Goethe: Mit einem gemalten Band – Analyse

[Kleine Blumen, Kleine Blätter: früheste Fassung]

Kleine Blumen, Kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute iunge FrühlingsGötter
Tandlent auf ein luftig Band

5 Zephier nimms auf deine Flügel
Schlings um meiner Liebsten Kleid
Und dan tritt sie für den Spiegel
mit zufriedener Munterkeit

Sieht mit Rosen sich umgeben
10 Sie wie eine Rosse iung
– einen Kuß geliebtes Leben
Und ich bin belohnt genung,

Schicksal Seegne diese trieben
Laß mich ihr und laß Sie mein
15 Laß das Leben unsrer Liebe
Doch kein Rossen Leben sein

Mädgen das wie ich Empfindet
Reig mir deine Liebe Hand
Und das Band daß uns verbindet
20 sey kein schwages Rossen Band.

(Um diese erste Fassung zu verstehen, muss man sie „frankfurterisch“ lesen, also „mädchen“, „reich“ und „schwaches“ lesen.)
Bemalte Bänder zu tragen war damals in Mode gekommen; Goethe stellte selbst einige her und sandte sie mit diesem Gedicht nach Sesenheim zu Friederike (Dichtung und Wahrheit, Band 11: HA 9, 466/32 ff.).
Für den Druck 1775 ist das Gedicht auf vier Strophen verkürzt worden (4. und 5. Strophe zu einer gefasst), für die Ausgabe 1789 ist die zweite Fassung noch einmal überarbeitet worden:

Mit einem gemalten Band (1789)

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlings-Götter
Tändelnd auf ein luftig Band.

5 Zephyr, nimm’s auf deine Flügel,
Schling’s um meiner Liebsten Kleid;
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit,

Sieht mit Rosen sich umgeben,
10 Selbst wie eine Rose jung.
Einen Blick, geliebtes Leben,
Und ich bin belohnt genung.

Fühle was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
15 Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosen-Band!

Erläuterung: Zephyr ist im griechischen Mythos Sohn der Eos und des Astaios, der Westwind.

Die Situation des Ich-Sprechers ist die, dass er gerade eines der in Mode gekommenen Bänder herstellt und die von ihm gemalten Blumen als Werke der jungen Frühlingsgötter ausgibt. Er bittet Zephyr, das Band zur Liebsten zu tragen und um sie zu schlingen; er stellt sich dann vor, wie sie mit seinem Band vor den Spiegel tritt und sich betrachtet – und er wünscht, selber einen Blick auf die geschmückte Geliebte tun zu dürfen. So in ihre (künftige) Gegenwart hineingedacht, wendet er sich mit zwei Bitten an sie: sein Empfinden zu fühlen und ihm dann frei die Hand zu reichen. Dazu äußert er den Wunsch, die Liebe möge Bestand haben – ein Versprechen kann man es aber nicht nennen:
„ Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosen-Band!“ (V. 15 f.)
Die Anrede „geliebtes Leben“ (V. 11) gilt nach meinem Verständnis wirklich dem Leben, ist also keine werbende Umschreibung der Freundin.
Das männliche Ich spricht heiter und leicht; die vier Verse jeder Strophe bestehen aus vier Trochäen mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz. Dadurch geht der erste und dritte Vers im Sprechen ohne Pause in den folgenden über, was durch den Kreuzreim und meist durch den Satzbau untermauert wird; denn nach dem 1. bzw. 3. Vers ist nur in V. 5, V. 9 (, V. 11) und V. 13 einigermaßen abgeschlossen. Es ist die Sprache der nicht um Antwort besorgten Liebeswerbung, auch des Liebesgeständnisses: das verbindende Band ist längst um sie geschlungen (V. 15 f.). Die Rosen auf dem Band sind einmal Schmuck (V. 1), dann als Rosen auch Liebessymbol (V. 9), und im Vergleich repräsentiert die Rose dann die Jugend der Geliebten (V. 10) und darin auch ihre Liebe. – Das Motiv der Rose lässt auch an das Heidenröslein denken, welches jung und morgenschön auf der Heide stand.
Das übersandte Band (V. 5 ff.) ist also Schmuck und Liebessymbol, aber es ist eben doch kein Ring, sondern reißt leicht, auch wenn der Wunsch geäußert wird, das möge nicht so sein (V. 16). In der Überarbeitung ist das segnende Schicksal der ersten Fassung (4. Strophe) eliminiert worden; der Sprecher und die Geliebte agieren aus eigenem Fühlen heraus, „frei“ (V. 14).
In der Überarbeitung ist auch der gewünschte „Kuß“ durch einen Blick ersetzt worden – sein Blick entspricht einmal ihrem Blick (V. 9), ist zweitens als Wunsch, die Trennung zu überbrücken, völlig ausreichend: Könnte ich doch dabei sein! Die Munterkeit ist, wie die Überarbeitung richtig zeigt, besser nicht „zufrieden“ – dieses Attribut ist zu bieder, passte eher zu einer Hausfrau als zu einem Blumenmädchen.
Die drei Fassungen kann man in der Freiburger Anthologie nebeneinander sehen: http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=autoren
http://www.br-online.de/wissen-bildung/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/folge_8/ (das Gedicht, in Texte zur Geschichte der Liebeslyrik eingefügt)
Texte der Sesenheimer Lieder – die Daten ihrer Entstehung erraten (um anhand von Gedichten über Liebe zu spekulieren): http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/goethe/gedeck2/

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