Goethe: Nachtgesang – Analyse

Das erstmals im Taschenbuch auf das Jahr 1804 gedruckte Gedicht „Nachtgesang“ ist in hohem Maße überstrukturiert: Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu vier Versen, die einen Kreis bilden: Der gleiche Vers „Schlafe! was willst du mehr?“ macht das Ende jeder Strophe aus; er stammt von einem italienischen Volkslied, „das Goethe vielleicht während seines Italienaufenthalts, sicherlich aber in der kunstvollen Vertonung Johann Friedrich Reichardts kennen gelernt hatte: «Dormi, che vuoi di più?» Die fünfmal vier Zeilen des Gedichts kommen mit nur zwei Reimen aus, die sich allerdings die Freiheit nehmen, sowohl in vollendeter Reinheit zu erklingen als auch ins Unreine hinüber zu modulieren.“ (Jochen Hörisch) Die Reime sind -ühle (-iele) und –eer (-ehr, -ör). Der dritte Vers jeder Strophe bildet den ersten Vers der nächsten Strophe, und der dritte Vers der letzten Strophe gleicht (leicht abgewandelt) dem ersten Vers der 1. Strophe: Der Ring hat sich geschlossen.
Die Situation ist die, dass ein Liebender sich in einem Raum an seine Geliebte wendet, die offensichtlich schläft – so lese ich den Imperativ „Schlafe“: Schlafe ruhig weiter [statt: Schlafe ein!]. Er bittet sie um „ein halb Gehör“ (V. 2), er bekennt und preist seine „ewigen Gefühle“ (2. Und 3. Strophe); vielleicht beklagt er sich, dass er „in diese Kühle“ an ihre Gegenwart gebannt ist und „nur im Traum“, also eigentlich nicht ihre Aufmerksamkeit erhält (5. Strophe). Der Klage würde die Frage in der Refrainzeile entsprechen: „was willst du mehr?“ (V. 4 usw.) – in dem Sinn, dass sie ja genug (wovon?) hat.
Mir fällt auch auf, wie oft am Versanfang die erste Silbe gegen das Metrum betont wird. Eigentlich haben wir einen dreihebigen Jambus mit abwechselnd weiblicher (kleine Pause) und männlicher Kadenz. Durch die Betonung der ersten Silbe in 14 von 20 Fällen (V. 1, 2, 4 usw.), einmal neben der Betonung der 2. Silbe (V. 1), wird die weibliche Kadenz häufig als Beginn eines neuen Jambus gelesen (V. 1, 3, 5, 7 usw.), wodurch dann auch ein echtes Satzende überspielt wird (V. 7, 11, 15, 17). Dieser Rhythmus gibt dem Sprechen einen fließenden Charakter, oder wie Korff sagt: macht die Musik aus.
Der Text ist von hoher Unbestimmtheit – gerade das lobt H. A. Korff als Anzeichen von Goethes Alterslyrik; das Gedicht sei musikalisch zu hören und nicht als Text zu lesen (Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, Bd. 2, S. 37 ff.). Dagegen geht Jochen Hörisch erotischen oder sexuellen Implikationen des Textes nach (http://www.nzz.ch/2001/12/22/li/article7UTQG.html): „Und so gibt es in diesem schlichten Gedicht reizvolle Abgründe und Fragen, die einem den Schlaf rauben können und die geeignet sind, das Textgewebe reissen zu lassen – und eben dadurch eine grossartige Einsicht zu gewähren. Zauberhaft ist Goethes Nachtgesang auf Grund der Spannungen, die er löst. Wer spricht, wer hört, wer spielt, wer träumt, wer gibt, wer nimmt, wer vereint, wer trennt, wer befreit, wer bannt denn da?“ Er sieht die Linien des Spiels von Eros und Tod vorgezeichnet – man kann das in seinem Aufsatz in der NZZ nachlesen.
Ich möchte nur zu einigen Wörtern des Gedichts noch etwas sagen und dann zusammenfassen, was man dazu finden kann: Es ist wohl eine Dame, an die sich der Sprecher wendet; sie liegt auf einem Pfühl; das ist „ein Bett oder Küssen, darauf zu ruhen, wo es ehedem in der weitesten Bedeutung dieser Wörter üblich war. […] Im Hochdeutschen ist der Pfühl das Mittel zwischen dem größern Bette und dem kleinern Küssen, und dasjenige Stück eines Gebettes, welches die Breite eines Kopfküssens hat, aber weit länger ist, und so wohl unter den Kopf, als auch unter die Füße gelegt wird; der Kopfpfühl, Fußpfühl.“ (Adelung) Er versüßt ihren Schlaf durch „Saitenspiel“, also Spiel auf einem Saiteninstrument: Sie gehören der musikalisch gebildeten Klasse an.
Auch die Sprachebene ist deutlich hoch: „der Sterne Heer“ ist eine Wendung, die nur in Gedichten vorkommt. Als ältesten Beleg habe ich ein Gedicht aus dem 17. Jahrhundert gefunden, das Goethe aber nicht gekannt haben muss:
„Unzählig ist der Sterne Heer,
Die Tropfen und der Sand am Meer,
Doch haben sie Maß, Ziel und Zeit
Und gleichen nicht der Ewigkeit.“
(G. A. Harsdörfer: O Sündenmensch, bedenk den Tod, 5. Strophe)
Nach Goethes Gedicht taucht die Wendung dann bei Mörike und Brentano auf, aber auch in späteren Gedichten.
Ebenso sind „die ewigen Gefühle“ als Bezeichnung für die Liebe hoch pathetisch; heute wird die Wendung teilweise ironisch verwendet, ihr Pathos ist einfach zu hoch. Dieses hohe Pathos ist vermutlich auch der Grund dafür, dass Eichendorff 1815 in „Ahnung und Gegenwart“ Goethes Gedicht parodierte:
„Ach, von dem weichen Pfühle
Was treibt dich irr’ umher? …“
(http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Romane/Ahnung+und+Gegenwart/Erstes+Buch/Fünftes+Kapitel)
Der Sterne Heer ist dem irdischen Gewühle entgegengesetzt, was einmal preisend anerkannt (3. Strophe), dann aber vielleicht auch beklagt wird (4. Strophe).
Ich fasse zusammen: Die hohe Sozial- und Sprachebene machen zusammen mit der formalen Überstrukturierung und der semantischen Unbestimmtheit der Beziehung einmal den Reiz des Gedichtes aus, seinen quasi musikalischen Charakter, haben sicher zu seiner Verbreitung beigetragen, laden deshalb auch zur Parodie ein und lassen die Frage zu, wie weit man mit seinen Fragen dem Sprecher hinter die Schliche kommen kann. Dagegen meint Korff abschließend: „Einem solche Gedichte gegenüber muß man eben lernen, seine Neugier nach dessen Sinn gewissermaßen zu zügeln.“ (a.a.O., S. 40)
Fallersleben hat Goethes Gedicht 1840 politisch umgedichtet: „Wo sind noch Würm’ und Drachen…“ (http://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/wosindno.html), und Herwegh hat 1843 daraus sein politisch-kritisches „Wiegenlied“ gemacht (http://www.religionsknoten.de/literatur/h/herwegh/poem/deutschland.html bzw. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/georg-herwegh-wiegenlied-analyse/).
Jochen Hörisch sieht Theodor Storms Gedicht „Hyazinthen“ als Parallele zu Goethes „Nachtgesang“. Manche sehen auch Morgensterns „Fisches Nachtgesang“ als Parodie von Goethes „Nachgesang“ an, aber das leuchtet mir nicht ein (Silbenzahl: reine Phantasie!). Eine echte Parodie ist dagegen Heinrich Heines „Du hast Diamanten und Perlen“ (1826) sowie vorher bereits Eichendorffs „Ach von dem weichen Pfühle“ im 6. Kapitel von „Ahnung und Gegenwart“ (1815).

Über greifbare Vertonungen kann man sich bei youtube informieren.

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