Insel Aiolia. Er beherbergte Odysseus einen Monat lang. Zur Heimfahrt gab er Odysseus die Winde in einem Schlauch eingeschlossen mit und ließ die Schiffe vom Westwind nach Ithaka treiben. Kurz vor dem Ziel öffneten die Gefährten des Odysseus aus Misstrauen den Windschlauch, die Schiffe wurden zur Insel des Aiolos zurück verschlagen (http://www.gottwein.de/Cap/Mythologie.php). Damit ist klar, was das Band ist: der Strick, der den Schlauch geschlossen hält; „ängstlich“ mag es heißen, weil das Ergebnis des Lösens den Gefährten des Odysseus Angst bereitete – aber wenn Äolus selber das Band löst, strömen nur gute Winde aus dem Schlauch.
Wieder scheint der Sprecher nicht vorhanden zu sein, bis er sich im letzten Vers als „ich“ zu Wort meldet. Wenn man (wegen der Rufzeichen) bedenkt, dass in V. 7 wieder der Schiffer mit seinen Wünschen oder Gedanken (oder sogar Worten?) zu Wort kommt, könnte man als Ich-Sprecher auch den Schiffer annehmen, ohne dem Text Gewalt anzutun. Metrisch würde auch das unbestimmte „man“ in den Vers 10 passen; aber die Freude einer unbestimmten Größe ist nicht so intensiv wie die der Person „ich“. – Nach einem Auftakt spricht nun der Sprecher in einem Dakylos (zwei Hebungen pro Vers), wobei der zweite Daktylos aber unfertig ist und seine letzte Silbe im nächsten Vers hat; dadurch erreicht der Sprecher einen Fluss seiner Äußerung, auch wenn er nur einmal einen Satz übers Versende hinweg führt (V. 3 f.). In V. 4 und V. 10 endet der Vers jedoch mit einer betonten Silbe – in V. 4  wird so eine kleine Pause eingeschoben, in V. 10 ist einfach das Ende da. Diesem beschwingten Rhythmus entspricht es, dass nur einige Verse sich unregelmäßig reimen: V. 2 / 8; V. 4 / 10; V. 5 / 7. Die beiden verkürzten Verse 4 und 10 ergänzen sich im Reim semantisch: Äolus löset das die Winde hemmende Band / schon seh ich das Land.
Wieso ist das eine glückliche Fahrt? Schauen wir ins Wörterbuch von Adelung [für nicht Eingeweihte: ein Wörterbuch von 1793, das den Sprachgebrauch zur Zeit Goethes dokumentiert: http://www.zeno.org/Kategorien/T/Adelung-1793], finden wir unter „Glück“:
„1. Derjenige Umstand, da uns unser Vorhaben gelinget, d.i. da solches durch eine Verknüpfung von Umständen, die nicht unmittelbar in unserer Gewalt sind, unserm Verlangen gemäß erfolget. […]
2. In weiterer Bedeutung, eine jede Verknüpfung solcher vortheilhaften Umstände, die wir nicht vorher sehen können, wenigstens nicht in unserer Gewalt zu haben glauben, ein günstiger Zufall. […]
3. Besonders, ein Umstand, eine Sache, wodurch unsere Wohlfahrt auf das möglichste, wenigstens in einem sehr hohen Grade, verbessert wird.“
Diese drei Aspekte: Gelingen / uns entzogen (und so „zufällig“) / unser Wohlbefinden fördernd, machen dann aus, dass die jetzt mögliche Fahrt des Schiffers eine glückliche ist. Sein Schiff nimmt Fahrt auf, „es teilt sich die Welle“ (V. 8), paradox formuliert (V. 9): „Es naht sich die Ferne;“ bald ist auch Land in Sicht – die Gefahren der Seefahrt sind bestanden. Und zu den Gefahren gehört es, dass man nicht vorankommt. Aber vor allem: Es geht voran, aufs Ziel zu!
Wenn man über die Gefahr für den Schiffer nachdenkt, fällt den Lesern von Goethes Italienischer Reise die Episode ein, dass er vor Capri in einer Situation der Windstille beinahe in einer gefährlichen Strömung gescheitert wäre. Aber davon ist hier nicht die Rede. Deshalb wird man wohl mit einer langen Tradition die Seefahrt besser als Metapher der Lebensreise nehmen und sie hier so deuten, dass durch glückliche Umstände oder Ereignisse eine Stagnation überwunden werden kann, dass nach der Stille glücklich wieder Fahrt gewonnen wird – für Goethe mag das die Freundschaft mit Schiller ab 1794 gewesen sein, für andere mögen es andere Umstände oder Begegnungen sein: Sie bewirken, dass unser Leben gelingen kann, wobei die Bedingungen des Gelingens nicht in unserer Macht standen, uns schicksalhaft und in dem Sinn zufällig „geschenkt“ wurden.

Vertonung: http://www.youtube.com/watch?v=1SPpqcU5VLQ&feature=PlayList&p=5A7C2453B39BDE35&playnext=1&playnext_from=PL&index=73 (Beethoven)

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